Weiterbildungen als Basis für wirksames Handeln
Die Arbeit im Justizvollzug ist fachlich und persönlich anspruchsvoll: Die Mitarbeitenden betreuen Menschen in schwierigen Lebenslagen, sorgen für Sicherheit und fördern die Wiedereingliederung. Um diese Aufgaben professionell zu erfüllen, investiert JuWe gezielt in Aus- und Weiterbildungen, insbesondere in jene für die Fachpersonen Justizvollzug.
Investitionen in Aus- und Weiterbildungsangebote lohnen sich
JuWe beschäftigt rund 1400 Mitarbeitende aus beinahe 40 verschiedenen Berufen. Davon sind rund 55 Prozent in Aufsicht/Betreuung, in der Arbeitsagogik oder als Werkmeisterinnen und Werkmeister in den Gefängnissen tätig. Die meisten von ihnen sind Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. Sie begleiten inhaftierte Personen in verschiedenen Haftformen wie der Untersuchungs- und Sicherheitshaft, dem (vorzeitigen) Straf- und Massnahmenvollzug oder der Administrativhaft. Um dieser anspruchsvollen Aufgabe gerecht zu werden, ist eine fundierte Ausbildung entscheidend. Daher investiert JuWe gezielt in qualitativ hochwertige, interne Aus- und Weiterbildungsangebote und schafft als zeitgemässer und attraktiver Arbeitgeber so die Grundlage für wirksames und sicheres Arbeiten im Zürcher Justizvollzug.
Die Vielfalt der Haftformen, die unterschiedlichen Institutionen sowie die gestiegenen Anforderungen an das Berufsbild stellen hohe Ansprüche an die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen im Justizvollzug. In den letzten Jahren haben sich insbesondere das Verhältnis von Betreuung und Sicherheit verändert: die Bedeutung der Beziehungsgestaltung hat zugenommen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist intensiver geworden. 2024 wurde eine JuWe-interne Arbeitsgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern aller involvierten Institutionen gebildet, die das Ziel hat, die Aus- und Weiterbildung für Fachpersonen Justizvollzug auf JuWe-Ebene zu harmonisieren. Damit soll auch in Zukunft für das gesamte Amt eine hohe Ausbildungsqualität sichergestellt werden. Gleichzeitig soll für die Mitarbeitenden in der Aufsicht/Betreuung jederzeit Transparenz darüber bestehen, welche Bildungsangebote zur Verfügung stehen und in welchem Zeitraum sie zu absolvieren sind. Ein harmonisiertes Aus- und Weiterbildungsangebot bietet ausserdem den Vorteil, dass Mitarbeitende nahtlos am bestehenden Ausbildungsfortschritt anknüpfen können, wenn sie innerhalb von JuWe die Institution wechseln.
Alle Mitarbeitenden in der Aufsicht/Betreuung und in den Werkbetrieben absolvieren im Rahmen ihrer Anstellung bei JuWe die eidgenössische Ausbildung zur Fachperson Justizvollzug (FPJV) am Schweizerischen Kompetenzzentrum für Justizvollzug (SKJV). Sie kann frühestens sechs Monate nach Anstellungsbeginn angefangen werden und wird während insgesamt zwei Jahren berufsbegleitend absolviert. Abgeschlossen wird sie mit dem eidgenössischen Fachausweis Fachfrau/Fachmann für Justizvollzug. Zusätzlich zur Ausbildung beim SKJV durchlaufen Fachpersonen Justizvollzug verschiedene JuWe-interne Aus- und Weiterbildungen. Dazu zählen der Basiskurs für neue Mitarbeitende, das Praxistraining im Rahmen des Modellversuchs in der Untersuchungshaft sowie die «Lernreise» des HR-JuWe für bestehende Mitarbeitende. Als Grundlagenausbildung sind die Basiskurse für alle Fachpersonen Justizvollzug innerhalb der ersten 18 Monate nach Anstellungsbeginn obligatorisch zu absolvieren. Die «Lernreise» und das Praxistraining sind Weiterbildungsangebote, die auf den Grundlagenausbildungen für Fachpersonen im Justizvollzug aufbauen und auch zu einem späteren Zeitpunkt während der Anstellung bei JuWe besucht werden können. Dieser Bericht stellt die «Lernreise» und das Praxistraining in den Mittelpunkt und zeigt auf, wie Teilnehmende das vielfältige Aus- und Weiterbildungsangebot von JuWe erleben und nutzen.
Weiterbildungsprojekte: Einblicke und Erfahrungen
Um dem veränderten Betreuungs- und Sicherheitsverständnis Rechnung zu tragen, entstanden in den letzten Jahren zwei wichtige Projekte, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Fachpersonen Justizvollzug im Bereich der professionellen Beziehungsarbeit und Deeskalation zu schulen. Mitarbeitende der Untersuchungsgefängnisse Zürich (UGZ) absolvieren ein einwöchiges Praxistraining im Ausbildungszentrum Meilen. Mitarbeitende der JVA Pöschwies, des Massnahmenzentrums Uitikon (MZU) und der Vollzugseinrichtungen Zürich (VEZ) begeben sich auf die «Lernreise».
