Ein Blick in die Hinterhöfe von Vitudurum

Die neuste Publikation der Kantonsarchäologie stellt das römische Vitudurum ins Zentrum. Die Kleinstadt im heutigen Oberwinterthur bot ihren Bewohnerinnen und Bewohnern manche Annehmlichkeit: eine verkehrsgünstige Lage, grosse, sonnige Hinterhöfe mit Platz für Gärten und Ställe sowie Schuster, Bäcker und Schmied gleich um die Ecke. Trinkwasserbrunnen und der Anschluss an die Kanalisation erleichterten den Alltag und auf Delikatessen aus der Heimat mussten sie auch nicht verzichten.

Inhaltsverzeichnis

Zwischen 1991 und 2009 untersuchten Archäologinnen in Oberwinterthur eine Fläche von gegen 5000 m2. Sie stiessen dabei auf zahlreiche Spuren der römischen Kleinstadt Vitudurum. Jahrelang werteten sie Reste von Gebäuden, Strassen und weiteren Infrastrukturanlagen im sogenannten Nordquartier aus, einem Areal nördlich der antiken Hauptstrasse. Nun liegen die Resultate ihrer Forschungen in einer zweibändigen wissenschaftlichen Publikation der Kantonsarchäologie vor.

Eine Siedlung nach Plan

Etwa im Jahr 4 v.Chr. wurde Vitudurum gegründet. Spuren älterer Häuser fehlen, die Römer bauten die Kleinstadt «auf der grünen Wiese». Mediterrane Importe wie Oliven und Feigen verraten die Herkunft der ersten Siedler. Sie folgten einer festen Bauordnung und behielten diese bis zum Ende der Ortschaft nach 300 n.Chr. bei. Dies belegen feste Parzellengrenzen und immer wieder an gleicher Stelle erneuerte Infrastrukturanlagen wie Drainagen, Wasserkanäle und Gräben. Dieser Raster blieb auch nach Bränden bestehen, die mehrmals grössere Teile der Siedlung verwüsteten. Ein Feuer, das wohl im Zusammenhang mit politischen Unruhen im späten 3. Jahrhundert zu sehen ist, führte zur endgültigen Zerstörung des Quartiers.

Vielfältiges Leben im Hinterhof

Die Wohnhäuser waren entlang der Hauptstrasse aufgereiht, hinter ihnen lagen streifenförmige, etwa 90 m lange dazugehörige Grundstücke. Auf diesen Bereich richtete sich der Blick der Archäologinnen. Einerseits nutzten die Bewohnerinnen und Bewohner diese Flächen als Nutzgärten. Nachgewiesen sind Hirse, Hafer, Gerste und Weizen, aber auch Dill, Koriander und Mangold. Andererseits hielten sie Kleinvieh, wie die Überreste von Ställen und Misthaufen zeigen.

Im Hinterhof wurde auch gearbeitet und zwar je nach Parzelle in unterschiedlichen Berufen. Besonders eindrücklich ist ein grosses Backhaus mit einem Ofen aus Lehm. Dreschplätze, Getreidespeicher, eine Darre zum Räuchern von Fleisch oder Dörren von Getreide gehören ebenfalls zum Lebensmittel verarbeitenden Gewerbe. Weitere Güter des täglichen Bedarfs stellten ein Schuster und ein Sattler, ein Eisenschmied, ein Bronzegiesser und ein Knochenschnitzer her. Sie hinterliessen eine Unmenge von Rohstoffen, Halbfabrikaten und Abfällen – eine wahre Fundgrube für die Archäologinnen.

Aus Holz gebaut

Herausragendes Merkmal des Nordquartiers ist die ausgezeichnete Erhaltung römischer Hölzer. Sie ist dem feuchten Boden am Fuss des Lindbergs zu verdanken. Die Häuser bestanden vorwiegend aus Holz, wobei sich eine Abfolge vom Pfosten- und Ständerbau zur Fachwerkkonstruktion feststellen lässt. Die Dächer waren mit hölzernen Schindeln gedeckt, mit verheerenden Folgen beim Ausbruch eines Feuers. Ein ausgeklügeltes System von hölzernen Kanälen führte das Schmutzwasser von den ebenfalls mit Holz ausgekleideten Latrinen in den Hinterhöfen weg. Ein grosses Weinfass aus Eichenholz fand als Brunnen zum Sammeln von Regenwasser eine zweite Verwendung. In einem ebenfalls aus Eiche perfekt gezimmerten Becken mit zwei Kammern sammelte man Dachwasser und Grundwasser. Welchem Handwerk diese aufwändig hergestellte Anlage diente, ist allerdings nicht bekannt.

Viel Beachtung fanden die kleinen, feinen Dinge aus Holz. Auf einem Schreibtäfelchen liessen sich im Röntgenbild Reste eines Textes entziffern, vermutlich ein «Frachtbrief» zu importierten Früchten oder Wein. Eine geschnitzte Sandale und ein paar Schuhleisten zählen sicher zu den bemerkenswertesten Funden aus dem Nordquartier.

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Vitudurum 12: Baubefunde im Nordquartier des Vicus. Ein Blick in die Hinterhöfe

Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 56 (Zürich/Egg 2022)
Autorinnen: Verena Jauch, Rosanna Janke, Ines Winet
2 Bände mit Begleitmappe im Schuber
776 Seiten, 835 Abbildungen, 34 Tafeln
Preis Fr. 170.–, bei Eintreffen der Bestellung bis 31.12.2022 nur Fr. 120.–

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