Bildung und Berufswahl

Geschlecht und Behinderung können Bildungswege prägen. Dahinter stehen häufig strukturelle Faktoren, weshalb eine geschlechtssensible Perspektive im Bildungsbereich wichtig ist.

Das ist ein Symbolbild für Zusammenhalt.

Hinter den Zahlen

Lina ist 14 Jahre alt. Im Unterricht sitzt sie still an ihrem Platz. Neben ihr sitzt ein Junge, der ständig dazwischen ruft und seine Sachen vergisst. Er fällt auf und wird schnell auf ADHS abgeklärt.

Lina hingegen versucht, nicht aufzufallen. Wenn sie den Faden verliert, sagt sie nichts. Wenn sie überfordert ist, arbeitet sie einfach länger. Wenn sie innerlich unruhig ist, zwingt sie sich, ruhig zu bleiben.

Lehrpersonen beschreiben sie als angepasst und pflichtbewusst. Dass sie sich oft erschöpft fühlt, ständig an sich zweifelt und grosse Mühe hat, mitzuhalten, bleibt unsichtbar. Die Überforderung führt zu Angst, Schlafproblemen und schliesslich zu einem Burnout.

Erst Jahre später erhält sie die Diagnose ADHS. Zu diesem Zeitpunkt hat sie längst gelernt, ihre Schwierigkeiten zu verstecken und ihre eigenen Grenzen zu ignorieren. 

Ausgangslage

Bildung ist zentral für die persönliche Entwicklung, berufliche Chancen und gesellschaftliche Teilhabe. Sie beeinflusst Einkommen, Selbstständigkeit und soziale Sicherheit. Bildung verbessert zudem die Möglichkeiten, sich gesellschaftlich und politisch einzubringen.

Doch nicht alle Menschen starten mit den gleichen Voraussetzungen. Menschen mit Behinderungen haben im Durchschnitt tiefere Bildungsabschlüsse als Menschen ohne Behinderungen. Zwar hat sich die Situation verbessert: Der Anteil von Menschen mit Behinderungen mit einem tertiären Abschluss stieg von 22 % im Jahr 2007 auf 33 % im Jahr 2024. Bei Menschen ohne Behinderungen beträgt dieser Anteil 49 %. 

Auch im Schulsystem zeigen sich Unterschiede. Während Mädchen in der obligatorischen Schule rund die Hälfte der Schülerschaft ausmachen, sind sie in Sonderschulen deutlich seltener vertreten. Dort beträgt der Anteil der Jungen rund 69 %. Ein möglicher Grund dafür ist, dass Verhaltensauffälligkeiten bei Jungen häufiger nach aussen sichtbar werden. Besonders betroffen sind Jungen mit Migrationshintergrund. Studien deuten darauf hin, dass Kinder mit Migrationshintergrund bei vergleichbaren Verhaltensauffälligkeiten häufiger einer Sonderschule zugewiesen werden als Kinder ohne Migrationshintergrund.

Diese Unterschiede zeigen: Bildung verläuft nicht für alle gleich. Behinderung, Geschlecht, soziale Herkunft und Migration können Bildungswege stark beeinflussen.

Trotz positiver Entwicklungen braucht es deshalb weiterhin eine geschlechtersensible und inklusive Bildungsperspektive.

Wie steht es um die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in der Schweiz?

Bildungsweg mit Einschränkungen

2 von 3 Menschen mit Behinderungen fühlen sich in ihren Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten eingeschränkt.

Der am häufigsten genannte Grund sind fehlende finanzielle Mittel: Mehr als jede dritte Person, die sich eingeschränkt fühlt, gibt an, sich eine Aus- oder eine Weiterbildung nicht leisten zu können. (Studie: Inklusionsindex 2023, Pro Infirmis)

Geschlecht und Behinderung: Chancen und Hürden im Bildungsbereich

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Damit Kinder gleiche Bildungs- und Berufschancen haben, müssen ihre Bedürfnisse früh erkannt und passend unterstützt werden. Das betrifft auch Konzentrations-, Verhaltens- und Entwicklungsstörungen wie ADHS oder Autismus. Studien zeigen, dass solche Diagnosen bei Mädchen oft später oder seltener gestellt werden als bei Jungen. Gründe dafür sind Geschlechterstereotype, unterschiedliche Erwartungen an Jungen und Mädchen sowie eine lange am Verhalten von Jungen orientierte Beschreibung von Symptomen. Auffälligkeiten wie Hyperaktivität, Impulsivität oder störendes Verhalten werden deshalb schneller erkannt. 

