Natürliche Kreisläufe mit Kopf, Händen und Herz verstehen
Schulblatt 12.06.2026
Die Gesellschaft für Schülergärten betreibt in der Stadt Zürich 23 Gärten. Schülerinnen und Schüler ziehen darin Gemüse und Blumen und lernen, welche Bedeutung der Boden für den Menschen hat. Zu Besuch im Schülergarten Aemtler.
Text: Andreas Minder Foto: Stephan Rappo
«Ein Frosch!» Die Kinder lassen ihre Stechgabeln fallen und laufen zum Beet, auf dem Philipp steht und auf ein kleines, schwarzes Wesen zeigt. Gartenleiterin Florence Iff kniet sich hin und nimmt es vorsichtig in die Hand. «Es ist eine Erdkröte », erklärt sie. «Wollt ihr sie anfassen? » – «Iiih», ruft Esila – und fasst sich dann doch ein Herz. Sachte berührt sie die Haut der Kröte. Als sich alle sattgesehen haben, legt Iff das Tier an ein schattiges Plätzchen unter einem Strauch. Die Kinder kehren zu ihrem Beet zurück.
Es ist ein warmer Frühlingsnachmitttag Mitte April. Im Schülergarten Aemtler, zwischen Friedhof Sihlfeld und Aemtlerschulhaus gelegen, bearbeiten Frida, Philipp, Esila und Berat ihre Beete. Sie sind in der 1. oder der 2. Klasse und ein kleines Grüppchen. Florence Iff geht zwischen ihnen hin und her, schaut, dass alle ein Sonnenhütchen tragen, weist auf einen prächtig schillernden Rosenkäfer hin, und erklärt, warum das Fünffingerkraut ausgerissen werden sollte, die Nachtkerze aber nicht.
Von Mitte März bis zu den Herbstferien besuchen die Kinder einmal die Woche nach der Schule Florence Iffs Gartenkurs. Eineinviertel Stunden lang kümmern sie sich um ihre eigenen fünf Quadratmeter Boden und um die gemeinschaftlichen Beete. «Das macht ihnen bewusst, wie lange es dauert, bis man einen Härdöpfel oder ein Rüebli essen kann. Und wie viel Arbeit dahintersteckt», erklärt Florence Iff eines der Ziele der Schülergärten.
Heute hat der Kurs mit Ernten begonnen. Die Kinder haben Nüsslisalat und essbare Wildpflanzen gepflückt. «Sie können nach Hause mitnehmen, was ihnen schmeckt», sagt Iff. Auch der Ertrag des selbst angebauten Gemüses gehört ihnen, wenn es reif ist. Bei der Gründung der Gesellschaft für Schülergärten (GSG) vor über 100 Jahren sei dieser Aspekt zentral gewesen, sagt die Gartenleiterin. «Die Leute hatten zu wenig zu essen. Wenn die Kinder ihr eigenes Gemüse anbauten, konnten sie etwas zur Versorgung der Familie beitragen.»
Ein ganzes Universum im Boden
Erde lockern, heisst der nächste Arbeitsschritt. Die Kinder schnappen sich eine Stechgabel und gehen zu ihrem Beet. Die Arbeit ist für die Erst- und Zweitklässler dieser Gruppe nicht ohne. Die Stechgabel ist fast so gross wie sie. Sie müssen ihr ganzes Gewicht einsetzen, um die Zinken in die Erde zu drücken. Ist das geschafft, muss das Werkzeug hin und her bewegt werden. Auch das verlangt den Kleinen alles ab. Und ab und zu geschieht ein Missgeschick. Frida hat die Stechgabel versehentlich dort eingesteckt, wo sie letztes Mal Kartoffeln gesetzt hat. Doch der Schaden ist überschaubar. Die ausgegrabene Knolle wird wieder in den Boden gesteckt und mit Erde bedeckt. Und dank dem Graben am falschen Ort weiss die kleine Gärtnerin jetzt, dass ihre Kartoffeln schon tüchtig gekeimt haben.
