Mehrfachdiskriminierung
Dieses Tool lädt dazu ein, Mehrfachdiskriminierung an der Schnittstelle von Geschlecht und Behinderung in verschiedenen Lebensbereichen zu reflektieren. Es bietet für Fachpersonen Impulse zu Themen wie beispielsweise Politik, Sport, Kultur, Berufswahl, Erwerbsleben, Gewaltprävention.
Kontext
Mit Beschluss des Regierungsrates vom 6. Juli 2022 wurde für die Umsetzung der UNO-Behindertenrechtskonvention im Kanton Zürich ein Aktionsplan mit 26 Massnahmen verabschiedet. Im Rahmen dieses Aktionsplans wurde die Fachstelle Gleichstellung als federführende Stelle für die Massnahme A5 bestimmt, die den Fokus auf Frauen und Mädchen mit Behinderungen legt.
Dieses Tool ist Teil der Umsetzung dieser Massnahme. Es versteht sich als sensibilisierendes und praxisorientiertes Instrument, das Gleichstellung als Querschnittsaufgabe aufgreift und konkret anwendbar macht. Die Inhalte wurden partizipativ erarbeitet, unter Einbezug von Expertinnen und Experten.
Gleichzeitig ist das Tool dynamisch angelegt und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es darf und soll laufend ergänzt werden: Feedback, neue Good Practices und neue Erkenntnisse sind daher ausdrücklich willkommen.
Darum geht es
Menschen erleben Diskriminierung oft nicht nur aufgrund eines einzelnen Merkmals. Geschlecht, Behinderung, Sexualität, Herkunft und weitere Merkmale können zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken. Dieses Zusammenspiel wird als Mehrfachdiskriminierung bezeichnet.
Auf dieser Seite wird die Schnittstelle Geschlecht und Behinderung in den Blick genommen. Wenn Geschlecht und Behinderung zusammenwirken, entstehen eigene Formen von Diskriminierung, die sich nicht auf isolierte Einzelursachen zurückführen lassen. So können beispielsweise Frauen mit Behinderungen mehrfach benachteiligt sein, da sowohl geschlechtsspezifische als auch behinderungsbezogene Faktoren gleichzeitig wirken. So entstehen Herausforderungen, die in vielen Bereichen noch zu wenig berücksichtigt werden – zum Beispiel in politischen Massnahmen, in Institutionen oder im Arbeitsalltag.
Zudem fehlen häufig Daten, die diese Überschneidungen sichtbar machen. Somit bleiben spezifische Lebensrealitäten oft unsichtbar.
Dieses Tool unterstützt Fachpersonen dabei, Mehrfachdiskriminierung im eigenen Fachbereich zu erkennen und zu adressieren. Es wird aufgezeigt, wo Herausforderungen entstehen können und wie Massnahmen geschlechtersensibel und inklusiv gestaltet werden können.
Dazu bietet das Tool folgende Inhalte:
- Themenbereiche, die typische Herausforderung in unterschiedlichen Lebensbereichen sichtbar machen
- Good Practices, die veranschaulichen, wie Massnahmen im Bereich der Behindertenrechte geschlechtssensibel gestaltet werden können
- Check-Fragen, die bei der Umsetzung von weiteren Handlungsschritten im jeweiligen Arbeitskontext unterstützen
Dieses Tool ist als Orientierung gedacht. Er soll dabei unterstützen, ein Gespür für Mehrfachdiskriminierung zu entwickeln und Querschnittsaufgaben in unterschiedlichen Fachgebieten umzusetzen.
Orientierungshilfe
Verwenden Sie die Akkordeon-Bedienelemente, um die Sichtbarkeit der jeweiligen Panels (unterhalb der Bedienelemente) umzuschalten.
Unterschiedliche Diskriminierungsachsen – hier Geschlecht und Behinderung – können sich überschneiden und Benachteiligungen verstärken. Dieses Phänomen wird als Mehrfachdiskriminierung bezeichnet und kann sich, wie in den Themenbereichen sichtbar wird, auf unterschiedliche Weise zeigen.
Das Kapitel «Mehrfachdiskriminierung» unter den Begriffsdefinitionen beinhaltet noch ausführlicher Informationen dazu.
Mehrfachdiskriminierung kann in unterschiedlichen Bereichen auftreten. Wir zeigen mit fünf Themenbereichen jeweils exemplarisch auf, welche Herausforderungen eine Rolle spielen können. Diese Ausführungen sind nicht abschliessend, sondern sollen Fachperson oder interessierte Person, dazu anregen potenzielle Diskriminierungen zu reflektieren und zu erkennen.
Am Schluss jedes Themenbereichs werden zur Inspiration jeweils Good-Practice-Beispiele vorgestellt, die veranschaulichen, wie Massnahmen im Bereich Behindertenrechte geschlechtssensibel gestaltet werden können.
