Flucht aus der Stadt oder Mangel an Wohnraum?

Im Zusammenhang mit Corona wurde immer wieder die These einer pandemiebedingten Stadtflucht diskutiert. Für die Stadt Zürich lässt sich jedoch keine übermässige Abwanderung feststellen. Ausserdem zieht ein Grossteil der Wegwandernden in stadtnahe Agglomerationsgebiete mit suburbanem Charakter. Dies lässt sich mitunter damit erklären, dass das Angebot an neuem Wohnraum dort zeitweise stärker wächst als in der Stadt.

Inhaltsverzeichnis

Im ersten Jahr der Corona-Pandemie stagnierte die Bevölkerungszahl der Stadt Zürich. Dies liess vermuten, dass die Pandemie die Wohnpräferenzen vieler Menschen verändert und somit zu einer Stadtflucht geführt hat. Auf dem Land finden sich vermeintlich attraktivere Wohnbedingungen, die Wohnkosten sind geringer, und auch die Berufstätigkeit ist dank Homeoffice und Online-Meetings für viele einfacher mit dem Landleben vereinbar geworden.

Doch hat die Stadt als Wohnort tatsächlich an Attraktivität verloren? Ein kürzlich erschienener Bericht des Statistischen Amts legt nahe, dass die These der pandemiebedingten Stadtflucht zu hinterfragen ist: Die stagnierende Bevölkerungszahl der Stadt Zürich könnte auch eine Folge der nachlassenden Neubautätigkeit in der Stadt sein. Die Stadt wäre demnach nicht unattraktiver geworden, sondern bietet schlicht zu wenig neuen Wohnraum.

Der vorliegende Beitrag greift diesen Gedanken auf und untersucht für den Zeitraum 2011 bis 2020 das Abwanderungsgeschehen in der Stadt Zürich und die Neubautätigkeit in den übrigen Zürcher Regionen. Als Datenquelle dienen dabei die Statistik der Bevölkerung und der Haushalte (STATPOP) und das kantonale Gebäude- und Wohnungsregister (GWR).

Abwanderung aus der Stadt nicht merklich erhöht

Im vergangenen Jahrzehnt sind tatsächlich immer mehr Menschen aus der Stadt Zürich weggezogen. Mit Ausnahme eines kurzfristigen Rückgangs im Jahr 2017 ist die Zahl der Wegzüge seit 2013 kontinuierlich gestiegen. Dieser Trend hat sich im Jahr 2020 etwas abgeschwächt – was der These einer pandemiebedingten Stadtflucht widerspricht.

Die zunehmende Zahl der Wegzüge aus der Stadt ist jedoch trügerisch, denn die Bevölkerung der Stadt Zürich ist seit 2011 deutlich gewachsen. Bezieht man die jährlichen Wegzüge auf die gesamte Stadtbevölkerung, ist der prozentuale Anteil der Abwanderungen im Untersuchungszeitraum recht stabil geblieben. Er schwankt zwischen 7.0 und 7.5 Prozent.

Betrachtet man jedoch nur die letzten vier Jahre, lässt sich sowohl bei den absoluten als auch bei den prozentualen Abwanderungszahlen aus der Stadt Zürich ein leichter Aufwärtstrend feststellen. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass im ersten Corona-Jahr die Zuzüge in die Stadt Zürich stark zurückgegangen sind (hier nicht dargestellt).

Abwanderungen aus der Stadt Zürich

2011–2020  

Stadtnahe Regionen sind beliebt

Wohin zieht es die Personen, die der Stadt Zürich den Rücken kehren? In den letzten zehn Jahren verblieb fast die Hälfte der Wegwandernden im Kanton Zürich, etwa ein Drittel wanderte ins Ausland ab und nur ein Fünftel zog in andere Kantone der Schweiz. Allerdings gewinnt der übrige Kanton Zürich seit der Zunahme der städtischen Abwanderung im Jahr 2017 spürbar an Attraktivität. Dagegen wandern deutlich weniger Personen ins Ausland ab. Die Mehrheit der Abwandernden sucht also weiterhin die Nähe zur Stadt Zürich.  

