Rezepte gegen den demografisch bedingten Wohlstandsverlust

Aufgrund der demografischen Alterung werden dem Kanton Zürich in den nächsten Jahrzehnten Arbeitskräfte fehlen. Die Wirtschaftsleistung könnte um bis zu 20 Prozent tiefer ausfallen und damit den Wohlstand im Kanton Zürich bedrohen. Eine gemeinsame Studie des Amts für Wirtschaft und des Beratungsunternehmens Deloitte zeigt auf, welche Wirkung einzelne Hebel gegen den Mangel an Arbeitskräften haben können.

Die wichtigsten Ergebnisse

Der demografische Wandel gefährdet das gewohnte Wohlstandswachstum

Die Lebenserwartung nimmt zu, gleichzeitig sinkt die Geburtenziffer. In Europa reduziert sich der Anteil der erwerbsfähigen Bevölkerung bis 2100 voraussichtlich um fast einen Drittel. Das hat nicht nur nachteilige Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, sondern auch auf den allgemeinen Wohlstand.

Von den Folgen der Überalterung ist auch der Kanton Zürich betroffen. In den kommenden Jahren muss mit einer Akzentuierung des Arbeitskräftemangels, einem verstärkten finanziellen Druck auf die Alters- und Sozialversicherungen sowie mit steigenden Gesundheits- und Pflegekosten gerechnet werden. Gleichzeitig ist wegen des demografischen Wandels die Fortsetzung des gewohnten Wohlstandswachstums gefährdet: Ohne Gegensteuer entstünde im 2050 im Kanton ein Wachstumsdefizit von fast 50 Mrd. Fr. gegenüber dem gewohnten Wachstumspfad. Das entspricht einer um rund einen Fünftel geringeren Wirtschaftsleistung. Bis 2050 würde sich die BIP-Lücke auf rund 600 Mrd. Fr. summieren.

Die Grafik zeigt die Entwicklung des BIP und der Anzahl Erwerbstätigen bis 2050. Dabei werden zwei Entwicklungen gezeigt: Eine ohne eine alternde Gesellschaft und eine mit einer alternden Gesellschaft. Es entsteht eine Lücke zwischen den beiden Szenarien. Im Jahr 2050 fehlen aufgrund der Alterung 300’000 Arbeitskräfte. Als Konsequenz liegt das erwirtschaftete BIP fast 50 Mrd. Fr. tiefer als der gewohnte Wachstumspfad. Diese Zahlen basieren auf dem Referenzszenario des BFS – mit dem hohen oder dem tiefen Szenario öffnet sich die Lücke entsprechend mehr oder weniger weit.
Quelle: BAK Economics, BFS, Berechnungen AWI
Szenarien des BIP
BIP-Lücke im Jahr 2050
Lücke in der Anzahl Erwerbstätiger im Jahr 2050
Akkumulierte BIP-Lücke von 2025 bis 2050
Referenz
CHF 49 Mrd. 303'000 CHF 586 Mrd.
Tief
CHF 68 Mrd. 416'000 CHF 822 Mrd.
Hoch
CHF 31 Mrd. 188'000 CHF 348 Mrd.

Es gibt drei Hebel gegen den Wohlstandsverlust

Der drohenden Wachstumsschwäche kann jedoch begegnet werden. Mit drei Hebeln liesse sich die Lücke reduzieren oder sogar ganz schliessen:

  1. Erhöhung der Arbeitsintensität – mehr Menschen arbeiten, erhöhen ihr Pensum und bleiben länger erwerbstätigt.
  2. Steigerung der Produktivität – etwa dank Digitalisierung und KI.
  3. Verjüngung der Altersstruktur der Bevölkerung – etwa durch Zuwanderung oder langfristig durch eine höhere Geburtenziffer.

Bei allen drei Hebeln sind grosse Anstrengungen vonnöten, um die BIP-Lücke und den damit verbundenen demografisch bedingten Wohlstandsverlust gänzlich zu reduzieren. So müsste die Arbeitsproduktivität viermal stärker wachsen als es in den letzten 25 Jahren der Fall war. Die Arbeitsintensität – gemessen in Arbeitspensen der Erwerbstätigen – müsste bis 2050 um rund 20 Prozentpunkte ansteigen gegenüber dem durchschnittlichen Pensum von 84% heute. Und die Geburtenziffer oder Zuwanderung müsste sich entgegen den prognostizierten Trends signifikant erhöhen.

