Gemeinsam einen schuleigenen Rahmen gestalten
Schulblatt 05.03.2026
Welche KI-Tools sind pädagogisch sinnvoll, was ist erlaubt und wie bleiben Datenschutz und Chancengerechtigkeit gewahrt? Die Lehrpersonen der Primarschule Wettswil am Albis entwickeln in einem mehrstufigen Prozess eine gemeinsame Haltung zu Künstlicher Intelligenz und Leitlinien für den Schulalltag.
Text: Sabina Galbiati Fotos: Stephan Rappo
Im Mehrzwecksaal der Primarschule Wettswil am Albis haben sich an diesem Morgen im August 2025 rund 50 Lehrerinnen und Lehrer zum internen Weiterbildungstag versammelt. Das Thema: Künstliche Intelligenz. KI ist mittlerweile omnipräsent und wirft in den Schulen viele Fragen auf. Etwa solche zu technischem Know-how oder pädagogischen Anforderungen, aber ebenso zu Datenschutz oder Chancengerechtigkeit. Die Wettswiler Lehrpersonen wollen deshalb heute Vormittag den Grundstein legen, um für ihre Schule einen verbindlichen Orientierungsrahmen zu schaffen.
Allerdings fängt das Team nicht gänzlich bei null an. Bereits Anfang 2025 hat das PICTS-Team – PICTS steht für Pädagogischer ICT-Support – interne Workshops durchgeführt und einige KI-Tools samt Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt. «Das hat Diskussionen zu Richt- und Leitlinien angestossen», erzählt Co- Schulleiterin Sonja Voser. «Uns war klar, dass es eine Vertiefung braucht.» Ein Thema, das ihr sehr am Herzen liegt, ist die Chancengerechtigkeit. Warum diese gerade auch im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz so wichtig ist, veranschaulicht sie mit einem Beispiel: «Ein Lebenslauf lässt sich bereits heute mit KI sehr gut optimieren. Stellen Sie sich vor, eine Schülerin hat einen routinierten Umgang mit KI gelernt, ein anderer Schüler aber nicht. Wer hat die besseren Chancen auf die Wunschlehrstelle?»
Positive Haltung statt Verbote
An seinem heutigen Workshop wird das Wettswiler Team von Daniel Jud und Simone Büchi unterstützt. Die beiden leiten die Fachstelle
Bildung und ICT im Volksschulamt. Nach den internen Workshops des PICTS-Teams hatte die Schulleitung mit der Fachstelle Kontakt aufgenommen. Normalerweise führt die Fachstelle keine Workshops in Schulen durch, doch in diesem Fall habe man eine Ausnahme gemacht, erklärt Daniel Jud. Er kennt Sonja Voser vom Fachnetzwerk «Digitaler Wandel für Leitungspersonen». An einem Vernetzungsanlass des Fachnetzwerks war die Co-Schulleiterin mit ihrem Anliegen auf ihn zugekommen. «Nach anfänglichem Zögern haben wir uns dazu entschlossen, uns mit der Primarschule Wettswil auf diesen Weg zu begeben mit dem Ziel, eine Anleitung zu entwickeln, die wir allen Schulen als Grundlage für einen solchen Prozess zur Verfügung stellen können.»
Daniel Jud weiss, dass sich Lehrpersonen in der schieren Menge an Möglichkeiten generativer KI-Tools verlieren können. Und er weiss auch, dass sie sich teilweise durch KI verunsichert fühlen, was dazu führen könne, dass sie sich lieber davon abwenden. «Wir sehen die Tendenz, dass Schulen einfach Verbote für die Nutzung von KI aussprechen», sagt er. «Doch Künstliche Intelligenz prägt zunehmend unseren Alltag und unsere Arbeitswelt.» Um die Bildungs- und Chancengerechtigkeit für Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, fährt er fort, sollten Volksschulen deshalb eine Haltung zu KI und positiv formulierte Leitlinien im Umgang mit Künstlicher Intelligenz entwickeln, die für sie funktionierten.
Weiterführende Links
- Die Anleitung für den Entwicklungsprozess der eigenen Haltung und Leitlinien für den Schulalltag inklusive Arbeitsmaterialien und Erfahrungsberichte im ICT-Coach.
