Bonjour Fribourg – Grüezi Züri!

Ein Sprung über den Röstigraben ist für Jugendliche nicht nur ein sprachlicher Gewinn, er öffnet auch den persönlichen Horizont. Ein Tag unterwegs in Zürich mit einer Klasse der Kantonsschule Zürich Nord und ihrer Partnerklasse aus Freiburg.

Text: Jacqueline Olivier   Fotos: Andreas Schwaiger

Vier Jugendliche lächeln in die Kamera eines Telefons für ein Selfie.
Bitte lächeln! Beim Selfie-Machen lernen sich die Jugendlichen besser kennen. Quelle: Andreas Schwaiger

Bei leichtem Regen stehen sie einander am Anfang des Weges, der durch den Irchelpark zu den Universitätsgebäuden führt, gegenüber – etwas unschlüssig und mit gebührendem Abstand: die Schülerinnen und Schüler der Klasse 4i D/F der Kantonsschule Zürich Nord (KZN) und ihre Partnerklasse des Collège Sainte-Croix in Freiburg. «Allons, schliessen wir den Röstigraben!», fordert Lehrerin Florine Amos ihre eben aus dem Tram gestiegene Klasse auf und fügt hinzu: «Suivez vos partenaires!» Die Gastgeberinnen und Gastgeber der KZN setzen sich in Bewegung, und die Jugendlichen aus der Romandie folgen ihnen zum Mittelschulprovisorium auf dem Uni-Campus. In der Mensa verteilt Geschichtslehrer Yann Lenggenhager, der die «Fribourgeois» am Hauptbahnhof in Empfang genommen hat, die mitgebrachten Croissants. Mit der Sitzordnung sind die Lehrpersonen allerdings noch nicht ganz zufrieden, denn auch hier haben sich die Jugendlichen aus den beiden Sprachregionen kaum durchmischt, dies geschieht erst auf Anweisung der drei Erwachsenen. Roxane Barras, Französischlehrerin an der KZN, händigt den Jugendlichen ein Blatt aus mit Aufgaben, die den Schülerinnen und Schülern helfen sollen, miteinander auf Deutsch und Französisch ins Gespräch zu kommen.

Vier Gymnasiastinnen stehen draussen um ein Modell der Stadt Zürich herum . Ein Mädchen zeigt auf ein Haus des Modells.
"Wo sind wir jetzt gerade?" - ein Modell hilft bei der Orientierung. Quelle: Andreas Schwaiger

Das wirkt: Die Befangenheit ist nun schnell überwunden. Schliesslich sehen sich die Jugendlichen heute nicht zum ersten Mal: Vor rund fünf Monaten ist die Zürcher Klasse für einen Tag nach Freiburg gereist, heute nun findet der Gegenbesuch statt. Ausserdem hatte man im Laufe des Schuljahrs schriftlichen Kontakt. Die Karten zwischen den beiden Klassen sind allerdings unterschiedlich verteilt. Bei der 4i D/F der KZN handelt es sich um eine Immersionsklasse. Die Schülerinnen und Schüler haben mehr Französischlektionen als jene der regulären Klassen und werden auch in Geschichte und Geografie auf Französisch unterrichtet, wie Yann Lenggenhager erklärt. Das zweite Semester des kommenden Schuljahrs werden die Jugendlichen aus Zürich in einem französischen Sprachraum verbringen – das kann auch Frankreich oder Kanada sein –, ein Gymnasium besuchen und in einer Gastfamilie leben. Und schliesslich werden sie ihre Maturarbeit auf Französisch schreiben. Ihre Partnerinnen und Partner im zweisprachigen Freiburg und im ebenfalls zweisprachigen Kollegium hingegen bilden eine rein französischsprachige Klasse. Für sie beschränkt sich der Austausch auf die punktuellen Begegnungen und Kontakte.

Deutsch und «Schwiizerdütsch»

Seit 16 Jahren unterrichtet Yann Lenggenhager im Rahmen der Französisch-Immersion Geschichte und koordiniert gleichzeitig für die KZN und die Kantonsschule Freudenberg, die ebenfalls Französisch-Immersion anbietet, den Austausch mit der Romandie. Seit fünf Jahren ist er zudem bei der damals neu ins Leben gerufenen Fachstelle Austausch und Mobilität des Kantons Zürich für Austauschprojekte aller Art auf Mittelschulstufe zuständig. Das Interesse seitens der Zürcher Schulen sei gross, erzählt der Neuenburger, es existierten auch bereits diverse, von einzelnen Schulen individuell organisierte Projekte. Trotzdem ist für ihn klar: «Gerade bei uns in der mehrsprachigen Schweiz sollte der Austausch für Schulen und Jugendliche zu einer Selbstverständlichkeit werden.»
 

Vier Mädchen fotografieren sich auf dem Lindenhof.
Die Zürcher und Zürcherinnen zeigen den Freiburger Jugendlichen ihre Lieblingsplätze. Einer davon ist der Lindenhof. Quelle: Andreas Schwaiger

In der Mensa ist das Eis inzwischen definitiv gebrochen. Es geht nicht nur um Hochdeutsch und Französisch, sondern auch um «Schwiizerdütsch». Was ist zum Beispiel ein «Bütschgi»? Das versuchen die Deutschschweizer den Romands auf Französisch zu erklären. Gar nicht so einfach. «Ah, le trognon», sagt schliesslich ein «Fribourgeois». Doch im Schweizerdeutschen gibt es je nach Region und Dialekt noch andere Ausdrücke für diesen Rest des Apfels oder der Birne, den man –in der Regel – nicht isst. Gemeinsam beugen sich die Gruppen über die kleine Karte der Schweiz auf dem Arbeitsblatt: «Grübschi», «Bätzgi» oder «Üürbsi» sind nur drei von diversen weiteren Varianten, die sie dort finden.

An einem der Mensatische sitzt Laila. Sie besucht die 5. Klasse im Immersionsmodell an der KZN und absolviert seit Anfang Februar ihren Sprachaufenthalt in der Freiburger Klasse von Florine Amos. Für diesen Tag ist sie also an ihre eigene Schule zurückgekehrt. Ein reiner Zufall, wie sie erklärt. «Ich habe eine Austauschpartnerin in Freiburg gefunden, die jetzt gerade in Zürich ist und bei deren Familie ich wohnen kann.» Dort fühle sie sich sehr wohl, fährt sie fort, und findet es «cool, rund herum so viel Französisch zu hören und selbst zu sprechen». Am Collège Sainte-Croix befinden sich zurzeit auch zwei ihrer Zürcher Klassenkameraden, und Laila betont: «Selbst wir drei untereinander reden nur Französisch.»

In Schule und Stadt unterwegs

Nach der kurzen Aufwärmrunde zeigen die Zürcherinnen und Zürcher ihren Gästen das Schulhaus. Diese sind beeindruckt. «C’est grand», finden sie. Kein Wunder, zählt die KZN doch rund 2500 Schülerinnen und Schüler. Wie gross ihr Collège ist, wissen die Romands nicht so genau, aber sicher um einiges kleiner. Und als sie die Terrarien und Aquarien mit Geckos, Schildkröten, Pfeilgiftfröschen oder Barben im vierten Stock sehen, staunen sie erst recht. An ihrer Schule gebe es nichts Derartiges. Eine Etage weiter oben erwartet sie schliesslich eine grossartige Aussicht über Oerlikon und weitere Teile der Stadt. Dann ist es auch schon wieder Zeit, zur Tramstation zurückzulaufen. Gemeinsam geht es zurück in die Stadt.
 

Ausgehend vom Bellevue, sollen die Zürcherinnen und Zürcher am Nachmittag die Gäste durch die Stadt führen. Dafür mussten sie vorgängig für ihre jeweilige Gruppe eine Route zusammenstellen – damit nicht alle gleichzeitig dieselben Orte aufsuchten, wie Yann Lenggenhager erklärt. Zunächst sollen die Jugendlichen aber gemeinsam irgendwo etwas essen gehen. Anouk, Selina und Maëlline steuern mit Louise und Cyril sogleich den Coop an. Aus dem «Repas de midi» wird dann allerdings ein Imbiss im Gehen, denn die fünf ziehen mit ihrer Verpflegung sofort weiter zur Seepromenade. Die drei Deutschschweizerinnen zeigen den beiden Romands das Opernhaus, über den See werfen sie einen Blick auf die Tonhalle und aufs Rote Schloss. Anschliessend geht es zum Bürkliplatz und in die Bahnhofstrasse. Dort hängt über den Tramgleisen noch eine Fahne vom Sechseläuten mit allen Wappen der Zürcher Zünfte. Anouk versucht, das Fest und die Fahne auf Französisch zu erklären.