Die Studie analysiert zehn Massnahmen, die auf die drei Hebel einwirken

Insgesamt ist eine Kombination verschiedener Massnahmen sowie eine engere Zusammenarbeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nötig. In der vorliegenden Studie wird auf zehn konkrete Massnahmen eingegangen und ihre Wirkung den erwarteten Kosten gegenübergestellt.

Dargestellt wird die Bewertung von zehn in der Studie untersuchten Massnahmen . Es wird jeweils anahnd einer Skala von 1-5 aufgezeigt, wie hoch die Kosten und Wirksamkeit der Massnahmen eingeschätzt werden.  Über die höchste Wirksamkeit verfügen die Massnahmen «Rentenalter erhöhen» und «KI in der Privatwirtschaft und Verwaltung implementieren». Eine mittlere Wirksamkeit wird ausgewiesen für «steuerliche Anreize für Erwerbsbetreuung ausbauen», «KI mit staatlichen Rahmenbedingungen vorantreiben» und «Technische Transformation bei KMU stärken». Lediglich eine geringe Wirksamkeit haben «Subventionen für Kinderbetreuung ausbauen», «Zero-Gap Recruiting hinterfragen», «Wirtschaftskompetenz in der Bildung stärken», «Zahl der Geburten mit finanziellen Anreizen erhöhen» und «Zulassungssystem für Fachkräfte aus Drittstaaten verbessern».  Bezüglich der Kosten wären diese hoch für folgende Massnahmen: Steuerliche Anreize für Erwerbstätige erhöhen; Subventionen für Kinderbetreuung ausbauen; KI in der Privatwirtschaft und Verwaltung implementieren; Technische Transformation bei KMU stärken; Zahl der Geburten mit finanziellen Anreizen erhöhen. Alle übrigen Massnahmen würden geringe Kosten verursachen.
Einschätzung basierend auf Studien und Gesprächen mit Expertinnen und Experten

Massnahmen mit hohem Wirkungspotenzial

Künstliche Intelligenz (KI) bietet grosses Potenzial zur Schliessung der BIP-Lücke. Zwar variieren die Schätzungen der Produktivitätsgewinne durch KI stark, doch der Kanton Zürich ist mit seiner dienstleistungsorientierten Wirtschaft gut positioniert, um signifikante Effizienzgewinne zu erzielen. Die OECD prognostiziert eine Steigerung des Produktivitätswachstums durch KI von 0,5 bis 0,9 Prozentpunkte für die nächsten 10 Jahre. Schlanke staatliche Rahmenbedingungen sowie eine schnelle Implementierung von KI in den Unternehmen würden die Arbeitsproduktivität am meisten verbessern und helfen, die drohende Wohlstandslücke zu schliessen.

Eine ähnlich grosse Wirkung hätte es, wenn es gelingt, die Erwerbstätigen länger im Arbeitsprozess zu halten. Die Kosten einer Erhöhung des Rentenalters sind gering und die Wirkung gross. Doch in der Schweizer Bevölkerung ist ein höheres Renteneintrittsalter bisher unbeliebt und dementsprechend politisch schwierig umsetzbar.

Massnahmen mit tiefem Wirkungspotenzial

Die Beeinflussung der Geburtenziffer durch finanzielle Anreize bringt dagegen nur bescheidene Resultate, wie Studien und Erfahrungen in anderen Ländern zeigen. Zudem wäre die Wirkung im Arbeitsmarkt nur verzögert spürbar, da es etwa 20 Jahre dauert, bis heute Geborene in den Arbeitsmarkt eintreten.

Massnahmen mit mittlerem Wirkungspotenzial

Eine Reihe weiterer Massnahmen entfaltet eine moderate Wirkung. Dazu gehört etwa eine stärkere Subventionierung der Kinderbetreuungskosten. Deren Wirkung auf die Erwerbsbeteiligung der Eltern dürfte eher überschaubar sein, während sie mit beträchtlichen Kosten verbunden ist. Etwas wirkungsvoller sind steuerliche Anreize für Erwerbstätige. Aber auch bei dieser Massnahme sind die Kosten in Form von Steuerausfällen hoch.

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Amt für Wirtschaft – Fachstelle Wirtschaftspolitik

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Luc Zobrist

Für dieses Thema zuständig: