«Kinderarbeit ist ein grosses Thema»

In vielen Ländern sind Schulen wegen der Pandemie seit Monaten geschlossen. Was dies für die Kinder bedeutet, mit welchen Folgen zu rechnen ist und wie man versucht, die Kinder wieder in die Schulen zu bringen, erklärt Kathrin Salmon, Bereichsleiterin International Programs von Unicef Schweiz und Liechtenstein.

Interview: Jacqueline Olivier, Foto: Sabina Bobst

Wie beeinflusst die Pandemie die Arbeit von Unicef? 

Sie beeinflusst unsere Arbeit auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Auf der einen Seite sind Besuche vor Ort nicht möglich. Wir hatten diese zwar ohnehin immer auf ein absolutes Minimum beschränkt, aber jetzt sind bei Unicef alle internationalen Reisen ausgesetzt, zumindest noch für die nächsten Monate. Auf der anderen Seite können unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort die Programme für die Kinder nicht mehr immer so schnell implementieren wie ursprünglich vorgesehen. Covid-19 wirkt sich ja auf viele Lebensbereiche aus, und damit eben auch auf viele verschiedene Facetten unserer Programme.

Was sind das für Programme?

Unsere Programme betreffen ganz unterschiedliche Themenbereiche. Natürlich haben wir viele Programme im Bereich Bildung, wir sind aber auch in Bereichen wie Kinderschutz oder Überleben sowie Krisen und Nothilfe tätig. In all diesen Themenbereichen versuchen wir möglichst jedes Kind zu erreichen, dies ist nun aber oft erschwert.

Was heisst dies für die Einsätze vor Ort?

Wir sind zwar weiterhin vor Ort, übernehmen aber teilweise etwas andere Rollen. Je nach Land treiben wir beispielsweise die Krisenkommunikation voran oder starten Sensibilisierungskampagnen betreffend Hygienemassnahmen, die von grosser Bedeutung sind, um die Verbreitung von Covid-19 einzudämmen. Es geht beispielsweise um sanitäre Anlagen – insbesondere sauberes Wasser –, die zur Verfügung gestellt werden müssen. In einer humanitären Krise wie beispielsweise jener in Syrien ist dies besonders wichtig. Wobei man gerade in solchen Konfliktgebieten gar nicht weiss, wie weit Covid-19 schon verbreitet ist, weil es einen Meldemechanismus, wie wir ihn in der Schweiz oder in Europa kennen, nicht gibt. Zudem sind die Testkapazitäten viel geringer, deshalb muss man sich auf Annahmen stützen statt auf konkrete Zahlen.

Arbeiten Sie auch mit den Schulen zusammen?

Grundsätzlich arbeitet Unicef im Bereich Bildung mit dem Bildungsministerium des jeweiligen Landes zusammen. Gemeinsam mit diesem entwickeln wir die Ziele, die man setzen will. In der Umsetzung geht es dann in die Schulen – aber immer in Zusammenarbeit mit den Ministerien und den Regierungen vor Ort.

Nun sind in vielen Ländern die Schulen schon lange geschlossen. Heisst das, dass man die Kinder nicht mehr erreicht?

Selbstverständlich versuchen wir, die Kinder trotzdem zu erreichen. Das ist aber nicht einfach und stark abhängig von den Gegebenheiten in den Ländern. Wo es möglich war, hat man sehr schnell auf digitalen Fernunterricht umgestellt, was bedingt, dass möglichst viele Geräte zur Verfügung stehen. Dies ist nicht in allen Ländern und in jedem Umfeld gegeben. Deshalb ist man teilweise auf Radio und Fernsehen ausgewichen, um die Kinder über entsprechende Programme zu erreichen. So hat man je nach Land und Situation Strategien entwickelt und Lektionen bereitgestellt, damit möglichst viele Kinder ihr Recht auf Bildung wahrnehmen können.

Der jüngste Unicef-Bericht spricht eine deutliche Sprache: Hunderte Millionen von Kindern und Jugendlichen haben seit März 2020 infolge von Schulschliessungen einen Teil der Unterrichtslektionen in der Schule verpasst, 214 Millionen mindestens drei Viertel aller Lektionen. Was lösen diese Zahlen in Ihnen aus?

