Kantonsschule Zürcher Oberland: Pilotprojekt «Selbstlernsemester» (SLS)

Inhaltsverzeichnis

Beschluss Bildungsrat
2005 / 24
Sitzungsdatum
23. Mai 2005

Ausgangslage

Mit Beschluss vom 10. Mai 2004 bewilligte der Bildungsrat der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) die Durchführung des Pilotprojekts «Selbstlernsemester (SLS)» auf das Wintersemester 2004/05.

Im ersten Semester der fünften Klasse des Langgymnasiums erhielten die Schülerinnen und Schüler der KZO von drei der zehn Klassen dieses Jahrgangs in den Fächern Deutsch, Mathematik, Französisch, Englisch und Sport sowie im jeweiligen Schwerpunktfach (Griechisch, Latein und Physik) anstelle der traditionellen wöchentlichen Anzahl von Lektionen für jedes dieser Fächer einen Semesterauftrag mit Aufgaben und Lernzielen. Diesen mussten die Schülerinnen und Schüler im Laufe des Semesters allein oder in Gruppen erarbeiten. Die Lehrpersonen standen ihnen im Rahmen einer Sprechstunde pro Fach und Woche oder im direkten persönlichen Kontakt und über E-Mail zur Verfügung. Damit sollte die notwendige Betreuung der Schülerinnen und Schüler gewährleistet werden. Die Überprüfung und Beurteilung der Lernzielerreichung erfolgte über Quartals- und Semesterprüfungen sowie – in einzelnen Fächern – über periodische Lernkontrollen.

Da ein SLS in dieser Form an den Mittelschulen bisher nicht erprobt wurde und für Schulleitung, Lehrende und Lernende neu war, bewilligte der Bildungsrat die Durchführung des SLS mit der Auflage, es zu begleiten, mit den dafür notwendigen Ressourcen auszustatten und extern evaluieren zu lassen. Damit sollten vertiefte Erkenntnisse gewonnen werden, die auch den anderen Mittelschulen zur Verfügung gestellt werden können. Mit der Durchführung der Evaluation beauftragte die Bildungsdirektion Herrn Hans-Martin Binder, Institut für Politikstudien Interface, Luzern, die Federführung der externen pädagogisch-didaktischen Begleitung wurde Frau Prof. Dr. Regula Kyburz-Graber, Universität Zürich, Höheres Lehramt Mittelschulen, übertragen. Im Sinne eines einmaligen Innovationskredits für die pädagogisch-didaktische Begleitung (Honorare, Entlastung von Lehrpersonen) sowie für die Durchführung der externen Evaluation wurde ein Kredit von Fr. 50'000 gesprochen.

Ergebnisse der externen Evaluation

Die Resultate der externen Evaluation sind zusammengefasst die folgenden:

  • Die Ziele des Pilotprojektes SLS an der KZO wurden grösstenteils gut erreicht.
  • Die in den Semesteraufträgen vorgegebenen Lernziele wurden in allen acht SLS-Fächern im gleichen Ausmass erreicht wie im Normalunterricht. Einzig in den beiden Klassen mit Sprachprofil hatten im Fach Mathematik die Schülerinnen und Schüler mehr Schwierigkeiten mit der Lernzielerreichung. Im Fach Sport liessen die Leistungen der Schülerinnen und Schüler im Verlauf des Semesters wegen mangelnder Motivation deutlich nach.
  • Im Bereich der überfachlichen Kompetenzen wurden die erwarteten Lernziele von einer überwiegenden Mehrheit der Schülerinnen und Schüler in hohem Mass erreicht.
  • Die Semesteraufträge haben sich - ausser im Fach Sport - in allen Fächern und in allen drei Klassen als Lernvorgaben bewährt.
  • Im Bereich der Schulentwicklung wurden durch das Engagement der beteiligten Fachkreise, Lehrpersonen und der Schulleitung bemerkenswerte Fortschritte erzielt.
  • Der über das SLS angestrebte Spareffekt fiel im Pilotprojekt (Herbstsemester 2004/05) finanziell bescheiden aus, die zeitliche Belastung für die beteiligten Lehrpersonen verstärkte sich.
  • Das SLS wird von den Beteiligten (Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern, Schulleitung) grossmehrheitlich positiv beurteilt.
  • Die Verlagerung des pädagogisch-didaktischen Schwerpunkts von der Wissensvermittlung zur Lernbegleitung und -beratung ist für die Lehrpersonen mit einer einschneidenden Neuorientierung in ihrem beruflichen Alltag verbunden. Eine solche Neuorientierung ist als Prozess zu begreifen, für welchen auch weiterhin befristet zeitliche und finanzielle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden sollten.

