Klimadialog vor Ort 2026

Am 9. Juni fand zum fünften Mal der Klimadialog vor Ort statt, dieses Mal am linken Zürichseeufer. Rund 200 Teilnehmende nutzten die Gelegenheit, eine von fünf spannenden Exkursionen zu besuchen.

Rückblick

Wie lassen sich Klimaziele konkret umsetzen? Welche Erfahrungen machen andere Gemeinden? Und welche Projekte können als Vorbild dienen? Antworten auf diese Fragen lieferte der diesjährige Klimadialog vor Ort. Die Teilnehmenden konnten eine von fünf Exkursionen auswählen. Anschliessend trafen sich alle in der Kulturhalle Glärnisch in Wädenswil zum gemeinsamen Ausklang. Dort begrüsste Stadtpräsident Christof Wolfer die Teilnehmenden. Regierungsrat Martin Neukom, Jörg Kündig (Präsident Verband der Gemeindepräsidien des Kantons Zürich), Benjamin Buser (econcept), Theo Meier (Präsident Verband Zürcher Schulpräsiden) und Regierungsrätin Jacqueline Fehr berichteten aus den vorgängig besuchten Exkursionen. Danach gab es bei einem Apéro weitere Möglichkeiten für Austausch und Vernetzung.

Berichte aus den Exkursionen

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Betriebsgebäude von Aussen
Die Keller Metallbau AG in Samstagern.

Die Keller Metallbau AG ist ein Metallbauunternehmen mit langer Tradition. Seit 1896 waren sie im Dorfkern von Richterswil beheimatet. Weil ein weiterer Ausbau für die wachsende Firma am Standort nicht mehr möglich war, sollte ein Neubau im nahen Industriegebiet von Samstagern her. Dabei stellte sich die Geschäftsleitung die Frage, wie der Werkhallen-Neubau nachhaltig und klimafreundlich erstellt werden kann. Das Wädenswiler Architekturbüro Hotz Partner AG unterstützte sie in ihrer Vision eines nachhaltigen Werkhallen-Neubaus und nutzte das Projekt gleichzeitig als «Feldversuch» für zirkuläres Bauen.

An der Exkursion berichteten die zuständigen des Architekturbüros Elina Geibel und Sven Gerster ausführlich über das Bauprojekt und die Erfahrungen. Ziel war es, wenig Ressourcen zu verbrauchen und stattdessen möglichst viele Bauteile wiederzuverwenden. Die Fenster beispielsweise stammen aus einer Liegenschaft in Zürich, weitere Bauteile wie Sanitäreinrichtungen, Leuchten, Elektrotrassees, Radiatoren aus den Shedhallen in Wädenswil. Die Mitarbeitenden der Keller Metallbau AG legten dabei selbst Hand an und bauten unter anderem eine Zwischendecke aus Holz aus und in der neuen Werkhalle wieder ein. Beim Stahl stiessen die Beteiligten allerdings an Grenzen. Sie mussten feststellen, gebrauchte Stahlträger zwar verfügbar sind, allerdings zu wenig Informationen über deren bisherigen Einsatz vorhanden sind. Dadurch lässt sich nicht zuverlässig beurteilen, ob sie den künftigen Belastungen ausreichend standhalten. Eine weitere Herausforderung bestand darin, die Bauteile bis zum Einbau zu lagern – dafür fand die Keller Metallbau AG aber rasch eine Lösung.

Zirkuläres Bauen heisst auch Rückbaufähigkeit. Die eingesetzten Bauteile – wie beispielsweise die neuen Stahlträger – wurden gekennzeichnet und dokumentiert, sodass sich das angetroffene Problem nicht wiederholt. Zudem wurde darauf geachtet, dass die Bauteile möglichst so zusammengebaut werden, dass sie sich auch wieder auseinanderbauen lassen.

Im zweiten Teil der Exkursion führten Geibel und Gerster sowie Patrik Keller von der Keller Metallbau AG die Teilnehmenden durch den Neubau und zeigten das Erläuterte vor Ort.

Luftbild der KVA, eingeschlossen von Wald
Die Kehrichtverwertungsanlage in Horgen

Netto-Null gelingt nur mit sogenannten negativen Emissionen. Diese gleichen nicht vermeidbare Treibhausgasemissionen aus. Die Exkursion zeigte das grösste Potenzial im Kanton Zürich: die Abscheidung von CO₂ in Kehrichtverwertungsanlagen (KVA).

