4. Bewertung von Diagnostikanbietern und -plattformen
Das folgende Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen Markt für KI-Diagnosetools, vergleicht führende Anbieter anhand technischer, regulatorischer und wirtschaftlicher Kriterien und zeigt, inwiefern diese die Anforderungen des MVP erfüllen konnten.
KI‑Diagnosetools im Marktcheck für das MVP
Seit 2018 haben mehrere KI-gestützte Diagnosetools die behördliche Zulassung oder Zertifizierung erhalten, zum Beispiel von der Food and Drug Administration (FDA) in den USA, und sind nun auf dem Markt erhältlich. Im Rahmen des Projekts wurden verschiedene KI-Diagnoseanbieter und -plattformen bewertet, um festzustellen, ob sie für die Implementierung eines Minimum Viable Product (MVP) integriert werden können. Zum Vergleich dieser Lösungen wurde eine Reihe von technologischen, regulatorischen und wirtschaftlichen Kriterien festgelegt:
Technologische Kriterien
- Unterstützte Bildgebungsverfahren (CFP und/oder OCT)
- Einhaltung der DICOM-Standards für Bildformate
- Overlay-Funktionen für KI-Ergebnisse zur Gewährleistung einer transparenten Entscheidungsfindung
- Autonome Entscheidungsfindung vs. unterstützende Hilfestellung (vollautomatisiertes System oder Diagnosehilfe)
- Integration eigener KI-Modelle zur Gewährleistung der Erweiterungsmöglichkeiten der Plattform
- Kompatibilität mit der bestehenden Systemlandschaft (elektronisches Patientendossier, Bildverwaltungssysteme etc.)
Regulatorische Kriterien
- Behördliche Zulassungen (z.B. CE-Kennzeichnung gemäss der Medical Device Regulation (MDR, EU-Medizinprodukteverordnung) in Europa, FDA-Zulassung/-Genehmigung in den USA)
- Data Governance: sichere Datenspeicherung, Prüfpfade, Rückverfolgbarkeit der Ergebnisse
Wirtschaftliche Kriterien
- Kosten pro Scan oder pro Analyse
- Skalierbarkeit der Lösung (Fähigkeit, steigende Datenmengen zu verarbeiten)
- Vertragsmodelle (Lizenzierung, Payper-Use, Abonnements etc.)
Zu den untersuchten Anbietern gehörten fünf Anbieter von KI-Diagnosetools für DR. Das Projektteambewertete jeden einzelnen anhand der obengenannten Kriterien.
Ergebnis der Marktanalyse
Anhand der Kriterien führte das Projektteam eine Marktanalyse durch, um die führenden KI-Diagnoselösungen zu vergleichen. Tabelle 1 fasst die wichtigsten Merkmale von vier führenden Anbietern zusammen. Ein Anbieter wurde aus dem detaillierten Vergleich ausgeschlossen, da das Unternehmen auf die Anfrage zur Marktanalyse keine ausreichenden Informationen lieferte. Bei der Bewertung wurden diese Anbieter hinsichtlich ihrer KI-Integrationsfähigkeiten, der unterstützten Bildgebungsverfahren, der behördlichen Zulassungen, der Gerätekompatibilität und anderer relevanter Faktoren verglichen.
|
Kriterien
|
Anbieter 1
|
Anbieter 2
|
Anbieter 3
|
Anbieter 4
|
|---|---|---|---|---|
| Eigene KI-Integration | Ja | Ja | Ja | Ja |
| KI-Integration von Drittanbietern | Nein | Nein | Nein | Nein |
| Behördliche Zulassung | FDA (USA), CE-Kennzeichnung | FDA (USA) | FDA (USA) | EU MDR |
| Schwerpunktkrankheiten | DR, AMD, Glaukom | DR | DR | DR, AMD, Glaukom etc. |
| Bildgebungsverfahren | OCT-Bilder | OCT-Bilder | CFP-Bilder | CFP/OCT-Bilder |
| DICOM-Unterstützung | Ja | Ja | Ja | Ja |
| Unterstützte Geräte | Heidelberg Spectralis, Zeiss Clarus | Topcon NW400 (eigene Kamera) | Zeiss Clarus (Funduskamera) | Heidelberg Spectralis / Zeiss |
| Referenzen in der Schweiz | Keine | Keine | Keine | Konkrete Referenzen in der Schweiz vorhanden |
| Cloud/Hosting | Cloudbasiert (AWS) | Vor Ort oder privat (AWS wird für einige Dienste verwendet) | Vor Ort oder privat (AWS-Backend) | Ja/AWS |
Wie aus Tabelle 1 hervorgeht, boten alle bewerteten Plattformen bis zu einem gewissen Grad die Integration eigener KI-Modelle, jedoch unterstützte keine die Integration von KI-Algorithmen von Drittanbietern, die über die eigenen bereitgestellten hinausgingen. Sie verfügten alle zumindest über eine gewisse behördliche Zulassung (FDA- und/oder CE-/MDR-Zertifizierung) für die DR-Erkennung. Es bestanden erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Abdeckung von Krankheiten und Bildgebungsverfahren: Anbieter 1 und Anbieter 4 unterstützen sowohl OCT- als auch Fundusbilder (CFP), Anbieter 3 konzentriert sich hingegen auf Fundusbilder und Anbieter 2 über sein eigenes Kamerasystem auf Fundusbilder. Alle Plattformen gaben an, DICOM-kompatibel für die Speicherung von Bilddaten zu sein.
