Wenn Puppen und Legos in die Ferien gehen

Immer mehr Kindergärten entfernen für einige Wochen die Spielsachen aus ihren Räumen. Die Massnahme soll später das Suchtverhalten reduzieren. Ein Augenschein in Samstagern.

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Im ersten Moment ist der Anblick etwas ungewohnt: Statt eines liebevoll dekorierten Kindergartenzimmers mit Familienecke, Legos und Bastelarbeiten trifft man in Samstagern auf eine eher chaotische Ansammlung von Möbeln, Kartonschachteln und Tüchern. Dazwischen tummeln sich überall Kinder. Es ist ziemlich laut. Vier Buben haben die kleinen Tische zusammengeschoben und Stühle draufgestellt. «Das ist unser Schiff. Wir fahren nach Australien», erklärt Noel. Lynn zieht Amaya auf einem Sitzkissen an einem Seil durch den Raum. Andere Kinder haben mit Fixleintüchern und Wäscheklammern Höhlen gebaut.

Znünipause selbst bestimmen

Die Kinder haben ihre Spielsachen weggeräumt – sozusagen in die Ferien geschickt. «Es braucht jeweils etwas Zeit, bis sie sich an die neue Situation gewöhnen», sagt Kindergärtnerin Manuela Thöny, die das Projekt Spielzeugfreier Kindergarten bereits zum dritten Mal durchführt. Sie selbst nimmt in diesen drei Monaten die Rolle der Beobachterin ein, während die Kinder den ganzen Morgen frei spielen. Sogar wann der richtige Zeitpunkt für den Znüni ist, bestimmt jedes Kind für sich. Nur zu Beginn macht Thöny jeweils einen kurzen gemeinsamen Anfang, an dem die Kinder ihre aktuelle Stimmung mit dem Bild eines Fisches angeben: müde, traurig oder fröhlich. Ansonsten schreitet die Kindergärtnerin nur ein, wenn es gefährlich wird – etwa wenn eine Möbelkonstruktion zu kippen droht. Etwas mehr Beulen und blaue Flecken gebe es jeweils schon als im regulären Kindergarten, räumt Thöny ein. «Doch etwas Schlimmes ist zum Glück noch nie passiert.»

Das Projekt Spielzeugfreier Kindergarten wird im Kanton Zürich seit sechs Jahren von den regionalen Suchtpräventionsstellen angeboten. Die Idee entstand Anfang der 1990er-Jahre in Deutschland aus der Überlegung heraus, dass das Leben der Kinder zunehmend geprägt ist von Konsumverhalten und vorgegebener Freizeitgestaltung und dass diese Entwicklung das Suchtverhalten fördern könnte.

Indem die Kinder einige Wochen ohne vorgefertigte Spielsachen auskommen müssen, sollen sie vermehrt eigene, kreative Ideen für ein freies Spiel entwickeln. Sie finden sich keineswegs in einem leeren Raum, sondern haben nach dem Wegräumen der Spielsachen diverse Materialien zur Verfügung. Zusätzlich zu den Möbeln erhalten sie Tücher, Wäscheklammern, Seile und Kartonschachteln – Alltagsgegenstände, die nicht in Spielzeuggeschäften erhältlich sind. Zudem können sie sich draussen Naturmaterialien wie Steine, Sand oder Äste besorgen. Suchtexperten gehen davon aus, dass damit in diesem frühen Stadium Kompetenzen für einen späteren verantwortungsvollen Umgang mit Suchtmitteln bilden.

Kinder spielen im spielzeugfreien Kindergarten
Im spielzeugfreien Kindergarten vergnügen sich die Kinder mit Möbeln und Alltagsgegenständen.

Schulische Gesundheitsförderung und Suchtprävention setze nicht nur auf spezifische Wissensvermittlung, schreibt Gesundheitspsychologe Roger Keller in seiner Studie zum Projekt Spielzeugfreier Kindergarten, welche die Gesundheitsdirektion bei der Pädagogischen Hochschule (PHZH) in Auftrag gegeben hat. Vielmehr habe sich das Training von Lebenskompetenzen in den letzten Jahren als besonders erfolgreich erwiesen. «Der Ansatz leistet einen Beitrag zur Reduktion von Substanzkonsum, Teenagerschwangerschaften, Gewalt und Mobbing sowie zur Stärkung des Selbstvertrauens.»

