Neue Organisation der Gesundheitsversorgung im Zürcher Justizvollzug
Mit der neuen Hauptabteilung «Medizinischer Dienst» ist die somatische Grundversorgung im Zürcher Justizvollzug seit dem 1. März 2026 zentral organisiert. Der Jahresbericht blickt zurück und zeigt, welche Voraussetzungen geschaffen werden mussten, damit die neue Hauptabteilung ihren Betrieb aufnehmen konnte.
Dank zentraler Organisation die medizinisch-somatische Versorgung stärken
Bislang organisierte Justizvollzug und Wiedereingliederung (JuWe) die medizinisch-somatische Grundversorgung der inhaftierten Personen dezentral: Jedes Gefängnis stellte die Gesundheitsversorgung eigenständig sicher. Dieses Modell brachte jedoch verschiedene Herausforderungen mit sich. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2025 ein Konzept zur Neuorganisation der somatischen Gesundheitsversorgung erarbeitet. Ergebnis des Projekts ist die Schaffung einer neuen Hauptabteilung, die im März 2026 ihren Betrieb aufgenommen hat.
Mit der neuen Hauptabteilung «Medizinischer Dienst» bündelt das Amt das medizinische Fachpersonal erstmals zentral. Die Gesundheitsdienste der einzelnen Gefängnisse sind in einer gemeinsamen Organisationseinheit zusammengeführt worden – analog zum seit vielen Jahren etablierten Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD).
Diese Zentralisierung bringt drei grosse Neuerungen mit sich: Sie schafft eine eindeutige fachliche Verankerung der somatischen Versorgung innerhalb des Amtes, sorgt für juweweit harmonisierte Qualitätsstandards und stärkt die medizinisch-somatische Versorgung in sämtlichen Gefängnissen und Institutionen von JuWe nachhaltig. Damit wird ein wichtiger Beitrag zu einer professionellen, koordinierten und zukunftsorientierten Gesundheitsversorgung im Justizvollzug geleistet.
Als Delegierte der JuWe-Geschäftsleitung entwickelte Silja Bürgi, ehemalige Direktorin der Vollzugseinrichtungen Zürich und heutige Leiterin der Bewährungs- und Vollzugsdienste Zürich, die neue Hauptabteilung massgeblich mit.
Gemeinsam mit Silja Bürgi blicken wir auf die Konzeptphase des Projekts zurück.
Von der Idee zum Betrieb: Silja Bürgi im Gespräch
Wann hat das Projekt begonnen und warum eigentlich?
«Die Projektidee begleitet JuWe schon seit Längerem, da bereits seit einiger Zeit Überlegungen vorhanden sind, die Gesundheitsversorgung in den Gefängnissen zu überarbeiten. Ausgangspunkt des Projektes ist unsere besondere Amtsstruktur: JuWe umfasst 13 Institutionen an unterschiedlichen Standorten, die jeweils über einen eigenen, selbstorganisierten Gesundheitsdienst verfügten. Diese Dienste sind teilweise sehr klein und bestehen manchmal aus nur zwei Personen, welche die gesamte Verantwortung der täglichen, medizinischen Versorgung aller inhaftierten Personen tragen.»
Wie sieht diese Verantwortung im Arbeitsalltag aus?
«Inhaftierte können sich jederzeit an den Gesundheitsdienst wenden. Dieser übernimmt je nach Bedarf die medizinische Versorgung direkt vor Ort, etwa die Abgabe von Medikamenten, Blutdruckmessungen oder Wundversorgung. Bei komplexeren Situationen wird entschieden, ob eine Ärztin oder ein Arzt oder eine Psychiaterin oder ein Psychiater beigezogen wird. Gleichzeitig müssen alle Leistungen sorgfältig dokumentiert und verrechnet, Patientenakten geführt, Weiterbildungen besucht und rechtliche Vorgaben eingehalten werden. Diese Vielzahl an Aufgaben lag bisher in der Verantwortung von wenigen Personen pro Standort, eine sehr anspruchsvolle Arbeit.»