Ein praktischer Aspekt war die Geräteunterstützung. Anbieter 1 und Anbieter 4 können mit gängigen ophthalmologischen OCT-Bildgebungsgeräten wie Heidelberg Spectralis OCT und Zeiss Clarus Funduskameras verbunden werden. Im Gegensatz dazu ist die Lösung von Anbieter 2 an eine eigene Funduskamera (Topcon NW400) gebunden, was die Flexibilität einschränkt. Anbieter 3 unterstützt in erster Linie Standard-Funduskamera-Eingänge (z. B. Zeiss Clarus) und kann möglicherweise noch nicht mit OCT umgehen. Dieser Aspekt stellte für eine Klinik, die eine multimodale Unterstützung wünscht, einen Nachteil dar.
Ein weiterer wichtiger Faktor war die Erfahrung in der Schweiz: Weder Anbieter 1 noch Anbieter 2 noch Anbieter 3 verfügten zum Zeitpunkt der Bewertung über Referenzen oder Implementierungen in der Schweiz, wohingegen Anbieter 4 lokale Referenzstandorte vorweisen konnte. Dies gab Anlass zu einer gewissen Zuversicht hinsichtlich der Fähigkeit von Anbieter 4, die lokalen Anforderungen zu verstehen, musste jedoch gegen technische Kriterien abgewogen werden.
Cloud- und IT-Integration
Anbieter 1 und Anbieter 4 sind als cloudnative Lösungen konzipiert (beide bevorzugen die Bereitstellung in der AWS-Cloud). Anbieter 2 und Anbieter 3 können vor Ort implementiert werden, nutzen aber auch Cloud-Komponenten (die Folie zeigte «Nein/AWS», was darauf hindeutet, dass sie nicht rein cloudnativ sind, sondern AWS in gewissem Umfang nutzen). Für das MVP des Spitals war die Bereitstellung vor Ort aufgrund von Daten-Governance-Bedenken wichtig, sodass reine Cloud-Lösungen nicht optimal waren.
Zusätzlich zu den technischen Merkmalen wurden die Kosten und die Testbedingungen verglichen (Tabelle 2):
|
Anbieter
|
Preismodell
|
Testversion verfügbar
|
|---|---|---|
| Anbieter 1 | Abonnementstufen nach Volumen: z. B. 125 Scans/Monat für 189 EUR; 250 Scans/Monat für 329 EUR; höhere Volumina verhandelbar. | Ja – kostenlose Testversion wird angeboten (z. B. ca. 5'000 Bilder für 6 Monate). |
| Anbieter 2 | Vorabzahlung für Gerät + Abonnement: Erfordert den Kauf einer Topcon NW400 Kamera (ca. 18’000 USD) plus 1'500 USD/Monat für unbegrenzte KI-Analysen. | Keine kostenlose Testversion – es wurde kein Testprogramm angeboten (nur Direktkauf). |
| Anbieter 3 | Einmalige Lizenz + pro Patientin/Patient: Einmalige Gebühr von ca. 6'000–9'000 CHF, danach ca. 10 CHF pro analysierter Patientin bzw. analysiertem Patienten (unbegrenzte Anzahl von Bildern pro Patientin/Patient). | Ja – Testversion verfügbar (z. B. zeitlich begrenzte Pilotlizenz, ca. 5'000 CHF/Jahr). |
| Anbieter 4 | Einrichtung + Abonnement: Einmalige Einrichtung 9'000 EUR, zzgl. 1'330 EUR/Monat Lizenzgebühr. | Ja – Pilotprojekte möglich (oft individuell verhandelt). |
| Anbieter 5 | Keine Preisinformationen – keine Offerte unterbreitet | Keine Daten (keine Rückmeldung) |
Die Preismodelle (Stand 2025) sind für unterschiedliche Nutzungsmengen aufgeführt zusammen mit der Verfügbarkeit von Testprogrammen.
