Literargymnasium und Realgymnasium Rämibühl, Zürich: Selbstevaluation des Ausbildungsganges mit Doppelabschluss «Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate (IB)»

Inhaltsverzeichnis

Beschluss Bildungsrat
2007 / 17
Sitzungsdatum
12. März 2007

Ausgangslage

Mit Beschluss vom 3. Dezember 2002 erlaubte der Bildungsrat dem Literar- und Realgymnasium Rämibühl, das gemeinsame Projekt – den Ausbildungsgang mit Doppelabschluss «Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate (IB)» - im Sinne eines Versuches durchzuführen. Der Bildungsrat verband die Bewilligung mit der Auflage, der Versuch sei nach dem ersten Abschluss - Sommer 2006 - im Rahmen einer Selbstevaluation auszuwerten und der Bildungsrat sei alsdann über die Ergebnisse mit einem entsprechenden Bilanzierungsbericht zu orientieren.

Das Literargymnasium und das Realgymnasium Rämibühl bieten im Rahmen dieses Versuchs seit Schuljahr 2002/03 einen vierjährigen Bildungsgang an, der gleichzeitig zur eidgenössisch und kantonal anerkannten zweisprachigen Maturität und zum Internationalen Baccalaureate (IB) führt. Die beiden Gymnasien sind schweizweit (inkl. der privaten Schulen) die einzigen Mittelschulen, die einen solchen Doppelabschluss anbieten. Der IB-Diplomlehrgang ist ein zweijähriges Programm für die Oberstufe von Mittelschulen. Am Literargymnasium und Realgymnasium Rämibühl wird er im Rahmen des zweisprachigen vierjährigen Ausbildungsganges in beiden Profilen (alt- und neusprachlich) angeboten. D.h., die Schülerinnen und Schüler, welche ab Schuljahr 2002/03 den zweisprachigen Maturitätslehrgang (Deutsch/Englisch) besuchten, konnten ab Schuljahr 2004/05 zusätzlich das Ausbildungsprogramm nach IB absolvieren.

Grundzüge des Doppelabschlusses «Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate (IB)

Ab dritter Klasse der Oberstufe werden über die ganzen vier Jahre bis zur Matur die Fächer Mathematik, Biologie und Geographie oder Geschichte immersiv unterrichtet. Insgesamt erhalten auf diese Weise die Schülerinnen und Schüler (zusätzlich zum «normalen» Englischunterricht) ca. 1300 Lektionen in englischer Sprache. Zum IB-Lehrgang gehören:

  • sechs Fächer: Muttersprache (Deutsch), Fremdsprache (Englisch), Mathematik, Naturwissenschaft (Biologie), Geistes- und Sozialwissenschaft (Geographie oder Geschichte) und ein Fach aus einer beliebigen Disziplin (Französisch oder Italienisch oder Latein). Mindestens drei der Fächer müssen auf dem sog. «Higher Level» (HL) abgeschlossen werden, die übrigen auf dem «Standard Level» (SL).
  • CAS = Creativity, Action, Service: Dabei geht es um zusätzliche Aktivitäten: mehrheitlich ausserschulische Erfahrungen, u.a. Sozialeinsätze in gemeinnützigen Projekten. Umfang mindestens 150 Stunden.
  • ToK = Theory of Knowledge: In Kursen im Umfang von mindestens 100 Stunden stehen Fragen um die Grenzen des Wissens im Zentrum.
  • Extended Essay: grössere schriftliche Arbeit zu einem selbstgewählten Thema.

