Wettlauf gegen Wissenslücken

Nach acht Monaten Lockdown versuchen die Schüler der Bungoma D.E.B Boys High School in Kenia, Verpasstes nachzuholen. Sie absolvieren zurzeit ihre Abschlussprüfung, die über ihre Zukunft entscheiden wird. Doch die Lehrer erkennen ihre Schützlinge kaum wieder – derart tiefgreifend hat die Zwangspause diese verändert.

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Text und Fotos: Sarah Fluck, Bungoma-Stadt

Einzig das Rascheln von Papierseiten und vereinzelt das Ruckeln eines Eisengussstuhls sind zu vernehmen in dem engen Klassenraum. 34 Schüler im Alter von 18 bis 20 Jahren sitzen Schulter an Schulter an einzelnen Holzpültchen und schreiben unentwegt in das daumendicke Prüfungsdossier. Die «Form IV»-Prüfungen, die mit der Matur in der Schweiz vergleichbar sind, haben begonnen. 

Durch die Türritze dringt der rote Staub der Hauptstrasse von Bungoma- Stadt. Die ungeteerte Fahrbahn bildet die Lebensader dieser Ortschaft im Westen Kenias, nahe der Grenze zu Uganda. Da reiht sich die Holzhütte des Sargverkäufers an den Stand der Melonenhändlerin, gefolgt von einem Schemel und einem knallroten Sonnenschirm des Anbieters von mobilen Handydaten. 

In den kommenden drei Wochen wird diese 4. Sekundarklasse an den nationalen Prüfungen ein dickes Dossier nach dem anderen bearbeiten. Bekleidet mit schneeweissen Hemden und grasgrünen Woll-Gilets werden die Schüler geprüft in Fächern wie Suaheli, Mathematik, Englisch, aber auch in «C.R.E – Christian Religious Education», Christlicher Religionspädagogik. Es geht um nichts weniger als um ihre Zukunft: Ob der Traum eines Ingenieurstudiums in Nairobi oder jener eines Medizinstudiums in Indien Wirklichkeit wird – alles hängt von dieser Prüfung ab. Falls es bloss für die Aufnahme an eine lokale Hochschule reicht, liegt nach dem Studium vielleicht noch eine Stelle als Lehrer auf dem Land oder als Laborant im lokalen Krankenhaus drin.

Namen der Besten im TV

Zwei Wochen nach dem Ende der Prüfungen werden die Schüler der Bungoma D.E.B Boys High School via SMS erfahren, wie sie abgeschnitten haben. Diesen Moment möchte Micah Munoko unbedingt mit seiner Mutter und den zwei älteren seiner sieben Geschwister teilen. Sie seien es gewesen, die ihn beim Lernen im vergangenen Jahr am meisten unterstützten, erzählt der schlaksige 18-Jährige bei einem Spaziergang durch das weitläufige Schulareal. Vor einer Tafel neben dem Lehrerzimmer bleibt er stehen. Diese zeigt in goldenen Buchstaben auf pechschwarzem Hintergrund die Namen jener Schüler der High School, die an den Prüfungen in den vergangenen Jahren die Bestnoten erreicht haben. «Da möchte ich gerne meinen Namen lesen», sagt Munoko. Sein Ziel: 85 von 100 Punkten und einen Platz an der medizinischen Fakultät an der Universität in Nairobi. Gehört er zu den Besten des Landes, liest Präsident Uhuru Kenyatta seinen Namen in einer landesweiten Fernsehsendung vor. «Meine Mama wäre so stolz, sie würde von mir ein Bild im Wohnzimmer aufhängen », sagt Munoko.

Munoko
Der 18-jährige Micah Munoko strebt einen Platz an der medizinischen Fakultät der Universität in Nairobi an. Quelle: Foto von Sarah Fluck

Als Kenyatta am Sonntag, 15. März 2020, in einer Fernsehansprache die Schliessung aller Schulen anordnet, sitzt Munoko mit zwei Freunden auf einem der rund hundert Bambusbetten in einem der Schlafsäle der Schule. Wie die Mehrheit seiner Mitschüler lebt Munoko während der Trimester an der Boys High School und verbringt bloss die vier Wochen Ferien zu Hause. «Zusammenpacken, ihr geht nach Hause!», habe der Chemielehrer an diesem Tag den Jungs zugerufen. Eine weitere Erklärung blieb er ihnen zunächst schuldig.