Cyril und Louise machen zunächst allerdings etwas ratlose Gesichter. Erst als Maëlline ein Übersetzungstool zurate gezogen hat, können sich die beiden ungefähr vorstellen, was es mit Fest und Zunftwappen auf sich hat. Unterwegs, so der Auftrag, müssen die Gruppen fünf Selfies machen: am Lieblingsort der Gastgeber, an einem Ort mit historischer Bedeutung, ein Gruppenbild mit einem Tier und eines mit der Farbe, die ihrer Gruppe zugeordnet ist, sowie am Ort mit der schönsten Sicht auf Zürich.

Beim Fraumünster muss sich Anouk verabschieden, sie geht zurück in die Schule, um eine verpasste Prüfung nachzuholen. Auf dem Lindenhof treffen die übrigen vier auf eine weitere Gruppe, und weil alle Selfies gemacht sind, schliesst man sich zusammen. Bis 15 Uhr, wenn sich alle wieder im Hauptbahnhof, unter dem schwebenden Engel von Niki de Saint Phalle, treffen sollen, bleibt noch etwas Zeit, die die Jugendlichen nutzen, um gemütlich durch die Altstadtgassen zu bummeln und die Limmat entlangzuschlendern.
 

Eine Gruppe von Jugendlichen steht im Hauptbahnhof und schaut zur Kamera.
Treffpunkt Hauptbahnhof: Hier besammeln sich alle Jugendlichen und ihre Lehrpersonen am Schluss des Tages. Quelle: Andreas Schwaiger

Alle Türen offenlassen

Die Selfies werden die Schülerinnen und Schüler der KZN in die nächste Lektion «Préparation pour l’échange» mitbringen, um sie zu kommentieren, wie Yann Lenggenhager sagt. Er ist gemeinsam mit Roxane Barras für diesen Unterricht zuständig und erklärt: «Beim Austausch geht es nicht allein um die Sprachkenntnisse, sondern ebenso und fast noch mehr um das Kennenlernen einer anderen Sprachregion mit ihren spezifischen sozialen und kulturellen Eigenheiten.» Ein Sprachaufenthalt fördere zudem die persönliche Entwicklung und die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler, gerade, wenn der Aufenthalt wie bei den Immersionsklassen ein halbes Jahr daure. Doch auch kürzere Aufenthalte, fährt er fort, seien wertvoll. Derzeit versucht er unter anderem, mehrwöchige Sozialeinsätze für Mittelschülerinnen und -schüler zu organisieren, dafür hat er unter anderem Kontakt aufgenommen mit Zivildienstorganisationen.

«Es gibt so viele Möglichkeiten, und unsere Idee ist es, alle Türen offenzulassen und alles möglich zu machen.» Auch für die Freiburger Lehrerin Florine Amos ist der Sprachaustausch ein Herzensanliegen. «Für unsere Schülerinnen und Schüler ist es eine tolle Gelegenheit, mit Muttersprachigen Deutsch und auch mal etwas Schweizerdeutsch zu sprechen. Wenn sie sich treffen, entdecken die Jugendlichen zudem Gemeinsamkeiten und merken, dass wir in der Schweiz trotz unterschiedlicher Sprachen eine Gemeinschaft sind.» Und obschon am Collège Sainte-Croix bis jetzt nur vereinzelte Jugendliche einen Sprachaufenthalt in einer deutschsprachigen Region machten, könne ein Austausch mit einer Partnerklasse dazu führen, dass Hemmschwellen abgebaut würden. So habe ihr eine Schülerin an diesem Morgen im Zug gesagt, sie wolle nach der Matur vermutlich einen einjährigen Sprachaufenthalt im deutschsprachigen Raum absolvieren.
 

Und wie würden die «Fribourgeois» Zürich in einem Wort beschreiben?, fragt Yann Lenggenhager die mittlerweile am HB versammelten Schülerinnen und Schüler. «Jolie», sagt einer, und dabei lassen es die Lehrpersonen für heute bewenden. Viel wichtiger ist es für sie, dass sich die Jugendlichen nach der anfänglichen gegenseitigen Zurückhaltung nun herzlich und teilweise auch mit einer Umarmung voneinander verabschieden.
Bis bald, à bientôt!