Fantasie fördern

Insbesondere sollen die Kinder besser lernen, mit Langeweile umzugehen und ihre eigenen Bedürfnisse und Gefühlslagen wahrzunehmen. Obwohl die Spielsachen in Kindergärten in der Regel höchste pädagogische Ansprüche erfüllen, tragen sie dazu bei, dass das Spielverhalten in mehr oder weniger stark vorgegebenen Bahnen verläuft. Durch den Entzug von konventionellen Gegenständen wie etwa Kochherd, Bauernhof oder Autogarage müssen die Kinder Fantasie entwickeln. So kann ein Gestell plötzlich zu einem Verkaufsladen werden oder aneinandergereihte Stühle verwandeln sich in einen Zug. Damit dies klappt, müssen die Kinder gut miteinander kommunizieren. Sie werden angeregt, sich verständlich zu machen und anderen zuzuhören, gemeinsam Lösungen zu finden, aber auch Konflikte konstruktiv auszutragen.

Manuela Thöny hat die bisherigen Projektphasen mit zahlreichen Fotos dokumentiert. Sie zeigen Spielsequenzen, in denen die ganze Klasse eine Geburtstagsfeier inszeniert, Coiffeursalon oder Spital spielt oder einen Hindernisparcours aufgebaut hat. «Es bilden sich neue Gruppenkonstellationen und die Gruppen vermischen sich stärker», hat die Kindergärtnerin beobachtet. «Zudem bewegen sich die Kinder mehr.»

Der Doppelkindergarten in Samstagern verfügt über relativ grosszügige Platzverhältnisse. Die beiden Klassen haben einen ganzen Pavillon mit zwei Ebenen und mehreren Räumen für sich. Dies ist zweifelslos ein Vorteil für dieses Projekt. Denn so können sich Kinder, denen es im Hauptzimmer zu laut wird, hin und wieder in einen stillen Raum zurückziehen. Bei gedämmtem Licht mit Sternenhimmel und leiser Musik können sie mit der Taschenlampe ein Bilderbuch anschauen und wieder zur Ruhe kommen. Kindergärten mit engeren Raumverhältnissen lösen das Problem zuweilen, indem die Kinder ein Glöcklein läuten dürfen, wenn es ihnen zu laut wird.

Aufräumen ist kein Thema

Denn die Kehrseite des freien Spiels sei, dass scheue und stillere Kinder in dem ganzen Betrieb gelegentlich etwas untergehen, räumt Thöny ein. «Einige Kinder brauchen mehr Zeit, um sich auf die Situation einzulassen.» Doch bisher hätten sich schliesslich alle zurechtgefunden. Weniger Freude an der Idee habe die Frau von der Reinigung. Denn Aufräumen ist im spielzeugfreien Kindergarten kein Thema. Die Kinder sollen am nächsten Tag dort weitermachen können, wo sie heute aufgehört haben. Wichtig sei eine gute Vorbereitung – sowohl der Kinder als auch der Eltern, betont Thöny. In Samstagern führten die drei teilnehmenden Kindergärten einen gemeinsamen Elternabend durch, an dem auch eine Fachperson der Präventionsfachstelle Samowar aus Horgen anwesend war. Natürlich gebe es jedes Mal kritische Stimmen, sagt Thöny. «Das ist auch gut so. Kritik regt zum vertieften Reflektieren und Austauschen an.»
Auch Daniela Märki war im ersten Moment skeptisch. Die Mutter zweier Mädchen erlebt das Projekt bereits zum zweiten Mal mit. «Ich verstand nicht, wieso man den Kindern die Spielsachen wegnehmen will», sagt sie. Doch mittlerweile stehe sie voll hinter der Idee. «Die Kinder kommen jeweils glücklich vom Kindergarten nach Hause.» Tochter Sara sei begeistert, weil sie den ganzen Morgen machen kann, was sie will. Sie sei jedoch etwas müder als während des Normalbetriebs.