Innerhalb von zwei Tagen wurden alle 1386 Schüler aus Bungoma mit einem gelben Schulbus nach Hause in die umliegenden Dörfer gefahren. «Mein Vater ist erschrocken, als ich während des Semesters plötzlich auf der Türschwelle stand», sagt Munoko. Ausser der Schuluniform zum Waschen befanden sich in seinem Rucksack einzig das Mathematikbuch und die Unterlagen aus den naturwissenschaftlichen Fächern. Wie die meisten seiner Mitschüler war Munoko überzeugt, dass er nach ein paar Ferientagen wieder an die Schule zurückkehren werde. Doch aus Tagen wurden Wochen und Monate. Anfang Juli schaffte eine Weisung des Bildungsministers Gewissheit: Trotz erster Corona-Lockerungen mussten die rund 18 Millionen Schülerinnen und Studenten des ostafrikanischen Landes weiterhin zu Hause bleiben. «Nach dieser Meldung konnte ich einige Nächte kaum schlafen aus Angst, die Prüfungen zu vermasseln», sagt Munoko. Zwar erfährt Munoko von einem Freund, dass seine Lehrer Wiederholungslektionen via Zoom anbieten und über eine WhatsApp-Gruppe Arbeitsblätter zur Verfügung stellen. Doch Munokos Eltern, beide Kaffeebauern, können sich weder Smartphones noch kostspielige Datenpakete für mobiles Internet leisten. Hilfe bieten eine lokale Radiostation und TV-Kanäle. Formate wie «Know Zone» und «Edu TV» verbreiten verschiedene Unterrichtsinhalte. «Fernsehschule» nennt Munoko seine Zeit vor dem TV rückblickend und holt ein kleines Heft aus dem Pult – seine Notizen, die er sich damals gemacht hat. Auf den mit einem feinen Bleistift geschriebenen Eintrag zu den Anzeichen von Malaria folgt die Zeichnung eines gleichschenkligen Dreiecks. Die meisten Lektionen behandeln den Stoff der «Babys», so nennt er die Primarschüler, erklärt Munoko, der mittlerweile von Schulkollegen umringt wird.

Jahrgangsbeste
Auf diesen Tafeln werden Jahr für Jahr die besten Prüfungskandidaten der D.E.B Boys High School verewigt. Quelle: Foto von Sarah Fluck

Schüler tauchen ab

Tropfen auf dem Blechdach künden eines der ersten Gewitter der soeben angebrochenen Regenzeit an. Physiklehrerin Polly Mbae schlägt vor, den Platzregen in ihrer kleinen Wohnung auf dem Schulcampus abzuwarten. «Es ist schön, einen kurzen Arbeitsweg zu haben, doch ich würde wohl weniger arbeiten, wenn mein Zuhause ausserhalb der Schule wäre», sagt Mbae und sitzt dabei mit gestrecktem Rücken auf dem cremefarbenen Sofa, dessen abgewetzte Flächen mit gestickten Tüchern überdeckt sind. «Es war eine kräfteraubende Zeit», sagt Mbae mit Blick auf den achtmonatigen Lockdown. Aus ihrer Klasse mit 50 Schülern hätten gerade einmal zehn an den Lektionen teilgenommen. Es waren vor allem jene aus den finanzkräftigen Familien. Derweil erreichte sie noch gut die Hälfte ihrer Schützlinge via WhatsApp.

Vom Rest der Klasse hört sie zwischen März und Oktober 2020 nichts. «Ich habe mich oft gefragt, wie es ihnen wohl geht», sagt Mbae. Die täglichen Zoomlektionen seien technisch eine Herausforderung gewesen. «Wir kämpfen regelmässig mit Stromausfall und auch die Netzverbindung ist nicht stabil», so die 37-Jährige. Dann waren da noch ihre drei Töchter, die ebenfalls Unterricht einforderten. «Mama war eine gute Lehrerin », wirft die 12-jährige Angela Rehema plötzlich ein, die unser Gespräch im kahlen Wohnzimmer bis jetzt kritisch von der Türschwelle aus beobachtet hat. Einzig Mamas Mathelektionen seien zu schwierig gewesen: «Ihre Erklärungen verursachten mir Kopfschmerzen», sagt Angela Rehema, während die Mama sich vor Lachen an einem Schluck Chai verschluckt.