Der medizinische Dienst:
- gewährleistet die ambulante medizinisch-somatische Grundversorgung einschliesslich ärztlicher, zahnärztlicher und pflegerischer Leistungen.
- stellt sicher, dass alle gesundheitspolizeilichen Vorschriften für die ambulante ärztliche, zahnärztliche und pflegerische Tätigkeit eingehalten werden.
- entwickelt, prüft und setzt medizinische Standards sowie Qualitätssicherungsmassnahmen um.
- koordiniert die interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb von JuWe und mit externen medizinischen Dienstleistern.
Wo lagen die Herausforderungen des bisherigen Systems?
«Die dezentrale Organisation bot den Standorten zwar viel Gestaltungsfreiheit. Gleichzeitig entstanden jedoch in jedem der 13 Einrichtungen unterschiedliche Abläufe und Prozesse, da es keine einheitlichen, standortübergreifenden Standards für alle unsere Gefängnisse gab. Das erschwerte insbesondere die institutionsübergreifende Zusammenarbeit: Bei personellen Engpässen war es nur mit grossem Aufwand möglich, Mitarbeitende flexibel zwischen den Einrichtungen einzusetzen, da sie sich jeweils zuerst mit den spezifischen Abläufen vertraut machen mussten. Das bedeutete für alle Beteiligten eine zusätzliche Belastung.»
Wie ist man die Neuorganisation konkret angegangen?
«Projektstart war im Juni 2024. Eine IST-Analyse lieferte die Basis für das Projekt. Sie zeigte klar, wo Verbesserungsbedarf bestand. Da unser Kerngeschäft der Justizvollzug ist und nicht die Medizin, war klar, dass wir für eine tragfähige Lösung zusätzliche Fachkompetenz benötigen. Deshalb haben wir eine externe Projektleitung mit ausgewiesener Erfahrung im Gesundheitswesen beigezogen. Gemeinsam mit Fachpersonen aus dem JuWe und der externen Projektleitung haben wir verschiedene Modelle geprüft. Dabei kristallisierte sich rasch heraus, dass die bestehenden Herausforderungen mit punktuellen Anpassungen nicht zu meistern sind. Es braucht eine organisatorische Bündelung der Kräfte, klare Strukturen, einheitliche Standards und eine übergeordnete Führung. Der Entscheid fiel deshalb auf eine organisatorische Zentralisierung: Die Gesundheitsdienste werden ab März 2026 neu unter dem Dach einer eigenen Hauptabteilung bei JuWe geführt.»
Worin liegen die Vorteile einer solchen Zentralisierung?
«Die Zentralisierung der somatischen Gesundheitsversorgung ist ein notwendiger Schritt, um den steigenden fachlichen und organisatorischen Anforderungen in der medizinischen Versorgung der inhaftierten Personen gerecht zu werden. Die Mitarbeitenden der Gesundheitsdienste sowie die beteiligten Ärztinnen und Ärzte bewegen sich in einem anspruchsvollen Umfeld: Neben medizinischem Fachwissen sind Kenntnisse des Justizvollzugs erforderlich. Gleichzeitig nehmen die Patientenzahlen aufgrund der schweizweit hohen Auslastung der Gefängnisse zu, und auch die medizinischen Fragestellungen werden komplexer.»
«Vor diesem Hintergrund gewinnt die Sicherstellung einheitlicher Qualitäts- und Fachstandards zunehmend an Bedeutung. Die neue, zentrale Organisation schafft dafür die strukturellen Voraussetzungen. Sie ermöglicht es, die von der Gesundheitsdirektion geforderten einheitlichen Betriebsbewilligungen für alle JuWe-Einrichtungen umzusetzen und überall dieselben hohen medizinischen Standards verbindlich einzuführen. Prozesse können klar definiert und die Qualität systematisch überprüft und weiterentwickelt werden. Zudem profitieren alle Standorte von gebündelter Fachkompetenz, einem strukturierten Wissensaustausch und klaren Führungsstrukturen. Die Zentralisierung stärkt damit nicht nur die Qualität, sondern auch die Professionalität und Zukunftsfähigkeit der medizinischen Versorgung im Zürcher Justizvollzug insgesamt.»
