Ein Jahr, das alles verändert

Die Integrationsvorlehre erleichtert Zugewanderten den Einstieg in die Berufsbildung. Im Kanton Zürich haben bis heute rund 800 zumeist junge Menschen das Angebot zur Vorbereitung auf die Berufslehre genutzt. Zwei von ihnen geben Einblick.

Text: Julia Driesen-Rosenberg  Foto: Sabina Bobst, Stephan Rappo

Im Alltag mehrere Sprachen zu sprechen, ist für Elatif Blandon Igiraneza eigentlich keine grosse Sache. In seiner Heimatstadt Bujumbura in Burundi wuchs er gleich mit vier Sprachen auf: Swahili, Kirundi, Französisch und Englisch. Mit knapp 15 Jahren lernte Elatif dann seine ersten Worte Schweizerdeutsch. «Zum Geburtstag vill Glück», sang eine Ärztin im Auffangzentrum in Basel, nachdem sie bei der Behandlung seines Fussleidens erfahren hatte, dass der unbegleitete Patient am selben Tag Geburtstag hatte. Dieser Begegnung vorausgegangen war Elatifs kraftzehrende Flucht aus seiner Heimat im Herzen Ostafrikas, im Grenzgebiet zwischen Ruanda, Kongo und Burundi – einer Region, die seit Jahrzehnten von bewaffneten Konflikten und politischer Instabilität geprägt ist.

Heute verläuft der Alltag des 18-Jährigen in geregelten Bahnen. Und mit einem klaren Ziel: Bildung für eine gute Zukunft. Nach einem schulischen Integrationsprogramm und Deutschkursen absolviert Elatif seit August 2025 eine sogenannte Integrationsvorlehre (Invol) im Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) des Kantons Zürich. Während eines Jahres sammelt er erste Berufserfahrung und bereitet sich auf eine KV-Lehre vor. Damit ist er eine von derzeit 120 Personen im Kanton Zürich, die im laufenden Programmjahr 2025/26 eine solche Integrationsvorlehre in verschiedenen Berufsfeldern und Betrieben absolvieren.

Das Programm – je hälftig finanziert von Bund und Kanton – richtet sich an anerkannte Flüchtlinge, vorläufig aufgenommene Personen, Personen mit Schutzstatus S oder spät zugewanderte Personen aus EU-/ EFTA- und Drittstaaten. Aber auch Auslandschweizerinnen und -schweizer ohne hiesige Volksschulbildung können eine Integrationsvorlehre machen. Seit Programmstart 2018 seien es knapp 800 Personen, die von dem Angebot allein im Kanton Zürich Gebrauch gemacht haben, berichtet Barbara Nikles, Invol-Projektleiterin im kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt.

Ankommen im Büro-Kosmos

Im zweiten Stock des MBA hat im August 2025 auch Elatif Blandon Igiraneza seinen Arbeitsplatz bezogen. Der Start in die Invol sei gut, aber herausfordernd gewesen, erklärt er. «Am Anfang habe ich vieles nicht verstanden, weil mein Deutsch noch nicht so gut war. Aber ich habe mir gesagt: Andere Leute haben das geschafft – ich kann das auch.»

Seine Praxisbildnerin Melanie Aardalsbakke, Projektleiterin im MBA, nickt. Sie kennt das Programm Invol von der Pike auf, ist seit dessen Start im Kanton Zürich 2018 in der Steuerung des Projekts tätig. Zum ersten Mal ist sie mit Elatif nun selbst für einen Invol-Lernenden zuständig. Diese neue Perspektive sei bereichernd. Denn so manches, was aus der internen Sicht als etabliertes Teammitglied selbstverständlich scheine, sei es eben nicht: «Wie man sich begrüsst, wann man in die Kaffeeküche geht: all diese kleinen Rituale im Joballtag, die es in jedem Büro- und Teamkosmos gibt.» Auch die gehörten zur Lernerfahrung. Hinzu kämen dann noch die regulären Arbeitsaufgaben sowie das fortlaufende Lernen der Sprache. Und die Schule – denn neben durchschnittlich dreieinhalb Tagen im Betrieb besuchen die Lernenden an eineinhalb Tagen pro Woche die Berufsschule.

Grundsätzlich sei eine Integrationsvorlehre in fast allen Berufen möglich, erklärt Expertin Barbara Nikles. In zwölf Berufsfeldern biete der Kanton Zürich spezifische Invol-Klassen an. Die Bilanz rund acht Jahre nach dem Start von Invol sei positiv: «83 Prozent der Absolventinnen und Absolventen starten im Anschluss direkt in eine berufliche Grundbildung. » Meist bleiben sie im Ausbildungsbetrieb – viele der teilnehmenden Unternehmen seien seit Beginn an dabei. Zwar bedeute die Invol einen Mehraufwand, dieser rechne sich aber in der Regel: «Die Lernenden sind hoch motiviert und bringen neue Perspektiven ein.»

