Modernisierung der Abteilung Normalvollzug in der JVA Pöschwies
Unter dem Projektnamen NV+ wird der geschlossene Normalvollzug der JVA Pöschwies seit 2023 konzeptionell und baulich weiterentwickelt. Auch im Jahr 2025 wurden zahlreiche Veränderungen im Alltag, in der Betreuung und in der Sicherheit erfolgreich umgesetzt. NV+ steht für einen modernen, zukunftsorientierten Strafvollzug.
NV+ im Fokus: Wo stehen wir aktuell?
Bereits im Jahresbericht 2023 berichtete JuWe über das Projekt NV+ der JVA Pöschwies. Während damals Konzepte und Pläne vorlagen, stand die Umsetzung noch aus. Im Verlauf des aktuellen Berichtjahrs wurden die baulichen, konzeptionellen und personellen Veränderungen nun weitestgehend umgesetzt, sodass sich Teile der Abteilung Normalvollzug rund zweieinhalb Jahre nach dem letzten Bericht in neuem Gewand präsentieren.
Die Abteilung Normalvollzug umfasst acht Wohngruppen und bietet Platz für 192 inhaftierte Männer. Neben der wochentäglichen Arbeit, dem Schulunterricht, Freizeitangeboten, Therapien, Terminen beim Sozialdienst oder Besuchen durch Angehörige verbringen die Inhaftierten einen grossen Teil ihres Alltags auf der Wohngruppe. Gerade dieser Abschnitt prägt den Haftalltag besonders stark. Zugleich lässt sich daran erkennen, wie sehr sich der Justizvollzug in den vergangenen Jahren verändert hat. Was vor der Jahrtausendwende noch gang und gäbe war, ist heute längst überholt: Zeit auf der Wohngruppe bedeutete dazumal für die Inhaftierten in der Regel Zelleneinschluss, während die Mitarbeitenden auf einem Stockwerkbüro die Sicherheit über Bildschirme überwachten. Heute hingegen ist der Alltag im Gefängnis darauf ausgerichtet, das Leben in Freiheit so realitätsnah wie möglich abzubilden und die Förderung von Eigenständigkeit, Alltagskompetenzen und sozialem Miteinander stehen im Mittelpunkt. Für die Inhaftierten bedeutet dies mehr Bewegungs- und Gestaltungsspielraum im Alltag sowie eine engere Begleitung durch die Mitarbeitenden. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an das Personal.
Das Projekt NV+ vereint mit seinem modernen Ansatz diese unterschiedlichen Anforderungen, indem es eine sinnvollere und sichere Alltagsgestaltung auf den Wohngruppen sicherstellt und dabei die Bedürfnisse der Inhaftierten ebenso berücksichtigt wie die Anforderungen und Anliegen der Mitarbeitenden – ganz im Sinne des Strafgesetzbuchs:
«Der Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere die Fähigkeit, straffrei zu leben. Der Strafvollzug hat den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen, die Betreuung des Gefangenen zu gewährleisten, schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken und den Schutz der Allgemeinheit, des Vollzugspersonals und der Mitgefangenen angemessen Rechnung zu tragen.» – Art. 75 StGb
Mehr Bewegungsfreiheit durch neue Aussenbereiche
Eine der sichtbarsten Veränderungen im Normalvollzug ist der neue Aussenbereich, der für jede Wohngruppe geschaffen wird. Auf der Rückseite des Normalvollzugsgebäudes werden acht separate, teilüberdachte Spazierhöfe mit Sitzgelegenheiten und einem Tischtennistisch eingerichtet. Sie bieten den Inhaftierten die Möglichkeit, deutlich mehr Zeit an der frischen Luft zu verbringen, sei es für ein Gespräch, eine Runde Pingpong oder einfach zum Entspannen.
Bisher stand der grosse Spazierhof den Inhaftierten lediglich eine Stunde über den Mittag sowie jeweils für eine Arbeitspause am Morgen und am Nachmittag zur Verfügung. Nach Feierabend hielten sie sich ausschliesslich im Inneren ihrer Wohngruppen auf. Mit den neuen Aussenbereichen können sie vermehrt selbst entscheiden, ob sie sich im Innen- oder Aussenbereich aufhalten möchten – natürlich immer innerhalb der durch den Freiheitsentzug vorgegebenen Grenzen. Die neuen Spazierhöfe können derzeit abends eine Stunde genutzt werden, eine Ausweitung ist bereits vorgesehen. Zusätzlich zu den bestehenden Angeboten im Sozialzentrum der JVA Pöschwies (z. B. Modellbaukurs, Koranschule, Fussball oder Fitnessturnen) führen die Mitarbeitenden im Rahmen von NV+ neu auch Abendaktivitäten im grossen Hof durch. So kann jede Wohngruppe alle zwei Wochen aktiv Zeit im Freien verbringen. In den kalten Wintermonaten nutzen die Inhaftierten alternativ einmal im Monat die Turnhalle oder den Kraftraum.
