1976 gründete eine engagierte Gruppe von Personen den «Verein der Freunde des Staatsarchivs», den heutigen Freundeskreis. Zum 50 jährigen Bestehen präsentieren Vereinsmitglieder und Mitarbeitende des Staatsarchivs ihre persönliche Lieblingsquelle aus dem Archiv.
Ein Jubiläum im Zeichen der Quellen
Die Geschichte ist voller Antworten auf Fragen, die sich heute oder in Zukunft stellen. Archive sind der Speicher für diese Erfahrungen von vielen Generationen. Das ist ein wichtiger Beitrag zur demokratischen Kultur, zur Forschung und zur kollektiven Erinnerung. Damit dieses Wissen zugänglich bleibt, braucht es eine verlässliche Infrastruktur – etwas, das in Zürich nicht immer selbstverständlich war.
Am 7. Dezember 1975 lehnte das Zürcher Stimmvolk den geplanten Neubau des Staatsarchivs mit 64 % Nein‑Stimmen ab. Der Standort nahe Schauspielhaus und Kunsthaus (Zeltweg/Wettigerwies/Promenadenstrasse) fand keine Mehrheit (vgl. das Abstimmungsresultat).
Eine Gruppe von Personen wollte nicht aufgeben und gründete wenige Monate später, am 28. Juni 1976, den Verein der Freunde des Staatsarchivs, den heutigen Freundeskreis. Sie setzte sich für eine zeitgemässe Archivierung der Kantonsgeschichte ein und unterstützte die Suche nach einem neuen Standort. Schliesslich konnte 1982 der erste Archivzweckbau auf dem Areal der Universität Zürich-Irchel bezogen werden; unterdessen stehen dort drei Gebäude, die das Staatsarchiv beherbergen.
Der Freundeskreis setzt sich seit fünf Jahrzehnten für den Austausch zwischen dem Archiv und der Öffentlichkeit ein. Jährlich wird an der Mitgliederversammlung in einem Fachreferat ein für Zürich relevantes Thema aus der Geschichte beleuchtet. Einmal im Jahr reisen wir gemeinsam zu einem geschichtlich bedeutenden Platz im Kanton. Und alle Mitglieder erhalten kostenlos das Zürcher Taschenbuch: Ein Sammelband, der vielfältige Einblicke in die Vergangenheit des Kantons bietet.
Jubiläum 2026: Lieblingsquellen aus dem Staatsarchiv
Zum 50‑jährigen Bestehen präsentieren Vereinsmitglieder und Mitarbeitende des Staatsarchivs ihre persönliche Lieblingsquelle aus dem Archiv. Ausgewählte Dokumente, Bilder und Objekte kommen ans Licht und zeigen die Vielfalt des Archivguts und die vielen Wege, wie Geschichte rekonstruiert werden kann.
Die Beiträge erscheinen im Jubiläumsjahr fortlaufend auf LinkedIn sowie hier auf unserer Webseite. Wir laden Sie herzlich ein, mit uns einzutauchen und die Zürcher Geschichte aus neuen Perspektiven zu entdecken. Ende Jahr finden Sie hier alle Lieblingsquellen in einem Dokument zusammengefügt, das Sie herunterladen können.
Erleben Sie Zürcher Geschichte und entdecken Sie, was sie alles birgt, indem Sie Mitglied werden.
Die Lieblingsquellen im Einzelnen
Verwenden Sie die Akkordeon-Bedienelemente, um die Sichtbarkeit der jeweiligen Panels (unterhalb der Bedienelemente) umzuschalten.
Mit dem reich illustrierten Blatt inszenierte Johannes Krauer seine Verlobung mit Verena Kleiner. Die Brautleute sind darin ganz oben als Figuren dargestellt und mit ihren Namen versehen. Im Haupttext in der Mitte richtete sich Krauer an seine Liebste in religiösen Wendungen, gefasst in holprige Reime. Für ihre Zukunft erbat er von Gott ein christliches Leben in festem Glauben und Segen, Heil und Glück. Er pries seine unverbrüchliche Liebe und Treue gegenüber der Liebsten, der er ein gesundes, langes Leben wünschte.
Der Text ist von einem vielfarbig gestalteten Rahmen eingefasst, der aus diversen Zierelementen und Herzen und Kartuschen mit kurzen Sprüchen besteht. Das zentral platzierte Herz enthält Krauers Beteuerung, die für den Leser wegen übertriebener Diphthongierung erst auf den zweiten Blick lesbar ist: «Meit meinnen Feingern Thun ich schreiben daß ich Deir Weill Ewig Treü ver Bleiben.»
