Pandemie und Demografie

Die demografischen Auswirkungen der Covid-19-Krise im Kanton Zürich halten sich vorderhand in Grenzen. Die Zahl der Todesfälle ist erst in der zweiten Infektionswelle markant gestiegen. Die internationale Migration war rückläufig, was aber das Bevölkerungswachstum im letzten Jahr kaum beeinflusste.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Covid-Pandemie hat im Kanton Zürich nicht nur zu zahlreichen Krankenhausaufenthalten geführt, auch das gesellschaftliche Leben wurde durch die Massnahmen des Bundes und des Kantons zur Eindämmung des Virus beeinflusst. Diese betrafen fast alle Lebensbereiche: Die Ladenschliessungen wirkten sich auf das Konsumverhalten aus, die Homeoffice-Richtlinien auf die Alltagsmobilität, die Kontaktbeschränkungen und Schulschliessungen auf die soziale Interaktion und die Arbeitsteilung im Haushalt. Zudem haben die Allgegenwärtigkeit der Covid-19-Krise in den Medien und der Rückzug in die Privatsphäre auch Stress und Ängste verursacht. All dies kann demografische Verhaltensmuster temporär wie auch langfristig beeinflussen.

Die unmittelbarste Folge der Pandemie sind natürlich die Todesfälle, die auf das Virus zurückgehen. In Zeiten grosser Unsicherheit werden aber auch lebensprägende Entscheidungen wie eine Heirat, eine Geburt oder ein Umzug tendenziell aufgeschoben – oder man verzichtet gleich ganz darauf. Im Folgenden geht es darum zu zeigen, wie sich die Pandemie in der Zürcher Demografie des Jahres 2020 spiegelt. Anhand der provisorischen Daten der kantonalen Bevölkerungserhebung wird die monatliche Anzahl an ausgewählten demografischen Ereignissen des Kalenderjahres 2020 mit den Maxima und Minima der vorhergehenden fünf Jahre verglichen.

Todesfälle

Markante Übersterblichkeit

Der Einfluss der Pandemie auf die Todesfälle variierte erheblich zwischen den zwei Infektionswellen. Verglichen mit der Bandbreite in den Vorjahren gab es während der ersten Welle von Mitte März bis Mitte Mai keine markant erhöhte Sterblichkeit (nachfolgend als Übersterblichkeit bezeichnet). Der strikte Lockdown scheint gewirkt zu haben.

Sterbefälle im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, über 64-jährige Bevölkerung, Kanton Zürich

Eine markante Übersterblichkeit verzeichnet man nur in der zweiten Infektionswelle, vor allem ausserhalb der Stadt Zürich.
Die rot markierten Prozentwerte beziffern die Extremwerte 2020 relativ zu den Minima und Maxima aus den fünf Vorjahren 2015–2019. Quelle: Statistisches Amt des Kantons Zürich, kantonale Bevölkerungserhebung 2015–2020 Bild «Eine markante Übersterblichkeit verzeichnet man nur in der zweiten Infektionswelle, vor allem ausserhalb der Stadt Zürich.» herunterladen

Die zweite Infektionswelle ab Oktober war intensiver, mit täglich mehr als tausend positiv getesteten Personen (gegenüber maximal 200 in der ersten Welle). Sie wirkte sich dementsprechend auch stärker auf die Zürcher Demografie aus: Im November und Dezember 2020 zeigte sich eine Übersterblichkeit von bis zu 69%, die ausschliesslich über 64-jährige Personen betraf. Damit ist der Kanton Zürich im Vergleich zur Genferseeregion oder zum Tessin noch glimpflich davongekommen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik war dort die Übersterblichkeit bereits in der ersten Welle markant und in der zweiten Welle teilweise grösser als im Kanton Zürich.

Die Übersterblichkeit war in der Stadt Zürich weniger ausgeprägt als im übrigen Kantonsgebiet. Es ist möglich, dass die städtischen Rentnerinnen und Rentner wegen der räumlichen Nähe existenzieller Dienstleistungen und Einkaufsmöglichkeiten länger selbständig wohnen und einen Übertritt ins Alters- oder Pflegeheim (wo das Ansteckungsrisiko höher ist) aufschieben können. Räumliche Unterschiede bei der sozioprofessionellen Struktur in dieser Altersgruppe könnten aber ebenfalls eine Rolle spielen. Es gibt keine markanten Unterschiede in der Übersterblichkeit zwischen den Personen mit einem ausländischen Pass und den Schweizer Bürgern und Bürgerinnen.