Doch nicht nur im Aussenbereich des Normalvollzugs hat sich etwas verändert, auch innerhalb der Wohngruppen hat sich baulich einiges getan. Der frühere Essraum dient nun als kombinierter Ess- und Aufenthaltsraum, die Küchenzeile wurde modernisiert. Zusätzlich steht den Inhaftierten auf der Wohngruppe die Möglichkeit zur Videotelefonie zur Verfügung. Dieses Angebot können sie zweimal im Monat kostenlos nutzen. Besonders für Personen, deren Angehörige im Ausland leben und daher nicht zu Besuch kommen können, ermöglicht dies, den Kontakt aufrechtzuerhalten.
Auch für das Personal hat sich die räumliche Situation in den Wohngruppen durch NV+ verändert. Aus den früheren Aufenthaltsräumen der Inhaftierten sind neue Gruppenräume für die Mitarbeitenden entstanden. Ein Raum mit zwei zusätzlichen Arbeitsplätzen und ein Sitzungsraum schaffen Platz für Organisation, Austausch und konzentriertes Arbeiten am PC.
Diese Infrastruktur ist eine wichtige Voraussetzung für das Konzept NV+. Denn eine engere Betreuung der Inhaftierten verlangt ein vertieftes Verständnis der einzelnen Fälle: Wer ist die Person, die vor einem steht? Welches Delikt wurde begangen, welche persönlichen Belastungen gibt es? Hat jemand soziale Kontakte? Gibt es eine Suchterkrankung oder psychische Störung? Neben den täglichen Betreuungs- und Sicherheitsaufgaben gehört deshalb auch immer mehr Austausch und Dokumentation zum Arbeitsalltag. In Teamsitzungen und Fallintervisionen besprechen Mitarbeitende gemeinsam mit Fachpersonen aus der Sozialarbeit, der Psychotherapie oder den Werkbetrieben einzelne Fälle. Ziel ist es, ein möglichst umfassendes Bild zu gewinnen und die Inhaftierten während ihrer Zeit im Vollzug verantwortungsvoll zu begleiten und auf die Wiedereingliederung vorzubereiten.
Zusammenarbeit stärken, Betreuung intensivieren
Ein positives Gefängnisklima entsteht aber nicht allein durch die verstärkte Ausrichtung des Justizvollzugs auf die individuellen Bedürfnisse der Inhaftierten. Ebenso wichtig sind gute Arbeitsbedingungen und ein ernst genommenes Sicherheitsbedürfnis des Personals. Nur wenn beide Seiten – die der Inhaftierten und die der Mitarbeitenden – berücksichtigt werden, entsteht ein Umfeld, das Stabilität schafft und eine erfolgreiche Wiedereingliederung unterstützt.
Die Mitarbeitenden tragen massgeblich zur Stabilität und Funktionsfähigkeit des Vollzugsalltags bei. In der täglichen Arbeit mit den inhaftierten Personen sowie in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen gestalten sie die Abläufe, die Kommunikation und das soziale Miteinander innerhalb des Gefängnisses. Ihre Professionalität, ihre Erfahrung und ihre Belastbarkeit sind zentrale Voraussetzungen für ein respektvolles und sicheres Arbeitsumfeld.
Im Rahmen des Projekts NV+ wurde deshalb auch die Führungsstruktur der Abteilung Normalvollzug neu ausgerichtet. Gruppenleitende unterstützen die Abteilungsleitung im Tagesgeschäft und sorgen für bessere Betreuung und eine gezielte Weiterentwicklung der Mitarbeitenden. Gleichzeitig sind mehr Personen darauf vorbereitet, in Ausnahmesituationen Führungsverantwortung zu übernehmen. Künftig soll es ausserdem möglich sein, einzelne Inhaftierte in besonderen Situationen enger zu betreuen. Dafür kann ihnen bei Bedarf eine Bezugsperson zur Seite gestellt werden, die sie im Alltag enger begleiten kann.
Mit der intensiveren Betreuung ging auch ein personeller Ausbau einher. Die Dienstpläne wurden so angepasst, dass auf einer Wohngruppe mit 24 Inhaftierten immer mindestens zwei Mitarbeitende anwesend sind. Dadurch entstehen nicht nur mehr Sicherheit und gegenseitige Unterstützung im Team, sondern auch neue Möglichkeiten in der Personalplanung. Neu sind beispielsweise Teilzeitmodelle möglich und auch weibliche Mitarbeitende können erstmalig auf den Abteilungen eingesetzt werden.
Gerade im Justizvollzug ist ein gemischtes Team von grosser Bedeutung. Unterschiedliche Perspektiven und Zugänge können im Umgang mit Inhaftierten deeskalierend wirken und neue Gesprächswege eröffnen. Gleichzeitig erleben die Inhaftierten einen Alltag, der dem gesellschaftlichen Miteinander ausserhalb der Gefängnismauern näherkommt.
Mit dem Projekt NV+ wird der Normalvollzug in der JVA Pöschwies schrittweise modernisiert – ein spürbarer Mehrwert für Mitarbeitende wie auch für die Inhaftierten: ein echtes Plus für alle.