Keine Lust auf Einseitigkeit
Schulblatt 12.06.2026
Musikalische Berührungsängste? Kennt Musiklehrer Daniel Manhart nicht. Er ist A-cappella-Sänger, Rockmusiker, Frauenchorleiter – und Kulturpreisträger.
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Text: Jacqueline Olivier Foto: Stephan Rappo
Das Café, das Daniel Manhart für das Treffen vorgeschlagen hat, liegt auf seinem Arbeitsweg – in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Jona. In Rapperswil-Jona ist der Berufsmusiker aufgewachsen, von hier pendelt er seit mehr als 30 Jahren nach Wetzikon an die Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO), wo er Schulmusik und Klavier unterrichtet. Musik hat sein Leben früh geprägt: Sein Grossvater war Kirchenmusiker und arbeitete als Organist und Chorleiter in Jona. Daniel Manhart selbst hat schon als Jugendlicher gern Musik gemacht, hat Saxofon und Klavier gespielt und gesungen. Mit 14 Jahren gründete er seine erste Rockband. Trotzdem sagt er: «Mich interessiert noch viel anderes. Ich hätte mir auch vorstellen können, Germanistik oder Jus zu studieren. » Doch schliesslich entschied er sich für ein Klavierstudium am Konservatorium Zürich. Parallel dazu nahm er Gesangsunterricht.
Dass er sich der Schulmusik widmen wollte, wusste er bald: «Die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern liegt mir. Bereits als Teenager
habe ich mich in der Jugendarbeit engagiert.» Als er 1992 an der KZO zu unterrichten begann, war er selbst noch Student. Die Schule hatte eine Lehrperson für den Klavierunterricht gesucht und er sich daraufhin beworben. Schon bald übernahm er auch Klassenunterricht, noch bevor er die Ausbildung für Schulmusik begann. «Ich war ein absoluter Grünschnabel.» Einfach mal etwas auszuprobieren, sei aber typisch für ihn, fährt er fort. Das zeigt auch seine ausserschulische Musikerkarriere, die er mit den Worten zusammenfasst: «Manches ist gut gegangen, anderes totaldaneben.»
Erfolgreich unterwegs ist er beispielsweise als Keyboarder mit der Band «The Beauty of Gemina», mit der er seit 2020 durchs In- und
Ausland tourt. Ihre Musik bezeichnet die Gruppe selbst als Mixtur von Wave, Blues und Folk. Ein ganz anderes Genre pflegt Daniel Manhart mit dem von ihm 2003 ins Leben gerufenen Vokalensemble «chant 1450», das sich dem Renaissance-Gesang widmet. Er selbst übernimmt dabei den Tenorpart. Doch auch da belässt er es nicht bei der Interpretation des geistlichen und des weltlichen Repertoires des 15. und 16. Jahrhunderts, sondern kombiniert den A-cappella-Gesang mit Beiträgen aktueller und innovativer Gastmusiker, um ganz neue Stimmungen zu erzeugen. So spannte er schon mit solch namhaften Musikern wie dem Schweizer Christian Zehnder oder dem Franzosen Sylvain Chauveau zusammen.
Und für die jüngste Tournee «Licht im Winter» war Mirjam Skal mit an Bord, einst Daniel Manharts Schülerin an der KZO, heute mehrfach preisgekrönte Filmkomponistin – unter anderem gewann die mittlerweile 30-Jährige 2024 an der «Televisionale » Baden-Baden den Preis für die beste Filmmusik für eine Schweizer «Tatort»-Folge. Was ihren ehemaligen Lehrer sichtlich freut.
