Eine Schule, die mit ihren Schülern wächst

Mit fünf Klassen ist die Kantonsschule Zimmerberg derzeit die kleinste Zürcher Mittelschule – und die jüngste. Am ersten Schultag nach den Sommerferien wurde die Eröffnung gefeiert. Inzwischen hat der Alltag Einzug gehalten, doch der Schulaufbau geht weiter.

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Gäbe es die Kantonsschule Zimmerberg nicht, würde Mara Blaser jetzt das Gymi Freudenberg besuchen. Aber die neue Kantonsschule in Au (Wädenswil) wurde für die Schülerin just zur rechten Zeit eröffnet: Sie gehört zum ersten Jahrgang, der hier das Langgymnasium absolviert, und sieht wenige Wochen nach Schulstart viele Vorteile: «Ich wohne in Wädenswil und kann mit dem Velo herkommen. Dass wir noch nicht so viele Schüler sind, gefällt mir sehr. Es ist ruhig, eine gute Stimmung, und man lernt auch Kinder aus anderen Klassen kennen.» Wie die 12-jährige Mara zieht auch Gründungsrektor Urs Bamert eine positive erste Bilanz: «Wir sind gut gestartet – sogar mit einer Klasse mehr als ursprünglich geplant.» Rund 130 Schülerinnen und Schüler sind es, die nach den Sommerferien dem Provisorium der neuen Kanti hoch über dem Zürichsee erstes Leben eingehaucht haben. Sie werden in drei 1. und zwei 3. Klassen unterrichtet. In den folgenden Jahren werden es sukzessive mehr werden, das Gebäude bietet bis zu 500 Schülern Platz. Erst am definitiven Standort im «Au-Park» unten am See wird die Kanti Zimmerberg (KZI) zu voller Grösse von 1000 Schülern anwachsen. Apropos See: Das Panorama, das man aus den der Strasse zugewandten Räumen bestaunen kann, ist postkartenreif. Und auch sonst wartet der Bau, in dem zuletzt die Firma Von Roll schaltete und waltete, mit einigen Besonderheiten auf. Seine U-Form macht sich durch eine halbrunde Fensterfront an der Vorderseite bemerkbar und beschert der neuen Kanti auf der Rückseite einen lauschigen Innenhof, hinter dem direkt der Wald anschliesst. Die Doppeltreppe mit den hohen Säulen im Haupttrakt erinnert an ein Theaterfoyer. Dazu passt, dass man die besagten Rundpfeiler, die auch auf den Etagen zu finden sind, sowie die Wände in den zahlreichen, über alle Stockwerke verteilten Nischen mit grafischer Kunst am Bau verschönert hat. Die Schülerspinde in verschiedenen Farben versprühen Fröhlichkeit in den Gängen.

Ganzer Tag auf dem Campus

Da sich die Schule am Stadtrand in einem Industriegebiet befindet, war es von Anfang an die Absicht der Projektverantwortlichen, einen Campus zu schaffen, auf dem sich Schüler und Lehrpersonen den ganzen Tag gern aufhalten. Zu Urs Bamerts Freude funktioniert dies bis jetzt auch. Und nennenswerte Pannen gab es bislang keine zu verzeichnen. Natürlich sei es mit lauter neuen Schülern immer etwas schwierig, fährt der Rektor fort, vor allem den «Unterstüflern» fehlten Kolleginnen und Kollegen, die schon länger hier seien und ihnen eine gewisse Kultur vorlebten. Zudem besteht das Team fast ausschliesslich aus Teilzeitlehrpersonen mit kleinen Pensen, wodurch sich die Organisation des Alltags manchmal etwas kompliziert gestalte. «Aber unter dem Strich hat man das Gefühl, dass unsere Schule schon lange existiert.» Der Gründungsrektor war in den vergangenen drei Jahren als Projektleiter für den pädagogischen Aufbau erst der Kantonsschule Uetikon am See und dann der Kantonsschule Zimmerberg tätig. Für letztere habe man ein halbes Jahr mehr Zeit gehabt, erzählt er. «Das hat viel gebracht, wir konnten bis zur Eröffnung bereits einige wichtige Pflöcke einschlagen. So haben wir zum Beispiel das Leitbild, das Schulprogramm oder das Konzept für das selbstorganisierte Lernen entwickelt.» Da das Lehrerteam seit Februar komplett ist, konnte es in solchen Prozessen mitwirken und zusammenwachsen. Und auch die Schulkommission stand früh fest und war involviert. «Natürlich hat man sich manchmal gerieben», sagt Urs Bamert, «als wertvoll hat sich bei der Entwicklung des Leitbilds auf jeden Fall die Moderation durch eine externe Kommunikationsfachfrau erwiesen.» Hilfreich waren für ihn und das Projektteam überdies die Erfahrungen aus Uetikon. Wie dort setzt sich das Team der Kanti Zimmerberg jeweils aus einer erfahrenen und einer jungen Lehrperson pro Fach zusammen. In beiden Schulen liegt bereits im Untergymnasium ein Schwerpunkt auf Informatik und Technik, im Obergymnasium stehen Fächer wie Rhetorik oder Wissenschaftliche Texte auf dem Stundenplan. Und medientechnisch ist man hüben wie drüben auf dem neuesten Stand. «Wir arbeiten mit ‹Teams› und ‹One Note›, ausserdem mit der Anwendung ‹Intranet Sek II›, die unter anderem das Klassenbuch aus Papier ersetzt.»