Zielgebiete bei Abwanderungen aus der Stadt Zürich

2011–2020  

Dieses Bild wird noch deutlicher, wenn man genauer betrachtet, in welche Regionen jene Personen ziehen, die aus der Stadt in den Kanton abwandern. Besonders beliebt sind die stadtnahen Regionen: das Glattal, das Limmattal, der Zimmerberg und der Pfannenstiel. Zwischen 2011 und 2020 nahmen diese Regionen mehr als zwei Drittel der Wanderströme aus der Stadt in den übrigen Kanton auf.

Das Glattal zieht mit einem Anteil von durchschnittlich 24 Prozent die meisten Menschen an. Am anderen Ende steht das Weinland, das weniger als ein Prozent der Wanderungen von der Stadt in den Kanton aufnimmt. Die anderen Regionen liegen dazwischen. Sieht man von kleineren Verschiebungen ab, sind diese Verhältnisse in den vergangen zehn Jahren recht stabil geblieben.  

Zielregionen bei innerkantonalen Abwanderungen aus der Stadt Zürich

2011–2020

Allerdings unterscheiden sich die Regionen in ihrer Bevölkerungszahl und in ihrem generellen Zuwanderungsvolumen stark voneinander. Aus der Perspektive der Regionen stellt sich die Zuwanderung aus der Stadt Zürich daher etwas anders dar. Betrachtet man für jede Region den prozentualen Anteil der Zuzüge aus der Stadt Zürich an der Gesamtzuwanderung, so weisen nicht nur das Limmattal, das Glattal, der Zimmerberg und der Pfannenstiel Werte über 20 Prozent auf, sondern auch das Furttal.

Somit hat die städtische Zuwanderung in fünf von sechs Regionen, die direkt an das Stadtgebiet angrenzen, ein besonderes Gewicht. Die geringste Rolle spielt die Stadt Zürich wiederum im Weinland, wo weniger als fünf Prozent der Zuwanderung aus der Stadt Zürich kommt. Seit 2018 (teilweise schon 2017) nimmt die Bedeutung der Stadt als Herkunftsort jedoch in fast allen Regionen zu, am stärksten im Furttal, im Limmattal und am Pfannenstiel.  

Anteil der Stadt Zürich an der Gesamtzuwanderung in den Regionen

2011–2020  

Viele Neubauten in Stadtnähe

Zusammen nehmen die fünf genannten stadtnahen Regionen – Furttal, Glattal, Limmattal, Zimmerberg und Pfannenstiel – jährlich ein Drittel der gesamten Abwanderung aus der Stadt Zürich auf. Diese Regionen haben grösstenteils einen suburbanen Charakter, sind also bereits dicht bebaut und schliessen meist nahtlos an das Siedlungsgebiet der Stadt an. Von einer eigentlichen Flucht von der Stadt aufs idyllische Land kann also kaum die Rede sein.

Wichtiger ist wohl vielmehr, dass gerade in den stadtnahen Regionen in den letzten Jahren viel neuer Wohnraum entstanden ist. Nach einem regelrechten Bauboom in den Jahren 2015 bis 2018 ist die Neubautätigkeit in der Stadt Zürich 2019 und 2020 eingebrochen. Gleichzeitig wurde in vielen anderen Regionen des Kantons überdurchschnittlich viel gebaut, besonders im Limmattal, im Glattal und im Unterland. Aber auch vor 2019 wurde in den Regionen zeitweise intensiver gebaut als in der Stadt.

Neubautätigkeit in den Zürcher Regionen

2011–2020

Liniendiagramm, das für jede Zürcher Region die Anzahl der neu erstellten Wohnungen im Zeitverlauf und im Vergleich mit der Stadt Zürich darstellt. Im Jahr 2019 und 2020 wurde vor allem im Limmattal, Glattal und Unterland intensiver gebaut als in der Stadt.
Grafik: Statistisches Amt des Kantons Zürich; Quelle: GWR.
Lesehilfe: Im Jahr 2011 lag die Zahl der neu erstellten Wohnungen im Furttal um etwa eine Standardabweichung über dem regionalen Mittelwert. Gleichzeitig lag die Zahl der neu erstellten Wohnungen in der Stadt Zürich knapp unterhalb des städtischen Mittelwerts.
Bild «Liniendiagramm, das für jede Zürcher Region die Anzahl der neu erstellten Wohnungen im Zeitverlauf und im Vergleich mit der Stadt Zürich darstellt. Im Jahr 2019 und 2020 wurde vor allem im Limmattal, Glattal und Unterland intensiver gebaut als in der Stadt. » herunterladen