Auch für uns sind das unfassbare Zahlen. Im Jahr 2020 waren fast 1,6 Milliarden Kinder und Jugendliche in über 190 Ländern von Schulschliessungen betroffen. Und etwa 463 Millionen davon waren nicht über digitalen Unterricht erreichbar, also fast ein Drittel. Das hat natürlich Folgen. Die neuesten Zahlen besagen, dass fast 24 Millionen Kindern ein frühzeitiger Schulabbruch droht. Das heisst, selbst wenn die Schulen nach und nach wieder öffnen, werden diese Kinder nicht in die Schule zurückkehren. 

Aus welchen Gründen?

Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ein wichtiger Grund ist sicher, dass viele Familien durch diese Krise in die Armut getrieben werden oder sich zumindest in wirtschaftlicher Not befinden, sodass die Kinder gegebenenfalls helfen müssen, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Das heisst, Kinderarbeit ist ein grosses Thema, aber auch die frühe Verheiratung von Mädchen wird in nächster Zeit immer mehr zum Thema werden. Frühe Schwangerschaften von Mädchen sind schon jetzt ein ernst zu nehmendes Problem.

Welche Möglichkeiten gibt es, betroffene Kinder vor solchen Schicksalen zu bewahren?

Es ist ganz klar das Ziel von Unicef, dass möglichst alle Kinder wieder in die Schulen zurückkehren. Bildung ist der Schlüssel dafür, solchen wirtschaftlichen Notsituationen langfristig und nachhaltig zu entkommen. Es ist aber zweifellos eine grosse Herausforderung, alle Kinder wieder in die Schulen zu bringen.

Wie könnte es gelingen?

Schon vor der Pandemie gingen nicht überall alle Kinder zur Schule. Darum existieren bereits Programme, um solchen Kindern den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Ein Entwicklungsziel der Vereinten Nationen von 2015 lautet, dass bis 2030 alle Kinder einen Zugang zu Bildung erhalten sollen. Um dies umzusetzen, hat man beispielsweise Kampagnen gestartet, um Eltern dafür zu sensibilisieren, wie wichtig es ist, dass Jungen und eben auch Mädchen die Schule besuchen – dass es gute Gründe dafür gibt, in Bildung zu investieren. Ausserdem arbeiten wir mit den Ministerien zusammen, um herauszufinden, wo die vulnerabelsten Kinder sind, und um konkrete Massnahmen zu entwickeln, um sie zu erreichen. In Brasilien beispielsweise arbeiten die einzelnen Bundesstaaten dafür mit Unicef über die gemeinsame Plattform School Active Search zusammen. Solche Mechanismen und Programme muss man nun verstärken.

Die von den Schulschliessungen am meisten betroffenen Länder befinden sich in Lateinamerika und in der Karibik – warum gerade dort?

Die Schulschliessungen hängen damit zusammen, welche Massnahmen von der Regierung gegen das Coronavirus ergriffen werden. In Lateinamerika hat sich Covid- 19 schon im letzten Frühling sehr schnell und stark verbreitet, darum waren Schulschliessungen aus Regierungssicht notwendig. Da sich die Situation nach wie vor nicht entspannt hat, sind in jener Region noch immer viele Schulen geschlossen oder nur teilweise geöffnet. Tatsächlich haben die Buben und Mädchen in Lateinamerika weltweit am meisten Schulstoff verpasst.

Salmon
Die Kinder auf sicherem Weg wieder in die Schulen zu bringen, ist laut Kathrin Salmon, Leiterin International Programs von Unicef Schweiz und Liechtenstein, herausfordernd, aber wichtig. Quelle: Foto von Sabina Bobst

Wie kann man denn vorgehen, um Kinder in solchen Ländern in dieser Krise zu beschulen?

