Im Sog der radikalisierten Männerwelt

Ein neues Beratungsangebot hilft Lehrpersonen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern sowie Eltern beim Umgang mit männlichen Jugendlichen, die sich auf Social Media von problematischen Inhalten beeinflussen lassen. «Vorsicht Manosphere!» wird vom Kanton Zürich unterstützt.

Die Internet-Suche von Knaben und männlichen Jugendlichen fängt oft harmlos an. Manche haben ein Interesse an Fitness-Themen, andere wollen erfahren, wie man Geld verdienen kann. Der Algorithmus lenkt viele von ihnen langsam, aber stetig in Richtung der sogenannten Manosphere (Männersphäre). Diese setzt sich aus Personen und Plattformen zusammen, die eine dominante Männlichkeit und teilweise auch übergriffige oder gewalttätige Verhaltensweisen gegenüber Frauen propagieren. Feminismus, Homosexualität und Gleichstellung werden als Übel bezeichnet, das Männern schade.

Manche männliche Jugendliche sind empfänglich für solche Inhalte. Die Pubertät ist keine einfache Zeit, viele fühlen sich verunsichert, einsam oder überfordert. Im Netz stossen sie auf Gruppen der Manosphere, die Anerkennung und Gemeinschaft versprechen. Diese vertreten ein Männlichkeitsideal, das von Überlegenheit und Stärke geprägt ist sowie oft auch von Abwertung und Gewaltbereitschaft. In der breiten Öffentlichkeit ist das Phänomen der Manosphere seit der Netflix-Serie «Adolescence» und den Berichten über den berüchtigten Influencer Andrew Tate bekannt.

Drei Personen sitzen nebeneinander in einem Sitzungszimmer, jemand spricht, die anderen hören zu.
Kambez Nuri (links) spricht mit Mitarbeitenden des Kantons und der Stadt Zürich über den Start des Beratungsangebots von "Vorsicht Manosphere!" Quelle: Andreas Schwaiger

Wie soll man reagieren, wenn sich Jugendliche mit einem aggressiven Männlichkeitsbild identifizieren und diskriminierende Aussagen machen? «Das Wichtigste ist, die Beziehung zu den Jugendlichen aufrechtzuerhalten», sagt Kambez Nuri. Er ist Co-Leiter der Fachstelle «Oh boy*» und hat langjährige Erfahrung in der Jugendarbeit mit Fokus auf Geschlechterrollen und Gleichstellung. Auch wenn man sie auf inakzeptable Aussagen oder Verhaltensweisen anspreche, solle man den Jugendlichen nie das Gefühl geben, sie würden als Person abgelehnt. «Die Probleme der Jugendlichen sind echt und müssen ernst genommen werden», fügt er hinzu. Wichtig sei, im Dialog zu bleiben und zu versuchen, gemeinsam mit ihnen Lösungen für ihre Probleme zu finden.

Neue Website mit Informationen

Seit April 2026 finden Lehrpersonen, Eltern und Fachleute auf der Website www.manosphere.ch viel Wissen zu dieser Nischenwelt sowie auch konkrete Empfehlungen und Handlungsanweisungen. Verantwortlich für die Inhalte ist die Fachstelle «männer.ch». Die Informationen helfen bei der Einschätzung der Situation; unterschieden wird zwischen ersten Anzeichen, Warnsignalen und Alarmsignalen.

Bei schwierigeren Fällen wird ein vernetztes Vorgehen der privaten und schulischen Bezugspersonen empfohlen. Das Ziel ist, zu verhindern, dass der Junge sich von Schule, Freunden und Familie distanziert und immer mehr Zeit in der Online-Welt verbringt. Falls er sich radikalisiert und den Bezug zur Realität verliert, kann er gemäss der Fachstelle unter Umständen eine Gefahr für sich selbst oder für andere darstellen. Welche Stellen in solchen Fällen zu kontaktieren sind, steht ebenfalls auf der Website.

Personen, die im Kanton Zürich wohnen oder arbeiten, können sich über die Website auch für eine kostenlose telefonische Einzelberatung anmelden. Das Angebot ist sowohl für Lehrpersonen und weitere Fachpersonen als auch für Eltern und Bezugspersonen gedacht. Auf Wunsch kann die Beratung anonym erfolgen.

Vier Personen reden miteinander im Stehen.
Austausch vor der Lancierung der Website. Von links: Vivian Frei, Bildungsdirektion, Kambez Nuri, Vorsicht Manosphere!, Reinhard Brunner, Kantonspolizei, und Patrizia Suplie, Stadtpolizei Zürich. Quelle: Andreas Schwaiger

Kambez Nuri gehört zu den Experten und Expertinnen, die in diesem Rahmen beraten. Wann lohnt es sich, Unterstützung zu holen? «Bei uns kann man sich mit jeder Frage melden – unabhängig davon, ob man einen konkreten Fall besprechen oder sich generell informieren will. Interesse ist immer gut», sagt er. In den ersten Wochen nach dem Start hat das Beratungsteam bereits verschiedene Personen unterstützt. Zum Beispiel eine Mitarbeiterin eines Jugendtreffs, die anonym einen konkreten Fall besprechen wollte. Sie hatte schon verschiedene Massnahmen eingeleitet und wollte wissen, wie der Berater ihr Vorgehen beurteilt. Ebenfalls für einen Termin angefragt hat eine Lehrerin, die über eine Situation in ihrer Klasse sprechen wollte.

