4. Prototyp KI-Vorabcheck im Meldeverfahren

Die Analyse der KI-Potenziale konnte zeigen, dass die Fragestellungen im Baubewilligungsverfahren fachlich und rechtlich sehr komplex sind. Unter Eingrenzung des Geltungsbereichs, wurde ein funktionierender und praxisnaher Prototyp für das Meldeverfahren entwickelt. Der Prozess und die Resultate hieraus werden in diesem Abschnitt genauer dargelegt.

Grafik von Lupe oder Blatt Papier

Ein Prototyp im Meldeverfahren 

Die Analyse der KI-Potenziale hat gezeigt, dass die Fragestellungen im Baubewilligungsverfahren fachlich und rechtlich sehr komplex sind. Das Projektteam entschied sich daher bewusst für eine starke Eingrenzung des Geltungsbereichs, um einen funktionierenden und praxisnahen Prototyp zu entwickeln. Der Fokus lag auf dem Meldeverfahren.

Solaranlagen, Wärmepumpen und Ladestationen

Ausgangspunkt ist eine typische Situation: Gesuchstellende planen an einem bestimmten Standort ein Bauvorhaben, das grundsätzlich über das Meldeverfahren abgewickelt werden kann, etwa den Bau einer Solaranlage, einer Wärmepumpe oder einer Erdsonde. Insgesamt sind acht unterschiedliche Tatbestände vorgesehen, die dem Meldeverfahren unterliegen. In der Praxis stellen sich dabei zwei zentrale Probleme.

Problem 1 – Wahl des korrekten Verfahrens

Die Wahl des korrekten Verfahrens ist zeitaufwendig. Für die gemäss § 2a BVV grundsätzlich meldepflichtigen Tatbestände bestimmt eine Übersichtstabelle, welches Verfahren aufgrund der standortspezifischen Verhältnisse anzuwenden ist. Dabei ist zusätzlich zu prüfen, ob das Vorhaben am vorgesehenen Standort überhaupt zulässig ist (z.B. keine Erdwärmesonden-Wärmepumpen in den Grundwasserschutzzonen S1/S2).

Entscheidungsmatrix zum Meldeverfahren
Entscheidungsmatrix gemäss Prozessbeschrieb des Meldeverfahrens im Kanton Zürich

Je nach Art des Vorhabens und den standortspezifischen Rahmenbedingungen kommen vier unterschiedliche Verfahren zur Anwendung:

  • Bewilligungsverfahren (B) Zuständigkeit bei Gemeinde und Kanton
  • Bewilligungsverfahren (b) Zuständigkeit bei der Gemeinde
  • Meldeverfahren (M) Zuständigkeit bei Gemeinde und Kanton
  • Meldeverfahren (m) Zuständigkeit bei der Gemeinde

Diese Beurteilung hängt von einer Vielzahl von Schutzanordnungen, Inventaren, Abstandslinien und Nutzungszonen ab. Dazu zählen unter anderem überkommunale Ortsbildinventare, kantonale Landschaftsschutzverordnungen, Grundwasserschutzzonen, Wald- und Gewässerabstände sowie die jeweilige Nutzungszone. Für einen einzelnen Standort können mehrere Kriterien gleichzeitig relevant sein. Massgebend ist jeweils das aufwendigste anwendbare Verfahren. Die Prüfung erfolgt auf der Grundlage verschiedener thematischer Karten im GIS-Browser sowie weiterer rechtskräftig verabschiedeter Dokumente und wird von einer zuständigen Fachperson auf Gemeindeebene fallweise durchgeführt.

Problem 2 – unvollständige und fehlerhafte Eingaben

Die Eingaben im Meldeverfahren sind häufig unvollständig oder fehlerhaft. Zwar regelt die Bauverfahrensverordnung klar, welche Unterlagen einzureichen sind, dennoch fehlen in der Praxis regelmässig Dokumente, oder es treten formale Mängel auf, etwa falsche Massstäbe, fehlende Einzeichnungen relevanter Elemente oder unvollständige Planangaben. Dies führt zu Rückfragen, zusätzlichen Interaktionen und Verzögerungen, obwohl der materielle Umfang der Vorhaben vergleichsweise gering ist.

Bewertung von Diagnostikanbietern und -plattformen

Der Prototyp zielt darauf ab, genau in diesen frühen Schritten Unterstützung zu leisten: bei der Einordnung des anwendbaren Verfahrens und bei der formalen Vorprüfung der Baueingaben. Die folgenden vier Schritte fassen die Hauptfunktionalität des Prototyps zusammen.

Schritt 1: Projektstandort erfassen

Die Nutzenden wählen die Adresse ihres Vorhabens aus. Der Prototyp zeigt den Standort in einer Kartenansicht und stellt die unmittelbare Umgebung dar. Damit wird der räumliche Kontext des Vorhabens früh sichtbar. Er bildet die Grundlage für die weiteren Schritte.

Oberfläche der KI zur Auswahl einer Adresse
Auswahl einer Adresse für den Projektstandort (hier beispielhaft das Gebäude des Amts für Wirtschaft, Walchestrasse 19, 8006 Zürich)

Schritt 2: Projekttyp auswählen und Verfahren bestimmen

Die Nutzenden wählen den Typ ihres Projekts aus einer vordefinierten Liste von acht meldepflichtigen Tatbeständen aus. Auf dieser Basis bestimmt der Prototyp das anwendbare Verfahren. Die zugrunde liegende Prozessmatrix bildet die rechtlichen Vorgaben vollständig regelbasiert ab. Sämtliche relevanten Informationen werden über GIS-Schnittstellen automatisiert via API abgefragt. Da es sich um einen klar strukturierten Entscheidungsprozess handelt, kommt bewusst keine generative KI zum Einsatz, sondern eine einfache Wenn-dann-Logik.