Als Schulschliessungen vollzogen wurden, hat man relativ schnell realisiert, dass es nicht einfach sein würde, wirklich allen Kindern ihr Recht auf Bildung zu gewährleisten. Unicef hat deshalb eine Art «Entscheidungsbaum » entwickelt, ausgehend von der Frage, ob man alle Kinder digital erreichen kann, und wenn nicht, welche anderen Möglichkeiten es gibt – Radio und Fernsehen zum Beispiel. Oder falls eine digitale Vernetzung besteht: Welche Inhalte kann man auf diese Weise zur Verfügung stellen? Abgesehen vom jeweiligen Hilfsmittel gibt es immer auch Lernpakete, die man nach Hause mitgeben kann, damit die Kinder, die weder Fernsehen noch Radio haben noch digital angeschlossen sind, trotzdem eine Chance haben, am Lernen teilzunehmen.

Können Sie ein Beispiel nennen, wo das gut geklappt hat?

In Malaysia wurde ein Online-Programm für Lehrpersonen entwickelt, mit dem sie lernen konnten, online ihr Wissen zu vermitteln. Es gab auch Weiterbildungen zum Thema, wie die Lehrpersonen die Kommunikation mit den Eltern und den Schülern aufrechterhalten können, etwa über Smartphone, Mobiltelefone oder Nachrichtendienste. In Usbekistan wiederum konnte man sehr viele Kinder über Radio und Fernsehen erreichen, hat dann aber gemerkt, dass hörgeschädigte Kinder der Lektion so nicht folgen können. Also hat man versucht, Gebärdensprache mit einzubauen, um auch diese Kinder nicht auszuschliessen. Es gab also viele kreative Ideen, um möglichst jedes Kind zu erreichen und auch die vulnerabelsten nicht zu vergessen.

Trotzdem werden die Stofflücken nach langen Schulschliessungen vermutlich riesig sein – welche Folgen wird dies haben?

Mit ihrem Bildungsziel hat sich die Weltgemeinschaft 2015 auf einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung – auch zu qualitativ hochwertiger Schulbildung – verständigt. Dies war schon vor der Pandemie ein ehrgeiziges Ziel. Im Moment geht man davon aus, dass man durch die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie um mindestens ein Vierteljahrhundert zurückgeworfen wird. Das ist fatal und wird weitreichende Folgen haben wie eben zum Beispiel verstärkte Armut. Die Weltbank prognostiziert, dass aufgrund der Schulschliessungen und dem niedrigen Niveau von Schulbildung in dieser Zeit zwischen 88 und 115 Millionen Menschen in extreme Armut getrieben werden. Und wir wissen auch, dass es die am meisten benachteiligten Kinder am stärksten trifft.

Was fehlt den Kindern durch die Schulschliessungen abgesehen vom Schulstoff sonst noch?

Schulen sind ein wichtiger Pfeiler im Bereich Kinderschutz. In der Schule befinden sich die Kinder in einem geschützten Raum. Sie werden vor Gewalt geschützt, erhalten regelmässige Mahlzeiten und profitieren von der Gesundheitsversorgung über die Schule. Durch die Schulschliessungen und dadurch, dass man die Kinder vielleicht nicht erreicht, verschärft sich die ohnehin schon schwierige Situation vieler Kinder. Es geht also auch um die Frage, wie man den Kindern, die jetzt nicht in die Schule gehen können, den Schutz gewähren kann, auf den sie Anrecht haben. Die Folgen davon, dass dieser Schutz zurzeit wegfällt, sind im Moment noch gar nicht bis in die letzte Konsequenz absehbar.

In gewissen Regionen haben es Mädchen nach wie vor schwerer, Zugang zu Bildung erhalten, als Jungen. Wird diese Benachteiligung nun verstärkt?

Die Schere der Ungleichheit geht auf jeden Fall weiter auf. Selbst wenn Mädchen vor der Pandemie in Ausbildung waren, befürchtet man, dass es bei der Wiedereröffnung der Schulen eher die Mädchen sein werden, die nicht zurückkehren. Darum ist es ganz zentral, zu vermitteln, dass es für Mädchen enorm wichtig ist, in die Schule zu gehen.

Und wie erreicht man das?

Auch da gibt es bestehende Programme, die sich schon länger mit diesem Thema beschäftigen. Wir unterstützen zurzeit zum Beispiel ein Programm in Malawi, das jugendlichen Mädchen dank eines verbesserten Menstruationshygiene-Managements ermöglichen soll, trotz ihrer Periode zur Schule zu gehen, indem man in den Schulen auf die nötigen sanitären Anlagen achtet oder den Mädchen Zugang zu den entsprechenden Hygieneprodukten gibt. Das heisst, es muss das entsprechende Umfeld geschaffen werden und gleichzeitig Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit betrieben werden. 

