Bildung oder Betreuung? Beides!

Die Zürcher Lernverlaufserhebung LEAPS beginnt mit dem Eintritt der Kinder in den Kindergarten. Eine zusätzliche Studie befasst sich mit der Qualität von Kitas und Spielgruppen.

Text: Martina Bosshard Fotos: Marion Nitsch

Ein Mittwochmorgen Ende Juni in der Spielgruppe «Kunterbunt» des Elternvereins Thalwil: Nach und nach bringen die Väter und Mütter ihre Kinder im Vorschulalter vorbei. Einige kommen jeden Morgen von Montag bis Freitag, andere an zwei bis drei Wochentagen. In der Regel zählt die Gruppe rund zwölf Kinder. Die hellen und grosszügigen Räume befinden sich in einer Parterrewohnung. Ausgestattet sind sie mit Kissen, Bilderbüchern und zahlreiche Spielsachen – viele davon sind wohl schon seit Jahrzehnten im Einsatz. In der Regel kümmern sich zwei Betreuerinnen um die Gruppe. Heute sind es drei, die zusätzliche Person begleitet einen Jungen mit besonderen Bedürfnissen. Zum Start des Morgens binden sich die Kinder eine Schürze um und setzen sich an einen grossen Tisch. Vor sich haben sie einen Schmetterling aus weissem Löschpapier, bei dem sie die Flügel mit einer Pipette einfärben können. «Welche Farbe möchtet ihr benutzen?», fragt Nadine Naumann, Co-Leiterin der Spielgruppe und ausgebildete Lehrerin. Ein Mädchen mit hellbraunem Rossschwanz wählt Grün, arbeitet eine Weile konzentriert und verlangt dann den Becher mit der pinken Farbe. «Ich will den Schmetterling meiner Mutter schenken», sagt es.


 

Thalwil 25. Juni 2025 - Fokusmodel LEAPS, Reportage über Spielgruppe in Thalwil. © Marion Nitsch/LUNAX
Zum Start des Morgens binden sich die Kinder eine Schürze um und setzen sich an den Maltisch, unterstützt werden sie von der Betreuerin Nadine Naumann. Quelle: Marion Nitsch/Lunax

Ein jüngeres Kind hat zunächst Mühe, mit der Pipette umzugehen. Ihm zeigt die Betreuerin Elize Bosch geduldig, wie es die flüssige Farbe aufsaugen und über das Papier träufeln kann. «Schaut, wenn ihr eine Seite bemalt und dann die zwei Flügel aufeinander faltet, haben nachher beide Flügel das gleiche Muster», erklärt sie. Etwa die Hälfte der Kinder entscheidet sich für diese Technik. Ein Junge bemerkt die Coop-Zeitung, die als Unterlage dient. Sogleich erzählt er, dass er oft mit seinem Vater im Coop einkaufe. «In dem gleich neben dem Bahnhof», fügt er hinzu.

«Es gibt zwar Unterschiede zwischen Kitas und Spielgruppen, aber insgesamt ist das Niveau hoch»

Sonja Perren, Professorin für frühkindliche Entwicklung und Bildung an der Pädagogisches Hochschule Thurgau

Spielen und lernen

Die Spielgruppe «Kunterbunt» ist eine von 134 Bildungseinrichtungen, die zwischen 2023 und 2024 an einer Studie zur frühkindlichen Bildung und Betreuung im Kanton Zürich teilgenommen haben. Diese steht im Zusammenhang mit der aktuellen Lernverlaufsstudie LEAPS, bei der Kinder während der ganzen obligatorischen Schulzeit begleitet werden. «In den ersten fünf Lebensjahren machen die Kinder wichtige Entwicklungsschritte. Deshalb wollten wir in LEAPS diese Phase nicht ausser Acht lassen», erklärt Flavian Imlig von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich.

Verantwortlich für die Erhebung zu Kitas und Spielgruppen war Sonja Perren, Professorin für frühkindliche Entwicklung und Bildung an der Pädagogischen Hochschule Thurgau und der Universität Konstanz. «Der Besuch einer Kita oder Spielgruppe kann einen positiven Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten haben. Diese beinhalten die Sprache, das Wissen und das Lösen von Problemen», sagt sie. Der Effekt stelle sich aber nur ein, wenn die Qualität der Einrichtung gut sei. «Insbesondere gehen wir davon aus, dass Kinder, die zu Hause keine lernförderliche Umgebung haben, vom Besuch profitieren. » Fremdsprachigen Kindern könne das «Sprachbad» in der Kita oder der Spielgruppe den Eintritt in den Kindergartenerleichtern.
 

