Der pädagogische Rebberg
Schulblatt 12.06.2026
Schülerinnen und Schüler der Schule Unteres Rafzerfeld tauschen an diesem Morgen das Klassenzimmer mit dem schuleigenen Rebberg. Im fächerübergreifenden Unterricht lernen sie nicht nur, wie man Trauben anbindet, sondern erfinden selbst Geräte für den Rebbau.
Text: Abraham Gillis Fotos: Stephan Rappo
«Oft sind es Kinder, denen es im Klassenzimmer schnell zu eng wird, die hier aufblühen », erklärt Max Stamm. Hinter ihm liegt ein Rebberg, in dem Schülerinnen und Schüler Dünger unter die noch blattlosen Rebstöcke verteilen. Stamm ist in seinem letzten Ausbildungsjahr an der PH Zürich und arbeitet als Lehrer für Textiles und Technisches Gestalten (TTG) an der Schule Unteres Rafzerfeld.
Stamm bettet den Tag heute in seinen TTG-Unterricht ein. Er hat drei Aufträge mit dabei. Entweder sind die Kinder Rebstock-Erfinderinnen, Rebstock-Detektive oder Rebstock-Künstlerinnen. Die meisten wählen die dritte Aufgabe, suchen Blumen und Gräser und legen damit Kunstwerke.
Auch Nina sammelt Blumen. Ihre Mutter ist Rebbäuerin im Dorf. Sie hat aber andere Pläne: «Ich will zuerst das Gymi machen und dann studieren.» Dominik arrangiert mit Blumen ein Gesicht. «Mein Grossvater ist Bauer, und ich kann mir diesen Beruf auch vorstellen», sagt er.
«Es ist schön, hier draussen zu arbeiten mit den Reben.» Neal wählt die Variante Rebstock-Erfinder. Er sitzt im Gras und skizziert ein Gerät, das die Reben mit Draht automatisch festbindet, ohne dass von Hand ein Knoten gemacht werden muss. Wir befinden uns ganz im Norden des Kantons Zürich, ennet dem Rhein in einer Landschaft, die von Weinbergen geprägt ist. Das wirkt sich auch auf die Schule aus. Sie hat darum beschlossen, einen eigenen Rebberg anzulegen – einen pädagogischen Rebberg. Es sei ein Glücksfall, dass die Schule ein passendes Stück Land besitze, nur ein paar hundert Meter vom Schulhaus entfernt, sagt der Schulleiter Matthias Meyer.
50 Liter Traubenmost
«Vor zweieinhalb Jahren war hier noch gar nichts ausser Wiese und ein paar Bäumen», sagt Jérôme Ehrat, der dieses Projekt von Anfang an begleitet hat. Ehrats Klasse hat vor zwei Jahren mit den ersten Arbeiten begonnen. Nach dem Roden haben Schülerinnen und Schüler 20 Kubikmeter Kompost auf dem Boden verteilt und dann über 400 Metallstäbe, sogenannte Stickel, in den Boden gerammt.
Danach haben die Schulklassen Reben gepflanzt, gehegt und gepflegt, bis letztes Jahr der erste «Wümmet» stattfand und der erste Jahrgang des schuleigenen Traubenmosts – es wurden ungefähr 50 Liter gepresst – ausgeschenkt werden konnte.
So konnten alle Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis in die Sek ein Gläschen von dem Saft degustieren. Vom Ernten sind wir an diesem Morgen Anfang April aber noch weit entfernt. Die Sechstklässlerinnen und Sechstklässler hantieren mit Kübeln voller Dünger.
Nur Julia und Jessica machen Fotos mit einem iPad und sprechen mit ihren Gspänli. Sie haben sich freiwillig gemeldet, um einen Blogbeitrag zu schreiben über die besondere Schulstunde im Rebberg. Das gehört auch zum anwendungsorientierten Unterricht: Das Rebbergpojekt hat einen eigenen Blog der von den Schülerinnen und Schülern geführt wird. Julia und Jessica müssen ihren Beitrag inklusive Fotos nach zwei Stunden im Kasten haben und sind damit einiges schneller als der Verfasser dieses Textes.
Fächerübergreifender Unterricht
Der Unterricht im Rebberg sei eine Mischung aus den Fächern Textiles und Technisches Gestalten (TTG) und Natur, Mensch, Gesellschaft (MNG), eine Art «Outdoor-Unterricht», erklärt Max Stamm. «Wir nutzen den Unterricht, um fächerübergreifend zu arbeiten», sagt Jérôme Ehrat. «Das Wichtigste für mich ist, dass Wissen viel besser hängen bleibt, wenn man dazu etwas in die Hände nehmen kann.» Beim ausserschulischen Lernen liegt der Fokus auf dem Entdecken, Forschen und Handeln. Es geht darum, dass die Schülerinnen und Schüler sehen, wie eine Rebe wächst, lernen, was es braucht, damit aus der Traube am Ende Traubensaft wird. Die Verbindung zwischen dem Lernen im Klassenzimmer und dem Erleben und Anwenden der Theorie im Rebberg ist für das Projekt wichtig.