Als die Regierung im Oktober 2020 in einem ersten Schritt die Rückkehr für die Abschlussklassen bewilligt – es sind dies die vierte Sekundarklasse sowie die vierte und die achte Primarklasse –, tauchen drei von Mbaes Schülern nicht mehr auf. An der gesamten Boys High School sind es deren zwanzig, landesweit gemäss Schätzungen des nationalen Erziehungsministeriums zwei Millionen. «Viele Familien verloren während des Lockdowns ihr Einkommen», erklärt Vize-Rektor Wycliffe Wambuchi. «Sie können sich die Schulgebühren nicht mehr leisten oder drängen ihre Söhne zur Arbeit.» Wer einmal gearbeitet hat, und sei es nur als Fahrer eines Motorradtaxis, der erkenne Sinn und Wert der Schule nicht mehr, sagt Wambuchi. Er sitzt in seinem Büro an einem bambusfarbenen Schreibtisch. Seine wuchtige Statur wirkt klein vor den hinter ihm in die Höhe wachsenden Papierbergen. In einem Fall sei ein Schüler während des Lockdowns gar Vater geworden. «Er tut nun das Richtige und kommt für seine Familie auf», sagt Wambuchi mit der Bestimmtheit eines Mannes, der schon mit vielen Disziplinarfällen zu tun hatte.

Die Schüler, die schliesslich den Weg zurück an die Schule finden, erkennt das Lehrerteam in Bungoma-Stadt beinahe nicht wieder. «Ich hatte teilweise das Gefühl, dass sie noch weniger wussten als bei ihrem Schuleintritt», sagt der akademische Verantwortliche der Bungoma High School, Joseph Matifari. Zusätzlich stand sein Lehrerteam vor unzähligen disziplinarischen Herausforderungen.

Wambuchi
Wycliffe Wambuchi ist Vize-Direktor der Bungoma Boys High School. Trotz mancher Schwierigkeiten blickt er hoffnungsvoll in die Zukunft. Quelle: Foto von Sarah Fluck

Drogenentzug im Schlafsaal

Matifari zählt an seinen Fingern die Vergehen seiner Zöglinge auf: Die Jungs hatten Mühe, ruhig in den Bänken zu sitzen; die Hemden der Uniformen hingen aus den Hosen, die Haare wild zerzaust statt millimeterkurz geschnitten. Auch ignorierte ein Teil der Knaben vermehrt Hausaufgaben und gab Lehrpersonen freche Antworten. «Mit einer Handvoll mussten wir kurz nach ihrer Ankunft im Schlafsaal gar drei Tage lang einen kalten Drogenentzug durchziehen», sagt Matifari. Sie hätten während des Lockdowns mit Heroin experimentiert oder seien von der Kaudroge Khat abhängig geworden. «Kinder so zu sehen, die ich jahrelang betreut habe, brach mir das Herz», sagt Matifari, der neben seiner Führungsaufgabe noch englische Literatur unterrichtet.

Einer seiner Schüler ist der 18-jährige Gathii*. Einst sei er sein bester Schüler gewesen, berichtet Matifari. Er habe gar in der Freizeit noch amerikanische Short Stories gelesen. Doch nun könne er sich kaum noch dreissig Minuten konzentrieren. «Der Gathii, den ich kennengelernt habe, ist nie mehr an die Schule zurückgekehrt », sagt Matifari.

Gathii selbst möchte nicht in einem Interview über die vergangenen Monate sprechen. Stattdessen schlägt er vor, seine Erlebnisse niederzuschreiben. Er setzt sich unter eine Palme im Innenhof und beginnt das Papier auf seinen Knien zu beschreiben. Den dreiseitigen englischen Brief überreicht er in der Mittagspause feinsäuberlich zusammengefaltet. Besonders enttäuscht habe ihn, dass alle Rugbyund Fussball-Turniere abgesagt wurden. So habe er nicht mehr trainieren können, seine Lieblingsbeschäftigung an der Schule. Xherdan Shaqiri ist sein Vorbild.

Er will selbst einmal als Stürmer bei dessen Klub Liverpool oder seinem Lieblingsverein Arsenal kicken. Besonders unverständlich findet er, dass die Schule von seinen Eltern weiterhin die rund 40 000 kenianischen Schillinge (324 Schweizer Franken) Schulgeld forderte, obwohl kein Unterricht mehr stattfand. «Diese Situation hat mich mit der Zeit auch psychisch belastet», schreibt Gathii. Sein Vater forderte ihn immerzu auf, bei der Schule Geld zurückzufordern. Die Kaudroge spricht Gathii nur kurz an: Sein älterer Bruder habe ihn dazu gebracht. Doch inzwischen habe er damit wieder aufgehört: «Ich glaube, meine Lehrer haben vielleicht schon recht, dass ich ohne Khat besser wäre in der Mathematik und in Suaheli.»