Neubauten sorgen für Zuzüge aus der Stadt

Ziehen also gerade dann mehr Menschen von der Stadt in die übrigen Zürcher Regionen, wenn ausserhalb der Stadt intensiver gebaut wird als innerhalb? Diese Vermutung scheint sich für viele Regionen zu bewahrheiten. Im Furttal, im Glattal, im Limmattal, im Unterland, im Raum Winterthur und im Oberland ist die städtische Zuwanderung dann überdurchschnittlich, wenn die Neubautätigkeit – relativ gesehen – stärker ausgeprägt ist als in der Stadt. Wenn hingegen in der Stadt intensiver gebaut wird, ist die Abwanderung in diese Regionen unterdurchschnittlich.  

Dieser Zusammenhang ist in den restlichen Zürcher Regionen nur schwach oder gar nicht zu erkennen. Zieht man zusätzlich in Betracht, dass die Wanderungsraten von der Stadt in Richtung Winterthur und Oberland relativ gering sind, sind es vor allem die stadtnahen Gebiete nördlich, westlich und östlich der Stadt Zürich, in denen eine Steigerung der Neubautätigkeit mit einer erhöhten Zuwanderung aus der Stadt einhergeht.

Zuwanderung aus der Stadt Zürich und Neubautätigkeit in den Zürcher Regionen

2011–2020

Balkendiagramm, das für jede Zürcher Region die Zuwanderung aus der Stadt Zürich darstellt, getrennt für Zeitpunkte in denen in den Regionen mehr oder weniger neu gebaut wird als in der Stadt. Bei intensiverer Neubautätigkeit steigt die Zuwanderung vor allem im Limmattal, Furttal, Glattal, Unterland und Oberland.
Grafik: Statistisches Amt des Kantons Zürich; Quelle: STATPOP und GWR.
Lesehilfe: Wenn die Neubautätigkeit in der Region Furttal intensiver ist als in der Stadt Zürich (d.h. R>S), dann liegt die Zahl der Zuwandernden aus der Stadt Zürich (rote Säule) durchschnittlich 0.5 Standardabweichungen über dem regionalen Mittelwert (über alle Jahre). Wenn die Neubautätigkeit im Furttal hingegen weniger intensiv ist als in der Stadt Zürich (d.h. R<S), dann liegt die Zahl der Zuwandernden aus der Stadt Zürich (rote Säule) fast 0.8 Standardabweichungen unter dem regionalen Mittelwert.
   
Bild «Balkendiagramm, das für jede Zürcher Region die Zuwanderung aus der Stadt Zürich darstellt, getrennt für Zeitpunkte in denen in den Regionen mehr oder weniger neu gebaut wird als in der Stadt. Bei intensiverer Neubautätigkeit steigt die Zuwanderung vor allem im Limmattal, Furttal, Glattal, Unterland und Oberland. » herunterladen

Fazit

Die These einer pandemiebedingten Stadtflucht lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht bestätigen. Die Abwanderungsrate aus der Stadt Zürich nimmt seit 2017 zwar etwas zu, übersteigt die Höchstwerte der letzten Dekade aber kaum. Ausserdem schwächt sich der Trend gerade im Pandemiejahr 2020 leicht ab. Darüber hinaus sucht ein Grossteil der Wegwandernden nach wie vor zentrumsnahe Wohnorte und zieht in die suburbanen Gebiete, die direkt an die Stadt angrenzen.

Da sich diese Gebiete in ihrem Charakter kaum von den Aussenquartieren der Stadt unterscheiden, dürfte es eher selten eine Vorliebe für das Landleben sein, welche die Abwanderung aus der Stadt Zürich motiviert. Stattdessen lässt sich zeigen, dass die Suche nach Wohnraum eine zentrale Rolle spielt. Wenn im Furttal, Glattal, Limmattal oder im Unterland die Neubautätigkeit intensiver ist als in der Stadt, nimmt auch die Zuwanderung aus der Stadt deutlich zu. Eine urbane Umgebung ist als Wohnort also weiterhin attraktiv, selbst wenn in der Kernstadt der Wohnraum knapp ist.  

Ansprechperson

Sebastian Weingartner

Wiss. Mitarbeiter Statistisches Amt

sebastian.weingartner@statistik.ji.zh.ch
+41 43 259 75 14

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