Deutschlehrer Dustin Gygli, Schülerin Mara Blaser und Rektor Urs Bamert in der neuen Kantonsschule Zimmerberg
Haben sich in der neuen Kantonsschule Zimmerberg gut eingelebt: Deutschlehrer Dustin Gygli, Schülerin Mara Blaser und Rektor Urs Bamert (von links). Quelle: Foto von Dieter Seeger

Mountainbiken im Wald

Nicht ganz so perfekt ausgerüstet ist man derzeit hinsichtlich Sport. Die Hoffnung, man könnte die Sporthalle und die Aussenanlage der unweit gelegenen Primarschule Ort mitbenützen, hat sich nicht erfüllt, weil die dortige Kapazität nicht für eine weitere Schule reicht. Also sind kreative Lösungen gefragt: Neben dem Aussenplatz und einem Fitnessraum im Untergeschoss dient den Sportlehrern die angrenzende freie Natur, namentlich der Wald, für ihre Lektionen. Dort kommt zum Beispiel ein Klassensatz Mountainbikes zum Einsatz – mit dem praktischen Nebeneffekt, dass jeder Schüler und jede Schülerin erst einmal lernt, einen Fahrradpneu zu wechseln. Und nächstes Jahr – «ich kann mein Glück immer noch nicht fassen», meint der Rektor strahlend – wird die Stadt Wädenswil direkt neben seiner Schule eine Doppelturnhalle bauen. Weil die Halle der Schule Ort saniert werden muss, wird ein Provisorium benötigt. Und wenn man nun schon eine «eigene» Kantonsschule habe, so wohl die Überlegung der Stadt, solle diese auch davon profitieren. Und zwar so lange, wie sie in ihrem Provisorium verbleibt. Das sind mindestens acht Jahre. Während diese Doppelturnhalle der wachsenden Schule schon bald ideale Sportbedingungen verspricht, sieht Urs Bamert Engpässe in der Mensa voraus. Dort stehen 100 bis 120 Plätze parat, die Mittagspausen der Klassen sind so gelegt, dass die Verpflegung in zwei Schichten stattfinden kann. Im ersten Betriebsjahr reicht das. «Wenn wir aber mehr Schüler haben, von denen ein Grossteil hier isst, müssen wir uns etwas einfallen lassen.» Und das tut man bereits. Eine Idee wäre etwa, auf dem Gelände einen Kochwagen aufzustellen, an dem die Schüler – und natürlich auch die Lehrpersonen – eine warme Speise beziehen könnten.

Viel positive Energie

Flexibilität und Kreativität werden also weiterhin gefragt sein, um die Kanti Zimmerberg zu etablieren. Dies ist ein Grund, warum sich Deutschlehrer Dustin Gygli hier am richtigen Ort fühlt: «Es ist eine einmalige Gelegenheit, sich am Aufbau einer neuen Schule zu beteiligen, in einem erfahrenen Kollegium mit vielen Ideen.» Was ihm, der ansonsten im Realgymnasium Rämibühl unterrichtet, ebenfalls sympathisch ist: «Eine Schule zu erleben, die jetzt noch klein ist. Dadurch entsteht ein reger Austausch über die eigene Fachschaft hinweg.» Während der sogenannten Fokuswochen, in denen interdisziplinäre Projektarbeit ansteht, lerne man sich ebenfalls kennen. Die Kehrseite der Medaille sieht Dustin Gygli darin, dass man sich weniger im Korridor über den Weg läuft, weil viele Lehrpersonen nur an einzelnen Tagen im Haus sind. «Um sich abzusprechen, muss man sich gezielt treffen.» Der guten Stimmung im Team tut dies offenbar keinen Abbruch. Es seien eine starke Motivation und viel positive Energie vorhanden, stellt der Deutschlehrer fest. Schon bei den ersten Konventen sei ihm aufgefallen, «dass man mit grosser Offenheit an die Sache herangeht. Es gab ja noch für niemanden einen Status quo, man musste alles zuerst aushandeln.» Auch inhaltlich gibt es hier für ihn Neues zu entdecken, etwa Rhetorik, die er zum ersten Mal als eigenständiges Fach unterrichtet. «Das ist superspannend.» Spezielle Gefässe zu entwickeln, macht ihm ebenfalls Freude, selbst wenn dies noch etwas Zeit in Anspruch nehmen werde. «Spezialgefässe leben auch stark von kompatiblen und eingespielten Teams, die sich manchmal erst finden müssen.»

Kurzer Schulweg, mehr Freizeit

Die Schülerin Mara Blaser hat den Anschluss an ihre Klasse bereits gefunden. Ob sie später für das Kurzgymnasium an eine andere Kanti wechseln wird, weiss sie noch nicht. «In Zürich wäre es sicher auch toll», meint sie, «aber hier habe ich dank des kurzen Wegs mehr Freizeit. Weil ich den ganzen Tag in der Schule verbringe, kann ich zudem einen Teil der Hausaufgaben schon hier erledigen.» Spass macht Mara der Sportunterricht – weil er zu einem grossen Teil im Freien stattfindet. Vor allem kurvt sie gern mit dem Mountainbike im Wald herum. «Wir haben zuerst in Halbklassen geübt, das Fahrrad zu lenken, zu bremsen und Bögli zu fahren, das war lustig.» Sprachen lernt sie ebenfalls gern und kann sich vorstellen, später das Neusprachliche Profil zu wählen. Ihr erstes Ziel ist es nun aber, die Probezeit zu bestehen. Im Schulhaus kennt sie sich mittlerweile aus und fühlt sich wohl. «Es ist alles gut gemacht und sehr schön.»

Text: Jacqueline Olivier, Foto: Dieter Seeger

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