Spielerischer Praxistest
Schulblatt 05.03.2026
Künstliche Intelligenz krempelt gerade die Arbeitswelt um und damit auch die Berufsbildung. An der EB Zürich erhielten Bildungsfachleute die Gelegenheit, in Teamarbeit eigene Erfahrungen mit KI zu sammeln. Zu gewinnen gab es nebst Einblicken in Möglichkeiten und Grenzen der Technik auch einen Preis.
Text: Jacqueline Olivier Fotos: Marion Nitsch
Die Sonne scheint warm vom fast wolkenlosen Himmel – der Sommer schickt an diesem Samstag in der zweiten Septemberhälfte 2025 einen letzten Gruss. Trotzdem haben sich in der Aula der EB Zürich, der kantonalen Schule für Berufsbildung, rund 30 Personen zum ersten «Edupromptathon» zusammengefunden. Hier dreht sich alles um Künstliche Intelligenz – oder besser darum, wie sich KI in der Berufsbildung gewinnbringend einsetzen lässt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind Lehrpersonen, Berufsbildnerinnen und Berufsbildner oder auch in der Hochschullehre tätig. Jetzt tüfteln sie in sechs Gruppen an ihren «Challenges»: Nach dem Prinzip «Trial and error» versuchen sie, mithilfe von KI eine Aufgabe zu lösen, die sie sich selbst gestellt haben und die auch den Lernenden gestellt werden könnte. Zum Schluss sollen die Ergebnisse präsentiert werden, eine Fachjury wird den überzeugendsten Beitrag mit einem symbolischen Preis auszeichnen.
Losgegangen ist es am Freitagabend. Zunächst wurden die Themen bestimmt, an denen gearbeitet werden sollte. «Einige haben wir vorgeschlagen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten aber auch selbst Themen einbringen», erzählt Christian Hirt, Digital-Learning-Experte an der EB Zürich und Initiator des Anlasses. «Schliesslich wurde keiner unserer Vorschläge aufgegriffen, stattdessen sind Themen aus dem Plenum aufgenommen worden, die auf mehr Interesse gestossen sind.» Nicht schlimm, findet er, im Gegenteil: «Es entspricht unserem Kerngedanken, dass die Anwesenden an Fragestellungen aus ihrem Praxisalltag arbeiten sollen, die sie persönlich interessieren.»
Ethische Entscheidungshilfen
Nun sind die Anwesenden mit viel Elan und spürbarem Spass bei der Sache. Zum Beispiel das Team in der Ecke neben der Tür. Es beschäftigt sich mit Fragen zu Moral und ethischen Prinzipien und möchte einen interaktiven Entscheidungskompass für Lernende in schwierigen Alltagssituationen entwickeln. Erst einmal habe man viel diskutiert – über Begrifflichkeiten oder darüber, was für Situationen welche Entscheidungshilfen erfordern könnten, erklärt Monika Wyss, freiberufliche Hochschuldidaktikerin. «Nun wollen wir herausfinden, ob ein KI-Tool aufgrund der vorgegebenen Werte Entscheidungen tatsächlich unterstützen kann.» Nicht, dass sie der Künstlichen Intelligenz nichts zutraut: «Ich bin immer wieder überrascht, was KI heute schon kann.»
Vorgeschlagen hat das Thema Léonie Schaub aus Basel. Sie hat vor Kurzem ihren Bachelorabschluss in Multimedia Production gemacht, zuvor war sie drei Jahre lang beim Basler Ausbildungsverbund Aprentas für die Rekrutierung und Betreuung von KV-Lernenden zuständig. Künstliche Intelligenz nutze sie vor allem für kreative Tätigkeiten – etwa um Bilder zu erstellen oder ansprechende Präsentationen zu gestalten, erzählt sie. Der Einsatz von KI in der Lehre beschäftigt die junge Frau sehr. «Gerade im kaufmännischen Bereich wird KI die Arbeit und damit auch die Ausbildung stark verändern.» Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit hat sie deshalb ein Lernspiel in Form einer Rätselbox entwickelt. Die Spielerinnen und Spieler lösen sechs Rätsel und setzen sich dabei mit zentralen Fragen zu Künstlicher Intelligenz, Ethik und Entscheidungsfindung auseinander. Das Spiel stiess auf öffentliches Interesse, auch das Organisationsteam des Edupromptathons wurde darauf aufmerksam und lud Léonie Schaub zur Teilnahme an der Veranstaltung ein. «Ich schätze es sehr, mich hier mit weiteren Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen und verschiedenen Altersgruppen über KI austauschen und Neues ausprobieren zu können», sagt sie.