Warum gelangte ein solch aussergewöhnliches Blatt in die Bestände des Staatsarchivs? Das hatte mit der Lebensrealität der Brautleute zu tun, die in scharfem Kontrast und teils auch im Widerspruch stand zur heilen Welt, die das Blatt vorgaukelte.
Gegen die geplante Heirat von Johannes Krauer von Uetzikon und Verena Kleiner von Wädenswil legte der Stillstand Hombrechtikon in Anwendung des Matrimonialgesetzes nämlich Einspruch ein, und das Ehegericht in Zürich untersagte am 22. Dezember 1812 die Trauung des Paares «wegen dem heillosen, liederlichen, verschwänderischen, noch mit Diebereyen befleckten Lebenswandel des Krauers», durch den er seine Ökonomie gänzlich ruiniert hatte und ein Fallit geworden war. Zweieinhalb Monate zuvor hatte ihm Elisabeth Leimgruber von Fischenthal einen Sohn geboren. Damals war Krauer – im Alter von 25 Jahren – «ein noch nicht confirmierter Bursche»! Er hatte Verena Kleiner 1811 die Ehe versprochen und sie war hochschwanger. Das Gericht anerkannte ihn als Vater des ungeborenen Kindes und sprach es ihm bezüglich Geschlechtsnamen und Bürgerort als ehelich und erblich zu. Der ledige Johannes Krauer wurde also innert drei Monaten Vater von zwei Kindern und musste für deren Unterhalt sorgen.
Die meisten obigen Angaben gehen aus den Protokollen des Ehegerichts hervor, während die zugehörigen Akten kassiert wurden. Offensichtlich entging Krauers Ehepfand als aussergewöhnlich gestaltetes Blatt der Vernichtung. Es wurde im Staatsarchiv lange unverzeichnet unter den «Curiosa» aufbewahrt. Es ist fraglich, ob Krauer selber in der Lage war, das Blatt zu gestalten.
Johannes Krauer (1787-1831) gründete im Jahr 1815 mit Anna von Tobel (1788-1837) eine Familie, wobei er mit der Trauung drei Monate zuwarten musste, bis das Ehegericht eine von Verena Kleiner gegen ihn gerichtete Paternitätsklage abgewiesen hatte. Verena Kleiner (1786-1840) blieb ledig und starb in Wädenswil im Armenhaus.
StAZH GS 633.2
Im November 1815 schickten Johann Jakob Egg von Ellikon an der Thur und Heinrich Bär von Hütten eine Liste nach Zürich, in der sie alle in ihrer Baumwollmanufaktur beschäftigten Arbeitskräfte aufführten. Schnell fällt auf, dass es sich bei den 56 Frauen, Männern und Kindern um Familien handelte, die mehrheitlich aus Wädenswil und Richterswil stammten. Daneben zählten die Fabrikanten weitere 18 Personen auf, die im laufenden Jahr die Egg’sche Manufaktur verlassen hatten. Aufgrund der Herkunft der Arbeiterinnen und Arbeiter würde man annehmen, dass die Fabrik am rechten Zürichseeufer stand. Weit gefehlt. Die Baumwollspinnerei und Handweberei von Egg und Bär lag in Italien – im kleinen Dorf Piedimonte d’Alife nördlich von Neapel.
Meine Lieblingsquelle ist optisch kein Hingucker und auch inhaltlich nicht spektakulär. Sie fasziniert mich, weil sie ein Fenster auf eine wenig bekannte Arbeits- und Migrationsgeschichte öffnet. Im frühen 19. Jahrhundert kam es in der Ostschweiz wegen der Kontinentalsperre zu einer schweren Wirtschaftskrise, in der viele Fabrikarbeiterfamilien die Arbeit und das Auskommen verloren. In ihrer existenziellen Not liessen sich 1812 in Richterswil und Wädenswil rund 100 Personen von Egg und Bär anwerben und nahmen sogar die Emigration in Kauf. Die Obrigkeit hatte nichts dagegen einzuwenden, im Gegenteil: Angesichts der «gegenwärtigen, für die ärmere Classe der hießigen Cantons-Einwohner sehr drückenden Zeiten», bewilligte ihnen der Regierungsrat die Ausreise nach Italien. Die Gemeinden wiederum waren nicht unglücklich darüber, dass die Hungerleider in der neapolitanischen Manufaktur ihren Unterhalt suchten. Die einzige Bedingung, die der Regierungsrat an die Unternehmer stellte, war die Übernahme von zivilstandsamtlichen Aufgaben und die Sorge für die religiöse Betreuung der Arbeiterfamilien, die nun isoliert in einem katholischen Land lebten. Das Interesse der Regierung an den Ausgewanderten verflüchtigte sich jedoch bald. Die zitierte Quelle von 1815 ist vermutlich der letzte Etat, der von Egg und Bär nach Zürich geschickt wurde.