Das Herzstück des Tools sind die Check-Fragen, auf welche am Ende jeder Themenseite verwiesen wird.
Die Check-Fragen dienen als Impulse, um Herausforderungen in verschiedenen Themenbereichen zu reflektieren. Sie liefern keine fertigen Lösungen, sondern unterstützen dabei, bestehende Strukturen und Vorgehensweisen systematisch zu hinterfragen und Handlungsmöglichkeiten in Hinblick auf Gleichstellung und Inklusion zu erkennen.
Geschlecht und Behinderung sind Querschnittsthemen. Darum ist es wichtig, sie systematisch in Planung und Umsetzung einzubeziehen. Die Fragen helfen, ein Bewusstsein für mögliche Mehrfachdiskriminierung in unterschiedlichen Fachbereichen zu entwickeln.
Begriffsdefinitionen
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Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention bezeichnet eine Behinderung eine voraussichtlich langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigung. In Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren kann sie Menschen mit Behinderungen an der vollen und gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe hindern. Dazu gehört beispielsweise eine Ausbildung zu absolvieren oder einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.
Behinderungen sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Unsere Vorstellung von Behinderung wird oft von sichtbaren Formen geprägt, wie Mobilitäts- oder Sehbehinderungen. Tatsächlich sind nur etwa 10 % der Behinderungen sichtbar.
Viele Menschen leben mit sogenannten nicht sichtbaren Behinderungen, zum Beispiel:
- chronische Erkrankungen (z. B. LongCOVID)
- psychische oder seelische Erkrankungen
- Hörbehinderungen
Diese können für das Umfeld weniger sichtbar sein, stellen für betroffene Personen aber oft eine grosse Belastung dar.
Wichtiger Hinweis
Die Datenlage zur Situation von Menschen mit Behinderungen ist insgesamt sehr begrenzt. Noch seltener sind Daten, die nach Geschlecht differenziert erhoben wurden. Darum wird hier teilweise auf Studien und Daten aus anderen Ländern (z. B. Deutschland) zurückgegriffen.
Eine weitere Schwierigkeit: in vorhandenen Studien wird nicht immer dieselbe Definition von Behinderung verwendet. Dadurch sind die Ergebnisse nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.
Ableismus ist eine Form der Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderungen, welche sich in Vorurteilen, Abwertungen und stereotypen Zuschreibungen manifestiert. Ableismus kann bewusst (z.B. durch Beleidigungen) oder unbewusst (z.B. durch Vorurteile) passieren.
Die Folgen von Ableismus zeigen sich unter anderem in sozialer Ausgrenzung, eingeschränkter Teilhabe und Benachteiligungen in diversen Lebensbereichen.
In der Schweiz leben rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Behinderung, davon sind etwa 43% Männer und 57 % Frauen.
Internationale Studien zeigen, dass Männer mit Behinderungen im Vergleich zu Männern ohne Behinderungen signifikant häufiger von Gewalt betroffen sind. Aus der Forschung ist zudem bekannt, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen ein erhöhtes Risiko für geschlechtsspezifische Gewalt haben — sowohl im Vergleich zu Frauen ohne Behinderungen als auch im Vergleich zu Männern mit Behinderungen. Dies liegt daran, dass sie sowohl aufgrund ihres Geschlechts als auch wegen ihrer Behinderung in verschiedenen Lebensbereichen Diskriminierung erfahren können.
Mehrfachdiskriminierung bedeutet also, dass eine Person nicht nur aufgrund eines Merkmals, sondern aufgrund mehrerer gleichzeitig benachteiligt wird. Somit überschneiden sich unterschiedliche Diskriminierungsformen und wirken dadurch verstärkt.
Mehrfachdiskriminierung zeigt sich in verschiedenen Lebensbereichen: beim Zugang zu Bildung und Arbeit, im Gesundheitswesen (einschliesslich sexueller und reproduktiver Gesundheit), im sozialen Leben sowie bei der politischen Teilhabe und der Möglichkeit, selbstbestimmt zu leben.
Obwohl dies seit Jahren bekannt ist, wird es oft unzureichend berücksichtigt: Datengrundlagen über das öffentliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben berücksichtigen nach wie vor selten Geschlechterunterschiede im Bereich Behinderung. Geschlechtsspezifischen Erfahrungen und Bedürfnisse werden oft übersehen, was zu einem unvollständigen Verständnis von Lebensrealitäten führt. Stattdessen werden Menschen mit Behinderung häufig als Menschen wahrgenommen, bei welchen das Geschlecht keine Rolle spielt. Auch umgekehrt ist dies der Fall: Daten, welche nach Geschlechtern differenziert erhoben werden, unterscheiden oft nicht nach Menschen mit oder ohne Behinderungen. Daten zu Männer mit Behinderungen fehlen besonders stark.