Die Kurse in den Schülergärten sind für Kinder der 1. bis 5. Klasse offen. Im Aemtler werden sie derzeit von rund 25 Schülerinnen und Schülern in verschiedenen Gruppen besucht. Laut Iff waren es auch schon mehr. «Für die Erstklässler ist die Arbeit sehr herausfordernd », sagt sie. Körperlich, aber auch, was die die Genauigkeit anbelange. «Wir müssen alles nachkontrollieren.»
Manchmal wirken Eltern im Garten mit. «Wir deklarieren auch, dass wir dies schätzen und die Unterstützung brauchen können», sagt Iff. Berats Grosseltern, die ihn hergebracht haben, werden denn auch gleich zum Giessen eingespannt. Später kommt seine Mutter dazu und hilft beim Pflanzen und Säen. Florence Iff hofft, dass sie auch den Eltern etwas von dem mitgeben kann, wofür sie die Kinder zu sensibilisieren versucht. Etwa, welche Bedeutung der Boden hat: «Er ist das Wertvollste in unserem Leben.» Gelegentlich bringt sie eine Bodensonde mit, die Geräusche von Mikroorganismen und Insekten hörbar macht. «Man hört, was für ein Universum im Boden drin ist. Da gehen den Kindern Welten auf.» Genau das will die GSG erreichen, wie man in ihren Statuten nachlesen kann. «Die Schüler und Schülerinnen sollen die Zusammenhänge in der Natur erlernen und zu einer naturverbundenen Lebenshaltung ermuntert werden», steht im Zweckartikel.
Von Beetplanung bis Ernte
Die Beete sind nun bereit fürs Pflanzen respektive Säen, auch wenn sie für Uneingeweihte auf den ersten Blick nicht so aussehen. Müsste das Unkraut nicht erst ausgerissen werden? «Wir haben kein Unkraut, sondern nur noch ‹Umkraut›», korrigiert Iff. Diese Pflanzen lockerten mit ihren Wurzeln den Boden, hielten ihn feucht und verhinderten Erosion. «Ich mache Gartenbau mit viel Biodiversität. Im Zentrum steht der Bodenaufbau.» Iffs Lebenspartner und eine weitere Person, die mit ihr den Aemtler-Garten leiten, teilen diese Philosophie. Es sehe aber nicht in allen Schülergärten gleich aus, sagt Iff. Der gemeinsame Nenner sei jedoch, dass überall mit biologischen Methoden gearbeitet wird. Das schreiben ebenfalls die Statuten der GSG vor. Neue Gartenleiterinnen und -leiter werden in vier Workshops, verteilt über ein Jahr, auf ihre Aufgabe vorbereitet. «Sie lernen, wie man richtig gärtnert, aber auch, wie man mit den Kindern umgeht», erklärt Iff. Ein wichtiges Dokument ist der «Leitplan für Schülergärten». Es ist ein Handbuch, in dem die Arbeiten von der Beetplanung bis zur Ernte erklärt werden. Er gibt auch vor, welche Gemüse und Kräuter angepflanzt werden.
Heute werden im Aemtler-Garten Kohlrabi und zwei Sorten Salat gesetzt und Radieschensamen ausgesät. Iff macht vor, wie es geht. «Der dickere Teil der Kohlrabiwurzel muss über der Erde sein», erklärt sie. «Wenn ihr genau arbeitet, habt ihr eine bessere Ernte.» Die Kinder machen sich ans Werk. Berats Mutter und Florence Iff helfen mit, wenn es nicht recht klappen will.
Gärten und Ökologie sind für Florence Iff seit vielen Jahren wichtige Themen. Früher hat die Fotokünstlerin sogar in einer Gärtnerei gearbeitet. Es war eine Freundin, die sie vor zehn Jahren auf die Schülergärten aufmerksam machte. Sie übernahmen zusammen den Garten Untermoos in Altstetten, bis 2021 der Aemtler-Garten frei wurde. «Wir wohnen nebenan. Und es ist einfach ein Paradies mitten in der Stadt», begründet sie den Wechsel. Sie nutzt den Garten auch für Kreativkurse während der Sommerferien, in denen sie Kinder das Malen mit Pflanzenfarben lehrt. «Es gibt hier alles, was wir dazu brauchen.»