Praxistraining
Das Praxistraining im Ausbildungszentrum Meilen unterstützt Mitarbeitende der Untersuchungshaft dabei, die besonderen Herausforderungen ihres Alltags sicher zu bewältigen. Mit praxisnahen Übungen und Rollenspielen lernen sie, Beziehungen bewusst zu gestalten, Stärken inhaftierter Personen zu fördern und in schwierigen Situationen ruhig und deeskalierend zu handeln.
Lernreise
Während der zehnwöchigen «Lernreise» erwerben die Mitarbeitenden aus dem Straf- und Massnahmenvollzug grundlegende Kompetenzen für den Justizvollzug. Sie trainieren diese in praxisnahen Übungen, festigen ihr Verhalten in realitätsnahen Simulationen und entwickeln Sicherheit im Umgang mit herausfordernden Situationen im Gefängnisalltag. Anschliessend wenden sie das Gelernte im Arbeitsalltag an, reflektieren ihre Erfahrungen und entwickeln ihre Fähigkeiten weiter.
Das Praxistraining im Rahmen des Modellversuchs
Seit 2023 führen die Kantone Bern und Zürich gemeinsam den Modellversuch Untersuchungshaft durch, mit dem Ziel, die Untersuchungshaft weiterzuentwickeln und Haftschäden zu verhindern. Mitarbeitende aus den Untersuchungsgefängnissen beider Kantone absolvieren im Rahmen des Modellversuchs ein Praxistraining im Ausbildungszentrum Meilen. Das ehemalige Gefängnis Meilen wird seit Mitte 2024 als Ausbildungs- und Schulungsgefängnis genutzt und bietet eine realitätsnahe Lernumgebung. Die Teilnehmenden werden gezielt in der ressourcenorientierten Betreuung und Beziehungsgestaltung geschult. In einem begleiteten Lernumfeld können sie praktische Erfahrungen sammeln, Situationen reflektieren und ihre Handlungssicherheit im Umgang mit inhaftierten Personen stärken. Theorie und Praxis greifen dabei eng ineinander.
Ein wichtiger Bestandteil des Praxistrainings ist die Schulung in Deeskalation und persönlicher Sicherheit. Die Mitarbeitenden in der Aufsicht/Betreuung lernen, Konfliktsituationen frühzeitig zu erkennen und mit geeigneten Strategien zu entschärfen. Ziel ist es, Spannungen möglichst früh abzufangen, aufzulösen und eine Eskalation zu vermeiden. Gleichzeitig werden im Training auch Handlungsmöglichkeiten für Situationen vermittelt, in denen rasches und sicheres Eingreifen notwendig ist.
Steven arbeitet in der Aufsicht/Betreuung im Untersuchungsgefängnis Zürich West. Er hat das Praxistraining in Meilen kürzlich absolviert und teilt seine Eindrücke:
Was hat dich am Praxistraining persönlich am meisten beeindruckt?
«Mich hat es überrascht, zu sehen, wie stark die eigene Haltung den Umgang mit Menschen in Untersuchungshaft wirklich beeinflusst. Mir wurde klar, dass professionelle Beziehungsgestaltung nicht nur ein theoretisches Konzept ist, sondern im Alltag tatsächlich Wirkung zeigt, gerade in einem Umfeld, das oft von Stress, Unsicherheit und Machtgefällen geprägt ist.»
Gab es im Praxistraining einen Moment, der deinen Blick auf die Untersuchungshaft verändert hat?
«Es war weniger ein einzelner Moment als das Training insgesamt. Besonders eindrücklich waren die realitätsnahen Szenarien und Rollenspiele. Dabei wurde deutlich, wie entscheidend gute, deeskalierende Kommunikation für den Verlauf einer heiklen Situation ist. Der grösste Lerneffekt entstand für mich in der gemeinsamen Reflexion der gefilmten Übungen. Das hat mein Verständnis für Dynamiken in der Untersuchungshaft nachhaltig vertieft.»
Welche Bedeutung hat dieses Training deiner Meinung nach für Mitarbeitende in der Untersuchungs- und Sicherheitshaft?
«Das Praxistraining ist enorm wichtig, weil es die Mitarbeitenden darin stärkt, noch professioneller, reflektierter und menschlicher zu handeln. Es fördert Kommunikation, Haltung und Deeskalation und unterstützt gleichzeitig die eigene psychische Gesundheit im anspruchsvollen Arbeitsalltag.»
