Neugierig «auf so ziemlich alles»
Schulblatt 05.03.2026
Andrea Schweizer steht seit einem Jahr an der Spitze der PH Zürich. Als Rektorin will sie gutes Lernen ermöglichen – und plädiert für eine starke Debattenkultur.
Text: Julia Driesen-Rosenberg Foto: Dieter Seeger
Auf den Fluren der PH Zürich ist es ungewohnt ruhig an diesem Januartag. Mitten in der Prüfungszeit und zur Mittagspause sind die sonst belebten Gänge des monumentalen Sichtbetonbaus am Zürcher Hauptbahnhof fast leer. So sehen wir die Chefin des Hauses schon von Weitem auf uns zukommen. Seit genau einem Jahr steht Andrea Schweizer, Jahrgang 1971, an der Spitze der grössten Pädagogischen Hochschule des Landes. Fast 4000 Studierende zählt die PH Zürich, Weiterbildungen nicht eingerechnet.
Ihr Amt hat die Rektorin in einer bewegten Zeit angetreten: Vielerorts mangelt es an Lehrpersonen und KI und gesellschaftlicher Wandel machen auch vor den Klassenzimmern nicht halt. Welche Fähigkeiten brauchen angehende Lehrerinnen und Lehrer heute also vor allem? «In einer Welt, die sich sehr schnell verändert, ist es wichtig, als Lehrperson im Berufsleben Offenheit zu bewahren.» Es gebe aber auch verlässliche Konstanten: «In der Schule ermöglichen wir das Lernen über die Beziehung. Wir führen Kinder und Jugendliche an das kritische Denken heran, diskutieren Themen im Klassenzimmer. All diese Fähigkeiten möchten wir unseren Studierenden mitgeben.»
«Ich wusste einfach: Das ist es!»
Als Schweizer selbst mit dem Unterrichten anfängt, ist von Künstlicher Intelligenz als Lernpartner und Handys auf dem Pausenplatz noch keine Rede. Technisch und digital sei sie zwar nicht immer auf dem allerneuesten Stand, dafür aber umso wissbegieriger. Diese Neugierde «auf so ziemlich alles» – eine Charaktereigenschaft von klein auf – habe sie sich stets bewahrt. «Ich war breit interessiert; mein absolutes Lieblingsfach war Geschichte.»
Was aber macht man beruflich mit Geschichte? Für die Mittelschülerin aus einem Nichtakademikerhaushalt scheint die Lehrerinnenlaufbahn die naheliegende Wahl. Ergänzend zu Geschichte schreibt sie sich an der Uni Bern für Volkswirtschaft und Staatsrecht ein. Ihre erste Lektion gibt Andrea Schweizer an einer Handelsmittelschule – dort absolviert sie eine Stellvertretung im Fach Buchhaltung: «Ich stand vor der Klasse und wusste einfach: Das ist es, ich werde Lehrerin!» 1997 hält Schweizer dann das Diplom für das höhere Lehramt in der Hand.
«Das Wohlwollen, mit dem mein Primarlehrer uns Kindern begegnet ist, hat mich sehr bestärkt.»
Andrea Schweizer, Rektorin der PH Zürich
Dass im Klassenzimmer längst nicht nur Schulstoff vermittelt wird, ist ihr früh klar. «Wenn ich an meine eigene Primarschulzeit denke, sehe ich heute noch unseren Klassenlehrer Herrn Meili vor mir. Er hat sich manchmal verkleidet und sehr lebhaft Geschichten erzählt. Wir sassen dann mit ihm am Boden und haben fasziniert zugehört. Dieses gemeinsame Erleben und das Wohlwollen, mit dem er uns Kindern begegnet ist, haben mich sehr bestärkt.»
Als junges Mädchen will Andrea Schweizer erst Schriftstellerin werden, später dann lieber eine Berufslehre machen – «das war das, was in meiner Familie gemacht wurde». Und erneut zeigt sich, wie prägend Lehrpersonen für die Berufsbiografie sein können: «In der Sek sagte mein Lehrer: Wieso machst du nicht die Gymiprüfung? Du hast das Potenzial.» Der Entscheid für die Kantonsschule ist der Start einer akademischen Laufbahn.