Die sechs Fächer des IB können über die MAR-Fächer abgedeckt werden (oben Fächer in Klammern), der Extended Essay entspricht als grössere selbständige Arbeit der Maturitätsarbeit. CAS-Verpflichtungen können zum Teil im Rahmen von Freifächern absolviert werden, für den grösseren ausserschulischen Teil wird Zeit in Form von Blockwochen zur Verfügung gestellt. ToK wird im Rahmen von Reflexionshalbtagen unterrichtet, die an passender Stelle ins Schulprogramm eingeschoben werden. Die Diplomprüfung für das IB und die Maturitätsprüfung werden getrennt abgelegt. Die Maturitätsprüfungen werden zu den gewohnten Terminen abgehalten (Sommer). Wer besteht, erhält die schweizerisch und kantonal anerkannte Maturität mit dem Zusatz «zweisprachige Maturität». Die IB-Prüfungen finden jeweils im Mai vor der Maturitätsprüfung statt. Durchgeführt werden die Prüfungen am Literar- und Realgymnasium Rämibühl, korrigiert werden sie von der IB-Organisation in Genf. Wer besteht, erhält das IB-Diplom mit dem Zusatz «bilingual». Im Sommer 2006 konnten die ersten Schülerinnen und Schüler am Literargymnasium und Realgymnasium Rämibühl diesen Doppelabschluss in Empfang nehmen. Alle haben beide Prüfungen bestanden.

Ergebnisse der Selbstevaluation

Am 12. Januar 2007 legten das Literargymnasium und Realgymnasium Rämibühl den gemeinsamen Schlussbericht zur Selbstevaluation ihres neuen Ausbildungsgangs vor. Dem Evaluationsteam gehören je zwei Lehrpersonen der beiden Gymnasien an, die dort ausserdem als IB-Koordinatoren bzw. Leiter der Qualitätsentwicklungs-Gruppe tätig sind. Deren Ergebnisse stützen sich auf Beobachtungen, strukturierte Gespräche mit den beteiligten Lehrpersonen und zuständigen Schulleitungsmitgliedern, mündliche und schriftliche (Fragebogen) Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler sowie – zur Beurteilung der schulischen Leistungen – auf die Ergebnisse der Maturitätsprüfungen bzw. IB-Diplomprüfungen 2006. Die Resultate sind zusammengefasst die folgenden:

