Berufslehre heute: Orthopädistin
Schulblatt 05.03.2026
Nichts am Computer, sondern etwas mit Menschen und ein Handwerk wollte Linda Berger lernen. Ihr Wunsch wurde fast vollständig erfüllt. Miura Kiechle zeigte ihr das Gipsen, Schleifen, Nieten und den richtigen Umgang mit den Patienten − und dem Computer.
Text: Bettina Deggeller Foto: Sabina Bobst
Es ist etwas los in der Ortho-Team-Filiale in Zollikerberg, wo über 30 Personen arbeiten: Jemand berät einen Kunden auf der Verkaufsfläche, in der Werkstatt wird gehämmert und geschliffen, und vor den Computern im ersten Stock besprechen Mitarbeitende 3D-Modelle von orthopädischen Hilfsmitteln. Hinter zugezogenen Türen finden Kundengespräche oder Messungen statt. Zum Beispiel für ein Korsett, das die Wirbelsäule stabilisiert, damit die bestehende Verkrümmung nicht zunimmt. Meistens sind es Kinder oder Jugendliche, die wegen einer Wirbelsäulenkrümmung (Skoliose) vermessen werden. Dafür stellen sie sich auf eine grosse Platte mit Haltevorrichtung, die an ein Fitnessgerät erinnert. Es ist ein Scanner, der ihren Oberkörper ausmisst. In Zollikerberg sind 60 Prozent der Patientinnen und Patienten Kinder oder Jugendliche.
Auch Linda Berger ist noch jung. Sie ist 19 Jahre alt und im vierten Lehrjahr zur Orthopädistin. «Wir bauen Hilfsmittel für Personen mit einer Krankheit oder einer Behinderung, sei dies infolge eines Unfalls oder seit Geburt», beschreibt sie ihre Arbeit. «Ein besonders schöner Aspekt unserer Arbeit ist, dass wir mit allen Altersgruppen in Berührung kommen, vom Baby bis zur Urgrossmutter.»
Regelmässiger Kundenkontakt
Orthesen sind stützende und haltungskorrigierende Hilfsmittel, die meist um ein Körperteil herum angebracht werden. Im Gegensatz zu Prothesen, die ein Gliedmass ersetzen. «Pro Jahr fertigen wir circa 250 Korsette an», sagt Miura Kiechle, die zusammen mit einer anderen Mitarbeiterin für die Ausbildung der fünf Lernenden verantwortlich ist. Zu Beginn steht das Erlernen der handwerklichen Grundkenntnisse im Vordergrund: Polster oder Kunststoffe zuschleifen, Metalle in eine bestimmte Form biegen, Nieten, Nähen mit Leder oder das Einfärben von Orthesen. Letzteres ist ein grosser Mehrwert für die jungen Patientinnen und Patienten, die weisse oder graue Hilfsmittel eher langweilig finden. Ein Korsett mit Fussball-Muster oder eine Unterschenkel-Orthese in Pink kommen besser an.
Im zweiten Lehrjahr sind die Lernenden vermehrt mit den Patientinnen und Patienten in Kontakt. Sie gehen mit zu Sonderschulen, Wohn- oder Altersheimen, um vor Ort Mass zu nehmen oder die fertige Orthese abzugeben. Erstmals werden sie Gipsabdrücke an Patienten machen. Linda Berger mag sowohl die Arbeit in der Werkstatt wie den Kundenkontakt: «Es ist ein schöner Prozess vom ersten Besuch des Patienten bis zur Abgabe der fertigen Orthese. Was ich mache, verbessert ihr Leben.» Im dritten Lehrjahr betreuen die Lernenden gewisse Patientengruppen selbstständig, beispielsweise jene, die mit einem Rezept in den Laden kommen und ein konfektioniertes Hilfsmittel wie etwa eine Bandage brauchen. Im vierten Jahr steht die Vorbereitung auf die Abschlussprüfung im Vordergrund. Dazu gehören insbesondere das Gipsen am Patienten und das selbstständige Herstellen eines Hilfsmittels von A bis Z.
Gefragt nach den Voraussetzungen für ihren Beruf, nennt Miura Kiechle vier Dinge: Empathie, handwerkliche Begabung, technisches Verständnis und Freude an der Medizin. «Für die Schulfächer Pathologie und Anatomie muss viel auswendig gelernt werden – unter anderem zahlreiche lateinische Begriffe», ergänzt die 34-Jährige. Das sei nötig, um sich beispielsweise mit Ärzten zu verständigen. Auch müssten sich angehende Lernende bewusst sein, dass sie durch den Beruf manchmal mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert würden.
Handwerk und digitale Fertigung
In der Orthopädie-Technik laufen handwerkliche und digitale Fertigung ineinander. Der eingangs erwähnte Scanner beispielsweise liefert die Daten für das virtuelle Abbild des Körpers einer Patientin. Damit kann die Orthopädistin am Computer ein 3D-Modell des benötigten Hilfsmittels zeichnen. Dieses schickt sie auf den 3D-Drucker. Bereits heute erstellen im Zollikerberg die 3D-Drucker die Hälfte der Orthesen. Diese müssen anschliessend noch von Hand geschliffen, gepolstert und mit Verschlüssen versehen werden. «Das Handwerk geht nicht verloren, aber es wird weniger. In Zukunft wird die Arbeit mit CAD-Programmen am Computer zunehmen», sagt Miura Kiechle.
Und was plant Linda Berger für ihre Zukunft nach der Lehrabschlussprüfung im Sommer? «Der Beruf gefällt mir sehr. Ich kann mir gut vorstellen, noch einige Jahre als Orthopädistin zu arbeiten», lautet ihre Antwort. Berufsbildnerin Miura Kiechle erachtet die Zukunft ihres Berufs als gesichert. Die Belegschaft des Ortho-Teams Zollikerberg hat sich in den letzten sieben Jahren verdoppelt. Sie persönlich freut es besonders, dass die drei bisher ausgebildeten Lernenden im Betrieb geblieben oder zurückgekommen sind. Das geschäftige Treiben oberhalb des Zürichsees wird weitergehen.
Der Beruf Orthopädist/in EFZ
Ausbildung:
vierjährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ).
Voraussetzungen:
abgeschlossene Volksschule, gute Leistungen in Rechnen, Physik, Zeichnen und Werken, Interesse an medizinischen Fragen, technisches Verständnis, handwerkliches Geschick, Einfühlungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit.
Ausbildungsbetriebe:
orthopädische Werkstätten.
Karrieremöglichkeiten:
zum Beispiel Fachmann/Fachfrau für Rehatechnik mit eidgenössischem Fachausweis, dipl. Orthopädist/in mit eidgenössischem Diplom oder Rehabilitationsexperte/-expertin für sehbehinderte und blinde Menschen mit eidgenössischem Diplom.