Integrationsvorlehre INVOLElatif Blandon Igiraneza, INVOL im Bereich KV im Mittelschul- und Be-rufsbildungsamt des Kantons Zürich und Praxisbildnerin Melanie Aar-dalsbakkeZürich, 20.1.2026
Nach einem schulischen Integrationsprogramm und Deutschkursen absolviert Elatif Blandon Igiraneza seit August 2025 eine Integrationsvorlehre (Invol) im Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) des Kantons Zürich. Quelle: Sabina Bobst
Barbara Nikles am Schreibtisch an ihrem Büro-Arbeitsplatz
Grundsätzlich ist eine Integrationsvorlehre in fast allen Berufen möglich: Barbara Nikles, Invol-Projektleiterin im kantonalen Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Quelle: Julia Driesen-Rosenberg

Von der Ukraine nach Dietikon

Einige Kilometer entfernt im Limmattal. Mit sanftem Griff und ruhigem Zuspruch unterstützt Bohdana Lokota eine betagte Dame beim Aufstehen. Auch Bohdana absolviert eine Integrationsvorlehre. Im Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon lernt die 20-Jährige, wie sie Seniorinnen und Senioren kleine Hilfestellungen im Alltag geben kann. Vier Jahre zuvor sah Bohdanas Realität noch ganz anders aus. Der russische Überfall auf ihr Heimatland Ukraine riss Familie Lokota jäh aus dem Alltag. Es folgte die Flucht in die Schweiz. 2022 kam die Teenagerin mit ihren Geschwistern und der alleinerziehenden Mutter – der Vater war bereits verstorben – in Dietikon in der Zürcher Agglomeration an. In der Ukraine hat Bohdana noch die Schule besucht, nun büffelt sie erst mal die fremde Sprache. Sie absolviert Deutschkurse, als eine Beraterin aus dem Sozialamt ihr von der Option Integrationsvorlehre erzählt.

Das Schnupperpraktikum im Alterszentrum überzeugt Bohdana: «Diesen Beruf finde ich so schön. Mir gefällt eigentlich alles.» Besondere Freude habe sie am Austausch mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. «Ich helfe ihnen gern und bekomme von ihnen viel Freundlichkeit und Wertschätzung.» Viele ihrer betagten Klientinnen und Klienten freuen sich über eine Tasse Kaffee am Tisch, ein offenes Ohr, eine helfende Hand bei der Körperpflege oder die gemeinsame Partie eines Gesellschaftsspiels. Aber auch die anstehenden Routine- und Vorsorgechecks wie Blutdruck- oder Pulsmessen behält Bohdana im Blick – durchführen darf sie diese jedoch nicht. Dafür fehlt ihr die abgeschlossene Berufsausbildung. «Noch», sagt sie, denn die Berufslehre zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) ist das, worauf die junge Frau hier täglich hinarbeitet.

Zwei Mitarbeiterinnen eines Alterszentrums, in ihrem Büro porträtiert
Einmal im Monat begleitet Haxhije Kastrati Bohdana bei der Erledigung ihrer Aufgaben. «Gemeinsam schauen wir die Lernfortschritte an, und ich kann ihr oft auch noch ein paar Tipps geben.» Quelle: Stephan Rappo
Gesellschaftsspiel in einem Alterszentrum.
Bohdana (links) und Praxisbildnerin Haxhije beim Gesellschaftsspiel mit Bewohnerinnen des Alterszentrums.. Quelle: Stephan Rappo

«Mit jeder Woche konnte ich mehr verstehen»

Invol-Lernende im Gesundheitsbereich sind im Kanton Zürich besonders gefragt. Neben dem Detailhandel sowie der Gastronomie- und der Hotellerie-Branche stellen sie den Hauptanteil der verfügbaren Stellen, schildert Projektleiterin Barbara Nikles vom MBA. Erste Anlaufstelle für an der Integrationsvorlehre Interessierte sei meist das regionale Berufsinformationszentrum (biz). Dort finde eine Potenzialabklärung statt, um das richtige «Matching» zwischen Lernenden und Betrieb zu gewährleisten. Wichtig seien auch Schnupper-Einsätze und grundlegende Deutschkenntnisse, betont Nikles.