Deutsch üben mit dem Chatbot
Eine andere Gruppe, die sich vor der Fensterfront platziert hat, möchte einen Chatbot – in diesem Fall ChatGPT – als Deutschtrainer für Erwachsene einsetzen und versucht sich im Rollenspiel: Eine Teilnehmerin spielt die Kundin. Diese fühlt sich krank und braucht Rat und ein Medikament. Allerdings verfügt sie über sehr rudimentäre Deutschkenntnisse. Die KI übernimmt die Rolle des Apothekers. Ihre Antworten auf die knapp und holprig formulierten Fragen der Kundin fallen zunächst alles andere als zufriedenstellend aus. «Du musst der KI sagen, dass es um ein Rollenspiel geht», meint ein Teammitglied. Ein anderes rät: «Sag als Erstes einfach mal Hallo!» Mit der Zeit kommen tatsächlich kurze Dialoge zustande, doch die Antworten des «Apothekers» sorgen trotzdem immer wieder für Heiterkeit. Zudem generiert die Maschine oft nichtssagende Standardaussagen wie «Alles klar», die wenig hilfreich sind.
Anspruchsvolle Ziele haben sich auch die weiteren Gruppen gesetzt: Eine will den Bildungsplan für Polymechanikerinnen und -mechaniker verständlicher gestalten und testet neue didaktische Ansätze wie Rollenspiele und Avatare. Die nächste widmet sich der Frage, wie sichergestellt werden kann, dass Lernende in Zeiten von KI noch selber denken und wichtige Fähigkeiten entwickeln. Um ganz konkrete Inhalte geht es bei der Gruppe, die ein interaktives Lehrmittel entwickeln will unter dem Motto «Vertragsrecht muss nicht trocken sein». Und die sechste Gruppe arbeitet an einem Videospiel zum Thema Politische Entscheidungsfindung, das im Allgemeinbildenden Unterricht (ABU) zur Anwendung gelangen soll.
Einsatzbereite Produkte werden am Edupromptathon nicht erwartet, dafür ist die Zeit viel zu knapp. «Wichtig ist, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst eine Herausforderung setzen, Dinge ausprobieren, sich miteinander austauschen und schauen, was die KI überhaupt liefern kann. Zudem geht es darum, herauszufinden, wie man am besten promptet, um ein möglichst gutes Resultat zu erzielen», erklärt Christian Hirt. Dieser Prozess bedinge eine gewisse Ergebnisoffenheit. Und er könne auf beide Seiten kippen – einerseits könne er zum Erfolg führen, andererseits aufzeigen, wo KI oder man selbst an Grenzen stosse.
Finanziert wurde der Edupromptathon durch den Innovationsfonds des Digital Learning Hub Sek II (DLH) – die kantonale Plattform für Austausch, Vernetzung und Unterstützung rund um die digitale Transformation. «Beim DLH führen wir immer wieder Diskussionen darüber, wie weit man es den Lehrpersonen selbst zumuten kann, etwas zu versuchen und zu entwickeln, und wie weit man ihnen Anleitungen oder Tools pfannenfertig liefern muss», fährt Christian Hirt fort. «Mit dem Edupromptathon setzen wir auf das Machen, auf das Learning by doing. Denn nur, wer selbst Erfahrungen mit KI sammelt, kann Lernenden vermitteln, was man von ihr erwarten kann, wie man sie sinnvoll einsetzt und wo Risiken und Gefahren lauern.»