Breite Förderung

Die Initiative «Vorsicht Manosphere!» wird von den Kantonen Zürich und Genf, den Städten Zürich und Winterthur sowie vom Bund unterstützt. Vivian Frei, Beauftragter Gewaltprävention im schulischen Umfeld in der Bildungsdirektion, war schon bei der Planung involviert und begrüsst, dass Lehr- und Betreuungspersonen sich nun niederschwellig persönlich beraten lassen können.

Vivian Frei hört in einem Sitzungszimmer einer Diskussion zu.
Vivian Frei, Beauftragter Gewaltprävention im schulischen Umfeld, war bei der Planung des neuen Angebots involviert. Quelle: Andreas Schwaiger

Vor dem Start von «Vorsicht Manosphere!» tauschten sich die Beraterinnen und Berater während eines Workshops mit Mitarbeitenden der städtischen und kantonalen Polizei aus. Es ging um die Prüfung der Inhalte der Website und das gegenseitige Kennenlernen. Patrizia Suplie, Chefin Prävention Stadtpolizei Zürich, erklärte, dass sich die Beraterinnen und Berater bei Fragen und Unsicherheiten jederzeit an sie und ihre Kolleginnen und Kollegen wenden könnten. Reinhard Brunner, der die Präventionsabteilung bei der Kantonspolizei Zürich leitet und auch für die Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt verantwortlich ist, bot ebenfalls seine Unterstützung an. Zum neuen Angebot sagte er: «Indem wir die Kompetenzen von Eltern und Fachpersonen stärken, leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt. Dies ist eine Aufgabe, für die es die Zusammenarbeit und Abstimmung von verschieden Stellen braucht.» Patrizia Suplie ergänzte: «Wir sind auch interessiert am Austausch mit dem ‹Manosphere›-Team, das über ein grosses Fachwissen verfügt.»

www.manosphere.ch

Patrizia Suplie erklärt einen Sachverhalt in einem Sitzungszimmer.
"Wir sind interessiert am Austausch", sagt Patrizia Suplie, Chefin Prävention Stadtpolizei Zürich. Quelle: Andreas Schwaiger

Glossar typischer Begriffe

Auf der Plattform «Vorsicht Manosphere!» ist ein umfangreiches Glossar zu Themen, die im Netz unter männlichen Jugendlichen diskutiert werden, publiziert. Unter anderem geht es um folgende Begriffe:

Alpha Male

Begriff der Manosphere für einen Mann, der Dominanz, Härte, Stärke, Souveränität und Unabhängigkeit ausstrahlt.

Sigma Male

Die Bezeichnung wird in der Manosphere verwendet für einen Mann, der – wie ein selbstgenügsamer einsamer Wolf – diszipliniert und intellektuell überlegen seinen Weg geht, ohne auf Beziehungen angewiesen zu sein.

Maxxing

Looksmaxxing verbessert das Aussehen, T-Maxxing steigert den Testosteronlevel. Maxxing kann extreme Formen annehmen und die Gesundheit gefährden, beispielsweise durch die Einnahme von Anabolika.

Red Pill

Der Begriff «rote Pille» hat seinen Ursprung im Film «The Matrix», in dem die Hauptfigur die Wahl zwischen einer roten und einer blauen Pille hat. Nimmt er die rote Pille, realisiert er, dass Maschinen die Menschheit beherrschen. Nimmt er die blaue Pille, bleibt ihm diese Realität verborgen. Übertragen auf die Manosphere steht die rote Pille für die «Offenbarung», dass die globale Ordnung von Feministinnen manipuliert sei und Männer die Opfer einer Verschwörung seien.

Zero Sum

Annahme, dass Gleichstellungsfortschritte von Frauen zwangsläufig entsprechende negative Folgen für Männer haben.

80/20-Regel

Theorie, wonach sich 80 Prozent der Frauen nur für die 20 Prozent der attraktivsten Männer interessieren. Demnach müssen die anderen 80 Prozent der Männer um die Aufmerksamkeit der restlichen 20 Prozent der Frauen kämpfen oder allein bleiben.
 

Gleichstellung und Geschlechterrollen im Unterricht

Schulen leisten mit der Förderung der Geschlechtergleichstellung einen wichtigen Beitrag zur Prävention sexualisierter und häuslicher Gewalt. Auf der Online-Plattform der PH Zürich finden Lehrpersonen Unterrichtsmaterialien zu den Themen Gleichstellung der Geschlechter und Prävention von geschlechtsspezifischer, sexualisierter und häuslicher Gewalt.

tiny.phzh.ch/gleichstellung-praevention