Wanderungsverhalten

Weniger internationale Wohnsitzwechsel

Die eingeschränkte Personenmobilität während der Covid-19-Pandemie hat das internationale Wanderungsverhalten kurz- und mittelfristig beeinflusst. Während des ersten Lockdowns hat die Zahl der Zuzüge aus dem Ausland in den Kanton Zürich um bis zu 67% abgenommen. Dieser Rückgang betraf ausschliesslich Personen mit ausländischem Pass. Die Zahl der Zuzüge von Schweizer Staatsangehörigen aus dem Ausland war im März hingegen sogar 55% grösser als in den Vorjahren. Die Schliessung der Staatsgrenzen und die Aussicht auf den Lockdown könnten einige Auslandschweizer dazu bewogen haben, nach Hause zurückzukehren.

Zuzüge aus dem Ausland im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, Kanton Zürich

Nach dem ersten Lockdown sind die Zuzüge aus dem Ausland wieder aufs saisonübliche Niveau angestiegen. Interessanterweise blieb jedoch die Zahl der Wegzüge ins Ausland hinter dem Ausmass der Vorjahre zurück. Viele potenzielle Auswanderer scheinen es bevorzugt zu haben, in dieser unsicheren Zeit vorläufig in der Schweiz zu bleiben. Auch das Risiko, bei einer Wiedereinreise in die Schweiz plötzlich vor geschlossenen Grenzen zu stehen, mag eine Rolle gespielt haben.

Wegzüge ins Ausland im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, Kanton Zürich

Weil die Volumina sowohl bei den Ein- wie bei den Auswanderungen gesunken sind, blieb die Differenz zwischen diesen gegenläufigen Migrationsströmen unverändert. Das Bevölkerungswachstum wurde deshalb unter dem Strich nicht gebremst. Als eines der wichtigsten Einwanderungsziele in der Schweiz verzeichnete der Kanton Zürich bei den Zuzügen eine grössere Einbusse als andere Gebiete. Gemäss dem Staatssekretariat für Migration waren landesweit nur die Wegzüge rückläufig. Anders als im Kanton Zürich fiel deshalb der Nettogewinn der internationalen Migrationsströme höher aus als in den Vorjahren, was das Bevölkerungswachstum verstärkte.

Etwas weniger Zuzüge aus anderen Kantonen

Die Wohnortswechsel aus der übrigen Schweiz in den Kanton Zürich waren nur im April leicht rückläufig verglichen mit den Vorjahren. Dieses Defizit war ausgeprägter in der Stadt Zürich als im übrigen Kantonsgebiet.

Zuzüge aus der übrigen Schweiz im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, Kanton Zürich

Die Anzahl Zuzüge aus der übrigen Schweiz waren nur im April 2020 leicht rückläufig.
Quelle: Statistisches Amt des Kantons Zürich, kantonale Bevölkerungserhebung 2015–2020 Bild «Die Anzahl Zuzüge aus der übrigen Schweiz waren nur im April 2020 leicht rückläufig.» herunterladen

Die Covid-19-Pandemie hatte jedoch keinen negativen Einfluss auf den entgegengesetzten Migrationsstrom, jenen aus dem Kanton Zürich in die übrige Schweiz. Verglichen mit den Vorjahren zogen ab dem Frühsommer sogar etwas mehr Personen in die übrige Schweiz weg – vor allem aus der Stadt Zürich. Die Pandemie hat demnach die langfristige Tendenz der Zürcher Stadtbevölkerung, in jenseits der Kantonsgrenze gelegene Randgebiete der Agglomeration wegzuziehen, nicht verändert. Die Homeoffice-Zeit könnte den Wunsch nach mehr Wohnraum und Natur allenfalls kurzfristig intensiviert haben.