Das bedeutet: Wenn Gleichstellung wirksam gefördert werden soll, ist es entscheidend, diese Überschneidungen mitzudenken. Nur so lassen sich Massnahmen entwickeln, die den tatsächlichen Bedürfnissen gerecht werden und bestehende Ungleichheiten abbauen. Dieser Praxisleitfaden unterstützt dabei, Mehrfachdiskriminierung besser zu erkennen und zu berücksichtigen.
Der Ansatz des Mainstreaming bedeutet, dass bestimmte Perspektiven systematisch in alle Prozesse einbezogen werden.
- Gender Mainstreaming berücksichtigt Geschlecht
- Disability Mainstreaming berücksichtigt Behinderung
Multiple Mainstreaming verbindet diese Ansätze. Das heisst, es werden mehrere Faktoren gleichzeitig mitgedacht, um Mehrfachdiskriminierung zu erkennen und zu vermeiden. Geschlechtergleichstellung als auch Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen werden somit als Querschnittsaufgaben verstanden.
Sprache
Es gibt verschiedene Arten, wie über Menschen mit Behinderungen gesprochen werden kann. Hier wird nach Beratung einer Expertinnenorganisation die sogenannte «People-First-Sprache» verwendet, bei der zuerst die Person und dann die Behinderung genannt wird (z. B. Menschen mit Behinderungen), um zu betonen, dass die Behinderung nur ein Teil der Person ist.
Es existiert jedoch auch die sogenannte «Identity-First-Sprache», bei der die Behinderung an erster Stelle steht (z. B. gehörlose Person), da manche Menschen ihre Behinderung als zentralen Teil ihrer Identität sehen.
Check-Fragen
Die folgenden Check-Fragen dienen als Impulse und Anregungen. Sie bieten eine Ausgangslage, um die Herausforderungen bestimmter Themenbereiche zu reflektieren. Sie liefern keine fertigen Lösungen, sondern laden dazu ein, bestehende Strukturen und Vorgehensweisen zu reflektieren und über Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf Gleichstellung und Inklusion nachzudenken.
Sensibilisierung und Analyse:
Ein grundlegendes Verständnis für geschlechtsspezifische Herausforderungen und Mehrfachdiskriminierung entwickeln.
--> Wie überschneiden sich Geschlecht und Behinderung in meiner Arbeit/meinem Fachbereich?
- Zum Beispiel: Welche Rolle spielen Normen, Geschlechterstereotypen und Rollenbilder in meinem Fachbereich?
- Zum Beispiel: Gibt es in meinem Fachbereich Informationen zur geschlechtsspezifischen Situation von Menschen mit Behinderungen oder welche Entwicklungen können antizipiert werden?
Organisation & Institutionalisierung:
Geschlechtssensible Prinzipien in organisatorische Strukturen, Richtlinien und Prozesse integrieren, um nachhaltige Verankerung zu gewährleisten.
--> Wie kann die Verschränkung von Geschlecht und Behinderung besser sichtbar gemacht werden, damit Angebote und Massnahmen alle Betroffenen berücksichtigen?
- Zum Beispiel: Werden in Prozessen Geschlecht und Behinderung als Querschnittsthemen mitgedacht? Ernennen wir eine themenverantwortliche Person, die sensibilisiert ist und diese Perspektiven einbringt?
Partizipation & Zusammenarbeit:
Den aktiven Austausch mit Selbstvertretenden, Fachorganisationen und Menschen mit Expertise fördern, um geschlechts- und behinderungsspezifische Perspektiven direkt in die Massnahmenentwicklung einfliessen zu lassen.
--> Wie können Menschen mit Behinderungen aktiv einbezogen werden?
- Zum Beispiel: Wie ist sichergestellt, dass Angebote bedarfsgerecht gestaltet werden?
Umsetzung:
Geschlechts- und behinderungsreflektierte Massnahmen, Programme und Projekte gestalten
--> Welche geschlechts- und behinderungsspezifischen Bedarfe gibt es in meinem Bereich?
- Zum Beispiel: wie betreffen Massnahmen Menschen unterschiedlicher Geschlechter und Behinderungsarten unterschiedlich?
Evaluation:
Die Wirkung der Massnahmen geschlechts- und behinderungssensibel überprüfen, bewerten und Anpassungen vornehmen, um eine kontinuierliche Verbesserung zu ermöglichen. Die Massnahmen sollen idealerweise dann von Selbstvertretenden bewertet werden.
--> Werden geschlechts- und behinderungsspezifische Indikatoren zur Erfolgskontrolle der Massnahme verwendet?
- Zum Beispiel: Sehe ich, dass meine Massnahme sich unterschiedlichen auf Männer und Frauen mit Behinderung auswirkt?
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