Matifari und das Lehrerteam beschliessen kurz nach der Ankunft der Abschlussklasse drastische Massnahmen. Sie führen Frühstunden und Abendunterricht ein, verkürzen die Mittagspause auf eine halbe Stunde, streichen das Wochenende und die Weihnachtsferien. Einzig der Sonntagsgottesdienst wird im neu siebentägigen Stundenplan als ein Ort der Erholung aufgeführt. «Jede Sekunde, in der die Knaben beschäftigt sind, stellen sie keinen Blödsinn an», erklärt Matifari.

Angesprochen auf die neuen Massnahmen zieht Munoko, der 18-Jährige Schüler der Abschlussklasse, hörbar die Luft ein. Bis zum Jahresende 2020 sei es auf dem Campus noch angenehm ruhig gewesen, erklärt er. Die Lehrer hätten sich viel Zeit für die einzelnen Bedürfnisse genommen, ihnen Mut gemacht, dass sie Wissenslücken aufholen könnten. «Obwohl es anstrengend war, so viel zu lernen, war ich wieder zuversichtlich, dass ich die Prüfung gut schaffen könnte.» Im Januar, als schliesslich die anderen drei Klassenzüge aus dem Lockdown zurückkehrten, habe die Motivation aber abgenommen. «Wir waren übermüdet vom vielen Arbeiten und traurig, dass wir an Weihnachten nicht wie versprochen nach Hause durften», sagt Munoko. Auch war es plötzlich eng auf dem Schulgelände.

Brandstiftung im Speisesaal

Ende Januar machten vier Knaben der Abschlussklasse ihrer Verzweiflung Luft. Sie schlichen sich in der Nacht aus dem Schlafsaal, schütteten im Speisesaal Petroleum aus und versuchten, die Schule in Brand zu setzen. Dass das Feuer nicht ausbrach, ist einem Mitschüler zu verdanken, der rechtzeitig den Nachtwächter informierte. Zwei andere Schulen in der Gegend wurden hingegen niedergebrannt.

Was hat die Schüler zu einem solch drastischen Schritt bewogen? Die Ereignisse seien mit den enormen Ermüdungserscheinungen zu erklären, die Anfang Jahr auszumachen waren, sagt Vize-Direktor Wambuchi. «Rückblickend glaube ich, wir haben den Jungs zu viel zugemutet.» Auch wenn er und sein Team stark für Disziplin sorgten, müsse man den Schülern ab und zu Verschnaufpausen gönnen. Deshalb erlaubte er dem Klassenzug wenig später, für vier Tage zur Erholung nach Hause zu reisen. Die vier Brandstifter hingegen wurden für mehrere Wochen suspendiert. «Wer Reue zeigt, darf jedoch an den Prüfungen antreten», sagt Wambuchi.

An Herausforderungen werde es der Schule auch in den kommenden Monaten nicht mangeln, fügt Wambuchi an: Es fehlt an zusätzlichen Schulzimmern und erst recht an Lehrpersonen, um Social Distancing durch Klassenteilungen zu ermöglichen. Geld für Masken ist in vielen Familien nicht vorhanden. Neben diesen praktischen Herausforderungen bereiten ihm auch jene Schüler Sorgen, die nächstes Jahr die Abschlussprüfungen ablegen werden. Aufgrund von Kürzungen werden sie noch weniger Zeit für die Vorbereitung auf die Abschlussprüfung haben als der derzeitige Abschlusslehrgang.

Doch Wambuchi will das Gespräch nicht mit negativen Gedanken ausklingen lassen und fügt an: «Wir haben das letzte Jahr gemeistert, wir werden mit Gottes Hilfe auch dieses Jahr meistern.» Das Motto für die Bungoma D.E.B Boys High School bleibe schliesslich dasselbe: «Be the light» – «Sei das Licht».

Kenia

Anzahl Einwohner: 47,564 Millionen (Stand 2019)

Bevölkerungsdichte: 83 E./km2 (Stand 2019)

Hauptstadt: Nairobi

Grösste Stadt: Nairobi, 4 397 073 Einwohner (Stand 2019)

Anzahl Schüler der porträtierten Schule: 1386

Anzahl Lehrpersonen der porträtierten Schule: 56

Klassengrösse: rund 35 

Durchschnittliches Monatsgehalt eines einfachen Arbeiters: CHF 312.57 (niedrigster Durchschnittswert),

CHF 1187.95 (mittlerer Durchschnittswert) (Stand 2020)

Preis für 1 Kilo Brot: CHF 0.86

Corona-Infizierte: 120 910 (Stand per 22. März 2021)

Verstorbene: 2011 (Stand per 22. März 2021)

Geimpfte: 28 000 (Stand per 22. März 2021)

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