Immer auf «Denkreise»

In der Schule hatte sie zu kämpfen. Heute berät die Bildungsexpertin Rahel Tschopp Schulen, spricht an Bildungsveranstaltungen – und besucht Schulen auf der ganzen Welt, um neue Ideen zu sammeln.

Text: Sabina Galbiati Foto: Stephan Rappo

Zum Treffen reist Rahel Tschopp vom Bodensee an. Mit ihrem Rucksack, der Leinenbluse und den leichten grauen Hosen könnte sie auch gleich loswandern, noch schnell an einer Schule ein Referat halten oder eine Primarschule besichtigen. Die 55-Jährige ist viel unterwegs. Gerade macht sie ein paar Tage Ferien und ist zu Besuch bei ihrer Mutter in der Nähe von Romanshorn. In einem unscheinbaren Restaurant in Frauenfeld, in dem um diese Zeit kaum andere Gäste sitzen, erzählt sie von ihrem neuen Buch, ihrer Kindheit, ihrer Leidenschaft für den Orientierungslauf und spricht über die ideale Schule, die es nicht gibt.

Einige Lehrpersonen dürften die Bildungsexpertin noch von der Pädagogischen Hochschule Zürich kennen, wo sie über die Jahre immer wieder in verschiedenen Funktionen tätig war. Zuletzt als Leiterin des Zentrums Medienbildung und Informatik. Doch Rahel Tschopp ist vor allem bekannt dafür, Schule neu zu denken. Alters- und stufendurchmischte Klassen, eine Abkehr vom starren Stundenplan-Unterricht, keine Noten, eine Schulraumgestaltung, die es jedem Kind ermöglicht, eine ideale Lernumgebung für sich zu finden – ja sogar individuelle Ferien für Kinder und Lehrpersonen könnte es in Tschopps idealer Schule geben. Die Schulentwicklerin und -beraterin war auch schon zu Gast bei SRF und zahlreichen Podcasts und diskutierte darüber, wie die Schule der Zukunft aussieht – oder aussehen könnte.

Rahel Tschopp sitzt neben einer Pflanze
Rahel Tschopp wuchs im Kanton Thurgau auf. Quelle: Stephan Rappo

Auf Schulreise

Rahel Tschopp ist keine Frau, die in Routine verfällt, dies wird im Gespräch schnell klar. Sobald ihr Alltag zur Gewohnheit wird, zieht es sie zur nächsten Herausforderung. «Wenn ich kognitiv nicht mehr herausgefordert werde, fühle ich mich nicht wohl», erklärt sie. So hat sie sich ausgerechnet während der Covidpandemie als Schulberaterin und Bildungsexpertin mit ihrer Firma «Denkreise GmbH» selbstständig gemacht. Sie berät Schulen, hält Workshops und Referate zu Schulentwicklung, Projektlernen und lernförderlicher Schulraumgestaltung. Daneben unternimmt sie regelmässig «Schulreisen» auf der ganzen Welt.

Wie funktionieren Schule und Unterricht in anderen Ländern? Wie gehen andere Lehrpersonen mit der Digitalisierung um und nutzen sie pädagogisch sinnvoll? Wie könnte der ideale Schulraum aussehen und wie muss ein modernes Schulhaus gebaut sein? «Durch meine Schulreisen in andere Länder habe ich die unterschiedlichsten Lehr- und Lernkonzepte, Unterrichtsmethoden, aber auch Problemstellungen kennengelernt.» Im Zentrum stehen für Tschopp dabei immer das einzelne Kind und die Frage, wie sich dessen Stärken fördern lassen und sich jedes Kind weiterentwickeln kann. Ihre Erfahrungen und Begegnungen auf diesen Schulreisen hat sie in ihrem aktuellen Buch «Auf Denkreise | Auf Schulreise» zusammengetragen. «Kinder erzählen, wie sie Schule und Unterricht gestalten würden, und ich antworte jeweils darauf», erklärt sie.

