Ein Seitenwechsel mit Gewinn
Schulblatt 25.09.2026
Leistungsstarken Lernenden mit besonderen Angeboten neue Perspektiven zu eröffnen, ist eine zentrale Idee der Talentförderung in der Berufsbildung. Ein Austauschprojekt von Universitätsspital und Spitex Zürich zeigt, wie Jugendliche in Ausbildung davon profitieren.
Text: Jacqueline Olivier Fotos: Clara Neugebauer
Ein lauer Morgen im August, kurz vor halb acht. Noch ist es ruhig in den Gängen der Spitex in Zürich Wollishofen. Gerade findet der tägliche Rapport statt, die Pflegefachleute tauschen sich untereinander aus: Was ist am Vortag gelaufen, was steht heute an? Kurz darauf strömen sie in die Küche. Noch ein schneller Kaffee oder ein Tee im Stehen, bevor es zu den Klientinnen und Klienten geht. Layah Wirth, Lernende im dritten Lehrjahr, ist schon parat, und ebenso Záneta Popovićova, ihre Berufsbildnerin. Die beiden fahren nach Leimbach, zur ersten Klientin. Bevor sie an der Wohnungstür klingeln, nimmt Layah blaue Schuhüberzieher aus ihrem Rucksack, auch die Journalistin und die Fotografin, die heute dabei sind, bekommen welche. Da man zu den Pflegebedürftigen nach Hause gehe, erklärt Záneta Popovića, bestehe sonst das Risiko, allfällige Krankheitserreger von einem Ort zum nächsten zu tragen.
Layah Wirth lernt Fachfrau Gesundheit (FaGe). Eigentlich macht die 17-Jährige ihre Lehre im Universitätsspital Zürich (USZ). Doch momentan absolviert sie ein dreimonatiges Praktikum bei der Spitex Zürich. Möglich macht dies ein Austauschprojekt der beiden Gesundheitsinstitutionen für besonders leistungsstarke und -willige Lernende. Jeweils im fünften Semester wechseln je drei Lernende von USZ und Spitex Zürich so ihren Arbeitsort, in diesem Jahr findet der Austausch zum vierten Mal statt. «Unser Ziel ist es, den Lernenden eine möglichst generalistische Ausbildung anbieten zu können», sagt Christina Müller, Bildungsverantwortliche bei der Spitex Zürich. Zu den Kriterien, nach denen die sechs Jugendlichen ausgewählt werden, gehören natürlich die Noten – aber nicht nur, wie Franziska Tschirky Feratovic vom Unispital betont: «Zu den Stärken, auf die wir Wert legen, gehören vernetztes Denken, Einfühlsamkeit oder Anpassungsvermögen.»
Franziska Tschirky ist Prozessverantwortliche Sekundarstufe in der Direktion Pflege, Medizinisch-Technische und Medizinisch-Therapeutische-Berufe. Christina Müller war ebenfalls viele Jahre am Universitätsspital tätig. «Von daher kannten wir uns», erzählt sie. Als sie vor ein paar Jahren mit der Idee eines Austausches von Lernenden auf Franziska Tschirky zuging, sei man sich deshalb rasch einig geworden, ergänzt Letztere. «Wir wussten, dass wir ein ähnliches Bildungsverständnis haben.» Und Christina Müller doppelt nach: «Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen hatte ich das nötige Vertrauen in den Bildungsbetrieb USZ. Für einen solchen Austausch ist es sehr wichtig, dass die Lernenden in einen stabilen Betrieb kommen. Die Berufsbildnerinnen und -bildner vor Ort müssen bereit sein, auf diese Jugendlichen einzugehen.»
Selber Beruf und doch anders
In der hellen Wohnküche in Leimbach hat Layah Wirth die Medikamente für den Morgen aus der Medikamentenbox geholt und reicht sie der Klientin mit einem Glas Wasser. Sie achtet darauf, dass die betagte Dame die Tabletten einnimmt. Anschliessend geht sie mit ihr ins Bad, um ihr den Rücken zu waschen. Im Wohnzimmer geht es dann weiter mit der Wundpflege. Die Klientin hat ein sogenanntes offenes Bein, eine chronische Wunde am Unterschenkel infolge einer Gefässschwäche. Diese muss täglich gereinigt, mit einer Salbe behandelt und frisch eingebunden werden. Záneta Popovića schaut der Lernenden dabei genau zu, leitet sie an, wenn die Jugendliche unsicher ist, und plaudert nebenbei etwas mit der Klientin.