An der KVA des Zweckverbands Entsorgung Zimmerberg in Horgen zeigte Michael Weber, Geschäftsführer Entsorgung Zimmerberg, wie künftig CO₂ aus dem Rauchgas abgeschieden werden soll. Die Teilnehmenden erfuhren unter anderem, welchen Einfluss die Zusammensetzung des Kehrichts auf die Menge der negativen Emissionen hat. Entscheidend ist dabei der biogene Anteil des Abfalls, da nur dieser zu negativen Emissionen führt. Zudem wurden die unterschiedlichen Verfahren zur CO₂-Abscheidung vorgestellt und diskutiert. Die KVA Horgen – die kleinste KVA der Schweiz – nimmt dabei eine Pionierrolle ein und plant als erste Anlage eine CO₂-Abscheidung mittels Membrantechnologie. Das abgeschiedene CO₂ soll vorerst als Rohstoff genutzt und verkauft werden (Carbon Capture and Utilisation, CCU).

Im zweiten Teil der Exkursion stellte Cinia Schriber vom CO₂-Kompetenzzentrum der Stiftung ZAR die weiteren Schritte nach der CO₂-Abscheidung vor: die Verflüssigung, der Transport sowie die langfristige geologische Speicherung des CO₂, voraussichtlich in Lagerstätten unter der Nordsee. Diskutiert wurden dabei insbesondere die Herausforderungen entlang der gesamten Transport- und Speicherkette sowie die Frage, wie die dafür anfallenden Kosten finanziert werden können.

offengelegter Bach mit bepflanzter Böschung
In Wädenswil wurde unter anderem eine Bachöffnung umgesetzt.

Klimaschutz und Klimaanpassung sind globale Herausforderungen – doch viele Massnahmen setzen im Kleinen an, in den Gemeinden und Städten.

Die Exkursion «Act local» zeigte am Beispiel von Wädenswil, wie sich auf kommunaler Ebene Klimaschutz und Klimaanpassung gestalten lassen. Die Stadt Wädenswil hat im Masterplan Energie und Klima 2030+ rund 100 Massnahmen definiert, die dazu beitragen sollen, bis spätestens 2050 klimaneutral (Netto-Null) zu werden. Auf der Exkursion führten Golrang Daneshgar, Leiterin Nachhaltigkeit der Stadt Wädenswil, und Bettina Weibel, Mitarbeiterin Raumplanung und Landschaftsentwicklung, die Teilnehmenden zu vier Beispielen aus dem Masterplan.

Die erste Station war der Gratis-Veloverleih «Wädi rollt». Dieser fördert die emissionsfreie Mobilität – und ist gleichzeitig ein Sozialprojekt, weil er Stellen im Zweiten Arbeitsmarkt anbietet. Betrieben wird der Veloverleih vom Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche (HEKS).

An der zweiten Station erhielten die Exkursionsteilnehmenden Einblick in das Fernwärmenetz des Energieverbunds Wädenswil. Aktuell befindet sich das Netz noch im Bau, doch schon bald wird der Energieverbund einen beträchtlichen Teil der Stadt mit Wärme versorgen – und zwar mit Wärme, die aus dem Zürichsee gewonnen wird.

Am dritten Halt konnten die Exkursionsteilnehmenden den Baumweg erleben – dieser führt an 19 bemerkenswerten Bäumen vorbei, wobei bei jedem eine Tafel Informationen vermittelt. Zudem berichteten die Exkursionsleiterinnen vom Baumkataster, in dem Wädenswil alle Bäume auf Stadtgebiet erfasst – und generell von den Bemühungen der Stadt, den Baumbestand nicht nur zu schützen, sondern zu erweitern.

Bei der letzten Station sahen die Teilnehmenden einen Bach, der früher unterirdisch verlief und nun in einem renaturierten Bachbett fliesst.

Die vier Beispiele aus Wädenswil zeigen konkret, welche technischen, ökologischen und gesellschaftlichen Lösung in einer Gemeinde möglich sind, wenn die verschiedenen Akteure zusammenspannen und gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten.

Technikzentrale mit verschiedenen Gerätschaften
Energiezentrale mit Wärmepumpe. Quelle: Sara Keller

Die Exkursion vermittelte den Teilnehmenden einen Einblick in den Energieverbund Thalwil Zentrum sowie Informationen zur neu gestalteten Gotthardstrasse und zum neuen Centralplatz.

