Zwischen Werkbank, Labor und Nationalkader

Morgens in den Lehrbetrieb oder die Berufsschule, danach ins Training: Für 50 junge Athletinnen und Athleten an der Berufsbildungsschule Winterthur gehört dieser Rhythmus zum Alltag. Drei von ihnen erzählen, wie sie Leistungssport und Berufslehre miteinander vereinbaren.

Text: Julia Driesen-Rosenberg Fotos: Marion Nitsch

«Montags ist mein Ruhetag», sagt Ilario Rossi. Trainingsfrei heisst für ihn allerdings nicht frei. Der 17-Jährige nutzt den Montag vor allem zum Lernen. Rossi absolviert das zweite von drei Lehrjahren als Laborant Farbe und Lack EFZ und trainiert gleichzeitig auf Spitzenniveau Wushu, eine chinesische Kampfsportart. Nach Stationen in Taekwondo, Judo, Jiu-Jitsu und Kickboxen fand er zu seiner heutigen Disziplin. 2024 holte Rossi an der Europameisterschaft in seiner Kategorie Bronze.

Ein junger Mann in Jeans zeigt eine spielerische Kampfpose vor der Treppe zu seiner Schule.
Ilario Rossi gehört zum Schweizer Nationalkader der Kampfsportart Wushu. Quelle: Marion Nitsch

Der junge Athlet gehört dem Schweizer Nationalkader an und trainiert fünf bis sechsmal pro Woche. Frühmorgens pendelt er von Schwyz in seinen Lehrbetrieb im Kanton Zürich. Nach einer kurzen Pause stehen Training und Lernen auf dem Programm, zweimal pro Woche auch Berufsschule. Rund drei Stunden täglich verbringt Rossi im ÖV, oft mit Schulunterlagen auf den Knien. «Es gibt Tage, die mir schwerer fallen, aber ich will es durchziehen und fühle mich gut dabei. Dranzubleiben, nicht beim ersten Stress aufzuhören – das ist mir wichtig.»

«Swiss Olympic Partner School»

Als die schulischen Leistungen im ersten Lehrjahr zwischenzeitlich nachliessen, stellte Rossi einen Lernplan auf. Unterstützung erhielt er dabei vom Sportkoordinator der Berufsbildungsschule Winterthur (BBW). Seit Sommer 2025 ist die BBW offizielle «Swiss Olympic Partner School». Das Zertifikat erhalten Schulen, die Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern den Spagat zwischen Ausbildung und Wettkampfbetrieb ermöglichen – etwa mit flexibleren Stundenplänen oder Dispensationen für Trainings und Wettkämpfe.

Mit Sportkoordinator Stefan Jezler haben die Athletinnen und Athleten an der BBW einen zentralen Ansprechpartner. Das erleichtert kurzfristige Freistellungen, wenn Aufgebote von Verbänden oder Vereinen erst spät eintreffen. Den verpassten Schulstoff stellen die Lehrpersonen zum Nacharbeiten bereit. Wird die Belastung zu hoch, sucht Jezler gemeinsam mit Berufsbildnerinnen und Trainern nach Lösungen. «Leistungssportlerinnen und Leistungssportler bewegen sich oft nahe an ihren Grenzen», sagt er. «Gemeinsam finden wir dann einen Weg, die Belastung zu reduzieren. Das hat bisher immer geklappt.»
 

Ein sportlicher Mann mit hellblauem Hemd steht lächelnd im Aussenbereich einer Schule.
Sportkoordinator Stefan Jezler unterstützt die jungen Sportlerinnen und Sportler im Alltag. Quelle: Marion Nitsch

«Leistungssport und Berufslehre parallel, das ist anstrengend, aber machbar – wenn man es macht», sagt Sajra Omerinovic´. Ihr Tag beginnt früh. Sportkleidung, Schulunterlagen, Arbeitsmaterialien, Fussballschuhe, Essen für den ganzen Tag – beim Packen ihrer Tasche darf sie nichts vergessen. Nach Hause kommt die 17-Jährige meist erst gegen 22 Uhr. Omerinovic´ absolviert das zweite Lehrjahr zur Biologie-Laborantin EFZ. Zum Fussball kam sie über ihren Bruder, mit neun spielte sie bereits beim FC Zürich. Seit Kurzem läuft sie als Verteidigerin für den FC Aarau auf und gehört zum U17-Nationalkader von Bosnien und Herzegowina.