In der Regel gehen Mitarbeitende der Spitex allein zu den Kundinnen und Kunden. Hierin besteht ein grosser Unterschied zu ihrem eigentlichen Lehrbetrieb, wie Layah feststellt: «Im Spital arbeitet man immer in einem Team, zudem wird dort sehr strukturiert gearbeitet und das Umfeld ist stark hierarchisch organisiert.» Im Gegensatz dazu sei die Arbeit bei der Spitex vorhersehbarer und besser planbar. Was nicht bedeute, dass sie weniger herausfordernd wäre: «Man hat einen genauen Zeitplan und ist auf sich allein gestellt. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, ist nicht wie im Spital in einer halben Minute Hilfe da.» Als man Layah im Unispital fragte, ob sie am Austausch teilnehmen wolle, musste sie nicht lange überlegen. «Ich finde es cool bei der Spitex. Ich bin nun seit zwei Wochen hier und musste gleich voll loslegen.» Um den Perspektivenwechsel noch lehrreicher zu gestalten, werden den Lernenden aus dem Universitätsspital Klientinnen und Klienten mit einer Demenzerkrankung zugeteilt, mit denen sie sonst kaum in Kontakt kommen.
Schwierig fand Layah zu Beginn die Medikamentenabgabe mit den Dosierern, die man regelmässig auffüllen und täglich kontrollieren muss. «Am Anfang bin ich überhaupt nicht drausgekommen, denn im Spital läuft das mit den Medikamenten ganz anders.» Neu war für sie auch, das Handy als Logbuch zu benutzen: Hier wird alles, was bei der Klientin oder dem Klienten gemacht und festgestellt wird, eingetragen. Dies sei von enormer Wichtigkeit, erklärt Záneta Popovićova, denn auf diese Informationen hätten alle im Team Zugriff, nur so sei eine lückenlose Betreuung der Klientinnen und Klienten garantiert. Und apropos Klienten: Der nächste wartet schon, im selben Haus, ein Stockwerk weiter unten.
Eingebunden ins Team
Szenenwechsel: Am nächsten Nachmittag im Unispital, auf der Abteilung für Innere Medizin. Kristina Desale hat eben ihre Mittagspause beendet. Im Medikamentenraum richtet die Lernende nun die Medikamente für einen Patienten. Berufsbildnerin Sarah Birchler schaut ihr dabei über die Schultern und unterstützt sie, wenn nötig. Am Schluss führt die Berufsbildnerin eine sogenannte Doppelkontrolle durch. Am Unispital werden rund 300 junge Leute ausgebildet, davon gut 160 FaGes. Kristina ist eine der drei Austauschlernenden der Spitex. Das genaue Abmessen und Aufziehen einer Infusion, ihre nächste Arbeit, ist für sie noch schwierig. Und ist dies erledigt, muss sie notieren, wie rasch später die dem Patienten zu verabreichende Infusion einlaufen soll.
Weiter geht es in den Raum, auf dessen Türschild «Ausguss» steht. Hier muss die 17-Jährige allerlei Becken, Schalen oder Urinflaschen in eine Maschine stellen, in der die Gefässe gereinigt werden. Das gehöre zum Spitalalltag dazu, sagt die Lernende, «das ist megawichtig». Auf der Station gibt es auch Patientinnen und Patienten, für die eine Kontaktisolation gilt. Wer sie betreut, muss vor dem Betreten des Raumes einen Schutzkittel anziehen, wie Kristina erklärt. Im Spital arbeite man in einer ganz anderen Umgebung als bei der Spitex, fährt sie fort. «Man ist häufiger bei den Patientinnen und Patienten und Teil eines viel grösseren Teams.» Auch sei hier mehr Eigeninitiative gefragt. «Man entscheidet oft selbst, was man als Nächstes macht.» Zudem habe sie im Spital mehr medizinaltechnische Aufgaben. «Ich bin froh, dass ich das alles dank dieses Praktikums kennenlernen kann. Der Seitenwechsel tut mir gut, ich kann mich hier weiterentwickeln. Und man weiss ja nie, welchen Weg man später einschlagen wird.»