Wie wir wissen, setzte gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine umgekehrte Migration ein. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Italienerinnen und Italiener aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, ihre Arbeitskraft in der Schweiz zu schlechten Bedingungen zu verkaufen – darunter auch viele Menschen aus Süditalien. Dass sich vor nicht allzu langer Zeit zahlreiche Frauen und Männer aus den Zürcher Seegemeinden in einer ähnlichen wirtschaftlichen Notlage aufgemacht hatten, um ihr Glück in Italien zu suchen, war den Zürcherinnen und Zürchern in den Jahren der Hochkonjunktur wohlkaum mehr bewusst.
StAZH L 16.2, Nr. 33, Beilage 2
Familienregister (FR) gehören für alle Familienforscher zu den zentralen Quellen. Ihre Anfänge – früher Haushaltsrodel genannt – gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück, und sie wurden bis 1875 von den Dorfpfarrern zusammengestellt. Wie diese die Register führten, war jeweils ihnen überlassen, da es keine Vorlagen und Richtlinien für deren Darstellung und Ausführung gab. Anfänglich dienten leere Buchseiten für die Eintragungen, später entwickelten die Pfarrherren Tabellen, die sie selbst linieren mussten. Erst im 19. Jahrhundert kamen Vordrucke zur Anwendung. Nach 1875 wurden die Register von den Zivilstandsämtern weitergeführt. Erst Anfang der 2000er-Jahre wurden sie durch eine Datenbank ersetzt; sie sind also der Digitalisierung zum Opfer gefallen!
Vorab einige Hinweise zum Verfasser des Dürntener Familienregisters: Es ist Leonhard Stierlin von Kloten (19.10.1804–25.11.1865), 1827 Katechet in Fluntern, 1829 ordiniert, 1835–1865 Pfarrer in Dürnten. Er redigierte den musikalischen Teil des zürcherischen Gesangbuches von 1853 und war Sachverständiger für neue Geläute und Orgeln. 1835 heiratete er Barbara Akermann von Fluntern (~17.2.1807–11.10.1849), mit der er 4 Kinder hatte.
Das hier vorgestellte FR ist übersichtlich und sauber dargestellt und fällt durch mehrere Eigenheiten auf. Zu Beginn eröffnen «Vorbemerkungen» die Handhabung und den Gebrauch. Es wird als «transportables Bürgeretat» bezeichnet und wurde 1840 erstellt und «zwar übereinstimmend mit demjenigen in grösserem Formate von A° 1837». Letzteres gelangte nicht ins Staatsarchiv und sollte noch im Kirchenarchiv Dürnten vorhanden sein, falls es nicht entsorgt wurde; eine diesbezügliche Anfrage wurde nicht ernsthaft beantwortet.
Warum Leonhard Stierlin 1837 ein neues FR planen wollte, hatte einen guten Grund. Ein früheres 1829 von Stierlins Vorgänger, Pfarrer Hans Jakob Fäsi, geführtes Register kann als abschreckendes Beispiel angesehen werden: Ein Gekritzel mit Streichungen und zahlreichen Einfügungen bildete ein schwer lesbares Gebilde, das nicht als Voraussetzung für eine Weiterführung dienen konnte.
Bei vielen Personen sind «Links» (Seitenzahlen) genannt: Hinweise etwa zu verheirateten Söhnen oder zur Herkunft der Ehefrauen, sofern diese aus Dürnten stammten. In der linken Spalte sind in roter Schrift die Familien der Eltern zusammengestellt und wiederum mit «Links» versehen. So wird offenbar, dass das ganze Dorf damals weitgehend «verwandt» war.
Dank diesen Angaben können zahlreiche «Stammbäumchen» zusammengestellt werden. Das war aber dem aufgeschlossenen Pfarrer noch zu wenig: Wenn bekannt, fügte er weiterführende «Genealogien» an, die solche «Stammbäumchen» zu grösseren Einheiten zusammenfassten. Beispiele dafür sind die Familien Buchmann und Hüni, beide von Tann. Damit kann man oft 1–2 Generationen weiter zurückverfolgen.
Heute wird es Bearbeitern von Familiengeschichten schwer gemacht. Der Datenschutz verunmöglicht nahezu die Einsichtnahme in die FR, und zum Forschen werden kostenpflichtige Bewilligungen verlangt. Wie die digitalen Daten einmal der Forschung zugänglich gemacht werden sollen, ist noch ungeklärt.