Bohdana Lokota kann dies aus eigener Erfahrung bestätigen: «Ich war zu Beginn schüchtern, weil meine Sprachkenntnisse noch nicht so gut waren», erklärt sie. «Aber mit jeder Woche konnte ich mehr verstehen und mich besser ausdrücken». Beim Deutschlernen helfen ihr die Gespräche mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, aber auch mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen. «Wir haben als Team eine Abmachung getroffen», sagt Praxisbildnerin Haxhije Kastrati, Fachfrau Betreuung und Ausbildungsverantwortliche: «Wenn wir eine Aufgabe erklären, bitten wir Bohdana, uns im Anschluss das Gesagte nochmals kurz zusammenzufassen. Das hilft ihr beim Deutschlernen und wir wissen dann, dass sie alles verstanden hat.» Motivation und Lernwille der jungen Frau seien von Anfang an hoch gewesen.

Einmal im Monat begleitet Haxhije Kastrati Bohdana bei der Erledigung ihrer Aufgaben. «Gemeinsam schauen wir die Lernfortschritte an, und ich kann ihr oft auch noch ein paar Tipps geben.» Im Verlauf des halben Jahres habe Bohdana aus ihrer Sicht auch persönlich einen Sprung gemacht. Es sei schön, zu beobachten, wiesie Stück für Stück ihre anfängliche Scheu abgelegt habe.

Die Integrationsvorlehre wird Bohdana Lokota im August 2026 abschliessen. Wie es danach weitergeht, ist derzeit noch offen. Bohdanas Ziel: Eine Ausbildung als Assistentin Gesundheit und Soziales mit eidgenössischem Berufsattest (EBA), die ihr später – allenfalls mit verkürzter Lehrzeit – eine Weiterbildung zur FaGe ermöglicht. Der Bereich Pflege und Gesundheit sei auf jeden Fall der richtige für sie – «das habe ich schon beim Schnuppertag gemerkt und der Berufsalltag zeigt es mir».

«Mein Ziel heisst Bildung»

Auch Elatif Blandon Igiraneza hat im Vorfeld der Integrationsvorlehre einige Tage in verschiedenen Unternehmen geschnuppert. «Mein Wunsch war eine Lehre im IT-Bereich. Im Integrationskurs hat meine Job-Coach mir dann aber vom Beruf Kaufmann erzählt. Ich habe dort einen Vorteil, weil ich bereits sehr gut Französisch und Englisch spreche.» Im Mittelschul- und Berufsbildungsamt seien ihm neben der guten Stimmung im Team sofort die Arbeitsplätze aufgefallen – «nie hätte ich gedacht, dass ich mal in einem so schönen Büro arbeite».

Seine Praxisbildnerin Melanie Aardalsbakke sieht er täglich. Jeden Morgen treffen sie sich kurz nach acht zu einer gemeinsamen Sitzung, um Elatifs Aufträge für unterschiedliche Projektteams zu besprechen. Seit einiger Zeit ist der 18-Jährige für die Erfassung der Invol-Lehrverträge zuständig. «Es ist ein komplexes System», sagt Melanie Aardalsbakke. «Wenn man in der Software nur einen Haken nicht richtig setzt, stimmt der Bericht am Ende nicht.» Seine Aufgaben, Erfahrungen und Fortschritte hält Elatif wöchentlich in einem Lernjournal fest. Am meisten Spass macht ihm das Organisieren. Gefragt sind bei all dem insbesondere die Sprachkenntnisse. Etwa bei einer Routineaufgabe wie dem Telefonieren. «Das klingt einfach», erläutert Melanie Aardalsbakke, «aber wenn drei verschiedene Team-Mitglieder das Telefon umleiten und man nicht genau weiss, wer ist da dran – das braucht Übung.»

Im Sommer wird Elatif die Integrationsvorlehre abschliessen und eine KVLehre im MBA beginnen. Ob EBA oder das anspruchsvollere eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ), ist derzeit noch offen. Auf die Frage, ob er bereits wisse, was er in zehn Jahren beruflich machen wolle, muss der junge Mann kurz überlegen: «Früher war mein Traum, Fussballprofi zu werden. Heute heisst mein Ziel Bildung, ich will lernen. Mein Traum ist, irgendwann in der Marketingabteilung für eine grosse Modefirma zu arbeiten. Kleidung zu verkaufen und Anlässe zu organisieren – das würde mir gefallen.»

Integrationsvorlehre INVOLElatif Blandon Igiraneza, INVOL im Bereich KV im Mittelschul- und Be-rufsbildungsamt des Kantons Zürich und Praxisbildnerin Melanie Aar-dalsbakkeZürich, 20.1.2026
Elatif Blandon Igiraneza sammelt erste Berufserfahrung im MBA. Seine Praxisbildnerin Melanie Aardalsbakke ist seit dem Start des Invol-Porgramms in der Steuerung tätig. Quelle: Sabina Bobst

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