Barrieren abbauen
Für Franziska Tschirky ist dieser Einblick in die verschiedenen Bereiche des Pflegeberufs ein grosses Plus für Lernende und Betriebe. «Es kommt regelmässig vor, dass Patientinnen und Patienten nach einem Spitalaustritt von der Spitex weiter gepflegt werden», sagt sie, «es ist deshalb positiv, wenn Pflegefachpersonen der beiden Bereiche Kenntnis voneinander haben.» Auch Christina Müller findet es wichtig, auf diese Weise Barrieren abbauen zu können. Einzelnen Lernenden vermittelt sie deshalb auch ein Praktikum in der Langzeitpflege, sprich im nahe gelegenen Pflegeheim. Ihr langfristiges Ziel ist es, leistungsstarken Lernenden im Rahmen des Austauschprojekts einen Einblick in alle drei Bereiche zu ermöglichen. Dem ist auch Franziska Tschirky nicht abgeneigt, die Idee müsse aber erst noch reifen. Hingegen ist für sie heute schon klar, dass sich der «Benefit» eines solchen Austausches sehr rasch zeige. «Jeder Wechsel in ein anderes Setting ist wertvoll. Gerade im Hinblick auf die sogenannten Future Skills sind für die verschiedenen Einsatzbereiche die unterschiedlichsten Talente gefragt.»
Kristina Desale hat das Angebot für das Praktikum im Unispital jedenfalls gern angenommen. «Ich habe schon viel profitiert und möchte noch mehr profitieren.» Nach ihrem Lehrabschluss will sie sich an der Höheren Fachschule zur diplomierten Pflegefachfrau weiterbilden. Ob es sie danach eher in die ambulante oder in die stationäre Pflege ziehen wird, weiss sie hingegen noch nicht, infrage kommen für sie beide. Auch Layah Wirth hat schon konkrete Pläne für ihre Zukunft: Erst die Berufsmaturität erlangen – «berufsbegleitend, damit ich nochmals etwas anderes sehen und neue Erfahrungen sammeln kann» –, dann Medizin studieren. «Ich möchte auf jeden Fall weiterhin mit Menschen arbeiten, das liegt mir.»
Talentförderung Plus
Betriebe, die leistungsstarke Talente fördern möchten, werden vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt beraten und unterstützt. Auf der Website «Talentförderung Plus» finden sie zahlreiche Informationen, ausgewählte Erfolgsgeschichten sowie praktische Tipps. Auf Basis der 2024 durchgeführten Evaluation «Talentförderung in der beruflichen Grundbildung Kanton Zürich» der Pädagogischen Hochschule Zürich wurde die Website in den vergangenen Monaten überarbeitet und das Angebot von «Talentförderung Plus» ergänzt.
Talente können sowohl betriebsintern als auch mithilfe externer Angebote gefördert werden, wie Isabelle Sterchi Pelizzari, zuständig für Projekte in der Berufsbildung, erklärt. Das Spektrum reiche von der Übertragung zusätzlicher Verantwortung über spezielle Arbeiten bis zu Sprachaufenthalten und Praktika im In- und Ausland. In den Betrieben werde oft schon viel getan, sagt Isabelle Sterchi Pelizzari, aber teilweise fehle es an einem längerfristigen Konzept. Deshalb rät sie den Betrieben zur Erarbeitung eines Talentprogramms, das in der Unternehmenskultur verankert und filialübergreifend angewendet werden soll. Auf Wunsch begleitet sie die Betriebe auch dabei. Um Talente besser erkennen zu können, steht auf der kantonalen Website zudem ein Kompetenz-Kompass zur Verfügung. Ein wichtiger Punkt sei auch die Zusammenarbeit der Betriebe mit den Berufsfachschulen, die über eigene Rahmenkonzepte für die Talentförderung verfügten, von denen die Betriebe aber nicht immer Kenntnis hätten.