«Lernreise» – Ein Angebot des HR JuWe
JuWe entwickelte im Jahr 2021 die «Lernreise» als praxisorientierte Weiterbildung für die Fachpersonen Justizvollzug sowie für die Führungskräfte der JVA Pöschwies, des MZU und der VEZ. Das Angebot wird seit 2023 bis Ende 2026 durchgeführt und danach evaluiert. Im Mittelpunkt der «Lernreise» steht das Konzept der dynamischen Sicherheit. Aus den zwei zentralen gesetzlichen Aufträgen «Wiedereingliederung» und «Sicherheit» ergeben sich oftmals gegensätzliche Handlungsanforderungen. Das Konzept der dynamischen Sicherheit verschränkt diese Ziele, indem sie Sicherheit über die Beziehung zu den Inhaftierten herstellt und damit den Fokus auf die professionelle Beziehungsarbeit legt. Die dafür benötigten Kompetenzen (z.B. Empathie, Auftrittskompetenz und Resilienz) werden in der «Lernreise» über praxisorientierte Seminare und Simulationstrainings trainiert. In der darauffolgenden 10-wöchigen Transferphase, wird das Gelernte im Arbeitsalltag geübt und in einem Reflexionsbericht festgehalten. Das Herzstück der «Lernreise» sind Rollenspiele mit professionellen Schauspielenden, in denen alltägliche Herausforderungen zwischen Inhaftierten und dem Betreuungspersonal im Justizvollzug nachgespielt und im Anschluss reflektiert werden. Dabei erhalten die Teilnehmenden unmittelbares Feedback von Kolleginnen und Fachexperten aus ihren eigenen Reihen.
Suzana, Mitarbeiterin der Werkbetriebe der JVA Pöschwies, berichtet von ihren Erlebnissen aus der «Lernreise»:
Was war für dich persönlich das Wertvollste an der «Lernreise»?
«Am meisten geschätzt habe ich die Simulationstrainings mit professionellen Schauspielenden, die als Inhaftierte agierten. Zudem hat mir der Austausch mit Teilnehmenden aus anderen Institutionen genützt. Die Einblicke in ihren Arbeitsalltag haben meinen Blick erweitert und mir wertvolle Impulse für meine eigene Arbeit gegeben.»
Was davon nutzt du heute konkret in deinem Arbeitsalltag?
«Ich nehme mir bewusster Zeit, Situationen zuerst zu verstehen, bevor ich reagiere. Ich versuche, die Perspektive inhaftierter Personen einzubeziehen, ohne meine Rolle aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig formuliere ich Anweisungen klarer und nachvollziehbarer. Das gibt mir im Umgang mit schwierigen Situationen deutlich mehr Sicherheit. Gleichzeitig hat mich die «Lernreise» darin bestärkt, dass ich in Vielem bereits richtig handle und diese Herangehensweisen bewusst weiterführen kann.»
Was würdest du einer Arbeitskollegin oder einem -kollegen mit auf den Weg geben, der die «Lernreise» noch absolvieren wird?
«Sei offen und nutze die «Lernreise» als Chance zur Weiterentwicklung. Durch Feedback, Simulationen und den Austausch mit anderen kann man das eigene Handeln gezielt reflektieren und weiterentwickeln. Für mich war die «Lernreise» eine wertvolle Weiterbildung, die mich in der professionellen Beziehungsarbeit gestärkt hat.»
Mit ICDL digitale Kompetenzen ausbauen
Im Jahr 2025 hat JuWe die Förderung der digitalen Kompetenzen der Mitarbeitenden weiter ausgebaut. Ausgangspunkt bildete ein Pilotprojekt innerhalb von JuWe zur digitalen Weiterbildung mit dem Zertifizierungsprogramm ECDL (European Certificate of Digital Literacy), das später zur internationalen Vereinheitlichung in ICDL (International Certificate of Digital Literacy) umbenannt wurde. Der Pilot wurde 2024 mit über hundert JuWe-Mitarbeitenden durchgeführt und lieferte wichtige Erkenntnisse für die Einführung des Angebots im Jahr 2025 in ganz JuWe.
Ziel ist es, allen Mitarbeitenden einen niederschwelligen Zugang zu Weiterbildungen in digitalen Anwenderkompetenzen zu ermöglichen. Um unterschiedliche Kompetenzniveaus zu berücksichtigen, gibt es einen Einstufungstest und weiterführende Module für fortgeschrittene Nutzerinnen und Nutzer. Das ICDL-Angebot umfasst verschiedene Lernformen wie E-Learnings, digitale Lernmaterialien und Probetests zur Vorbereitung auf die Zertifikatsprüfungen und die Mitarbeitenden können ihren Lernfortschritt individuell gestalten.
Mit dem ICDL-Angebot stärkt JuWe die Mitarbeitenden im Umgang mit gängigen Computeranwendungen und unterstützt die digitale Transformation im Justizvollzug aktiv. JuWe erweitert damit auch die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten seiner Mitarbeitenden, sowohl fachlich als auch digital, und verankert die Förderung digitaler Kompetenzen in der Weiterbildungslandschaft von JuWe.
Mit den vielfältigen Aus- und Weiterbildungsangebote verfolgt JuWe ein klares Ziel: Mitarbeitende sollen befähigt und gestärkt werden, ihre Aufgaben kompetent, reflektiert und mit einem überzeugten beruflichen Selbstverständnis wahrzunehmen. Gleichzeitig eröffnen die Angebote Chancen, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln. Justizvollzug und Wiedereingliederung sieht sich als eine lernende Organisation, in der Mitarbeitende ihre Fähigkeiten ausbauen, Verantwortung übernehmen und den Justizvollzug aktiv gestalten können.