- Die Arbeitsweise von KI-Tools ist für viele Lehrpersonen und insbesondere für Kinder und Jugendliche vor allem am Anfang schwer zu fassen. Einen besonders gut verständlichen «Crash-Kurs» liefert die «Sendung mit der Maus».
- Das virtuelle Kompetenzzentrum für Künstliche Intelligenz und wissenschaftliches Arbeiten (VK:KIWA) bietet einen Übersichtsbeitrag zu den vier KI-Kompetenzen Verstehen, Anwenden, Reflektieren und Mitgestalten.
- Das Volksschulamt des Kantons Zürich hat auf seiner Website zur Künstlichen Intelligenz fünf Leitlinien für den Schulalltag formuliert und bietet hilfreiche Infos an.
Schritt für Schritt vorgehen
Inzwischen hat die Fachstelle die Anleitung erstellt und im ICT-Coach aufgeschaltet (siehe Linkbox oben). Sie umfasst fünf Schritte. Daniel Jud betont jedoch, dass die Schulen diesen Prozess nach Belieben adaptieren oder kürzen könnten. «Es gibt zum Beispiel Schulen, die erst bei Schritt zwei oder drei einsteigen, weil sie bereits interne Weiterbildungen durchgeführt haben.» Die Pädagogischen Hochschulen, fügt er hinzu, böten eine breite Palette solcher Weiterbildungen an.
Für all die Schulen, die noch ganz am Anfang stehen, sieht der erste Schritt der Anleitung vor, dass die Lehrpersonen während eines ersten Workshops Fragen und Bedürfnisse rund um KI formulieren – nicht im Plenum, sondern in Gruppen nach Schulstufen. Denn je nach Unterricht und Altersstufe, sagt Daniel Jud, seien andere Fragen und Bedürfnisse relevant. Dabei sollen die Lehrpersonen bewusst beide Seiten betrachten – ihre als Lehrperson und diejenige der Schülerinnen und Schüler. Das hilft, die Perspektive zu wechseln: Statt immer neue Tools auszuprobieren, soll der pädagogische Nutzen über das KI-Tool und seine Verwendung entscheiden.
Im nächsten Schritt erarbeitet die PICTS-Fachperson oder die KI-Arbeitsgruppe der Schule auf der Basis der gesammelten Bedürfnisse und Fragen grundlegende Leitlinien, die für die Schule und alle Lehrpersonen gelten sollen. Etwa: «Lehrpersonen laden keine personenbezogenen Daten oder Daten, die zu einem Profiling führen, in die KI.» Ebenso müssen Urheberrechts- und Datenschutz gewährleistet sein. Die Schule kann auch bereits die KI-Tools definieren, die verwendet werden dürfen und mit geeigneten Massnahmen datenschutzkonform sind. Ratsam ist es laut Daniel Jud, sich für zwei bis drei Tools zu entscheiden, damit man sich in der Fülle der Möglichkeiten nicht verliert.
Nun kommen die ausgewählten Tools zum Einsatz: In Schritt drei sammeln die Lehrpersonen über mehrere Wochen KI Erfahrungen bei der Vor- und Nachbereitung ihres Unterrichts. Diese Erfahrungen besprechen und reflektieren sie in stufenspezifischen Teams. Als Grundlage kann dabei das KI-Kompetenzen-Modell dienen, das im ICT-Coach zu finden ist. Es basiert auf den vier Kompetenzen Verstehen, Anwenden, Reflektieren und Mitgestalten. «Die Schule kann aber auch ein anderes Modell verwenden», betont Jud.
Erprobung im Unterricht
Erst beim vierten Schritt verwenden die Lehrpersonen die gewählten KI-Tools im Unterricht, sodass auch Schülerinnen und Schüler erste Erfahrungen sammeln können. Je nach Stufe gestaltet sich dieser Prozess mehr oder weniger intensiv. Im Kindergarten nutzen die Schülerinnen und Schüler noch keine KI, werden aber dafür sensibilisiert – etwa, wenn es um Fake-Bilder oder veränderte Liedtexte geht. Ihre Erfahrungen besprechen die Lehrpersonen erneut in den Stufenteams. Dieser Prozess kann mehrere Wochen oder Monate dauern. Orientieren können sich die Lehrerinnen und Lehrer am Modell der fünf Dimensionen von Joschka Falck, das ebenfalls im ICT-Coach aufgeschaltet ist.