Frauen und Mädchen mit AD(H)S entsprechen diesem klassischen Bild des hyperaktiven und impulsiven Jungen (weit verbreitetes gesellschaftliches Bild des «Zappelphilipp») jedoch häufig nicht und werden dadurch seltener und viel später mit AD(H)S diagnostiziert. Denn statt offensichtlicher Verhaltensauffälligkeiten entwickeln sie Strategien, um ihre Schwierigkeiten zu überdecken. Dies erfolgt meist durch übermässige Selbstkontrolle, sozial angepasste Bewältigungsmechanismen oder ständige Selbstkritik.

Auch am Beispiel vom Autismus-Spektrum zeigt sich dies besonders deutlich: Jungen und Männer werden bis zu viermal häufiger diagnostiziert als Mädchen und Frauen. Ein Grund dafür ist, dass Diagnosekriterien lange stärker auf männliche Erscheinungsformen ausgerichtet waren.

Späte oder fehlende Unterstützung kann Folgen haben: 

  • schlechtere schulische Leistungen
  • verpasste Förderung  
  • geringere Berufschancen  
  • psychische Belastungen wie Angst, Depression oder Essstörungen  

Der Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf ist ein wichtiger Schritt. Für junge Menschen mit Behinderungen ist dieser Weg jedoch oft mit zusätzlichen Hürden verbunden.

In der Schweiz gibt es bisher nur wenig gesichertes Wissen darüber, wie junge Frauen und Männer mit Behinderungen ihre Berufswahl treffen. Erfahrungen zeigen jedoch, dass Geschlechterstereotype hier oft besonders stark wirken.

Auffällig ist: Junge Frauen mit Behinderungen wählen häufig aus einem engeren Spektrum an Berufen als junge Männer mit Behinderungen. Diese Unterschiede lassen sich nicht allein durch die Art der Behinderung erklären.

Neben individuellen Interessen beeinflussen auch Erwartungen von Eltern, Schule, Berufsberatung und Gesellschaft die Berufswahl. Rollenbilder über «passende» Berufe für Frauen oder Männer können Möglichkeiten einschränken.

Gerade Mädchen und Frauen mit Behinderungen brauchen deshalb neben vielfältigen Zukunftsperspektiven und sichtbaren Vorbildern auch Beratung ohne stereotype Annahmen. Lehrpersonen, Berufsberatende, Ausbildende und Eltern spielen dabei eine wichtige Rolle. Wenn sie Geschlecht und Behinderung bewusst mitdenken, können neue Wege eröffnet und Chancen genutzt werden.

(Inhaltswarnung: Folgender Abschnitt enthält Erläuterungen über sexualisierte Gewalt)

Unabhängig von einer Behinderung sehnen sich viele Menschen nach Nähe, Liebe, Beziehungen und selbstbestimmter Sexualität.

Trotzdem sind Menschen mit Behinderungen häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Ihnen wird sexuelle Attraktivität abgesprochen oder unterstellt, sie hätten keine sexuellen Bedürfnisse. Solche Vorstellungen sind eine Form von Ableismus. Spezifische Vorurteile über Frauen mit Behinderungen im Bereich Sexualität sind neben dem Absprechen von Sexualität auch widersprüchliche Bilder, wie beispielsweise sexualisierte Zuschreibungen oder Fetischisierung.

Diese Vorurteile haben konkrete Folgen: Sexualität wird im Schulalltag, in Institutionen oder in Unterstützungsangeboten oft zu wenig thematisiert. Dadurch fehlen wichtige Informationen und Räume für Fragen.

Wenn Sexualbildung fehlt, steigen folgende Risiken:

  • Unsicherheit über Grenzen und Konsens
  • fehlendes Wissen über Rechte
  • geringere Selbstbestimmung
  • höhere Verletzlichkeit gegenüber Grenzverletzungen und Gewalt

Eine gute Sexualbildung schützt nicht vollständig vor Gewalt, kann Risiken aber deutlich verringern. Da Frauen mit Behinderungen überproportional stark von Gewalt betroffen sind, ist eine gute Sexualbildung hier ein besonders wichtiger präventiver Faktor. Wichtig sind Informationen zu Körper, Beziehungen, Grenzen, Konsens, Gesundheit, Prävention und Unterstützungsangeboten. 

Good Practices

Im Folgenden zeigen ausgewählte Good-Practice-Beispiele, wie geschlechtssensible Ansätze in der Praxis umgesetzt werden können.

Die Massnahme A5 des kantonalen Aktionsplans richtet den Fokus auf Frauen und Mädchen mit Behinderungen. Deshalb beziehen sich die Beispiele vor allem auf Angebote für Frauen mit Behinderungen. Für Männer mit Behinderungen sind bisher nur wenige spezifische Angebote bekannt.

In der Schweiz gibt es bislang nur wenige etablierte Angebote zu Geschlecht und Behinderung. Deshalb stammen einige Beispiele aus den umliegenden Ländern.

Die Beispiele sind nicht vollständig. Sie bilden eine Sammlung, die laufend ergänzt werden soll. Hinweise auf weitere Good Practices, neue Angebote und aktuelle Erkenntnisse sind deshalb willkommen. 

