«Gemeinden und Gasversorger sollten frühzeitig gemeinsam planen»

Ein grosse offene Baugrube im Niederdorf. Ein Bauarbeiter arbeitet an einer Gasleitung.

Die Hälfte der Zürcher Gemeinden ist an ein Gasnetz angeschlossen, rund 52'500 Gebäude werden damit versorgt. Gas deckt heute rund 23 Prozent des Wärmebedarfs im Kanton, der Absatz ist jedoch rückläufig. Sabine Perch-Nielsen von EBP Schweiz hat untersucht, was das für die Gasnetze bedeutet und weshalb Gemeinden, Versorger und Industriebetriebe ihre Planungen frühzeitig aufeinander abstimmen müssen.

Der Gasabsatz sinkt und grosse Teile der heutigen Verteilnetze dürften künftig nicht mehr benötigt werden. Was bedeutet das für Gebäudeeigentümerinnen und Gebäudeeigentümer, die heute mit Gas heizen?

Sabine Perch-Nielsen: Für die allermeisten besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Es ist aber lohnend, sich rechtzeitig Gedanken zum Heizsystem zu machen. Wenn eine Gasheizung ersetzt werden muss, kommen die Vorgaben im Energiegesetz zum Zug. Die Eigentümerinnen und Eigentümer müssen dann grundsätzlich auf eine erneuerbare Lösung wechseln, meistens fällt die Wahl auf eine Wärmepumpe oder den Anschluss an ein Wärmenetz. Es ist also meist nicht die Stilllegung der Netze, die den Heizungsersatz auslöst. Vielmehr wird es immer weniger Gasheizungen geben, so dass grosse Teile der Netze dereinst nicht mehr benötigt werden.

 

Der Gasabsatz im Kanton Zürich sowie in den Städten Zürich und Winterthur geht kontinuierlich zurück.
Der Gasabsatz im Kanton Zürich sowie in den Städten Zürich und Winterthur geht kontinuierlich zurück. Quelle: AWEL

In den in Ihrem Bericht untersuchten 18 Gemeinden sollen rund 70 Prozent der erfassten Gasgebietsflächen stillgelegt werden. Wie aussagekräftig ist diese Zahl für den gesamten Kanton?

Gemeinden unterscheiden sich in ihrer Ausgangslage erheblich. Eine Gemeinde mit vielen Industriebetrieben hat andere Voraussetzungen als eine Gemeinde, in der Gas hauptsächlich für die Raumwärme genutzt wird. Auch das Alter des Netzes spielt eine Rolle: Gemeinden mit älteren Leitungen stehen stärker unter Druck, sich mit der Zukunft ihres Gasnetzes auseinanderzusetzen, und haben deshalb eher bereits eine Planung gemacht. Bezogen auf den ganzen Kanton Zürich halte ich diese Grössenordnung aber für plausibel – möglicherweise wird langfristig sogar ein noch höherer Anteil stillgelegt.
 

Status der Gasgebiete in den im Bericht untersuchten 18 Gemeinden mit Energieplanung nach kantonalem Geodatenmodell (KGDM).
Fortbestand, Prüfung oder Stilllegung: Vorgesehene Entwicklung der Gasversorgungsgebiete in den 18 im Bericht untersuchten Gemeinden. Quelle: AWEL
Sabine Perch Nielsen trägt eine Brille, einen schwarzen Rollkragenpullover und einen hellbeigen Blazer.
Sabine Perch-Nielsen ist Partnerin und Teamleiterin «Energieeffizienz und Erneuerbare» bei EBP Schweiz AG. Sie hat untersucht, was der rückläufige Gasabsatz für die Gasnetze, die Städte und Gemeinden sowie die Versorger im Kanton Zürich bedeutet. Quelle: EBP Schweiz AG

Wo braucht es denn überhaupt noch ein Gasnetz?