Aus Kostensicht stach Anbieter 1 hervor mit einem flexiblen Abonnement, relativ niedrigen Einstiegskosten und dazu einer kostenlosen Testphase. Anbieter 3 verlangte eine moderate einmalige Investition, berechnete jedoch pro Patientin/Patient, was bei grossem Umfang teuer werden könnte. Anbieter 2 hatte die höchsten Vorlaufkosten (Erwerb einer eigenen Kamera erforderlich) und eine hohe monatliche Gebühr, was ihn zur teuersten Option für das erwartete Volumen der Klinik machte. Das Modell von Anbieter 4 war mit hohen Einrichtungsgebühren und laufenden Kosten verbunden, was seine Positionierung als Unternehmensplattform widerspiegelt.
Anbieter 5 konnte während der Analyse nicht vollumfänglich bewertet werden, da das Unternehmen keine ausreichenden Informationen zur Verfügung stellte (keine Antwort auf Anfragen). Diese mangelnde
Reaktionsfähigkeit liess Bedenken hinsichtlich der Transparenz und der Unterstützung für dieses Projekt aufkommen.
Letztlich erfüllte keiner der Anbieter von Standardprodukten sämtliche Anforderungen der Klinik an das MVP, was schlussendlich der Grund für ihren Ausschluss war.
«Nur eine ganzheitliche, gut strukturierte Bewertung der Anbieter kann Aufschluss darüber geben, ob ein KI-Diagnosetool für den klinischen Einsatz und die institutionelle Einführung geeignet ist.»
Raphael von Thiessen, Programmleiter KI-Sandbox, Kanton Zürich
Es wurden einige spezifische Nachteile festgestellt:
- Anbieter 2
Sehr hohe Gesamtbetriebskosten (insbesondere die obligatorische Kamera), eingeschränkte Flexibilität bei der unterstützten Hardware (nur die eigene Kamera) und keine Nutzerbasis oder Referenzen in der Schweiz. - Anbieter 3
Keine lokale Präsenz oder Vertriebs-/Supportniederlassung in der Schweiz, Unterstützung nur für CFP-Bilder (keine OCT-Analysefunktion), fehlende Referenzen in der Schweiz und relativ veraltete oder nicht sehr benutzerfreundliche Oberfläche.
- Anbieter 5
Keine Reaktion während der Bewertung, keine Bereitstellung von Daten. Dies warf Bedenken hinsichtlich der Transparenz, des unklaren regulatorischen Status und des Mangels an Support in der Landessprache oder von Referenzen auf.
Angesichts dieser Einschränkungen kam die Bewertung zu dem Schluss, dass kein einziger KI-Anbieter die wichtigsten MVP-Kriterien erfüllen konnte (insbesondere konnte keiner das klinikeigene KI-Modell integrieren, sowohl OCT- als auch CFP-Modalitäten auf den erforderlichen Geräten unterstützen und auf der bevorzugten Azure-/Vor-Ort-Infrastruktur laufen). Die Tabellen 1 und 2 verdeutlichen diese Lücken. Beispielsweise unterstützte keine der evaluierten Lösungen die kundenspezifische KI-Integration des Stadtspitals Zürich, die Zeiss Clarus Funduskamera-Bildgebung und eine Vor-Ort- oder Azure-Bereitstellung in einem. Das Projektteam beschloss daher, dass die Entwicklung einer eigenen Lösung erforderlich war. Dabei entschied es sich für den Aufbau eines eigenen KI-Modells und einer eigenentwickelten Plattform.
Bitte geben Sie uns Feedback
Ist diese Seite verständlich?
Vielen Dank für Ihr Feedback!
Kontakt
Amt für Wirtschaft – Standortförderung
Montag bis Freitag
8.00 bis 12.00 Uhr und
13.30 bis 17.00 Uhr