Zwei von drei Logiernächten fallen weg

Infolge des Lockdowns ist im Frühling die Zahl der Logiernächte auf dem Gebiet des Kantons Zürich stark eingebrochen. Trotz der anschliessenden Lockerung der Pandemiemassnahmen ist der grosse Aufschwung in der Zürcher Hotellerie ausgeblieben. Der Tourismussektor spürt das Fernbleiben der ausländischen Gäste weiterhin.

In einer ersten Analyse haben wir Mitte Juni die Entwicklungen in der Zürcher Hotellerie während des Lockdowns aufgezeigt. Damals stellte sich die Frage, ob sich der Tourismussektor mit den Grenzöffnungen zu den Nachbarländern und dem Wegfallen zahlreicher Reiserestriktionen wieder auffangen wird. Mittlerweile ist die Sommersaison vorbei – Gelegenheit also, auf die Frage zurückzukommen.

Städte- und Geschäftstourismus leidet stark

In den ersten neun Monaten des Jahres verzeichnet der Kanton Zürich üblicherweise rund drei Viertel aller Logiernächte. Während 2019 bis Ende September über 4.6 Millionen Übernachtungen gezählt wurden, sind es in diesem Jahr lediglich 1.6 Millionen, es «fehlen» also rund drei Millionen Logiernächte. Relativ gesehen beträgt der Rückgang satte 64 Prozent. Damit zählt der Kanton Zürich zu den grossen Verlierern unter den Schweizer Tourismusregionen. Nur im Kanton Genf ist der Rückgang noch etwas stärker. Besonders vom Einbruch der Übernachtungszahlen betroffen sind die städtischen Kantone, eben Genf und Zürich, aber auch Basel-Stadt und Luzern. Die typischen Tourismuskantone wie Graubünden, Wallis oder Tessin hielten sich dagegen besser, sie konnten die fehlenden ausländischen Gäste zumindest teilweise mit Gästen aus der Schweiz kompensieren.

Logiernächte nach ausgewählten Kantonen, Veränderung 2019–2020

Kumulierte Ergebnisse Januar bis September, Hotel- und Kurbetriebe, in Prozent

Ausländische Gäste fehlen

Im Vergleich zu den Bergkantonen ist der Kanton Zürich stark auf Reisende aus dem Ausland ausgerichtet. Mehr als zwei Drittel der Logiernächte entfallen üblicherweise auf diese Gästegruppe. Deutschland und die Vereinigten Staaten sind dabei die bedeutendsten Herkunftsländer. Im laufenden Jahr ist die Bedeutung der inländischen Gäste erwartungsgemäss angestiegen, sie machten in den ersten neun Monaten 42 Prozent aller Gäste aus. Im September 2020 übernachteten sogar mehr inländische als ausländische Gäste im Kanton. In absoluten Zahlen blieben jedoch selbst die inländischen Gäste deutlich unter dem Niveau des Vorjahres.

Logiernächte aus- und inländischer Gäste 2019–2020

Kanton Zürich, Hotel- und Kurbetriebe, Anzahl

Wegfall von Grossanlässen und Messen

Der Tourismus konzentriert sich regional deutlich: Rund 60 Prozent der Übernachtungen entfallen auf die Stadt Zürich und etwa ein Viertel auf die Gemeinden rund um den Flughafen. Dabei verbringen Reisende durchschnittlich weniger als zwei Nächte im Hotel. Der Tourismus im Kanton Zürich ist also geprägt von Kurzaufenthalten. Die unterschiedlichen Reiserestriktionen und Quarantäneauflagen einzelner Länder sowie Sicherheitsbedenken erschweren internationale Reisen weiterhin. Ausgefallene Grossanlässe wie die Streetparade, das Sechseläuten oder das Zurich Open Air sowie abgesagte Messen wirken sich ebenfalls spürbar auf die Übernachtungszahlen aus. Nebst den ausländischen Ferienreisenden fehlen also auch Geschäftsleute und Eventtouristen. Der Rückgang der Übernachtungszahlen fiel in der Stadt Zürich, im Raum Flughafen und im Rest des Kantons ähnlich stark aus, allein den Stadtzürcher Hotels fehlten bis im September rund 1.8 Millionen Übernachtungen. Für eine beachtliche Zahl an Reisenden dürfte der Aufenthalt in Zürich lediglich eine Zwischenstation darstellen: Sie reisen innerhalb der Schweiz oder ins nahe Ausland weiter zu ihren eigentlichen Destinationen oder warten in Flughafennähe einen Anschlussflug am Folgetag ab.

70 Prozent weniger Flugpassagiere

Der Flughafen ist also ein wichtiges Eingangstor in den Kanton Zürich. Im laufenden Jahr zählte er bis Ende Oktober knapp 7.8 Millionen Passagiere, 70 Prozent weniger als im Vorjahr. Im April und im Mai kam der Passagierverkehr praktisch gänzlich zum Erliegen. Nach einem kurzen Anstieg in der Sommerferienzeit, blieb der Oktober wieder unter 500’000 Passagieren – «üblich» wären zwei bis drei Millionen Passagiere pro Monat. Die Flughafenregion spürt die ausbleibenden ausländischen Gäste deshalb nicht nur in Form von weniger Flugverkehr, es fehlen auch die Übernachtungen in den Flughafenhotels sowie die Umsätze in den Geschäften und Restaurants am Flughafen.

Flugpassagiere 2019–2020

Flughafen Zürich, Monatssummen, Anzahl in Mio.

Wirtschaftliche Bedeutung reicht über Hotellerie hinaus

Der Einbruch des Flugverkehrs und der Übernachtungszahlen ist beispiellos. Für einige der kantonsweit rund 350 Hotelbetriebe mit ihren 7000 Vollzeitstellen dürfte das Fortbestehen ihres Geschäfts gefährdet sein. Im Kanton Zürich ist die wirtschaftliche Bedeutung der Hotellerie mit weniger als einem Prozent des Beschäftigungsvolumens deutlich geringer als in klassischen Tourismusregionen wie dem Kanton Graubünden (10%). Die Hotelgäste konsumieren jedoch nicht nur Leistungen in Form von Übernachtungen, sie verpflegen sich auch in den lokalen Restaurants, besuchen Kulturveranstaltungen und decken sich mit Souvenirs ein. Die wirtschaftlichen Einbussen durch das Ausbleiben der in- und ausländischen Gäste gehen deshalb weit über die reine Hotellerie hinaus und werden für weitere Wirtschaftsakteure spürbar. Die von Bund und Kanton bereitgestellten Überbrückungshilfen, wie Kurzarbeitsentschädigungen oder Covid-Kredite, können die betroffenen Betriebe kurzfristig finanziell entlasten. Trotzdem haben bereits erste Betriebe des Gastgewerbes sowie der Kultur- und Eventbranche ihr Geschäft aufgegeben, eine eigentliche Konkurswelle in diesen Branchen zeigt sich jedoch bisher nicht.

Ob sich die Tourismuszahlen in den nächsten Jahren erholen und wieder das Niveau des Jahres 2019 erreichen werden, ist schwierig zu beurteilen. Für nächstes Jahr steht die Bewältigung der Covid-Pandemie mittels Impfprogrammen in Aussicht, was zu einer Wiederbelebung des internationalen Reiseverkehrs führen dürfte. Die Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels, besonders die Flugticketabgabe, dürften den internationalen Personenverkehr jedoch nicht unberührt lassen. Private wie geschäftliche Flugreisen würden dadurch verteuert, was der Zürcher Tourismus weit über die aktuelle Covid-Pandemie hinaus zu spüren bekommen dürfte.

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