Mehr Halt im Schulalltag – und im Leben

Die Schulsozialarbeit an der Kantonsschule Rychenberg bietet Jugendlichen in persönlichen Krisen dringend benötigte Unterstützung und entlastet die Lehrpersonen. Was an einigen Kantonsschulen als Testphase begann, soll nun flächendeckend in allen Schulen der Sekundarstufe II eingeführt werden.

Text: Sabina Galbiati  Foto: Dieter Seeger

Eines Tages versagen Delias* Beine. Die damals 16-jährige Gymnasiastin kann kaum mehr laufen. Auch sonst kämpft sie mit schweren Ermüdungserscheinungen. Ab jetzt fahren sie ihre Eltern zur Schule. Auf dem Parkplatz der Kantonsschule Rychenberg holen Schulfreundinnen Delia jeweils ab und begleiten sie in den Unterricht. Diagnose gibt es keine. Man vermutet psychosomatische Ursachen. Eine Lehrperson empfiehlt ihr einen Besuch bei der neuen Schulsozialarbeiterin. Im Büro etwas abseits der Hauptgebäude in einer alten Villa findet Delia Hilfe. Seit August 2022 befindet sich hier das Büro von Brigitte Lamprecht. Ihre 60-Prozent-Stelle wurde im Rahmen einer zweijährigen Testphase zur Schulsozialarbeit auf Sekundarstufe II geschaffen.

* Name geändert

Die Kantonsschule Rychenberg ist eine von mehreren Schulen im Kanton, die am Test teilgenommen haben. Initiiert hat ihn das Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) vor vier Jahren. Damals arbeitete die Gesundheitskommission der Schule gerade an einem Leitfaden zur Früherkennung psychischer Probleme. Gleichzeitig beschäftigte das Thema auch im Rahmen einer internen Weiterbildung. Und weil das schulinterne Care-Team zu jener Zeit recht ausgelastet war, ergriff Rektor Christian Sommer die Gelegenheit und bewarb sich mit seiner Schule für die Testphase für Schulsozialarbeit.

 Jugendliche spricht mit der Schulsozialarbeiterin im Büro, auf dem Tisch stehen viele farbige Gegenstände.
Schulsozialarbeiterin Brigitte Lamprecht führt vor allem Einzelgespräche mit ratsuchenden Jugendlichen. Quelle: Dieter Seeger

Brigitte Lamprechts Büro mit dem gemütlichen Sofa wirkt einladend: Man fühlt sich hier sofort wohl – die grossen Bäume rund um das Haus schaffen eine natürliche Privatsphäre, und das Schulgelände scheint weit weg zu sein. «Pro Schuljahr nutzen rund zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler das Angebot», sagt Lamprecht. Von 1200 Jugendlichen also rund 120. Die einen kommen für ein einzelnes Beratungsgespräch, etwa wegen Prüfungsangst oder Stress. Andere wie Delia nutzen die Schulsozialarbeit regelmässig. Zu ihnen zählte bis vor kurzem auch Leonie*. Sie hat in der engsten Familie einen Suizid erlebt, dem eine psychisch stark belastende Zeit vorausgegangen war. Anfang 2023 wendet sie sich an eine Lehrperson, die sie umgehend zu Brigitte Lamprecht schickt. «Hier konnte ich alles rauslassen, und zwar bei jemandem, der unbeteiligt war. Das half mir, meine Gedanken zu ordnen», erzählt Leonie. Von ganz ähnlichen Erfahrungen berichtet Delia: «Ich konnte frei erzählen, es gab keine Verurteilung oder Wertung. Durch die Gespräche fing ich an, meine Situation zu reflektieren, und erkannte meine Probleme.»

«Der Begriff Schulsozialarbeit klingt viel harmloser und unverbindlicher, als wenn man von einem Besuch bei der Psychologin sprechen würde.»

