Matur? Olympiade!

Seine Mitschüler an der Kantonsschule Freudenberg lernen für die Matur. Joël Huber verfolgt gleichzeitig ein weiteres grosses Ziel: Gold an der internationalen Informatik-Olympiade.

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Text: Andres Eberhard, Foto: Stephan Rappo

Nur auf den ersten Blick wirkt er wie ein gewöhnlicher Teenager: Die langen blonden Haare zusammengebunden, oben Hoodie, unten Jeans, um den Hals ein grosser Kopfhörer. Was er denn höre? Joël Hubers Antwort macht klar, dass er eben kein ganz so typischer Altersgenosse ist. «Debussy, Schubert. Klassische Musik zwischen Romantik und Moderne. Das ist beruhigend. Und interessant. Da werden Geschichten in musikalischer Form erzählt.»

Noch spannender als die Frage, welche Musik in seine Ohren dringt, ist jene, was im Kopf des 19-Jährigen vorgeht. Joël Huber ist nämlich der schweizweit beste Gymnasiast in Informatik. Zweimal gewann er schon das Finale der Schweizer Ausscheidung für die Informatik-Olympiade an der Universität Bern. Und auch an diversen internationalen Wettbewerben holte er schon Medaillen. «Für mich sind kreative, kluge Algorithmen eine Form von Schönheit», sagt er. «Mithilfe von genialen Ideen fallen scheinbar hochkomplexe Aufgaben in sich zusammen.»

Ein Beispiel für einen solchen klugen Algorithmus ist das sogenannte Shortest Path Problem. «Wenn wir auf Google Maps den Weg von A nach B suchen, errechnet ein Algorithmus den schnellsten Weg.» Die meisten würden sich lediglich für das Resultat interessieren, ihn hingegen interessiere, was dahintersteckt. «Ich möchte den Dingen auf den Grund gehen», sagt er.

Joël Huber
Für ihn sind kreative, kluge Algorithmen eine Form von Schönheit. Der Zürcher Gymnasiast Joël Huber will an der internationalen Informatik-Olympiade Gold gewinnen. Quelle: Foto von Stephan Rappo

Feilen an jedem Detail 

Wenn Joël Huber tüftelt, rechnet und programmiert, dann vergisst er alles rundherum. Manchmal sogar das Essen. Wenn es darauf ankommt, also bei Prüfungen und an Wettbewerben, legt er deshalb jeweils ein paar Nüsse und Trockenfrüchte bereit, dazu ein Milchgetränk. «Es ist wie im Spitzensport», sagt er. «Man versucht, an jedem Detail zu feilen.» 

Seit etwa zwei Jahren, als er sein besonderes Talent und seine Faszination für Mathematik und Informatik erkannte, trainiert Joël Huber akribisch für Informatikwettbewerbe. Entweder sitzt er dann an seinem Pult, mit Computer, Laptop und einem Whiteboard, und löst Aufgaben aus vergangenen Jahren. Manchmal läuft er auch denkend durch die Wohnung oder jubelnd aus dem Zimmer (wenn er eine Lösung gefunden hat). Oder aber er trifft sich mit Gleichgesinnten, um gemeinsam an Problemen zu tüfteln.

Das Bild des Informatik-Nerds, der den ganzen Tag im Dunkeln sitzt, die Storen unten, die Luft dick und rundherum leere Pizzaschachteln, stört ihn nicht gross – auch wenn vieles davon nicht stimme. Korrigieren will er vor allem eines: «Wir sind eine sehr offene Gemeinschaft. Wenn ich unangemeldet bei einem befreundeten Informatiker vorbeigehe, ist die Chance gross, dass ich bleiben kann.» Auch beim persönlichen Treffen auf der Terrasse eines Restaurants an seinem Wohnort Thalwil wirkt Joël Huber gesprächig, offen, sympathisch – auf jeden Fall alles andere als ein introvertierter Nerd. 