Für die Raumwärme bestehen konkurrenzfähige Alternativen zu Gas. Nur in wenigen Fällen ist der Umstieg technisch schwierig. Anders sieht es bei Teilen der Industrie aus. Am längsten dürfte das Gasnetz deshalb dort benötigt werden, wo Industriebetriebe grössere Mengen Gas für hohe Prozesstemperaturen benötigen.

Eine weitere wichtige Rolle spielt Gas bei der Spitzenlast von Wärmenetzen. Gas ist heute eine sehr günstige Lösung für die wenigen sehr kalten Tage im Jahr, in der es sehr hohe Heizleistungen benötigt. Ein Wärmepumpe ist oft um ein Vielfaches teurer. Grundsätzlich eignet sich jedoch ein leitungsgebunder Energieträger nicht für die Spitzenlastabdeckung, da über das ganze Jahr eine Leistung vorgehalten werden muss, die kaum abgerufen wird. Sind langfristig nur noch wenig Verbraucher am Netz und wird die Anschlussleistung kostendeckend verrechnet, wird eine Gas-Spitzenabdeckung langfristig tendenziell eine teure Lösung.
 

Die Karte aus dem GIS-Browser zeigt das Kantonsgebiet das von einem Netz aus hellgrün eingezeichneten Gasleitungen durchzogen ist.
Weil immer mehr Gasheizungen ersetzt werden, dünnt sich das Gasnetz im Kanton Zürich immer stärker aus. Quelle: Geodatensatz "Gasanlagen" des kantonalen GIS

Warum kann man nicht einfach Erdgas durch Biogas ersetzen und die bestehenden Netze weiter nutzen?

Technisch ist das problemlos möglich, es handelt sich um das gleiche Molekül. Auch beim Heizungsersatz kann man im Kanton Zürich unter bestimmten Voraussetzungen eine Lösung mit einem hohen Biogasanteil wählen. Diese Lösung ist jedoch teuer und wird im Kanton Zürich wenig gewählt, weswegen das Netz in den Wohnquartieren ausgedünnt wird und langfristig nicht aufrechterhalten werden kann.

Es stellt sich aber eine übergeordnete energiepolitische Frage: Biogas ist ein wertvoller und nur begrenzt verfügbarer erneuerbarer Energieträger. Es sollte deshalb vor allem dort eingesetzt werden, wo kaum Alternativen bestehen, also zum Beispiel in der Hochtemperatur-Industrie. Für die Raumwärme stehen mit Wärmepumpen oder Wärmenetzen in der Regel andere Lösungen zur Verfügung.

Was sollte eine Gemeinde als Erstes tun, wenn sie noch nicht geklärt hat, welche Teile ihres Gasnetzes weitergeführt oder stillgelegt werden sollen?

Als Erstes sollte die Gemeinde eine Energieplanung erstellen oder die bestehende aktualisieren. Früher konnte man teilweise noch offenlassen, wie es langfristig mit dem Gasnetz weitergehen soll. Heute müssen die Gemeinden mit der Energieplanung aufzeigen, welche Rolle das Gasnetz künftig noch spielt. Für die Energieplanung soll sie den Gasversorger einbeziehen. 

Apropos Gasversorger, wie gehen diese mit der Entwicklung um?

Die allermeisten gehen das Thema inzwischen proaktiv an, insbesondere seit das kantonale Energiegesetz greift. Der Gasabsatz ist zwar rückläufig, aber ein kalter Winter oder eine gute Auftragslage in der Industrie können den Verbrauch vorübergehend wieder erhöhen.

Aussagekräftiger ist die Kundenzahl: Die Versorger verlieren Jahr für Jahr bestehende Kundinnen und Kunden. Einige haben bereits Zielnetzplanungen erstellt und untersucht, wo sich ein Netz langfristig sinnvoll und wirtschaftlich betreiben lässt. Für Netzabschnitte, die künftig nicht mehr benötigt werden, wird festgelegt, wann und in welchen Etappen sie stillgelegt werden.