Unicef fordert, die Schulen so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Bringt man damit Kinder und Familien in Ländern, die nicht die Möglichkeiten für entsprechende Hygienemassnahmen haben, nicht in eine gesundheitliche Gefahr?

Das ist eine grosse Diskussion. Klar ist: Die Schulen wurden sehr schnell geschlossen, sie jetzt wieder zu öffnen, ist wesentlich komplizierter. Darum setzt sich Unicef gemeinsam mit verschiedenen Partnern wie der Unesco oder der Weltbank dafür ein, die Schulen schrittweise und sicher wieder zu öffnen.

Wie kann das funktionieren?

Es wurden Leitfäden entwickelt, die den einzelnen Schulen wie auch den zuständigen Ministerien Orientierung geben sollen. Sicherer Schulbetrieb heisst zum Beispiel auch, dass die Finanzierung der Löhne der Lehrpersonen gesichert sein muss. Ebenso geht es darum, Hygienepraktiken in den Schulalltag einzubauen. Dafür müssen die nötigen Vorkehrungen getroffen werden, etwa um die Hände waschen zu können. Mit anderen Worten: Wohlbefinden und Schutz müssen im Schulalltag wieder sichergestellt werden. Zudem muss man darauf achten, auch die vulnerabelsten Kinder einzubinden. In der Kinderrechtskonvention ist sowohl das Recht auf Bildung als auch das Recht auf Gesundheit verankert, und es ist wichtig, dass man beiden nachkommt.

Oft handelt es sich um Länder mit wenig demokratischer Mitsprache – wie gut werden Sie gehört?

In vielen Ländern wird uns durchaus Gehör geschenkt und man arbeitet sehr eng miteinander. Inzwischen haben auch einige Länder ihre Schulen wieder geöffnet, zumindest teilweise. Aber das ist natürlich von Situation zu Situation unterschiedlich. Deshalb hat Unicef in Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort Leitfäden entwickelt, die in möglichst vielen Ländern angewendet werden können. Die Massnahmen werden immer von der jeweiligen Regierung getroffen, wir können uns aber dafür einsetzen, dass die Schulen wieder geöffnet werden – und zwar auf einem sicheren Weg.

Auch in Europa gibt es Länder, die teilweise lange Schulschliessungen hatten oder gerade wieder haben. Sehen Sie auf uns ebenfalls Probleme zukommen?

Auch in Europa bestehen soziale Ungleichheiten oder Ungleichheiten bezüglich Digitalisierung. In dieser Krise wurde dies noch deutlicher sichtbar – nicht nur zwischen den Ländern, sondern manchmal auch innerhalb eines Landes. Sicher führt die Pandemie auch in Europa zu einem Lernverlust, das kann man nicht negieren. Aber wir sehen, dass Schulöffnungen in den meisten Ländern ganz oben auf der Liste stehen, wenn es um mögliche Lockerungen geht, weil man sich der Wichtigkeit des Präsenzunterrichts bewusst ist.

Gibt es trotzdem Länder in Europa, die Ihnen Sorge bereiten?

Die Unterschiede in Bezug auf die Länge der Schulschliessungen sind innerhalb Europas sehr gross. Vor allem ärmeren Ländern wie etwa Rumänien fehlen die nötigen Ressourcen für den Fernunterricht oder den Unterricht mit entsprechenden Schutzmassnahmen. Unicef unterstützt betroffene Regierungen kontinuierlich dabei, Massnahmen zu ergreifen, die das Recht auf Bildung und das Recht auf Gesundheit für Kinder gleichermassen gewährleisten können. Dennoch bin ich überzeugt, dass sich bereits bestehende Unterschiede verstärken werden. Selbst in der Schweiz haben nicht alle Kinder Zugang zu digitalen Lehrmitteln. Deshalb ist es wichtig, auch innerhalb Europas entsprechende Aufklärungs- und Sensibilisierungsarbeit zu leisten und Regierungen dabei zu unterstützen, Massnahmen zum Schutz der Kinder umzusetzen.

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