Bei einem Austausch werden die Ergebnisse schliesslich im fünften Schritt gesammelt und diskutiert: Was hat für die Lehrpersonen funktioniert, was für die Schülerinnen und Schüler? Welche Erkenntnisse hat man gewonnen? Aus diesen Ergebnissen erarbeitet das PICTS-Team oder eine KI-Arbeitsgruppe der Schule positiv formulierte Leitlinien und entwickelt eine Grundhaltung zu KI, über welche schliesslich die Schulkonferenz befinden kann.
Ein ständiger Prozess
An der Primarschule Wettswil ist der Prozess ein halbes Jahr nach dem Workshop nach wie vor in Gang und wird, wie Co-Schulleiterin Sonja Voser sagt, auch noch eine Weile dauern. Vorerst wird die Schule weiterhin von der Fachstelle Bildung und ICT begleitet. Voraussichtlich noch bis kommenden Sommer, meint Daniel Jud. «Bis dann sollten die wichtigsten Grundlagen vorliegen, vor allem die gemeinsame Haltung des Teams zu KI.» Diese bildet quasi das Fundament für den langfristigen Umgang der Schule mit KI, denn wie Sonja Voser betont: «Auch wenn wir alle fünf Schritte durchlaufen haben werden: Der Prozess hört im Grunde nie auf. KI entwickelt sich ständig weiter, deshalb werden wir unsere Leitlinien immer wieder überprüfen und wo nötig anpassen müssen.»
Der Lehrmittelverlag Zürich (LMVZ) arbeitet daran, KI in seine Lehrmittel einzubeziehen. In rund einem Dutzend Projekten wird experimentiert, wie KI die Lehrpersonen und ihre Klassen im Schulalltag unterstützen kann. KI soll nur dann in Lehrmittel eingebunden werden, wenn es didaktisch sinnvoll ist und einen pädagogischen Mehrwert bietet. So wurde etwa im neuen Englischlehrmittel «Reach Out 7» (Zyklus 3) in zwei Units ein KI-Feedback für offene Textaufgaben eingebaut. Rund 50 Erprobungsklassen testeten in der zweiten Hälfte 2025, wie es sich im Alltag bewährt. Aufgrund dieser Praxiserfahrung entscheidet der LMVZ, ob es im finalen Lehrmittel zum Einsatz kommen wird. Manche der KI-Projekte sind spezifisch auf ein Lehrmittel zugeschnitten, in anderen Fällen entwickeln die KI-Fachleute des Verlags mit externen Dienstleistern Lösungen, die in verschiedenen Lehrmitteln verwendet werden können. Welche der Anwendungen es in den nächsten Jahren in die Lehrmittel schaffen, hängt von deren Qualität und Sicherheit ab. Gerade bei ethischen Fragen und beim Datenschutz gelten hohe Anforderungen.
Der LMVZ arbeitet eng mit Fachleuten aus der Praxis zusammen. Nicht nur mit Erprobungsklassen, auch mit experimentierfreudigen Lehrpersonen wird getestet: 80 Lehrerinnen und Lehrer haben sich auf einen Aufruf hin gemeldet und können nun im Rahmen des Projekts «Labklasse» angesprochen werden für Umfragen und Tests rund um KI und digitale Lehrmittel. Der Verlag ist zudem in Kontakt mit Schulbehörden und Fachleuten aus Wissenschaft, Technologie und Recht.
Dem LMVZ geht es nicht nur um die Nutzung von KI fürs Lernen, sondern auch um die Vermittlung, wie KI funktioniert und welche Risiken die Technologie mit sich bringt. Dazu wird «connected», das Lehrmittel für Medien und Informatik, auf den neusten Stand gebracht. Dieser Tage erscheint die aktualisierte Neuausgabe von «connected 1+2».