  • Bezüglich Englischkompetenz der Lernenden stimmen die Beobachtungen des Evaluationsteams überein mit den Ergebnissen der im Jahr 2004 durchgeführten externen wissenschaftlichen Evaluation zur «Einführung der zweisprachigen Maturität an Zürcher Mittelschulen (Deutsch/Englisch)»: Die Englischkenntnisse der bilingualen Klassen bzw. IB-Klassen sind deutlich besser als in Nicht-Immersionsklassen. Die guten Englischkenntnisse des ersten Klassenzugs (2002 – 2006) des Ausbildungsgangs mit Doppelabschluss werden ausserdem durch die IB-Prüfungsresultate belegt. Dieser Klassenzug erzielte ein Resultat, welches deutlich über dem internationalen Durchschnitt liegt.
  • Die fachlichen Kompetenzen der Lernenden werden gleich hoch geschätzt wie diejenigen der nicht immersiv unterrichteten Klassen. Es liegen darüber keine ausgewiesenen Resultate vor. An dieser Stelle gilt wiederum der Verweis auf die entsprechenden Resultate der oben genannten externen wissenschaftlichen Evaluation des kantonalen Pilotprojekts, wonach die Fachkenntnisse der Immersionsklassen nicht geringer sind als in den Kontrollklassen. Einigen Aufschluss gibt auch ein Vergleich mit den Leistungen aller IB-Diplomanden. So liegt die weltweite Nichtbestehensquote etwa bei 20%. Demgegenüber haben im Literargymnasium und Realgymnasium Rämibühl im Sommer 2006 alle Schülerinnen und Schüler das IB-Examen bestanden, einer mit der Minimalpunktezahl, alle andern mit guten bis sehr guten Resultaten. Auch die Maturitätsprüfung haben alle bestanden, wobei die IB-Klasse an beiden Schulen deutlich den höchsten Notendurchschnitt aller Maturaklassen aufwies
  • Weit überdurchschnittlich wird das Verfassen von Papers und die Auftretenskompetenz – sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch – beurteilt. Dieser Befund hängt mit den IB-Beurteilungskriterien zusammen, wonach das Verfassen und Perfektionieren von Papieren sowie das Präsentieren von Arbeiten hohe Priorität haben.
  • Die Resultate beim Essay in ToK und beim Extended Essay (entspricht der Maturitätsarbeit) fielen eher mässig aus. Dies wird zum Teil zurückgeführt auf die durch Planungsmängel verursachten Überlastungsprobleme des ersten Pionier-Klassenzugs, indem den Schülerinnen und Schülern nicht genügend Zeit für Überarbeitungen zur Verfügung gestellt werden konnte.
  • Die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler wird überdurchschnittlich gefördert. Das Evaluationsteam nennt den Bildungsgang ein «eigentliches Training in Selbstständigkeit», insbesondere würden das Zeitmanagement gelernt, das Durchhaltevermögen gefördert und die Frustrationstoleranz erhöht.
  • Als ernsthaftes Problem wird die Belastung der Schülerinnen und Schüler während der zweijährigen IB-Phase vor der Maturität bezeichnet. Der Doppelabschluss beansprucht diese sehr stark – u.a. wegen der vielen selbstständigen, grösseren Arbeiten, welche die IB-Regeln einfordern. Ferner spielt auch die Unerfahrenheit aller Beteiligten eine Rolle. Als Hauptursache für die Belastungsprobleme wird die im Vergleich zu den «Nicht-IB-Bildungsgängen» höhere Verbindlichkeit genannt, d.h. die IB-Regeln enthalten sehr klare, verbindliche Vorgaben in Bezug auf die einzureichenden und extern zu beurteilenden Arbeiten.
  • Auch die Belastung der Lehrpersonen, welche die IB-Fächer des ersten Klassenzuges unterrichteten, wird als «eindeutig zu stark» beurteilt. Grund dafür sind u.a. die erstmalige Einarbeitung in die IB-Programme sowie der überdurchschnittlich hohe Aufwand für Korrektur- und Beratung. Gleichzeitig war das Projekt für die betreffenden Lehrpersonen in ausgeprägter Weise ein Job-Enrichment und wurde als Intensiv-Fortbildung erlebt.
  • Auch die Belastung des Schulbetriebs war durch den erstmaligen Umstellungsaufwand erheblich.
  • Das Projekt stellte als bedeutsames und komplexes Schulentwicklungsprojekt an alle Beteiligten höchste Ansprüche und erntete bisher von aussen viel Lob.

Das Evaluationsteam empfiehlt die Weiterführung des Versuchs. Dabei sollten die bereits getroffenen Massnahmen zur Milderung der Belastungsprobleme auf Seiten der Lernenden und Lehrpersonen fortgesetzt und ergänzt werden. Auch wird empfohlen, gewisse IB-Spezialitäten (CAS, ToK, höhere Verbindlichkeit) mittelfristig auf die anderen an den beiden Schulen geführten Ausbildungsgänge auszuweiten. Ferner wird darauf hingewiesen, dass der Ausbildungsgang mit Doppelabschluss «Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate (IB)» als Profilvariante offensichtlich für Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Unterstufe

grosses Interesse weckt, und diskutiert werden sollte, ob und wie Gymnasiasten aus der Unterstufe anderer Schulen in diesen Ausbildungsgang am Rämibühl wechseln könnten.