Pragmatische Macherin
Nach dem Abschluss des Studiums hängt Schweizer neben der Vollzeitanstellung als Lehrerin noch die Dissertation am Historischen Institut der Uni Bern dran.«So gern ich mich ins Quellenstudium vertiefe – das war hart», schildert sie diese Phase im Rückblick. Gleichzeitig sei sie aber auch ein Erfolgsfaktor für ihren weiteren Weg gewesen: «Ich habe selten so viel über mich selbst gelernt. Wie ich unter Druck effizient arbeite, wie ich mit Frustration umgehe, wo ich Kompromisse mache. Als ich die Doktorarbeit geschafft hatte, war ich stolz.» Noch am Tag der Promotionsfeier erhält die frischgebackene Dr. Andrea Schweizer das Angebot, an der PH Bern in die Lehrpersonenbildung einzusteigen. Sie nimmt an.
An der PH Bern übernimmt Schweizer rasch auch Führungsverantwortung, profiliert sich als pragmatische Macherin im Hochschulmanagement und steigt zur Vizerektorin auf. War das ihr Plan, immer weiter die Karriereleiter empor? Andrea Schweizer überlegt einen Moment. «Nicht um der Machtpositionen willen, nein. Ich habe aber schon immer gern Verantwortung übernommen. Es hat mich auch geärgert, wenn das niemand machte. Das kommt von meiner familiären Prägung. Da hiess es: Wenn du etwas verändern willst, dann setz dich ein.»
Anfang 2025 kehrt die gebürtige Limmattalerin in ihren Heimatkanton zurück. Zum 1. Januar tritt sie ihre heutige Stelle als Rektorin der PH Zürich an. In dieser Rolle will sie, wie sie sagt, vor allem gute Rahmenbedingungen fürs Lernen gestalten. Dafür machte sie sich erst mal auf den Weg durch die weitläufigen Korridore und Räume ihrer neuen Wirkungsstätte. «Ich laufe hier viel auf den Fluren herum, ich möchte nah bei den Leuten sein und ich will, dass sie mich auch ansprechen, wenn sie ein Anliegen haben.» Als Chefin könne sie nicht immer allen Wünschen gerecht werden, Transparenz wolle sie jedoch, wo immer möglich, gewährleisten. «Mir ist wichtig, dass wir als Team offen miteinander sind, uns gegenseitig zuhören, gemeinsam diskutieren und Entscheidungen klar kommunizieren.»
Lernen fürs Miteinander
Andrea Schweizer spinnt den Gedanken weiter. Auch für die Lehrpersonenbildung sei dieser kooperative Ansatz wichtig. Denn auch im Klassenzimmer träfen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und Interessen aufeinander. Die Schule sei dabei eine Art Miniatur-Modellraum für respektvolles Miteinander in der Gesellschaft: «Die Schweiz konnte nach dem Ersten Weltkrieg als mehrsprachige Nation bestehen», erklärt die Historikerin. «Was braucht es also, damit wir weiterhin eine Gemeinschaft bleiben? Wie gehen wir mit Minderheiten um? All das sind Fragen, die auch im Schulunterricht wirken», gibt die Pädagogin zu bedenken.
Was aber macht Andrea Schweizer, um den Bildungskosmos einmal hinter sich zu lassen? «Also im Abschalten bin ich gar nicht gut, mein Mann kennt das», sagt sie schmunzelnd. Kraft tanke sie bei der Gartenarbeit, beim Lesen und Spazieren. «Ich grabe um und pflanze – und dann kommt doch plötzlich irgendwo anders als geplant noch eine Blume heraus. Die Natur geht halt ihren eigenen Weg. Dieser Gedanke erdet mich. Und ich mag den Zürichsee wahnsinnig gern. Manchmal spaziere ich in der Mittagspause dorthin für einen Blick aufs Wasser. Das gibt mir das Gefühl von echter Freiheit.»