Gleich zu Beginn stellte der zuständige und auf den 1. Juli 2026 aus seinem Amt scheidende Gemeinderat Hanspeter Giger in seiner Begrüssung klar, dass ein Vorhaben wie der «Energieverbund Thalwil Zentrum» oder ein «Wärmeverbund Thalwil Süd» nur zu Stande kommt, wenn eine Gemeinde bereit ist, ein «Voraus-Commitment» abzugeben. Thalwil tat dies im Zentrum mit einer proaktiven Konzession sowie dem Verzicht auf Gebühren und hat beim Wärmeverbund Thalwil Süd eine namhafte Vorfinanzierung in die ARA geleistet. So konnten die nötigen Verträge abgeschlossen und der Planungs- und Bauprozess in Gang gesetzt werden. Die Umsetzung des Energieverbunds Thalwil Zentrum dauerte acht Jahre. Die Gemeinde möchte den Wärmeverbund in den nächsten Jahren seeaufwärts weiter ausbauen.

Vertiefende Informationen zum Energieverbund lieferten anschliessend Andreas Uhr, Bruno Hofer und Tim Strebel von Energie 360°. Der Energieverbund hat heute 100 Kunden, in Zukunft sollen es 200 werden. Verlegt wurden 6,3 km Leitungen, der Wärmeabsatz beträgt 5’400 Kilowatt, eingespart werden damit 2’800 Tonnen CO2/Jahr. Rund 90% der gelieferten Wärme wird aus dem See gewonnen. Die Spitzenlast wird mit Biogas befeuerten Heizkesseln abgedeckt, welche sich auf dem Dach der Bank Thalwil befinden.

Im Untergeschoss der Bank Thalwil, wo die Energiezentrale betrieben wird, und in der Pumpzentrale am See erfuhren die Teilnehmenden, wie der Wärmeverbund funktioniert – also wie das Seewasser aufbereitet und via Wärmetauscher und Wärmepumpe in den Energiespeicher und von da in die Fernwärmeleitungen gelangt. Nach seiner «Reise» durch das Energiesystem fliesst das Wasser «frisch gekühlt» in den See zurück.

Den neuen Centralplatz mit seinen Schwammstadtelementen und die wichtigsten Elemente der Sanierung der Gotthardstrasse stellte Gabriel Happle, Leiter Umwelt und Nachhaltigkeit der Gemeinde Thalwil, den Teilnehmenden vor. Mit dem neuen Platz wollte sich die Stadt einen Dorfmittelpunkt schaffen. Der Centralplatz umfasst alle Eigenschaften, die einen gemeinschaftlichen Begegnungsort auszeichnen: Er ist Marktplatz, Bühne und Ort für die Gemeindeversammlung. Zudem bietet der Platz mit Grünbereichen, Brunnen und einem Retentionsbecken Schatten und Kühle im Sommer. Vorgesehen ist, dass sich der neue grosse Baum auf dem Platz zu einem identitätsstiftenden Element entwickelt.

Wiese mit Photovoltaik auf einem Gerüst
Die Agri-PV-Anlage auf dem Campus Grüental.

Im Rahmen der Exkursion wurde die Technologie der Agri-Photovoltaik (Agri-PV) vorgestellt. Dabei werden landwirtschaftliche Flächen gleichzeitig für die Nahrungsmittelproduktion und die Stromerzeugung genutzt. Mareike Jäger, Agronomin und Leiterin der Forschungsgruppe Regenerative Landwirtschaftssysteme an der ZHAW, zeigte das grosse Potenzial dieser Technologie für die Schweiz auf und erläuterte ihren möglichen Beitrag zur zukünftigen Energieversorgung und Versorgungssicherheit.

Agri-PV verbindet die Interessen von Landwirtschaft, Pflanzenproduktion und Energieversorgung. Neben der Stromerzeugung können die Anlagen Kulturen und Tiere vor zunehmender Hitze und Trockenheit schützen und so die Ertragssicherheit verbessern. Landwirtschaftsbetriebe profitieren dadurch nicht nur von zusätzlichen Einnahmemöglichkeiten, sondern auch von positiven Effekten auf die Produktion.

Die Wirtschaftlichkeit hängt jedoch stark von Standort, Anlagentyp und Grösse ab. Deshalb sind weitere Forschung sowie Erprobungsanlagen notwendig, um Praxiserfahrungen zu sammeln und wirtschaftliche Potenziale aufzuzeigen. Für Gemeinden eröffnen sich zudem interessante Perspektiven, etwa durch lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG), die eine gemeinsame Nutzung und Vermarktung von lokal produziertem Strom ermöglichen und damit die Wirtschaftlichkeit dezentraler Energieanlagen stärken können. Das Beispiel hat gezeigt, dass es für eine erfolgreiche Umsetzung die Zusammenarbeit verschiedener Akteure aus Landwirtschaft, Wissenschaft, Politik und Energiewirtschaft braucht.

Kontakt

Baudirektion / Direktion der Justiz und des Innern – Projektteam Klimadialog

E-Mail

klimadialog@zh.ch