In ihren Workshops und Beratungen geht Tschopp mit den Schulteams immer auch der Frage nach, welches Grundlagenwissen in Zeiten von Künstlicher Intelligenz noch wichtig ist. «Es ist eben nicht mehr die auswendig gelernte Pöstler-Geografie, denn dieses Wissen kann jedes Kind googeln», sagt sie. «In der heutigen Welt sollten wir den Kindern vermitteln, wie sie gemeinsam Lösungen finden, wie man Demokratie lebt – und nicht einfach nur weiss, wie sie funktioniert.» In einen Dialog kommen und Kompromisse finden seien heute wichtige Grundlagen.

Rahel Tschopp sitzt neben einer Pflanze und lacht.
Um Ideen für Lehr- und Lernformen zu sammeln, reist Rahel Tschopp um die halbe Welt. Quelle: Stephan Rappo

Die eigenen Stärken erkennen

Rahel Tschopps Engagement kommt nicht von ungefähr. Aufgewachsen ist sie im thurgauischen Amriswil – «unter dem Nebel», wie sie sagt. «Ich gehörte zu jenen Schülerinnen und Schülern, die nicht ins starre Schulsystem passten oder nichts damit anzufangen wussten», erzählt sie weiter. Als «Nachzüglerli» zweier älterer Geschwister lernt sie sehr früh Rechnen und Schreiben. «In der Primarschule lernte ich dann schnell, mich zurückzuhalten, weil ich sonst einfach immer ein weiteres Aufgabenblatt ausfüllen musste.» In der Sekundarschule wendet sich das Blatt: Es fällt ihr zunehmend schwer, zu verstehen, was die Lehrpersonen von ihr wollen. «Mein Selbstwertgefühl nahm in jener Zeit rapide ab blieb auch im Gymnasium gering.» Tschopp hält sich notentechnisch über Wasser, weiss aber mit den fachlichen Inhalten wenig anzufangen. «Ich erkannte in mir keine Stärken, die für irgendein Schulfach geeignet gewesen wären.»

Ausserschulisch findet sie Halt im Orientierungslauf. «Hier zeigte sich eine meiner grössten Stärken – mich schnell in einer neuen Aufgabe und auf unbekanntem Terrain zurechtzufinden.» So etwas werde in der Schule aber nicht benotet, also werde es auch nicht als Stärke wahrgenommen. Ein Studium traut sie sich angesichts ihrer Zweifel nicht zu, stattdessen besucht sie das Kurzzeit-Lehrerseminar, das es damals in Kreuzlingen gibt. «Doch das Unterrichten erfüllte mich nicht.»

Aufblühen in der Kleinklasse

Mitte der 1990er-Jahre lässt sich Rahel Tschopp am damaligen Heilpädagogischen Seminar in Zürich, der heutigen Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, zur Heilpädagogin ausbilden. Schliesslich nimmt sie in Zürich eine Stelle in einer Kleinklasse an. «Da arbeitete ich sehr intensiv mit Kindern, denen es in der Schule ähnlich ging wie seinerzeit mir selbst.» In jenem Job sei sie «total aufgeblüht». «Ich verstand, was die Kinder brauchten und wie ich sie unterstützen konnte.»

Anfang der Nullerjahre zieht es sie eher zufällig und wegen der imposanten Berge nach Davos, wo sie auch den Verein «CompiSternli» gründet: Primarschulkinder bringen Seniorinnen und Senioren den Umgang mit dem Computer und später mit dem Smartphone bei. Der Verein erhielt 2016 den Prix Alice in der Kategorie «Medienkompetenz». Obwohl weitere Stationen und Weiterbildungen folgten, lebt Tschopp mit ihrem Mann nach wie vor in Davos – nicht zuletzt wegen der Ski- und Bergtouren, die sie hier unternimmt.

Beruflich aber zieht es sie nun erneut weiter. Sie übernimmt die Schulleitung an der Volksschule Bürglen im Kanton Thurgau. «Nach meiner Selbstständigkeit freue ich mich sehr, wieder in einem Team zu arbeiten», sagt sie. Denn diese soziale Eingebundenheit habe ihr in den vergangenen Jahren gefehlt und sei schliesslich eine von drei Zutaten für gute Motivation – ob von Kindern oder Erwachsenen. Die anderen beiden Zutaten, Autonomie und Selbstwirksamkeit, hat sich Tschopp längst erarbeitet.

Rahel Tschopp lacht.
Die Schule neu zu denken, ist ihr Lebensthema. Quelle: Stephan Rappo

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