Oberfläche der KI mit Angaben zum Projekt und Entscheidung zum Meldeverfahren
Beim Projekttyp «Solaranlagen an Fassaden oder freistehend» ergibt die regelbasierte Prüfung in diesem Fall, dass ein Baubewilligungsverfahren erforderlich ist.

Schritt 3: Unterlagen hochladen und Vorabchecks durchführen

Die Nutzenden laden die gemäss BVV erforderlichen Unterlagen hoch. Der Prototyp prüft die Eingaben automatisch auf Vollständigkeit. Zusätzlich können KI-gestützte Vorabchecks durchgeführt werden, um etwa den korrekten Massstab im Situationsplan, die Erkennbarkeit einer Solaranlage auf der Dachfläche oder die Markierung einer Wärmepumpe zu prüfen. Der Prototyp gibt klare Rückmeldungen zu fehlenden oder fehlerhaften Angaben.

KI-basierter Vorabcheck mit negativen und positiven Aspekten des Produkts
Beispiel eines KI-basierten Vorabchecks des Produktbeschriebs eines Solaranlagenherstellers mit KI-generierten Rückmeldungen zu fehlenden Modulen

Schritt 4: Ergebnisse prüfen und Gesucheinreichen

Am Schluss des Vorabchecks können die Nutzenden die Ergebnisse in Form eines Berichts herunterladen und erhalten eine Zusammenfassung. Auf dieser Grundlage können sie das Gesuch vervollständigen und anschliessend qualitätsgesichert bei der Baubewilligungsbehörde einreichen (die Schnittstelle zu den offiziellen Einreichungsplattformen ist noch nicht umgesetzt).

Fazit zum Prototyp

Der entwickelte Prototyp zeigt, dass eine gezielte Kombination aus regelbasierten Logiken und KI-gestützten Vorabchecks im Meldeverfahren einen konkreten Mehrwert schaffen kann. Entscheidend ist ein differenzierter Technologieeinsatz: Regelbasierte Ansätze sorgen für Verlässlichkeit, während KI vor allem bei der Qualitätsprüfung von Eingaben unterstützt.

Chancen

  • Regelbasiert vor KI: Klar definierte Entscheidungslogiken lassen sich effizient und korrekt regelbasiert abbilden; der Einsatz generativer KI ist hier nicht erforderlich.
  • Mehrwert für Planende: Gesuchstellende und Personen, die den Bau von Solaranlagen, Wärmepumpen oder Ladestationen professionell anbieten, erhalten frühzeitig Klarheit über das anwendbare Verfahren und die grundsätzliche Umsetzbarkeit eines Vorhabens am Standort.
  • Entlastung der Gemeinden: Bei korrekter Datengrundlage kann ein System automatisiert die richtigen Antworten liefern. Regelbasierte Vorabprüfungen reduzieren den Prüfaufwand in Bauämtern, insbesondere bei häufig wiederkehrenden Standardfällen.
  • Qualitätssteigerung der Eingaben: KI-gestützte Vorabchecks erkennen viele formale Fehler und unvollständige Unterlagen zuverlässig; der Fokus auf häufige Mängel ist besonders wirkungsvoll.

Herausforderungen

  • Probabilistische KI: Generative KI liefert nicht deterministische Ergebnisse; für den Verwaltungseinsatz sind möglichst kontrollierte und reproduzierbare Konfigurationen notwendig, da sonst das Vertrauen in die KI-Systeme verloren geht. Eine zentrale Bedeutung kommt dabei der Fehlertoleranz zu: Welcher Anteil korrekt ausgeführter KI-basierter Vorabchecks ist notwendig, um einen praktischen Nutzen zu erzielen? Reichen beispielsweise 95 Prozent, oder sind 99 Prozent erforderlich, um unnötige Verunsicherung im Prozess zu vermeiden?
  • Datenverfügbarkeit und Rechtsverbindlichkeit: Der Automatisierungsgrad hängt von vollständigen und rechtsverbindlichen Datengrundlagen ab; nicht alle kommunalen Inventare (z.B. der kommunale Denkmalschutz) liegen konsolidiert im ÖREB-Kataster vor, und es können in der Praxis immer wieder Abweichungen zwischen dem ÖREB-Kataster und rechtlichverbindlichen kommunalen Bau- und Zonenordnungen vorkommen. Im Prototyp sind Hinweise dazu platziert.
  • Gemeindeautonomie: Formelle und baurechtliche Vorgaben werden lokal unterschiedlich ausgelegt (z.B. Vorhaben innerhalb einer Baulinie). Ein regelbasiertes Werkzeug muss diese kommunalen Unterschiede flexibel abbilden können.
  • Spezialfälle und Einzelfallbeurteilungen: Bestimmte Vorhaben (z.B. Solaranlagen) eignen sich nur eingeschränkt für einen rein automatisierten Vorabcheck. Auch nicht inventarisierte Objekte können schutzwürdig sein und eine Einzelfallbeurteilung erfordern (z.B. als Teil eines Ensembles oder wegen ihrer ortsbaulichen Bedeutung).
  • Systemintegration: Der praktische Mehrwert von KI entfaltet sich nur bei einer Einbettung in bestehende Digitalisierungsinitiativen (z.B. «eBaugesucheZH»). Isolierte Insellösungen erhöhen Schnittstellenaufwand, Medienbrüche und Fehleranfälligkeit und erschweren Skalierung, Betrieb und Akzeptanz im Baubewilligungsverfahren.

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