Geschichte & Gegenwart

Religion

Abschied von der Staatsreligion

Egal ob Stadt oder Land: Zürich ist heute tolerant und weltoffen. In der einstigen evangelischen Hochburg haben längst auch andere Religionen Fuss gefasst. Und doch, vor nicht allzu langer Zeit wäre eine multireligiöse Gesellschaft noch undenkbar gewesen. Blättern wir ein paar Jahrhunderte zurück, genauer ins Jahr 1519. Ein junger Pfarrer tritt am Grossmünster in Zürich sein Amt an: Ulrich Zwingli. Europa war zu dieser Zeit in Bewegung: Erst zwei Jahre zuvor hatte der deutsche Reformator Martin Luther seine berühmten 95 Thesen verfasst.

Zwingli begann in Zürich, als Reformator tätig zu werden. Er übersetzte das Neue Testament aus dem Altgriechischen und gab eine «Zürcher Bibel» heraus. In den 1520er-Jahren setzte er sein Werk fort. Doch die Reformation trieb einen Keil durch die damalige politisch verzettelte Schweiz. Und 1531 kam es zum Krieg zwischen Zürich und den Innerschweizer Orten – nachdem die Zürcher die katholischen Ordensleute von ihrem Hoheitsgebiet vertrieben hatten. Zwingli starb in der Schlacht, doch seine Reformation ging weiter. Zürich nahm den reformierten Glauben als Staatsreligion an und sollte während Jahrhunderten ein protestantisch dominiertes Gebilde sein, in dem Kirche und Staat eng verzahnt waren.

Der Zwist zwischen katholischen und reformierten Gebieten sollte die Schweiz noch während Jahrhunderten verfolgen. Doch bei aller teilweise offenen Feindschaft vermochten unterschiedliche Glaubensvorstellungen den wirtschaftlichen und politischen Bund der Eidgenossen nicht zu zerstören. Auch der verheerende religiös-politisch motivierte Dreissigjährige Krieg, der in Mitteleuropa Millionen von Menschenleben forderte, zog fast spurlos an der Schweiz vorbei. Stattdessen kamen immer wieder protestantische Flüchtlinge aus dem Ausland in die Schweiz und liessen sich in Zürich, Genf oder Basel nieder, wo sie mit ihren Kenntnissen und Fertigkeiten für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgten.

Auch Katholiken fanden in den folgenden Jahrhunderten ihren Weg nach Zürich und liessen sich hier nieder. Nach der Reformation hatte zunächst eine etwa 300-jährige Phase begonnen, in der alles Katholische aus dem Kanton verbannt war. Erst 1807 erlaubte ein Beschluss den Katholikinnen und Katholiken, wieder offiziell die Messe zu feiern. 1841 erhielten die Katholiken der Stadt Zürich von der Regierung dann die alte Augustinerkirche, 1874 wurde in der Stadt die erste neue katholische Kirche seit der Reformation gebaut (St. Peter und Paul). In der Folge wuchs die katholische Gemeinschaft. Im 20. Jahrhundert kamen besonders durch die Arbeitsmigration viele Katholikinnen und Katholiken in den Kanton Zürich.

1963 anerkannte der Kanton die römisch-katholische Körperschaft vom Kanton Es handelt sich dabei um eine Körperschaft des öffentlichen Rechts mit eigenen Organen: dem Synodalrat als Exekutive, der Synode als Legislative und der Rekurskommission als Judikative. Das Gesetz verlangt von dieser staatskirchenrechtlichen Institution demokratische Strukturen und finanzielle Transparenz. 2007 hat der Kanton Zürich das neue Kirchengesetz erlassen, das 2010 in Kraft trat. Es brachte die volle Gleichstellung der römisch-katholischen Körperschaft mit der Evangelisch-reformierten Landeskirche.

Neben diesen beiden Kirchen ist im Kanton Zürich auch die Christkatholische Kirche öffentlich-rechtlich-anerkannt. In der Form privatrechtlicher Vereine sind zudem zwei jüdische Gemeinden anerkannt. Ihre Anerkennung erfolgte 2005 im Zuge der Schaffung der neuen Kantonsverfassung.

Zudem pflegen die Zürcher Regierungsmitglieder und auch Politiker in den Gemeinden wertvolle Kontakte zu anderen Religionsgemeinschaften. Staat und Recht stellen sich auf eine religiös vielfältige gesellschaftliche Situation ein.