Auf Grund der Evaluationsergebnisse empfiehlt das Evaluationsteam die Weiterführung bzw. Ausweitung des SLS mit der gleichen Fächerkombination auf alle 5. Klassen der KZO. Im Fach Sport wären die Semesterziele aufgrund der Erfahrungen anzupassen, was gemäss Rücksprache mit den am SLS beteiligten Fachlehrpersonen möglich wäre. Weil das SLS neue pädagogische und didaktische Fragen selbstständigen Lernens aufgeworfen hat, müssten bei einer Weiterführung Lehrpersonen und Schulleitung insbesondere darüber eine vertieftere Auseinandersetzung führen. Gemäss Empfehlung des Evaluationsteams sollten dafür mindestens während der noch nicht abgeschlossenen Aufbauphase entsprechende Gefässe zur Verfügung gestellt werden. Im Zeitumfang der gekürzten Lektionen müssten sich die Lehrpersonen in verbindlichem und verpflichtendem Rahmen einer intensiven Fachbegleitung der pädagogischen und didaktischen Entwicklungs- und Reflexionsarbeit widmen können. Es wird deshalb geraten, das SLS während der Aufbauphase weniger unter dem Titel «Sparprogramm», sondern vielmehr als Schulentwicklungsprojekt zu realisieren

Ergebnisse der externen pädagogisch-didaktischen Begleitung

Das Ziel der pädagogisch-didaktischen Begleitung bestand darin, den am Pilotversuch beteiligten Lehrpersonen Weiterbildung zu spezifischen Fragen des selbstständigen Lernens anzubieten und ihnen als Forum für den systematischen Erfahrungsaustausch zu dienen. Die Begleitung bestand aus einem Vorgespräch mit der Schulleitung und den Klassenlehrpersonen, drei Kolloquien mit allen am Projekt beteiligten Lehrpersonen, einem Referat am Weiterbildungstag und einem Gespräch mit zwölf Schülerinnen und Schülern der beteiligten Klassen in Gegenwart der am Projekt teilhabenden Lehrkräfte. Abgeschlossen wurde die pädagogisch-didaktische Begleitung mit einem Bericht zuhanden der Schulleitung, der Bildungsdirektion und des Bildungsrates.

Die Ergebnisse der pädagogisch-didaktischen Begleitung sind zusammengefasst die folgenden:

  • Selbstständiges Lernen an Mittelschulen ist grundsätzlich nicht neu. Neu im SLS war der inhaltliche und zeitliche Umfang. Dies erforderte von den Jugendlichen mehr Selbstständigkeit und von den Lehrpersonen eine neue Rolle in der Lernbegleitung. Sowohl die am Projekt SLS beteiligten Schülerinnen und Schüler als auch die Lehrpersonen haben die neuen Anforderungen grossmehrheitlich erfolgreich bewältigt.
  • Die Summe des Gelernten bleibt nach Angaben der Lehrpersonen im Grossen und Ganzen gleich. Fachliches Wissen wird teilweise durch überfachliches Wissen ersetzt. Einigen Schülerinnen und Schülern gelingt aber durch ihr Engagement auch beides: die Aneignung von überfachlichem Wissen und von fundiertem Fachwissen.
  • Pädagogisch-didaktische Erkenntnisse lassen sich durch die im SLS realisierte minimale Form der externen Begleitung nur ansatzweise entwickeln. Die Weiterführung des SLS würde einen systematischen Prozess der Unterrichtsentwicklung und Weiterbildung erfordern, in welchem eine grundsätzliche und fortschreitende Auseinandersetzung mit Konzepten selbstständigen Lernens stattfinden könnte.
  • Insbesondere verlangen neue Lernformen nach neuen Formen der Leistungsbewertung.