Nadja Regenscheit, Prorektorin Kantonsschule Rychenberg

In der akuten Phase gingen die beiden jungen Frauen einmal pro Woche zu Brigitte Lamprecht. Dann wurden die Gespräche schnell weniger, bis Termine jeweils nur noch nach Bedarf vereinbart wurden. «Am Anfang haben wir Ziele definiert, die mir halfen, Grenzen zu setzen und Freiraum für mich und meine Bedürfnisse zu schaffen», erinnert sich Delia. Leonie kämpfte mit posttraumatischen Belastungssymptomen, weshalb sich Lamprecht mit dem hausinternen Psychologen austauschte. «Eine weitere Intervention war aber zum Glück nicht nötig», sagt sie. Ein wichtiger Teil der Einzelberatungen ist die Triage. Lamprecht bespricht mit den Betroffenen, wer mit ins Boot geholt wird. Das können Eltern oder Lehrpersonen sein, bei Bedarf wird auch eine entsprechende Fachstelle involviert. Heute sind die beiden jungen Frauen 18 Jahre alt. Leonie hat die Matur erfolgreich abgeschlossen, Delia ist ins Maturjahr gestartet. Die beiden Frauen machen einen glücklichen, stabilen Eindruck und berichten offen von ihren Erfahrungen – auch, weil sie andere Jugendliche ermutigen wollen, sich Hilfe zu suchen, und zwar möglichst, bevor die Krise schon da ist.

Entlastung der Lehrpersonen

Einzelberatungen, wie sie Delia und Leonie in Anspruch genommen haben, machen aktuell noch den Grossteil von Brigitte Lamprechts Arbeit aus. Das Angebot der Schulsozialarbeit hat sich an der Schule schnell etabliert. «Für uns hat sich bestätigt, dass dieses Angebot sinnvoll und notwendig ist», sagt Prorektorin Nadja Regenscheit. Deshalb begrüsse man sehr, dass der Kantonsrat vor Kurzem die flächendeckende Einführung der Sozialarbeit auf der Sekundarstufe II beschlossen habe. Ziel ist, dass Lernende in Krisen frühzeitig Unterstützung erhalten. Das Angebot soll ausserdem dazu beitragen, soziale Folgekosten zu verringern, die durch Absenzen, Ausbildungsabbrüche oder komplexe Bildungsverläufe entstehen können.

Und für die Schulleitung und die Lehrpersonen ist die Schulsozialarbeit eine enorme Entlastung. Denn die Unterstützung und Betreuung der Jugendlichen mit psychischen Problemen sei komplex und zeitaufwendig. «Viele von uns kennen gar nicht alle Anlaufstellen, geschweige
denn die richtige Institution für spezifische Situationen», erklärt Regenscheit. Dagegen ist die Schulsozialarbeiterin unter anderem genau darauf spezialisiert. Lamprecht kennt jede Fachstelle, sei es jene für die zunehmenden Fälle von Essstörungen, die Opferberatung oder die Jugendpolizei.

Regal mit einem Bild und vielen Tierfiguren
Brigitte Lamprechts Büro ist gemütlich eingerichtet und wirkt einladend. Quelle: Dieter Seeger

Niederschwelliges Angebot

«Da wir eine sehr grosse Schule sind, müssen wir in die Prävention und Gesundheit auch mehr Ressourcen investieren als kleinere Schulen», betont Nadja Regenscheit. Ausser an die neue Schulsozialarbeit können sich die Schülerinnen und Schüler mit Problemen auch an ein Mitglied des Care-Teams wenden. Es besteht aus fünf Lehrpersonen, wobei zwei von ihnen eine Weiterbildung «Prävention und Gesundheit» gemacht haben. Auch ein Pfarrer ist mit im Team. «Viele Schülerinnen und Schüler möchten jedoch lieber nicht mit einer Lehrperson so umfassend über ihre Probleme sprechen, das gilt je nach Situation auch für die Personen im Care-Team», sagt Schulsozialarbeiterin Brigitte Lamprecht. Doch in gewissen Fällen könne das Gespräch mit jemandem aus dem Care-Team bereits ausreichend helfen, erzählt sie weiter. «Fälle, bei denen es mehr Betreuung braucht oder die komplexer sind, kommen dann zu mir.»

