Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus?
Mitteilung 09.07.2026
40 Prozent der CO₂-Emissionen im Kanton Zürich stammen aktuell aus dem Verkehr. Was braucht es, damit wir das Netto-Null-Ziel erreichen: Reicht technologische Innovation oder müssen wir auch unser Verhalten ändern? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung an der Zürcher Klima- und Mobilitätstagung – unter ihnen Mobilitätsforscher Thomas Sauter-Servaes (ZHAW). Im Interview gibt er Einblick.
Thomas Sauter-Servaes, Sie sagen, die Mobilitätstransformation stehe noch ganz am Anfang.
Thomas Sauter-Servaes: Wenn wir ehrlich sind, kratzen wir bisher nur an der Oberfläche der Verkehrswende. Eine echte Transformation misst sich nicht an Ankündigungen, sondern an der harten Realität der Treibhausgasbilanz. Und diese zeigt unmissverständlich, dass der Verkehrssektor nach wie vor eines der grössten Sorgenkinder in der Klimapolitik ist. Egal, ob wir die europäische oder die Schweizer Entwicklung anschauen: Im Vergleich zu allen anderen Sektoren schneidet der Verkehrsbereich mit Abstand am schlechtesten ab. Die Emissionen von Auto, Flugzeug & Co. sind seit 1990 sogar gestiegen. Schuld daran ist nicht fehlender technischer Fortschritt. Stattdessen ist unser Mobilitätsverhalten der entscheidende Faktor. Die SUV-isierung der Automobilität und das massive Wachstum unserer Flugkilometer machen alle technischen Errungenschaften in der Statistik bislang zunichte. Die tiefsitzenden Strukturen unseres Mobilitätsverhaltens und die gebaute Infrastruktur lassen sich nicht über Nacht umkrempeln, aber wir müssen die Transformation endlich ernst meinen.
Die Elektromobilität kommt langsam ins Rollen, knapp ein Drittel der neu zugelassenen PW im Kanton Zürich sind mittlerweile elektrisch. Stimmt Sie das zuversichtlich?
Die Elektromobilität ist einer der wichtigsten Ansatzpunkte, wenn der Verkehrssektor endlich auf den Netto-Null-Pfad einschwenken soll. Die gegenwärtige Dynamik bei den Neuzulassungen ist ein starkes Signal. Und neben den Effizienz- und Emissionsvorteilen des E-Fahrzeugs, kann das E-«Stehzeug» auch entscheidend zur Energiewende beitragen. Bidirektionales Laden macht parkierende Elektroautos zu einer riesigen Schwarmbatterie, die unser Stromnetz kostengünstig stabilisieren kann.
Skaleneffekte, Effizienzgewinne und Stromspeicherfunktion führen aber auch dazu, dass Autofahren deutlich günstiger wird als bisher. Die Antriebswende allein reicht daher nicht aus. Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir eine blosse Antriebswende nicht mit der eigentlichen Mobilitätswende verwechseln. Elektromobilität löst zwar das Auspuffproblem, aber es löst weder den enormen Flächenbedarf unserer Mobilität noch den Ressourcenverschleiss, die Sicherheitsdefizite oder den Stau zu den Stosszeiten.
Welche Rolle spielen automatisiertes Fahren, Sharing und On-Demand-Angebote in der Mobilität der Zukunft?
Hochautomatisiertes Fahren wird die Mobilität revolutionieren. Die Technologie kann den Verkehr bedeutend sicherer und effizienter gestalten. Weniger Verkehr werden wir aber nur dann erreichen, wenn die selbstfahrenden Autos geteilt und nahtlos in den öffentlichen Verkehr integriert werden. Das wird ohne entsprechende politische Leitplanken wie ein intelligentes Mobility Pricing nicht gelingen. Unreguliert werden wir die bereits erprobte Robotaxi-Technologie mittelfristig im privaten Personenwagen sehen. Diese rollenden Erlebnismaschinen könnten das Ende der Marchetti-Konstante bedeuten, also dem seit Jahrzehnten weltweit zu beobachtenden täglichen Reisezeitbudget von durchschnittlich 90 Minuten pro Kopf. Wenn Ortsveränderung im selbstfahrenden Auto zum Hintergrundrauschen wird, das sich mit unendlich vielen Aktivitäten vom Schlafen über die Maniküre bis zum Netflixen verknüpfen lässt, wird das zu mehr Verkehr führen.
An der Klima- und Mobilitätstagung wurde diskutiert, welche Massnahmen uns bei der klimafreundlichen Mobilität in den nächsten zehn Jahren wirklich voranbringen. Welches sind Ihre persönlichen Top-3-Hebel?
Hebel 1 bis Hebel 3 tragen aus meiner Sicht alle den gleichen Namen: Mobility Pricing. Solange es uns nicht gelingt, die Klimakosten fair dem jeweiligen Verursacher in Rechnung zu stellen, wird sich an der heutigen Übernutzung des Systems wenig verändern. Ein Beispiel: Die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher fliegen jedes Jahr pro Kopf rund 10.500 km. Das ist mit Abstand der grösste Einzelposten in der Klimabilanz jedes Einwohners und jeder Einwohnerin. Über 80 Prozent dieser Reisen haben einen privaten, keinen geschäftlichen Anlass. Ohne entsprechende Preissignale wird sich dieses Reiseverhalten nicht verändern. Technisch sind wir noch weit entfernt vom klimaneutralen Fliegen.
Gemeinden, Kanton, private Unternehmen: Wer sollte aus Ihrer Sicht was tun?
Für diese Mammutaufgabe gibt es keine einfache Bierdeckel-Formel. Fest steht: Jede und jeder wird einen Beitrag leisten müssen. Entscheidend ist, dass wir jetzt die richtigen Anreize setzen, um die Transformation nicht nur zu beginnen, sondern massiv zu beschleunigen. Wir müssen das Rad dabei nicht neu erfinden, sondern uns auf die Schultern von Riesen begeben: Norwegen zeigt uns, wie ein rasanter E-Auto-Hochlauf gelingt, Paris demonstriert den radikalen Umbau zur Velostadt und London beweist den Nutzen eines funktionierenden Congestion Chargings, also dass es einen Preis hat, wenn man mit dem Auto in die Innenstadt fährt. Der Kanton Zürich muss diese internationalen Erfolgsrezepte adaptieren, sie klug kombinieren und alle Akteure in die Verantwortung nehmen.
Ihr Wunschbild für 2050: Wie bewegen wir uns dann im Alltag?
Mein persönliches Wunschbild ist vollkommen belanglos. Was wir dringend brauchen, ist ein von der gesamten Gesellschaft getragenes, starkes Zielbild einer lebens- und klimafreundlichen Mobilität – und dieses darf kein Papiertiger in den Schubladen der Verwaltung bleiben. Wir müssen nicht länger über Technologie diskutieren, denn wir haben fast alle technischen Antworten bereits parat. Was uns fehlt, ist eine überzeugende Illustration und Kommunikation, die bestehende Routinen aufbricht. Dieses Zielbild muss zu der neuen Mobilität verführen und echte Lust auf eine leisere, sicherere und gesundheitsfördernde Mobilitätswelt wecken. Kurz: Was heute von vielen noch als untragbare Zumutung angesehen wird, muss durch ein kluges, gemeinsames Narrativ als unverzichtbarer Zugewinn an Lebensqualität begriffen werden.