Auch finanziell müssen die Gasnetzbetreiber vorausplanen. Bleiben immer weniger Kundinnen und Kunden am Netz, steigen die Kosten für den Rest. Daraus kann eine Abwärtsspirale entstehen: Höhere Tarife führen zu weiteren Ausstiegen und damit erneut zu höheren Kosten. Einige Betreiber prüfen deshalb, wie sich die Tarife bis zur Stilllegung auf einem tragbaren Niveau halten lassen.
 

Ein Gaszähler wird durch eine Fachperson installiert.
Die meisten Gasversorger gehen das Thema Dekarbonisierung proaktiv an, insbesondere seit das kantonale Energiegesetz greift. Quelle: Energie 360°/Luca Rüedi

Gemeinden und Gasversorger müssen die künftige Wärmeversorgung gemeinsam planen. Wer sollte dabei die Federführung übernehmen – und was geschieht, wenn ihre Interessen auseinandergehen?

Grundsätzlich sollte die Gemeinde die Federführung übernehmen, eine Energieplanung erarbeiten und den Gasversorger von Anfang an einbeziehen. Die Konstellationen sind allerdings unterschiedlich: Manchmal ist die Gemeinde selbst Eigentümerin des Versorgers, manchmal wird das Netz von einem eigenständigen Unternehmen betrieben. Konflikte sind in beide Richtungen möglich. Ein Gasversorger kann länger am Netz festhalten wollen, obwohl die Gemeinde ihre Wärmeversorgung rascher erneuerbar gestalten möchte. Umgekehrt kann der Gasversorger aus wirtschaftlichen Gründen früher aussteigen wollen, während die Gemeinde das Gasnetz noch benötigt, bis eine alternative Wärmeversorgung bereitsteht.

Im Kanton Zürich reduziert das Energiegesetz solche Konflikte, weil die Richtung für alle Beteiligten weitgehend klar ist. Das heisst aber nicht, dass die Gemeinde den gesamten Prozess selbst vorantreiben muss. Ist der Gasversorger mit seiner Planung bereits weiter und unterbreitet gute Vorschläge, kann sie auch darauf aufbauen. Entscheidend ist, dass beide Seiten frühzeitig gemeinsam planen.

Wie sollen Gemeinden mit «energetischen Knacknüssen» umgehen – also mit Gebieten, in denen erneuerbare Alternativen zu Gas schwierig umzusetzen sind?

Ich würde zwischen zwei Situationen unterscheiden. Zum einen gibt es einzelne Gebäude oder Gebäudegruppen, bei denen der Umstieg anspruchsvoll ist. Ein Beispiel können kleine geschützte Reiheneinfamilienhäuser sein. Für diese wenigen Fälle wird die Gasversorgung nicht aufrechterhalten. Hier braucht es gute Energiefachleute, Kreativität und manchmal eine gemeinsame Lösung für mehrere Gebäude. Eine Standardlösung gibt es nicht, aber meistens lässt sich eine geeignete Alternative finden.

Anders sieht es aus, wenn ein ganzes Quartier betroffen ist, zum Beispiel ein sehr dicht bebautes oder geschütztes Altstadtgebiet wie das Niederdorf in der Stadt Zürich, das noch länger mit Gas versorgt werden dürfte. Doch nicht jede Altstadt ist automatisch eine energetische Knacknuss. Entscheidend sind die konkreten Voraussetzungen: Sind diese insgesamt sehr anspruchsvoll, können die einzelnen Eigentümerinnen und Eigentümer das Problem oft nicht allein lösen. Hier ist es sinnvoll, dass Städte und Gemeinden die Initiative übernehmen und übergeordnet nach Lösungen suchen. Gas kann dabei eine der Lösungen sein.

Ein Bauarbeiter passt ein Rohr für eine Gasleitung in einer Baugrube an.
In Gebieten, in denen erneuerbare Alternativen zu Gas schwierig umzusetzen sind, sind gute Energiefachleute, Kreativität und manchmal gemeinsame Lösungen für mehrere Gebäude gefragt. Quelle: Energie 360°/Luca Rüedi

Welche Rolle spielt Gas künftig noch in der Industrie?