«An die Knarren!», ruft Ehrat. Bei den «Knarren» handelt es sich um Rebenbinden, die wie kleine Pistolen aussehen. Anfangs geht das schwer. Der Haken der Rebenbinde verheddert sich immer wieder in der Schnur und die Schlingen sind nicht fest genug. Doch dann sind die beiden Schülerinnen Nerina und Julia plötzlich ganz oben im Hang und haben bereits eine ganze Reihe von Rebstöcken angebunden. Sie haben aber auch einen Heimvorteil. «Wir sind schon mal mit der Schule in den Reben gewesen», sagen sie und beginnen schon mit der zweiten Reihe, während die beiden Jungs Matei und Emilian nebenan etwas langsamer vorwärtskommen. Die Arbeit macht aber auch ihnen Spass. «Es ist besser als normale Schule», sagt Emilian. Er ist ursprünglich aus Deutschland, das von hier ja nur ein paar Kilometer weit entfernt liegt. «Ich habe mein Taschengeld schon oft aufgebessert mit Arbeiten beim Bauern, zum Beispiel bei der Apfelernte.» Er sei auch schon auf einem Traktor gefahren, sagt er stolz.
Rasen als Wasserspeicher
In der nächsten Rebenreihe biegen Konsti und Leo vorsichtig einen der Äste, um ihn am Drahtgerüst zu befestigen. Die Zweige müssen gebogen werden, damit die Triebe nachher in die richtige Richtung wachsen.
«Ja nicht zu fest, sonst zerbricht er», sagt Leo. Da kommt ihnen Jérôme Ehrat zu Hilfe. «Ihr müsst die Schnur andersherum halten, einfädeln, ziehen, ausfädeln und schneiden. So einfach geht das, wenn ihr zusammenarbeitet.» Als letzter Arbeitsschritt muss zwischen den Reben noch Rasen angesät werden. «Warum eigentlich?», fragt einer der Schüler. «Damit es schön ist!», ruft jemand. «Das auch», sagt Jérôme Ehrat. «Gras ist Wasserspeicher, fördert Biodiversität und macht den Hang stabil», erklärt der Lehrer.
Neben Jérôme Ehrat und Max Stamm ist heute auch Yannik Flütsch mit dabei. Er ist im letzten Jahr der Ausbildung an der PH Schaffhausen und unterrichtet daneben auch an der Schule im Rafzerfeld. Er hat heute zwar frei, will aber seinen beiden Lehrerkollegen zuschauen, wie sie den Unterricht im Rebberg gestalten. Er ist fasziniert, wie es hier mit dem Lernen funktioniert. Er kenne die Arbeit selbst auch vom Helfen im Rebberg beim «Wümmet».
Gesucht: schönstes Design
Als Nächstes plant Jérôme Ehrat einen Wettbewerb für den besten Namen und die schönste Etikette für die Traubenschorle. Das ganze Schulhaus soll mitmachen. Das Design der Gewinnerin oder des Gewinners wird im Herbst dann die Flaschen aus der schuleigenen Produktion zieren. Um zehn Uhr schwingen sich die Schülerinnen und Schüler auf ihre Räder und fahren zurück in die Schule. Der Schulleiter Matthias Meyer holt Kaffee aus dem nahen Schulhaus und setzt sich mit den drei Lehrern auf Klappstühle, die Yannik Flütsch aus seinem Auto holt.
Der Schulleiter will wissen, wie die Lektion gelaufen ist. Auch er ist angefressener Rebenliebhaber und besucht momentan gerade einen Kurs bei einem Rebbauern. Hier in der Gegend scheinen alle irgendwie mit Trauben zu tun zu haben. Kein Wunder also, dass der «Schülergarten » hier ein Rebberg ist.
Das Projekt «Schulreben»
Auf einem kleinen Stück Land der Schule Unteres Rafzerfeld im zürcherischen Wil wachsen seit Juni 2024 eigene Reben der weissen Traubensorte Souvignier gris. Die gesamte Bewirtschaftung der 10 Aren grossen Parzelle wird durch Schülerinnen und Schüler übernommen. Sie lernen den Aufbau der Rebe, die Bodenbeschaffenheit und die Fauna und Flora im Rebberg kennen. Sie kümmern sich um den Winterschnitt, das Jäten, den «Wümmet» und das Pressen des Traubenmosts. Im Schnitt arbeiten die Schülerinnen und Schüler ein bis zwei Tage im Monat im Rebberg.Wer mehr über das Projekt erfahren will, findet die ganze Geschichte im Reben-Blog auf www.schulreben.ch
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