Die Autorinnen des Berichts empfehlen, grundsätzlich innerhalb der gymnasialen Ausbildung mindestens eine längere selbstständige Lernphase einzurichten. Sie entspreche den Zielen der Maturitätsausbildung und ermögliche den Lernenden, im Hinblick auf ein Hochschulstudium Erfahrungen zu sammeln und entsprechende Fähigkeiten zu entwickeln. Mehr als die kurzen selbstständigen Lernphasen, die an der KZO schon bisher in den Normalunterricht eingebaut worden sind, erlaube eine längere selbstständige Lernphase im Rahmen des durchgeführten SLS den Schülerinnen und Schülern eben jene Kernkompetenzen zu erwerben, die im Hinblick auf ein Hochschulstudium an Bedeutung gewinnen. An der Schule sollte selbstständiges Lernen Teil eines Gesamtkonzeptes sein, welches verschiedene Ausprägungen von selbstständigem Lernen und alle vier Phasen eines Lernprozesses umfasst: Planung, Organisation, Durchführung und Evaluation. Die Unterrichtsentwicklung zum selbstständigen Lernen sollte mit interner Weiterbildung und Reflexion (z.B. zwei Stunden pro Woche) gekoppelt werden. Inhaltliche Schwerpunkte: Entwicklung unterschiedlicher Formen selbstständigen Lernens; neue Rollen der Lehrpersonen und Lernenden im Spannungsfeld von Führen und Gewährenlassen; Methoden des selbstgesteuerten Lernens; Methoden der Lernbegleitung, neue Formen der Leistungsbeurteilung.

Antrag der KZO für die Bewilligung einer dreijährigen SLS-Erprobung (Herbstsemester 2005/06 – bis Ende Schuljahr 2007/08)

Mit Schreiben vom 14. April 2005 beantragt Frau Regula Hauser Scheel, Präsidentin der Schulkommission der KZO, eine dreijährige Erprobungsphase, in der mit allen zehn Jahrgangsklassen im 1. Semester der 5. Klassen nach dem SLS-Modell gearbeitet wird. Als Grund für die Verlängerung und Ausweitung des Pilotprojekts wird einerseits die Notwendigkeit angeführt, die gemachten Erfahrungen im Vollausbau mit zehn Klassen laufend anpassen zu können. Andererseits soll während dieser Zeit die notwendige Entwicklungsarbeit (Know-how-Aufbau) vorangetrieben werden. So ist geplant, dass die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer mit den Schülerinnen und Schülern eine wöchentliche Reflexionsstunde durchführen, für die sie entlastet werden. Vorgesehen sind ferner für alle am SLS beteiligten Lehrpersonen zusätzliche Klassenkonferenzen und interne Weiterbildung in Form eines begleiteten Kolloquiums zu Fragen des selbstständigen Lernens.
Mit Beschluss vom 10. Mai 2004 bewilligte der Bildungsrat für das Pilotprojekt SLS - auf das Herbstsemester 2004/05 befristet - die von der KZO beantragten Stundentafeländerungen. Auf Grund der Ergebnisse der Evaluation beantragt die KZO die folgenden Änderungen:

  • Die Kunstgeschichte (1 Semesterstunde) wird ins ursprüngliche Semester 5.1 zurück verschoben (kein SLS-Fach).
  • Das SLS-Fach Sport wird - gleich wie die anderen SLS-Fächer - mit 1 statt 2 Semesterstunden geführt.
  • Im mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil werden Biologie und Chemie als Schwerpunktfach neu als SLS-Fächer geführt. Die beiden Fächer teilen sich das SLS-Semester auf (das eine Fach im ersten, das andere Fach im zweiten Quartal).
  • Eine Reflexionsstunde pro Woche unter Leitung des Klassenlehres bzw. der Klassenlehrerin soll die Reflexion der Lernprozesse ermöglichen.

Erwägungen

Die Ziele des Pilotprojektes SLS wurden grösstenteils gut erreicht. Insgesamt scheint deshalb eine Weiterführung bzw. Ausweitung des SLS an der KZO von den bisherigen drei auf alle zehn 5. Klassen sinnvoll zu sein. Der Sparbeitrag ist jedoch zu verringern. Während der Aufbauphase soll ein Teil der eingesparten Lektionen (gut 20 %) für die Entlastung der beteiligten Klassenlehrerinnen und -lehrer eingesetzt werden. Deren zeitliche Belastung für das SLS war bereits während der Vorlaufszeit (Sommersemester 2004) und der Durchführung des Pilotversuches (Herbstsemester 2004/05) hoch und wird, auch wegen des erwähnten Bedarfs nach Weiterbildung und gezielter fachlicher Unterstützung hoch bleiben.