Iff engagiert sich nicht nur im Schülergarten, sondern auch in zwei Schulgärten. Die Begriffe ähneln sich, bezeichnen aber unterschiedliche Dinge. In die Schülergärten der GSG kommen die Kinder in ihrer Freizeit, was im Schulgarten passiert, ist Teil des Unterrichts. Wenn Lehrpersonen beschliessen, mit der Klasse zu gärtnern, können sie auf Fachpersonen von Bioterra, der Organisation für den Bio- und Naturgarten in der Schweiz, zurückgreifen. Florence Iff ist eine dieser Fachpersonen. Sie gibt in den Schulgärten des Aemtler- und des Kern-Schulhauses den «Kartoffelkurs» von Bioterra.
«Regenwürmer sind gut!»
Dass Florence Iff so viel Zeit im Garten verbringt, kommt nicht von ungefähr. «Es ist heilend, in der Erde zu arbeiten. Man ist einfach glücklich», sagt sie. Und fügt hinzu: «Ich will etwas Sinnvolles für nächste Generationen tun und gemeinsam mit den Kindern Selbstwirksamkeit erleben.»
Und wie zufrieden sind die Kinder mit ihrer Arbeit? Erstklässlerin Frida sagt, sie mache eigentlich alles gern im Garten, nur die Schnecken möge sie nicht. Ähnlich geht es Esila, die gerade eben die Scheu vor der vermeintlich «gruusigen» Erdkröte abgelegt hat. Und sie hat schon verinnerlicht, dass man auch ein anderes, eher unansehnliches Tier nicht aufgrund seines Äusseren beurteilen sollte: «Regenwürmer sind gut!» Philipp hat das Pflanzen der Setzlinge heute besonders gut gefallen. Weil seine Grosseltern einen Garten haben, hofft er, das Gelernte dort anwenden zu können. Mit Berat geht er einig, dass die Arbeit «ein bisschen anstrengend » ist.
Der Kurs nähert sich seinem Ende. Berat stösst eine Karrette mit gehäckseltem Schilf zu den Beeten. Der Mulch wird um die frisch gesetzten Pflanzen gestreut. «Damit die Erde feucht bleibt», erklärt Iff. Dann gehen alle Kinder zur Regenwassertonne, füllen eine Giesskanne und schleppen sie zu ihrem Beet. Währenddessen trudeln schon die etwas älteren Schülerinnen und Schüler des nächsten Kurses ein. Frida, Philipp, Esila und Berat verabschieden sich von Florence Iff, nehmen ihren Plastiksack mit Nüsslisalat und Wildpflanzen und machen sich auf den Heimweg. Für die Gartenleiterin hingegen ist noch nicht Feierabend. Sie macht alles parat, um der nächsten Gruppe Natur und Gartenbau näherzubringen.
115 Jahre Gesellschaft für Schülergärten (GSG)
Die Idee, in Zürich Schülergärten einzurichten, hatte 1911 der Pfarrer Gottfried Bosshard. In Fluntern stellte die städtische Liegenschaftsverwaltung ein erstes Areal zur Verfügung. 1912 begannen die ersten 59 Schülerinnen und Schüler in drei Gruppen mit Gärtnern. Was die Gründerinnen und Gründer damit bezweckten, ist in den Statuten nachzulesen: «Mit Hilfe der Gartenarbeit Knaben und Mädchen der mittleren Schulstufen erzieherisch beeinflussen, vor den Gefahren des Gassenlebens und anderen schädlichen Einflüssen bewahren, ihre körperliche Entwicklung fördern, in ihnen Freude an der Arbeit und Liebe zum Boden der Heimat wecken.»
Um 1950 beschloss der Stadtrat, der GSG bei Schulhausneubauten jeweils ein Stück Land pachtfrei zu überlassen. Mitte der 1970er-Jahre wurde auf die Methode des biologischen Gartenbaus umgestellt. Heute verfügt der Verein über 23 Gärten. Letztes Jahr besuchten gut 500 Schülerinnen und Schüler einen Gartenkurs der GSG. Der Verein finanziert sich über Kursgebühren (aktuell 100 Franken pro Schüler/in) und Beiträgen von Sponsoren, privaten Spenderinnen und Spendern und der Stadt Zürich.
www.schuelergaerten.ch
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