Generalist statt Spezialist
Ehrungen für sein Wirken wurden auch Daniel Manhart zuteil. Schon das Schulmusik-Studium für die Sekundarstufe II hat er mit Auszeichnung abgeschlossen. Und für sein Engagement mit «chant 1450» durfte er 2024 die «Kulturmarke» des Vereins Kultur Zürichsee Linth entgegennehmen. In diesem haben sich die zehn Gemeinden der St. Galler Bezirke See und Gaster und der Kanton St. Gallen zusammengeschlossen, um die Kulturförderung zu bündeln und die Kulturregion zu stärken. Die Vergabe des Preises an Daniel Manhart begründete die Jury unter anderem mit den Worten: «Durch seinbreites und tiefes Verständnis für Musik entsteht ausserordentliche und auch aussergewöhnliche Musik.»
Für den experimentierfreudigen Musiker bleibt jedoch keine Zeit, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Da ist zum Beispiel noch die Alternative-Rock-Band «me.man.machine», die er 2010 gegründet hat. Zehn Jahre lang spielte er in dieser Formation E-Bass, inzwischen ist er als Keyboarder dabei. Oder der Frauenchor Höngg, den er seit sechs Jahren leitet und mit dem er von Volksliedern bis Jazz und von Pop bis Klassik so ziemlich alles einstudiert und aufführt. Es ist die Vielseitigkeit, die Daniel Manhart reizt. Wobei er als Generalist, wie er sich selbst bezeichnet, die Spezialisten manchmal um ihr Können beneide. «Ich kann vieles, aber wenig richtig gut und muss mich auf alles immer intensiv vorbereiten. Andererseits habe ich schlicht keine Lust auf Einseitigkeit.»
Davon profitieren letztlich seine Schülerinnen und Schüler an der KZO. «Mein Repertoire an der Schule ist geprägt von meiner Bandbreite.» Zu dieser gehört auch, dass er in früheren Jahren die «Basics » der Jazzmusik gelernt hat. Oder dass seine Ausbildung zu einem guten Teil an der Universität Zürich stattfand, wo er sich mit Musikwissenschaft beschäftigte. Und nicht zuletzt kann er auf eine einjährige Einführung in die Disziplin der Musikethnologie zurückblicken. «All dies hat meinen Horizont weit gemacht und fliesst in meinen Unterricht ein.» So will er beispielsweise im Schwerpunktfach Musik im nächsten Schuljahr zehn Vorlesungen über Musikgeschichte halten – von der Gregorianik über Barockoper bis zur atonalen Musik.
Hilfreiche Erfahrungen
Auch nach mehr als drei Jahrzehnten bereitet ihm die Arbeit an der Schule nach wie vor sehr viel Freude. «Mit meinen bald 58 Jahren fühle ich mich trotz 100-Prozent-Pensum überhaupt nicht ausgebrannt. » Im Gegenteil: Neben dem Unterricht leitet er Rockbands mit bis zu 60 Schülerinnen und Schülern. «Diese wissen, dass ich oft auf grossen Bühnen unterwegs bin. Das schafft Respekt und weckt ihr Interesse.» Die Schule sei hinsichtlich seiner verschiedenen Engagements zudem ausgesprochen kulant, weil man wisse, es komme etwas zurück. So verfügt er zum Beispiel über Erfahrung in Sachen Bühnenelektronik, was bei Schülertheatern oder -konzerten hilfreich ist. Vor 25 Jahren führte er an der KZO zudem eine Audiosoftware für Schulklassen ein, die heute noch in Gebrauch ist. «Sie bietet einen einfachen Plug-and-Play-Einstieg in die kreative Audiowelt am Computer. Als Schülerin hat Mirjam Skal damit ein Hörspiel vertont.» Und eben erst hat er die Musik für die Aufführung «Level up» der Schülerinnen und Schüler des Theaterfreifachs zusammengestellt.
Wenn man Daniel Manhart zuhört, kann man sich kaum vorstellen, dass ihm noch Zeit bleibt für seine vielen weiteren Interessen. Aber doch: «Ich lese zum Beispiel sehr viele Bücher.» Zudem wohne er an einem schönen Ort mit See, Wald und Bergen. «Ich gehe gern spazieren oder wandern.» Und natürlich besucht er regelmässig Konzerte – «vor allem von Freunden und Bekannten».
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