Die Überführung von einem ersten «SLS-Durchlauf» in einen «SLS-Alltag» ist ein notwendiger Schritt. Bisher hatte das SLS den Nimbus eines pädagogischen Wagnisses. Es zog nicht nur innerhalb der eigenen Schule viel Aufmerksamkeit auf sich. Durch das aussergewöhnliche Medieninteresse wurde es einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Vor diesem Hintergrund hat sich das SLS im normalen, unspektakulären Schulalltag noch zu bewähren. Um dies überprüfen zu können, soll das SLS an der KZO als Pilotprojekt bis Ende Schuljahr 2007/08 weitergeführt werden, verbunden mit einer Ausdehnung auf alle zehn Parallelklassen. Am Ende des Schuljahrs 2006/07 soll die Schule dem Bildungsrat über ihre Erfahrungen Bericht erstatten, damit ein definitiver Entscheid über das SLS vorbereitet werden kann.

Antrag

Auf Antrag der Bildungsdirektion beschliesst der Bildungsrat:

  • Die Externe Evaluation des Pilotprojekts «Selbstlernsemester» an der Kantonsschule Zürcher Oberland vom 15. April 2005 und der Bericht der Pädagogisch-didaktischen Begleitung im Selbstlernsemester der Kantonsschule Zürcher Oberland vom 12. April 2005 werden zur Kenntnis genommen.
  • Das Pilotprojekt «Selbstlernsemester» an der Kantonsschule Zürcher Oberland wird bis Ende Schuljahr 2007/08 weiter geführt und auf alle bestehenden Klassen (1. Semester, 5. Schuljahr) ausgeweitet. Dies betrifft die Fächer Deutsch, Mathematik, Französisch, Englisch und Sport sowie das jeweilige Schwerpunktfach.
  • Die am 10. Mai 2004 bewilligten Änderungen der Stundentafel für das Pilotprojekt «Selbstlernsemester» werden im Sinne der Erwägungen angepasst. Sie bleiben bis Ende Schuljahr 2007/08 in Kraft.
  • Die Kantonsschule Zürcher Oberland wird eingeladen, zuhanden des Bildungsrates über die Fortführung des Pilotprojektes «Selbstlernsemester» bis Ende Schuljahr 2006/07 Bericht zu erstatten.
  • Publikation des Beschlusses sowie der Externen Evaluation des Pilotprojekts «Selbstlernsemester» und des Berichts der Pädagogisch-didaktischen Begleitung im Selbstlernsemester der Kantonsschule Zürich Oberland in geeigneter Form im Schulblatt und im Internet.
  • Mitteilung an Herrn Prof. Dieter Schindler, Rektor der Kantonsschule Zürcher Oberland, Bühlstrasse 36, 8620 Wetzikon, Frau Regula Hauser Scheel, Präsidentin der Schulkommission der Kantonsschule Zürcher Oberland, Kantonsschule Zürcher Oberland, Bühlstrasse 36, 8620 Wetzikon, Herrn Prof. Dr. Hans M. Eppenberger, Präsident Präsidentenkonferenz Mittelschulen, Wiesenweg 5, 5436 Würenlos, Herrn Prof. Erich Hohl, Präsident der Schulleiterkonferenz der Mittelschulen, Kantonsschule Hottingen, Minervastrasse 14, 8032 Zürich, Herrn Hans-Martin Binder, Institut für Politikstudien Interface, Seidenhofstrasse 12, 6003 Luzern, Frau Prof. Dr. Regula Kyburz-Graber, Universität Zürich, Höheres Lehramt Mittelschulen, Beckenhof, Postfach, 8021 Zürich, den Synodalvorstand, Herrn Prof. Stephan Aebischer, Präsident des Mittelschullehrerverbands, Buchholzstrasse 58, 8053 Zürich, die Bildungsdirektion, Abteilung Bildungsplanung, sowie das Mittelschul- und Berufsbildungsamt.

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