Wegzüge in die übrige Schweiz im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, Kanton Zürich

Die Anzahl Wegzüge sind leicht über den üblichen Niveaus, vor allem seit Mai 2020.
Quelle: Statistisches Amt des Kantons Zürich, kantonale Bevölkerungserhebung 2015–2020 Bild «Die Anzahl Wegzüge sind leicht über den üblichen Niveaus, vor allem seit Mai 2020.» herunterladen

Beziehungen

Kurzfristig weniger Heiraten und Scheidungen

Nur sehr kurzfristig hat die Covid-19-Pandemie das Heiratsverhalten der Zürcher Bevölkerung beeinflusst. Das Verbot von Familienfesten erklärt wohl, dass die Zahl der Ziviltrauungen während des ersten Lockdowns um bis zu 40% abgenommen hat, wiederum verglichen mit den Vorjahren. Der Einbruch war stärker ausgeprägt in der Stadt Zürich als im übrigen Kantonsgebiet sowie unter Personen mit ausländischem Pass. Die Reisebeschränkungen und Quarantänemassnahmen haben vor allem die Besuche von ausländischen Familienangehörigen kompliziert. Obwohl die Einwohner der Stadt Zürich im Schnitt jünger sind als die Bevölkerung im übrigen Kantonsgebiet, vermögen die Unterschiede bei der Altersstruktur dieses räumliche Muster nicht ganz zu erklären.

Ziviltrauungen im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, Kanton Zürich

Obwohl Lockdowns und Homeoffice-Regelungen Spannungen im Haushalt verursachen können, nahm die Zahl der Scheidungen nicht zu. Im Mai war sogar das Gegenteil der Fall: Verglichen mit den Vorjahren ist die Zahl der Scheidungen um 32% zurückgegangen. Da strittige Eheauflösungen in der Regel weit mehr als sechs Monate dauern, dürften sich allfällige Covid-Effekte im Scheidungsverhalten wohl erst 2021 manifestieren.

Scheidungen im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, Kanton Zürich

Ausser einem leichten Einbruch im Mai 2020, lag die Anzahl Scheidungen in der üblichen Bandbreite.
Quelle: Statistisches Amt des Kantons Zürich, kantonale Bevölkerungserhebung 2015–2020 Bild «Ausser einem leichten Einbruch im Mai 2020, lag die Anzahl Scheidungen in der üblichen Bandbreite.» herunterladen

Geburten

«Baby Bust» bleibt vorerst aus

Die Einschränkung der Aktivitätsradien und die fehlenden Freizeitmöglichkeiten bedeuten für viele Menschen einen Rückzug in die Privatsphäre: Auch Paare verbrachten während der Covid-Krise mehr Zeit zusammen, was bestehende Konflikte verschärfen, aber auch die emotionale Bindung verstärken kann – und damit möglicherweise das Sexualverhalten beeinflusst. Dies könnte mit neun Monaten Verzögerung zu einem Babyboom führen. Die krisenbedingte Unsicherheit sowie die zeitweise Schliessung der Kinderbetreuungsangebote während des ersten Lockdowns könnten sich aber auch gegenteilig auswirken, so dass eigentlich geplante Geburten aufgeschoben werden. Resultat wäre ein temporärer «Baby Bust». So heisst im Fachjargon das plötzliche Einbrechen der Geburtenziffer.

Geburten im Jahr 2020

Monatliche Anzahl im Vergleich mit den Vorjahren, Kanton Zürich

Die Anzahl Geburten 2020 lag in der üblichen Bandbreite.
Quelle: Statistisches Amt des Kantons Zürich, kantonale Bevölkerungserhebung 2015–2020 Bild «Die Anzahl Geburten 2020 lag in der üblichen Bandbreite.» herunterladen

Die bislang vorliegenden Daten zeigen allerdings weder Anzeichen für das eine noch für das andere: Im Dezember, dem ersten Monat, in dem krisenbedingte Veränderungen des Fertilitätsverhaltens hätten sichtbar werden können, lag die Zahl der Geburten innerhalb der Bandbreite der Vorjahre. Ob sich der weitere Verlauf der Krise doch noch auf die Geburtenzahl auswirkt, wird sich erst im laufenden Jahr zeigen.

Fazit

Gemäss den provisorischen Daten der kantonalen Bevölkerungserhebung halten sich die Auswirkungen der Pandemie auf die Demografie des Kantons Zürich vorderhand in Grenzen. Neben der markanten Übersterblichkeit in der zweiten Welle hat die Covid-19-Krise auch das internationale Wanderungsverhalten beeinflusst. Dies hat sich jedoch kaum auf das Bevölkerungswachstum ausgewirkt. Die Pandemie ist allerdings noch nicht zu Ende – ein definitives und umfassendes Bild ihrer demografischen Konsequenzen für den Kanton Zürich kann also erst in Zukunft gezeichnet werden.

Ansprechperson

Dr. Mathias Lerch

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Bevölkerung und Soziales

mathias.lerch@statistik.ji.zh.ch
+41 43 259 75 14

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