Sie trainiert fünf- bis sechsmal pro Woche, dazu kommen Spiele und Einsätze mit der Nationalmannschaft. Gelernt wird unterwegs. «Ich lerne im ÖV, das funktioniert inzwischen ziemlich gut. Tagsüber habe ich meist null Zeit, noch nicht mal, um schnell etwas zu essen zu kaufen.» Wie sie Lehre und Spitzensport unter einen Hut bringt? Omerinovic´ lacht. «Es macht mir Spass!» Disziplin sei wichtig, sagt sie. «Aber am wichtigsten ist, dass man Freude am Sport und am Beruf hat.»
 

Junge Frau mit langen Haaren sitzt auf einem Pult im Klassenzimmer.
Sajra Omerinovic, Fussballerin und angehende Biologie-Laborantin, kommt meistens erst gegen 22 Uhr nach Hause. Quelle: Marion Nitsch Quelle: Marion Nitsch

Kennengelernt hat sie den Beruf während eines Schnuppertags. «Ich hatte schon als Kind ein Mikroskop zu Hause, die Arbeit im Labor liegt mir.» Ihre Arbeitgeberin, die ETH Zürich, unterstütze ihr sportliches Engagement. «Früher hatte ich immer nur das KV im Kopf», sagt Omerinovic´. «Heute bin ich froh, dass ich meinem eigentlichen Berufswunsch gefolgt bin.»

Rund 40 Berufe zur Auswahl

Lange galt bei vielen jungen Athletinnen und Athleten vor allem die KV-Lehre als kompatibel mit dem Leistungssport. Heute ist die Auswahl breiter: An der BBW stehen rund 40 Berufe im handwerklichen und digitalen Bereich offen. Sportkoordinator Stefan Jezler betont, wie wichtig die Berufswahl sei. Vom Sport allein leben könnten später nur die wenigsten. «Die jungen Leute sollen einen Beruf wählen können, der wirklich zu ihnen passt.»

Auch Luca Maurelli hat sich bewusst für einen handwerklichen Beruf entschieden. «Leuten, die Leistungssport machen und nicht den ganzen Tag im Büro sitzen wollen, kann ich das nur empfehlen», sagt der 16-Jährige. Er ist im ersten Lehrjahr der vierjährigen Schreinerlehre EFZ. Schon vor Lehrbeginn arbeitete er zu Hause mit seinem Vater an handwerklichen Projekten. Parallel verfolgt Maurelli ehrgeizige sportliche Ziele. Er trainiert vier- bis fünfmal in der Woche Judo, dazu kommen zwei bis drei Einheiten Krafttraining. «Am Anfang war es herausfordernd, alles zu koordinieren», sagt er. «Lehre, Training, Schule und Lernen – ich musste mich zuerst daran gewöhnen. Inzwischen habe ich meine Routine gefunden.» Freunde trifft Maurelli meist am Samstag, lange Nächte seien allerdings selten. «Mein Traum ist, im Sport richtig weit zu kommen.» Den Schreinerberuf möchte er trotzdem nicht aufgeben, sondern später möglichst in Teilzeit weiterarbeiten.

Dass die Verbindung von Lehre und Leistungssport gelingt, sei nur dank des Engagements aller Beteiligten möglich, sagt Sportkoordinator Stefan Jezler. Neben den Athletinnen und Athleten und der Berufsschule brauche es auch Lehrbetriebe, die flexible Lösungen mittragen. Der Einsatz lohne sich jedoch: Insgesamt seien die Leistungen der Athletinnen und Athleten oft überdurchschnittlich, auch schulisch. «Ich staune immer wieder, mit welcher Disziplin und Selbstständigkeit sie diese Doppelrolle meistern.»
 

 Lernender mit grauem Hoodie in der Hocke im Gang seiner Berufsfachschule.
Judoka Luca Maurelli bringt Leistungssport und Ausbildung unter einen Hut. Quelle: Marion Nitsch