Thalwil 25. Juni 2025 - Fokusmodel LEAPS, Reportage über Spielgruppe in Thalwil. © Marion Nitsch/LUNAX
Die Räume sind mit Kissen, Bilderbüchern und zahlreichen Spiel- und Versteckmöglichkeiten ausgestattet. Quelle: Marion Nitsch/Lunax

Um die Qualität der Einrichtungen zu beurteilen, werteten Sonja Perren und ihre Mitarbeitenden Fragebogen zur Ausbildung der Betreuenden, zur Grösse der Gruppen oder zu den pädagogischen Konzepten aus. Das Kernstück der Studiewaren aber Beobachtungen. Die Mitarbeitenden der Studie besuchten die Kitas und Spielgruppen und dokumentierten unter anderem, ob sich die Kinder wohlfühlten, wie stark ihre Perspektive mit einbezogen wurde, wie viel Kontakt sie mit den Betreuenden hatten und wie diese auf Konflikte und Befindlichkeiten reagierten.

Ein grosses Augenmerk lag auf der sogenannten Lernunterstützung. Wie spielt sich diese ab? «Zum Beispiel sagt ein Kind beim Znüni, dass es gern Apfelschnitze isst. Die Betreuerin fragt, ob denn der Apfel eher süss oder sauer sei. Daraus entsteht ein Gespräch in der Gruppe zu Äpfeln im Allgemeinen und zu anderen Früchten. So lernen die Kinder neue Wörter kennen und erweitern ihr Wissen», erklärt Sonja Perren. Oder: Ein Kind zeichnet ein Flugzeug und zeigt es dem Betreuer. Dieser stellt Fragen zu Details und zeigt dem Kind, wo es ein Bilderbuch zum Thema Flughafen findet. Das Interesse des Kindes steht immer am Anfang, daran können die Fachpersonen anknüpfen. Das Resultat der Studie ist erfreulich: «Es hat sich gezeigt, dass die beteiligten Kitas und Spielgruppen ihre Arbeit gut machen. Es gibt zwar Unterschiede, aber insgesamt ist das Niveau hoch», sagt Sonja Perren. Positiv überrascht habe sie, wie professionell die Einrichtungen die Lernunterstützung handhaben – und zwar sowohl die Kitas als auch die Spielgruppen. Insgesamt haben die Kitas in Bezug auf die Ausbildung einen Vorsprung und verfügen häufig über ausführlichere Qualitätskonzepte. Die Spielgruppen hingegen punkten oft mit kleineren und altersmässig weniger durchmischten Gruppen.
 

Thalwil 25. Juni 2025 - Fokusmodel LEAPS, Reportage über Spielgruppe in Thalwil. © Marion Nitsch/LUNAX
Die Kinder basteln, hüpfen, spielen miteinander und tauschen sich mit den Betreuerinnen aus. Quelle: Marion Nitsch/Lunax

Was frisst die Raupe?

Unterdessen spielen die «Kunterbunt»-Kinder frei: Ein Mädchen baut mit Plastikunterlagen einen Parcours und springt von einem Element zum nächsten – bis es von einem anderen Kind geschubst wird. «Hat dich das jetzt sehr gestört?», fragt eine Betreuerin. «Schon ein bisschen», meint das Mädchen, springt dann aber gleich weiter. Auch mit dem anderen Kind bespricht die Betreuerin den Vorfall kurz. Ein Junge und ein Mädchen füllen zusammen Reiskörner aus einem grossen Behälter in kleine Becher. Andere spielen Fangen. Später versammeln sich alle bei Nadine Naumann. Sie erzählt die Geschichte der Raupe Nimmersatt. Im Anschluss dürfen die Kinder eine Raupen-Handpuppe mit Esswaren aus Karton «füttern». «Wie heisst diese Frucht?»,fragt Nadine Naumann und zeigt auf ein Bild. «Fragola», sagt ein Mädchen, das sich zuvor eher im Hintergrund gehalten hat. «Richtig, das ist das italienische Wort. Kennt ihr auch das deutsche?» – «Erdbeere, Erdbeere, Erdbeere», rufen die Kinder und lachen, als die Handpuppe das Kartonstück genüsslich «verspeist».
 

Zürcher Lernverlaufserhebung LEAPS

Die Zürcher Lernverlaufserhebung LEAPS untersucht die Lern- und Bildungsverläufe von Schülerinnen und Schülern. Sie begleitet rund 1500 Kinder vom Eintritt in den Kindergarten bis ans Ende der obligatorischen Schulzeit. Die Erhebung hat im Schuljahr 2023/24 begonnen und dauert mindestens bis zum Jahr 2035. Die Eltern der teilnehmenden Kinder geben beim Start in einem Fragebogen an, ob ihr Sohn oder ihre Tochter zuvor eine Kita oder eine Spielgruppe besucht hat und, wenn ja, welche. Die Studie zur Qualität von Krippen und Spielgruppen wurde zusätzlich zu LEAPS in Auftrag gegeben – damit auch Erkenntnisse zur Qualität der frühen Förderung einfliessen können. Bis Ende Jahr werden die Verantwortlichen wissen, wie viele LEAPS-Kinder Einrichtungen besuchthaben, die an der Studie von Sonja Perren teilgenommen haben. Die Studie wurde unterstützt durch die Stiftung Mercator Schweiz. [mb]
 

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