Erwägungen

Das Realgymnasium und Literargymnasium Rämibühl gehören zu dem seit Schuljahr 2001/02 im Kanton Zürich breit angelegten Pilotprojekt «Einführung der zweisprachigen Maturität an Zürcher Mittelschulen (Deutsch/Englisch)». Neben 8 bzw. ab Schuljahr 2007/08 neben 11 anderen Zürcher Gymnasien bereiten das Real- und Literargymnasium einen Teil ihrer Schülerinnen und Schüler auf die zweisprachige Maturität vor. Mit der Einführung der zweisprachigen Maturität nutzen die beteiligten Zürcher Mittelschulen die Vorteile der neuen Unterrichtsmethode, des Immersionsunterrichts. Die Ergebnisse der externen wissenschaftlichen Evaluation zeigen klar, dass die Lernenden damit eine hohe Fremdsprachenkompetenz erreichen - ohne Kompetenzverluste im entsprechenden Fach. Das Angebot der zweisprachigen Maturität gehört innerhalb der letzten Jahre zweifellos zur bedeutendsten Attraktivitätssteigerung der Mittelschulen. Mit dem Angebot eines IB-Diploms haben das Real- und Literargymnasium diese Attraktivität noch zusätzlich ausgebaut. Schweizweit bietet kein anderes staatliches und privates Gymnasium einen Doppelabschluss Maturität/IB an. Den Absolventinnen und Absolventen dient er einerseits, weil sie mit der schweizerischen Maturität prüfungsfreien Zugang zu allen Schweizer Universitäten, und andrerseits mit dem zusätzlichen IB-Abschluss stark verbesserte Eintrittschancen an international anerkannte Universitäten - speziell im englischsprachigen Raum - haben. Die Evaluatoren sehen den grössten Vorteil aber im «allgemeinen Zugewinn an Studierfähigkeit, der sich ergibt, weil mehr verbindliche Hochschulvorbereitung gefordert und häufiger selbständig gearbeitet wird».

Der IB-Lehrgang ist am Real- und Literargymnasium Bestandteil des zweisprachigen Ausbildungsgangs. Die Vorbereitungen auf eine zweisprachige Maturität und gleichzeitig auf die IB-Prüfungen scheinen kompatibel und im zweisprachigen Ausbildungsgang mit entsprechend hohem Aufwand integral möglich zu sein. Aufgrund der Ergebnisse ist eine Weiterführung des Versuchs sinnvoll. Die definitive Einführung des Ausbildungsgangs mit Doppelabschluss Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate am Real- und Literargymnasium Rämibühl gehört in den grösseren Zusammenhang der Weiterentwicklung der zweisprachigen Maturität im Kanton Zürich. Am 6. Dezember 2005 hat der Regierungsrat die Pilotphase dieses kantonalen Projekts um 3 Jahre, d.h. bis Ende Schuljahr 2008/09 verlängert. Der Entscheid zur definitiven Einführung sowohl der zweisprachigen Maturität als auch des Doppelabschlusses Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate soll koordiniert erfolgen. Die Verlängerung des Versuchs am Literar- und Realgymnasium Rämibühl soll insbesondere
genutzt werden, um den Ausbildungsgang aufgrund der gemachten Erfahrungen weiter zu verbessern , so dass Nutzen und Belastungen auf Seiten der Lernenden und Lehrpersonen als möglichst im Einklang stehend erfahren werden.

Antrag

Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Bildungsrat:

  • Die Selbstevaluation des gemeinsamen Pilotprojekts «Ausbildungsgang mit Doppelabschluss‹ Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate (IB)’» am Literargymnasium und Realgymnasium Rämibühl wird zur Kenntnis genommen.
  • Das Pilotprojekt «Ausbildungsgang mit Doppelabschluss ‹Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate (IB)’» soll um 3 Jahre – bis Ende Schuljahr 2008/09 - verlängert werden.
  • Während der Verlängerung des Pilotprojekts sollen insbesondere Massnahmen zur Milderung der Belastungsprobleme auf Seiten der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrpersonen weiter verfolgt werden.
  • Dem Bildungsrat ist bis Ende Dezember 2008 über die Fortführung und die erreichten Verbesserungen des Pilotprojektes «Ausbildungsgang mit Doppelabschluss ‹Zweisprachige Maturität/International Baccalaureate (IB)’» Bericht zu erstatten.
  • Mitteilung an die Rektoren Ch. Baumgartner (LG) und N. Lienert (RG), an die Schulkommissionspräsidenten der beiden Schulen; den Präsidenten der Präsidentenkonferenz Schulkommissionen, Herrn Peter Weiss; den Präsidenten der Schulleiterkonferenz, Herrn Prof. Dr. Alfred Baumgartner; den Präsidenten der Lehrpersonenkonferenz, Herrn Prof. Markus Späth, sowie das Mittelschul- und Berufsbildungsamt.

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