«Mit Begeisterung gescheitert»
Inzwischen ist die Zeit weit fortgeschritten. Die Teams haben die Präsentationen fertig, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nehmen in den Stuhlreihen vor der grossen Leinwand Platz. Gruppe für Gruppe erläutert nun die Ergebnisse ihrer Arbeit – die Fragestellung, das angestrebte Ziel, das Vorgehen, die wichtigsten Erkenntnisse. Dann zieht sich die dreiköpfige Jury, die den heutigen Preis vergibt, zur Beratung zurück. Sie hat keine leichte Aufgabe, denn es sind diverse Kriterien, die sie für die Vergabe des Preises zu berücksichtigen hat: Nachvollziehbarkeit, Kreativität, Nutzen fürs Lernen, Umsetzbarkeit und Dokumentation. Worum es nicht geht: Wie erfolgreich die Bemühungen letzten Endes waren.
Schliesslich darf das Team den Preis entgegennehmen, das an einem Videospiel mit dem Namen «Demokratie-Adventure » für den ABU gearbeitet hat. Die Sprecherin der Gruppe hatte ihre Präsentation mit den Worten eingeleitet: «Wir sind mit Begeisterung gescheitert.» Schritt für Schritt hat sie danach aufgezeigt, was ihr Team alles versucht hat – vom Adventure Game bis zum Power-Point-Spiel, nichts habe sich als praktikabel erwiesen. Auch was warum nicht funktionierte, hat sie erklärt. Das Fazit der Gruppe: «Wir haben gemerkt, dass KI kein Ersatz ist für Grundwissen. Ausserdem investiert man oft Stunden, ohne zu einem zufriedenstellenden Resultat zu kommen.» Die Jury wiederum begründet ihren Entscheid damit, dass das Team diverse Tools ausprobiert, seinen Lernprozess realistisch dargelegt und erklärt habe, welche Expertise nötig sei, um ein solches Spiel zu entwickeln.
Zeit und Raum bieten
Nach diesem Workshop der etwas anderen Art ist eines sicher: KI wird die Bildungsfachleute weiterhin beschäftigen, denn aufzuhalten ist sie längst nicht mehr. Viele Lernende nutzten sie bereits ganz selbstverständlich, sagt Christian Hirt, umgekehrt bilde die Künstliche Intelligenz inzwischen immer mehr pädagogische Themen ab. Für ihn ist jedoch klar: «Um mit KI umgehen zu können, braucht es Kompetenz.» Um zielführend zu prompten, fährt er fort, müsse man wissen, was man erreichen wolle. «Dafür braucht es Sachverstand, den müssen Jugendliche erwerben.» Auch kritisches Denken und die Fähigkeit zur Zusammenarbeit dürften laut dem Digital-Learning-Experten in Zeiten von KI noch an Bedeutung gewinnen. Die inhaltlichen Lernprozesse hingegen würden weniger Zeit benötigen, weil die Lernenden dank KI weniger von den Lehrpersonen abhängig seien. «Es wird eine andere Bildungskultur brauchen », meint Christian Hirt und sieht darin durchaus eine Chance. «Künftig wird es vermehrt um Dialog und Prozessorientierung gehen.» Vielleicht, überlegt er laut, könnten gewisse Berufsausbildungen sogar verkürzt werden – wobei: «Der persönliche Reifeprozess der Jugendlichen lässt sich kaum beschleunigen.»
Wohin die Reise mit KI gehen wird, darüber lässt sich also trefflich spekulieren. Für den Edupromptathon soll es aber auf jeden Fall nicht bei dem einen Mal bleiben. «Unsere Idee ist, dass andere Schulen, vielleicht auch Berufsverbände oder Firmen dieses Format aufgreifen und selbst solche Veranstaltungen durchführen. » Gleichzeitig will man den Anlass auch im eigenen Programm behalten. Weil er einen Rahmen und Zeit biete, um gemeinsam an Themen aus der eigenen Praxis zu arbeiten, sich auszutauschen und zu vernetzen. «Und ich habe überhaupt keine Bedenken, dass uns die Themen in den kommenden Jahren ausgehen könnten.»
Nächster Edupromptathon
Der nächste Edupromptathon ist bereits in Planung. Er wird am Freitag, 18., und am Samstag, 19. September 2026 an der EB Zürich stattfinden. Details dazu werden auf der Website der EB Zürich rechtzeitig aufgeschaltet.