Beispiele für Good Practices:

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ADHS Deutschland e. V. stellt eine Informationsseite zu ADHS bei Frauen und Mädchen zur Verfügung. Thematisiert werden u. a. Gründe, weshalb ADHS bei Mädchen oft später oder seltener erkannt wird (z.B. subtilere Ausprägungen und Verzerrungen in Bewertungsinstrumenten). Die Seite dient der Sensibilisierung und Information von Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen.

Der Fachverband für Sexualpädagogik (fapla) bietet im Bereich «Sexualität und Beeinträchtigung» Workshops und Weiterbildungen an, die sich an Fachpersonen sowie an Menschen mit Behinderungen richten. Durch die praxisnahe Ausgestaltung und die Berücksichtigung unterschiedlicher Beeinträchtigungen tragen die Workshops zu einer inklusiven und geschlechtssensiblen Sexualbildung bei.

Das ISP Zürich bietet eine 6-tägige Seminarreihe an, die Wissen, Haltung und Methoden zur professionellen Begleitung von Sexualität bei Menschen mit kognitiver, mehrfacher oder psychischer Behinderung vermittelt. Die Weiterbildung richtet sich an Fachpersonen aus Institutionen und Organisationen, die Menschen mit Behinderungen begleiten, betreuen, fördern oder beraten.

Bereit für den Check?

Die folgenden Check-Fragen geben Anregungen und helfen beim Einstieg in die verschiedenen Themenbereiche. Sie unterstützen dabei, mögliche Herausforderungen zu erkennen und zu überdenken.

Die Fragen bieten keine fertigen Lösungen. Sie regen dazu an, bestehende Strukturen und Arbeitsweisen zu prüfen. Ausserdem helfen sie, mögliche Massnahmen für mehr Gleichstellung und Inklusion zu entwickeln.  

Sensibilisierung und Analyse: 

Ein grundlegendes Verständnis für geschlechtsspezifische Herausforderungen und Mehrfachdiskriminierung entwickeln.

--> Wie überschneiden sich Geschlecht und Behinderung in meiner Arbeit/meinem Fachbereich?

  • Zum Beispiel: Welche Rolle spielen Normen, Geschlechterstereotypen und Rollenbilder in meinem Fachbereich?
  • Zum Beispiel: Gibt es in meinem Fachbereich Informationen zur geschlechtsspezifischen Situation von Menschen mit Behinderungen? Welche Entwicklungen können antizipiert werden?

Organisation & Institutionalisierung:

Wir nehmen Grundsätze auf, die das Geschlecht berücksichtigen (geschlechtssensible Grundsätze). Wir fügen diese in die Strukturen, die Richtlinien und die Arbeitsabläufe ein. So bleiben sie dauerhaft in der Organisation erhalten.

--> Wie kann die Verschränkung von Geschlecht und Behinderung besser sichtbar gemacht werden, damit Angebote und Massnahmen alle Betroffenen berücksichtigen?

  • Zum Beispiel: Werden Geschlecht und Behinderung in allen Prozessen berücksichtigt? Gibt es eine verantwortliche Person, die für diese Themen sensibilisiert ist und die entsprechenden Perspektiven einbringt?

Partizipation & Zusammenarbeit:

Der direkte Austausch mit Selbstvertretenden, Fachorganisationen und weiteren Fachpersonen soll gefördert werden. So können Erfahrungen und Sichtweisen zu Geschlecht und Behinderung direkt in die Entwicklung der Massnahmen einbezogen werden.

--> Wie können Menschen mit Behinderungen aktiv einbezogen werden?

  • Zum Beispiel: Wie ist sichergestellt, dass Angebote bedarfsgerecht gestaltet werden?

Umsetzung:

Geschlechts- und behinderungsreflektierte Massnahmen, Programme und Projekte gestalten.

--> Welche geschlechts- und behinderungsspezifischen Bedarfe gibt es in meinem Bereich?

  • Zum Beispiel: wie betreffen Massnahmen Menschen unterschiedlicher Geschlechter und Behinderungsarten unterschiedlich?

Evaluation:

Die Wirkung der Massnahmen soll mit Blick auf Geschlecht und Behinderung überprüft und bewertet werden. Falls nötig, sollen die Massnahmen angepasst werden. So ist eine laufende Verbesserung möglich. Idealerweise werden die Massnahmen von Menschen mit Behinderungen bewertet, die ihre Interessen selbst vertreten.

--> Werden geschlechts- und behinderungsspezifische Indikatoren zur Erfolgskontrolle der Massnahme verwendet?

  • Zum Beispiel: Sehe ich, dass meine Massnahme sich unterschiedlichen auf Männer und Frauen mit Behinderung auswirkt?

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