Wie aus einer Kirche das erste Zürcher Stadttheater wurde: Ausgrabungen der Kantonsarchäologie im Zürcher Obergericht
Medienmitteilung 22.10.2008
In den nächsten Jahren wird das Zürcher Obergericht um- und ausgebaut. Bevor die Bauarbeiten beginnen, führt die Kantonsarchäologie Zürich Bauuntersuchungen und Ausgrabungen durch. Bisher fanden die Archäologen Reste des Zürcher Franziskanerklosters, mittelalterliche Gräber und die Heizanlage des ersten Stadttheaters. Die Grabung kann am 25. Oktober an einem «Tag des offenen Bodens» besichtigt werden.
Hinter dem Zürcher Obergericht führt die Kantonsarchäologie Rettungsgrabungen durch. Mit den Ausgrabungen sollen zahlreiche Spuren, die sich über die Jahrhunderte im Boden angesammelt haben, gerettet werden. Die Grabungen geben den Archäologen die Gelegenheit, die bewegende Geschichte des ehemaligen Franziskanerklosters aufzuzeigen und zu dokumentieren. Bisher wurden die Fundamentmauern der mittelalterlichen Klosterkirche und Gräber gefunden. Aber auch der spätere Umbau der Kirche zum ersten Zürcher Stadttheater hinterliess Spuren: So stiessen die Archäologinnen und Archäologen auf eine gigantische Heizanlage, die den Theaterraum ausreichend mit Wärme versorgen musste. Die Kantonsarchäologie lädt die Bevölkerung am Samstag, 25. Oktober, von 10 bis 16 Uhr zum «Tag des offenen Bodens ein». Gezeigt werden Funde und Befunde aus der Zeit des Franziskanerklosters und des ersten Stadttheaters.
Archäologie im Obergericht: ein Blick auf 750 Jahre Zürcher Geschichte
Das heutige Obergericht steht auf den Grundmauern des Zürcher Franziskanerklosters, das um 1240 gegründet und erbaut wurde. Die fast 600 Quadratmeter messende Ausgrabungsfläche liegt im Bereich der ehemaligen Klosterkirche, einer grossen Pfeilerbasilika von rund 66 Meter Länge und 22 Meter Breite. Von dieser Kirche sind die Ostwand, die Fundamentmauern und zwei Pfeilerfundamente sichtbar. Der Kirchenboden ist zwar nicht mehr erhalten, doch stiessen die Archäologen auf die Überreste von Gräbern. Es dürfte sich dabei um die Grabstätten von Adligen handeln, die nach mittelalterlichem Brauch in Kirchen beigesetzt wurden.
Bei ersten Sondierungen stiess man bereits 2006 auf Gräber und die Sakristei des Klosters. Ausserdem entdeckte man damals den Kapitelsaal, der wohl zusammen mit dem prachtvollen, noch heute bestehenden gotischen Kreuzgang im 14. Jahrhundert an die Kirche angebaut wurde. Im Hof des Kreuzgangs soll 1336 die Brunsche Zunftrevolution beschworen worden sein. Die Franziskaner waren bei der Stadtbevölkerung beliebt und so kam das Kloster schon bald zu grossem Ansehen und Reichtum.
Die Reformation setzte dem blühenden Kloster ein jähes Ende: 1524 wurden die Klosterpforten geschlossen. Die Gebäude der Klosteranlage dienten fortan dem sogenannten Obmannamt, das die verstaatlichten Güter der ehemaligen Bettelordensklöster (Franziskaner und Dominikaner) verwaltete. Die Kirche wurde umgebaut und als einfacher Kornspeicher genutzt.
Das erste Zürcher Opernhaus
Im 19. Jahrhundert wurde die ehemalige Klosterkirche an eine Aktiengesellschaft veräussert. Diese richtete in der Kirche das erste Zürcher Stadttheater, den Vorgänger des heutigen Opernhauses, ein. Das sogenannte Aktientheater bot für rund 800 Personen Platz und wurde am 10. November 1834 mit Mozarts Zauberflöte feierlich eröffnet. Unter der Direktion von Charlotte Birch-Pfeiffer (1837–1843) erlebte das Aktientheater eine erste Glanzzeit. Auch
Richard Wagner wirkte hier während seiner Zürcher Jahre mit grossem Erfolg.
Das Aktientheater hinterliess ebenfalls Spuren im Boden. Bei den Ausgrabungen kam überraschend eine gigantische Heizanlage zum Vorschein, die den Zuschauerraum ausreichend mit Wärme versorgen musste. Diese «Zentralheizung» entsprach damals den neuesten technischen Erkenntnissen. Mit einer zweiten, kleineren Heizanlage wurde die Bühne beheizt; auch sie blieb, nebst verschiedenen Einbauten für Bühneninstallationen, im Boden erhalten. Gemäss einer Instruktion der Theaterdirektion war während der Heizperioden ein Bühnenarbeiter zum Tageslohn von Franken 2.80 ausschliesslich für die Beheizung des Theaters zuständig.
In der Neujahrsnacht 1890 kam es während einer Vorstellung durch eine defekte Gaslampe zu einem Grossbrand. Zum Glück kamen keine Personen zu Schaden, die einstige Zürcher Franziskanerkirche war jedoch nicht mehr zu retten. Das vollständig ausgebrannte Gebäude musste in den folgenden Monaten bis auf die Grundmauern abgerissen werden. Vom Theaterbrand zeugen zahlreiche Fundgegenstände: verbrannte Lampenfassungen, Eisenbleche der Heizanlage, verkohlte Stoff- und Lederreste von Sitzpolstern und Vorhängen und vieles mehr.
Daten zur Geschichte
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| um 1240 | Gründung des Zürcher Franziskanerklosters (auch Barfüsser genannt) |
| 1524 | Aufhebung des Klosters im Zuge der Reformation |
| 1532 | Nutzung der ehemaligen Klosteranlage für das Obmannamt |
| 1807 | Anbau eines Casinos für Musik- und Tanzveranstaltungen |
| 1832 | Bau des Aktientheaters |
| 1834 | Aufhebung des Obmannamts und Einzug des kantonalen Gerichts |
| 1874 | Ausbau des Casinos zum Hauptgebäude des Obergerichts |
| 1890 | Theaterbrand |
Die Franziskanerkirche um 1830 nach Franz Hegi. Blick von der Unteren Zäune gegen das Kloster.
Das Innere der Franziskanerkirche um 1830 nach Franz Hegi.
Das ehemalige Franziskanerkloster nach der Reformation. Ausschnitt aus der Stadt-ansicht von Jos Murer um 1576.
Das Aktientheater nach 1834. Die Fenster und der Anbau mit dem Eingang wurden beim Bau des Theaters angebracht. Aquarell.
Bestuhlungsplan des Aktientheaters um 1880.
Blick in den Heizkesselraum der Heizanlage des Aktientheaters.
Dokumentationsarbeiten durch die Kantonsarchäologie Zürich: Zeichnen einer Grube im Norden der Kirche.
Freilegungsarbeiten durch das Ausgrabungsteam der Kantonsarchäologie Zürich: Entfernen von Schichten im Innenbereich der Kirche. Rechts im Bild das Fundament der nördlichen Kirchenmauer.
(Medienmitteilung der Baudirektion)
Hinweis
Diese Meldung ist vor 2018 erschienen. Gegenüber der ursprünglichen Fassung sind alle Bilder, Links und Downloads entfernt worden. Dies beim Wechsel zum neuen kantonalen Webauftritt 2020.
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