Und zum Schluss noch Folgendes:
Dieses jüngste und bis jetzt letzte öffentlich zugängliche FR von Dürnten stammt aus dem Jahr 1840, und das ist für Familienforscher keine erfreuliche Nachricht!
Nicht alle Archivalien des Staatsarchivs werden in einem der Magazine verwahrt und müssen für die Konsultation in den Lesesaal bestellt werden. Im Veranstaltungssaal des Staatsarchivs – wo der Freundeskreis jeweils im Dezember seine Jahresversammlung abhält – steht ein Archivschrank, der als Teil der Objektsammlung ebenfalls eine Archivalie ist. Er ist im Online-Archivkatalog unter der Signatur OBJ 161 verzeichnet. Die physische Benützbarkeit wird wenigüberraschend als «Eingeschränkt» bezeichnet.
Was hat es mit dem Schrank auf sich, dessen Türen im Normalfall geschlossen sind? Mit einer Breite von 2.6 Metern und einer Höhe von 2.9 Metern handelt es sich vermutlich um die grösste (und gewichtigste) Archivalie in den Beständen des Staatsarchivs. Öffnet man die Türen, werden 42 Schubladen sichtbar, die beschriftet sind, etwa mit «Graffschafft Kyburg» oder «Bericht unnd Verthreg mit gemeiner Lanndtschafft». Die Schubladen selbst sind heute leer, ihr Inhalt wird seit der Schaffung des Staatsarchivs im Jahr 1837 getrennt aufbewahrt. Auch das ursprüngliche Schloss ist nicht mehr funktionstüchtig, erkennbar ist aber, dass es dreier Schlüssel bedurfte, um den Schrank aufzuschliessen. Die Schlüssel waren im Besitz von drei vertrauenswürdigen Amtspersonen, den sogenannten Schlüsslern. Nur gemeinsam konnten sie den Schrank öffnen.
Der Archivschrank stammt aus dem 16. Jahrhundert. Er stand ursprünglich, zusammen mit zwei weiteren gleichartigen Schränken, in der oberen Sakristei des Grossmünsters, die dem Zürcher Stadtstaat spätestens seit dem 14. Jahrhundert als Archivraum diente. Die drei Schränke verwahrten mehrere Hundert Urkunden, darunter Reichsprivilegien und Bündnisverträge, aber auch die Rechtstitel über den Erwerb und Besitz der verschiedenenHerrschaftsgebiete der Stadt.
Gerold Meyer von Knonau, ab 1837 der erste Staatsarchivar im modernen Sinn, entnahm die Urkunden den über 100 «Trucken» in den drei Schränken, behielt die thematische Ordnung der Schubladen verdienstvollerweise aber bei. Er nummerierte die Stücke fein säuberlich mit roter Tinte und schuf so die heutige Urkundenabteilung C I «Stadt und Landschaft Zürich». Im Online-Archivkatalog wurde die ursprüngliche Ordnung virtuell rekonstruiert, aus den Schubladen wurde die Verzeichnungsstufe «Klasse», wo der ursprüngliche Standort (Schrank, Trucke) und die ursprüngliche Bezeichnung der Schublade nachgewiesen sind. Unterhalb der «Klassen» sind die Urkunden einzeln verzeichnet, mit ihrer ursprünglichen Signatur, und auf den Urkunden selbst finden sich zum Teil noch Vermerke wie «Gehört in die 37. Trucken in die Sacristy zum Grossen Münster».
Der leere Schrank kam in die Helferei an der Kirchgasse, wo er zuletzt im Breitingersaal im ersten Stockwerk der Aufbewahrung unter anderem von Materialien für die Sonntagsschule diente. Anlässlich der umfassenden Renovation der Helferei trat ihn die Kirchgemeinde Grossmünster 2012 dem Staatsarchiv ab, während die beiden anderen Schränke bereits Ende des 19. Jahrhunderts an das Schweizerische Landesmuseum gelangt waren.
In den nächsten Jahren soll die Urkundenabteilung C I integral digitalisiert werden. Damit lassen sich solche archivgeschichtlichen Zusammenhänge noch besser dokumentieren und gleichzeitig die Originale schonen, die die Jahrhunderte überdauert haben.
In loser Folge (ungefähr alle zwei Wochen) veröffentlichen wir hier weitere Lieblingsquellen.
Bitte geben Sie uns Feedback
Ist diese Seite verständlich?
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Kontakt
Telefon
Fax
Öffnungszeiten
Montag geschlossenDienstag 8 bis 19 Uhr
Mittwoch 8 bis 17.30 Uhr
Donnerstag 8 bis 19 Uhr
Freitag 8 bis 17.30 Uhr