Im Kanton Zürich benötigt ein grosser Teil der Industrie keine sehr hohen Prozesstemperaturen. So ist beim Energieverbrauch der Zürcher Industrie die Lebensmittelindustrie stark vertreten. Diese braucht typischerweise eher tiefe Prozesstemperaturen, bei welchen Wärmepumpen technisch gut einsetzbar sind. Bei hohen Temperaturen wird die Umstellung jedoch schwieriger und teurer. Rund zwei Drittel der von uns befragten Grossunternehmen halten eine fossilfreie Wärmeversorgung bis 2050 dennoch für realistisch. Das grösste Hindernis ist weniger die technische Machbarkeit als die Wirtschaftlichkeit: Erneuerbare Lösungen sind heute oft noch teurer als Erdgas.

Welche Alternativen gibt es denn?

Die 11 befragten Industrieunternehmen sehen vor allem Strom und Biogas als Alternative, teilweise auch Holz oder möglicherweise künftig Wasserstoff. Welche Lösung sich eignet, hängt vom Produktionsprozess, vom Temperaturniveau und vom Energiebedarf ab. Manche Unternehmen stehen zudem im internationalen Wettbewerb und können höhere Energiekosten nicht ohne Weiteres weitergeben.

Auch der Standort im Netz spielt eine Rolle. Liegt ein Betrieb an einer wichtigen regionalen Gasleitung, dürfte seine Versorgung länger gewährleistet sein. Schwieriger ist die Situation eines Unternehmens, das an den Rändern der kantonalen Gasversorgung liegt. Gasversorger sollten deshalb frühzeitig auf die betroffenen Unternehmen zugehen und sich mit ihnen über die künftige Energieversorgung des Unternehmens austauschen. Diese Informationen müssen in die Zielnetz- und Stilllegungsplanung einfliessen. Gerade für Industriebetriebe kann eine Netzstilllegung erhebliche Folgen haben, weshalb sie mit genügend Vorlauf und persönlich informiert werden sollen.

Bis 2050 schätzen 64 % der befragten Industrieunternehmen eine Dekarbonisierung als realistisch bis sehr realistisch ein.
Bis 2050 schätzen 64 % der elf befragten Industrieunternehmen eine Dekarbonisierung als realistisch bis sehr realistisch ein. Quelle: AWEL

Ist der Kanton Zürich bei der Dekarbonisierung der Wärmeversorgung auf einem guten Weg?

Ja, insbesondere bei der Raumwärme ist der Kanton Zürich auf einem guten Weg. Im Energiegesetz gibt es Vorgaben, die wirken. Deshalb müssen sich alle Gasversorger mit der Zukunft ihrer Netze auseinandersetzen. Die einen tun das früher, die anderen später – aber die Entwicklung ist angestossen und die Transformation wird inzwischen von der Energiebranche umgesetzt. Im Vergleich zu Kantonen mit weniger klaren Vorgaben ist das ein grosser Unterschied.

Optimistisch stimmen mich auch die vielen innovativen Unternehmen und Menschen, die konkrete Lösungen entwickeln und umsetzen. Der Kanton unterstützt solche Vorhaben mit Pilotprojekten und trägt dazu bei, dass neue Technologien erprobt und für andere sichtbar werden.

Natürlich bleibt noch viel zu tun, insbesondere bei der Industrie. Aber wir sehen erste Erfolge und verfügen über viele engagierte Akteurinnen und Akteure, die die Transformation vorantreiben.

Zur Person

Sabine Perch-Nielsen ist Partnerin und Teamleiterin «Energieeffizienz und Erneuerbare» bei EBP Schweiz AG, einem unabhängigen Ingenieur-, Planungs- und Beratungsunternehmen mit Hauptsitz in der Stadt Zürich. Die Umweltnaturwissenschafterin ETH berät mit ihrem Team Gemeinden, Versorger, Kantone und Verbände in Energie- und Klimafragen.

Im Auftrag des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich hat Sabine Perch-Nielsen den Bericht «Dekarbonisierung Industrie und Gasversorgung» erstellt.  

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