Zusätzlich haben die Jugendlichen die Möglichkeit, die Psychologin oder den Psychologen aufzusuchen, die von der Schule angestellt sind. Im Gegensatz zu dieser psychologischen Hilfe, die fünf kostenlose Sitzungen umfasst, ist das Angebot der Schulsozialarbeit für die Lernenden zeitlich unbegrenzt. Allerdings kann Lamprecht keine Diagnosen erstellen wie etwa die Psychologin. Und Prorektorin Nadja Regenscheit nennt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zur psychologischen Betreuung: «Der Begriff Schulsozialarbeit klingt viel harmloser und unverbindlicher, als wenn man von einem Besuch bei der Psychologin oder einer anderen offiziellen Stelle sprechen würde.» Deshalb sei die Hemmschwelle weniger hoch. Ein weiterer Vorteil sei, dass Lamprecht praktisch immer erreichbar sei. Die Jugendlichen melden sich via Mail, Teams oder Threema oder gehen direkt im Büro vorbei. Bei den Psychologen kann es hingegen eine Weile dauern, bis man einen Beratungstermin erhält.

Hände auf Tisch gelegt, auf dem Süssigkeiten und farbige Fidgettoys liegen
Brigitte Lamprechts Angebot hat sich bei den Schülerinnen und Schülern schnell herumgesprochen. Quelle: Dieter Seeger

Prävention und Sensibilisierung

Neben der Eins-zu-eins-Betreuung der Lernenden hat Brigitte Lamprecht während der Testphase Workshops organisiert und geleitet, die auf Prävention und Sensibilisierung zielen: Im Rahmen des Gesundheitstags organisierte sie einen Workshop zum Thema Prüfungsangst, hielt eine Doppellektion für die ersten Klassen zum Umgang mit Stress oder sensibilisierte gezielt einzelne Klassen für die Herausforderungen durch Social Media. «Wir nehmen auch an einem Projekt gegen Mobbing teil, zu dem unsere Arbeitsgruppe eine Weiterbildung für Lehrpersonen organisiert hat», ergänzt sie. Bei allen
Aktivitäten steht sie in engem Austausch mit der Schulleitung, dem Care-Team und der Gesundheitskommission der Schule. «Ich fungiere quasi als Bindeglied zwischen ihnen, den Jugendlichen, ihren Erziehungsberechtigten und den verschiedenen externen Anlaufstellen», fasst Lamprecht zusammen.

Jugendliche bleiben anonym

Gleich nachdem die Schulsozialarbeiterin ihre Arbeit an der Kantonsschule aufgenommen hatte, stellte sie sich überall vor: in den rund 50 Klassen, am Gesamtkonvent der Lehrpersonen und an mehreren Elternabenden. «Wichtig war vor allem, dass die Jugendlichen verstanden, dass sie anonym bleiben würden und ich der Schweigepflicht unterstehe», erklärt sie. «Das Angebot hat sich dann schnell herumgesprochen – auch weil Betroffene es anderen Schülerinnen und Schülern empfehlen.» Die Schule hat ausserdem ein Absenzensystem eingeführt, in dem Besuche bei der Schulsozialarbeiterin nicht als Absenzen auftauchen. Mit dem Entscheid des Kantonsrats ist nun auch klar, dass die Schulsozialarbeit am Rychenberg ausgebaut wird. Brigitte Lamprecht und Nadja Regenscheit hoffen, dass zusätzlich eine männliche Person eingestellt werden kann. So will man vermehrt auch junge Männer ermutigen, sich Hilfe zu holen, weil es diesen oft einfacher fällt, eine männliche Bezugsperson zu kontaktieren.

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