Joël Huber interessiert sich auch für die Welt, für andere Kulturen. «Es ist schön, dass mir mein Hobby Reisen ermöglicht », sagt er. So führten ihn die Wettbewerbe und Lager schon nach Aserbaidschan, in die Slowakei, nach Tschechien und Ungarn. «Zudem treffe ich da auf Leute, welche dieselbe Faszination haben.» Auch Singapur, Russland, Ägypten und Rumänien hätte er beinahe besuchen können. Wegen der Coronapandemie fanden letztes Jahr jedoch alle Wettbewerbe virtuell statt. Das gemeinsame Erlebnis im Team liessen sich die jungen Informatiktalente deswegen aber nicht nehmen. Für das internationale Turnier «Romanian Masters» mietete das sechsköpfige Schweizer Team zuletzt eine Ferienwohnung – die beiden Leiter kochten, damit sich die vier jungen Teilnehmer auf den Wettbewerb konzentrieren konnten. 

An Wettbewerben im Ausland antreten darf, wer sich zuvor an der Schweizer Ausscheidung qualifizieren konnte. Joël Huber war einer der wenigen, dem dies schon als junger Kantischüler gelungen war. Entsprechend gehört er nun, im dritten Jahr, zu den erfahrensten Teilnehmern. Auch darum steckt er sich hohe Ziele für seine letzte Teilnahme an der internationalen Informatik-Olympiade. Bronze und Silber hat er aus vergangenen Jahren schon in der Tasche, nun möchte er Gold gewinnen. Er wäre erst der zweite Schweizer überhaupt, dem dies gelingt. «Ich bin ein ehrgeiziger Mensch», sagt er über sich. «Erreiche ich mein Ziel nicht, bin ich zwar sicher ein paar Tage lang enttäuscht. Aber ich muss mir nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben.» Die erste Hürde hat er gerade erst mit Bravour genommen: Am Final der Schweizer Austragung holte er eine Goldmedaille und erreichte die höchste Punktzahl. 

Was genau passiert da eigentlich auf dem Bildschirm, auf den die Teilnehmenden während der Wettbewerbe an zwei aufeinanderfolgenden Tagen während jeweils fünf Stunden starren? Joël Huber erklärt, dass drei algorithmische Aufgaben gelöst werden müssten. Zunächst gelte es, die Lösung für das Problem mathematisch herzuleiten. Diese müsse dann in einem zweiten Schritt programmiert werden. «Schliesslich prüft die Jury, ob das geschriebene Programm die richtige Lösung ausgibt, und verteilt auf dieser Basis Punkte.»

Musik machen und komponieren

Und die Schule? Immer wieder fehlte Joël Huber wegen der Teilnahme an Wettbewerben; die Kantonsschule Freudenberg erlaubte ihm die Absenzen stets grosszügig. In diesen Tagen legt er seine Matur ab. Wenig überraschend ist Mathematik sein stärkstes Fach, Prüfungsnoten unter einer 6 waren in seiner Paradedisziplin eher die Ausnahme. Und in seiner Maturarbeit erklärte er, wie Quantencomputer funktionieren. Aber auch sonst war Joël Huber stets ein guter Schüler mit Noten kaum je unter einer 5.

Während seine Mitschüler für die Matur büffeln, trainiert er auch noch für sein anderes grosses Ziel: Die kommende internationale Olympiade fällt genau in die Zeit zwischen schriftlichen und mündlichen Prüfungen. Danach wird er ein Zwischenjahr einlegen, wegen Corona und der Militärpflicht sind die Pläne noch nicht konkret. Wenn möglich wolle er in dieser Zeit auch etwas Musik komponieren, seine zweite Leidenschaft. Joël Huber spielt akustische Gitarre und singt. Auch das Saxofon beherrscht er.

Was nach dem Zwischenjahr kommt, sei offen. «Aber es ist schon klar, dass Mathematik und Informatik weiterhin eine Rolle spielen werden.» Er liebäugelt mit einem Mathe-Studium in Cambridge oder an der ETH. Seine Medaillen an internationalen Wettbewerben dürften ihm den Zugang erleichtern.

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