Wie ist die neue Hauptabteilung «Medizinischer Dienst» aufgebaut?
«Nach dem Äquivalenzprinzip haben inhaftierte Personen Anspruch auf denselben Schutz ihrer körperlichen und psychischen Gesundheit, inklusive gleichwertigem Zugang zur medizinischen Grundversorgung wie Menschen in Freiheit. Um diesem Prinzip gerecht zu werden, ist der Medizinische Dienst als kombinierte ambulante ärztliche, zahnärztliche und Spitex-Institution organisiert. Übergeordnet ist die Hauptabteilungsleiterin, die zugleich Mitglied der Geschäftsleitung von JuWe ist. Ihr unterstellt sind die ärztliche Leiterin, die zahnärztliche Leitung und die Spitex-Leiterin. Ergänzt wird die Struktur durch eine pflegerische Leiterin, die der ärztlichen Leiterin zugeordnet ist. JuWe beschäftigt bereits jetzt medizinisches Fachpersonal wie Ärztinnen und Ärzte oder Pflegefachpersonen. Künftig sollen zusätzliche Zahnmedizinerinnen und -mediziner sowie weitere Allgemeinärztinnen und -ärzte und Spitex-Fachkräfte angestellt werden. So wollen wir den Fachkräftebedarf in Zukunft eigenständiger abdecken und in allen Gefängnissen eine umfassende, gleichbleibende medizinische Versorgung nach gesundheitspolizeilichen Anforderungen sicherstellen.»
Drei Fragen an die neue Hauptabteilungsleiterin Denise Ernst
Denise Ernst wurde im Jahr 2025 als Hauptabteilungsleiterin rekrutiert und hat ihre Tätigkeit im März 2026 aufgenommen. Gemeinsam mit ihr richten wir den Blick nach vorn und geben einen Ausblick auf das Jahr 2026.
Sie haben in anderen Organisationen bereits verschiedene Abteilungen von Grund auf mitgestaltet. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?
«Ich sehe mich in der Rolle der Führungsperson als Teamplayerin, die Ziel und Rahmen vorgibt. Mein Ziel ist es, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass das Team performen kann. Ganz bewusst beziehe ich unterschiedliche Perspektiven in Entscheidungen ein. Vielfältige Sichtweisen erhöhen die Qualität der Lösungen und stärken die Akzeptanz im Team. Damit das möglich ist, braucht es Vertrauen und Räume, in denen Mitarbeitende ihre fachlichen Einschätzungen und Bedenken offen einbringen. Gleichzeitig übernehme ich Verantwortung und treffe Entscheidungen. Entscheidend ist für mich die Balance zwischen Orientierung geben und Selbstwirksamkeit ermöglichen.»
Seit Ihrem Start als Hauptabteilungsleiterin im März 2026 konnten Sie sich ein erstes Bild der Gesundheitsdienste in den Gefängnissen machen. Welche Beobachtungen waren besonders relevant?
«Es ist mir wichtig, mir ein Bild davon zu machen, wie die medizinische Versorgung bisher funktioniert, was sich bewährt hat und beibehalten werden soll und wo wir Prozesse anpassen müssen. Besonders wichtig sind mir dabei die Gespräche mit den Mitarbeitenden vor Ort, die den Alltag und die Besonderheiten der einzelnen Einrichtungen am besten kennen.»
Was steht als erstes an?
«Für uns als neues Leitungsteam steht zu Beginn im Vordergrund, die neue Hauptabteilung als Ganzes zu verstehen: die Menschen kennenzulernen, die Abläufe zu erfassen und ein gemeinsames Bild der Organisation zu entwickeln. Parallel dazu bauen wir die grundlegenden Strukturen auf. Wir legen fest, wie wir zusammenarbeiten, welche Gefässe für den Austausch sinnvoll sind und wie wir unsere Kommunikation gestalten. Gleichzeitig geht es auch darum, sich in administrative Prozesse einzuarbeiten und die organisatorischen Grundlagen für die weitere Arbeit zu schaffen.»
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