Kritiker des Projekts weisen zudem darauf hin, dass die suchtmindernde Wirkung kaum belegt sei, wie PHZH-Professor Roger Keller in seiner Studie schreibt. Zudem würden die defizitären Bereiche in der Projektphase nur unzureichend gefördert und es finde keine explizite Schulvorbereitung statt. Während Kinder mit ADHS tendenziell gut mit der unstrukturierten Situation zurechtkommen, seien Kinder mit einer Autismus-Spektrum- Störung meist überfordert. Sie müssten durch die Schulische Heilpädagogin unterstützt werden, betont der Professor.

Kinder spielen im spielzeugfreien Kindergarten
Die Kinder vergnügen sich auch mit Bananenschachteln, Tüchern und Seilen.

Im Kanton Zürich nehmen jährlich etwa 330 Kindergärten am Projekt teil – Tendenz steigend. Viele wiederholen es alle zwei Jahre. Die Lehrpersonen, die es ausprobiert hätten, reagierten fast ausschliesslich positiv, sagt Ursina Zindel, Präsidentin des Verbands Kindergarten Zürich. Aufseiten der Eltern seien die Rückmeldungen unterschiedlich. Nicht jede Unterrichtsform eigne sich eben für alle Kinder gleichermassen, gibt sie zu bedenken. «Somit ist der spielzeugfreie Kindergarten vielleicht eine Chance, für ein paar Wochen einmal andere Kinder besser anzusprechen als mit stärker geführtem und strukturiertem Unterricht.»

Vorher und Nachher vergleichen

Die PHZH will das Projekt nun evaluieren. Bei den nächsten Durchführungen sollen alle teilnehmenden Lehrpersonen sowie die Eltern vor Beginn einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie die sozialen Kompetenzen sowie das Wohlbefinden der Kinder einschätzen. Nach der Projektphase wird die Befragung erneut durchgeführt und anschliessend die Angaben «Vorher» und «Nachher» miteinander verglichen. Manuela Thöny wird das Projekt voraussichtlich 2022 wieder durchführen. Den Wechsel zurück zum Normalbetrieb geht sie jeweils ganz bewusst an. Natürlich müsse sie die Regeln und Grenzen wieder aufzeigen, räumt die erfahrene Kindergärtnerin ein. Doch sie spüre stets auch einen längerfristigen Effekt: «Das Spiel ist farbiger geworden, die Gruppe wirkt zusammengeschweisst. Die Kinder sprechen sich mehr miteinander ab und können sich besser ausdrücken.» Und bei der Planung des Freispiels achte sie weiterhin darauf, viele inspirierende und offene Lernumgebungen anzubieten.

Lehrperson wird eng begleitet

Das Projekt Spielzeugfreier Kindergarten wird von der Abteilung Prävention und Gesundheitsförderung Kanton Zürich koordiniert. Für die Planung und Durchführung sind die Regionalen Suchtpräventionsstellen zuständig. Im Kanton Zürich beteiligen sich die Suchtpräventionsstellen in allen Bezirken ausser in der Stadt Zürich. Interessierte Kindergärtnerinnen besuchen zur Vorbereitung zwei Kursnachmittage an der Pädagogischen Hochschule Zürich, die für sie kostenlos sind. Die Anmeldung läuft über die jeweilige Suchtpräventionsstelle. Voraussetzung für eine Teilnahme am Projekt ist die Unterstützung der Schulleitung und Schulpflege. Entscheidet sich eine Kindergärtnerin für die Durchführung, erhält sie über den ganzen Zeitraum Begleitung und Coaching von der zuständigen Suchtpräventionsstelle. Eine Fachperson nimmt bereits am Elternabend teil, an dem die Eltern über Sinn und Art der Durchführung informiert werden. Sie hilft bei der Vorbereitung des Kindergartenzimmers und organisiert im Verlauf der drei Monate regelmässig einen Austausch mit anderen teilnehmenden Kindergartenlehrpersonen.

Text: Andrea Söldi, Fotos: zvg

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