«Im Schulhaus war es richtig gespenstisch»

«Der Fernunterricht gibt zwar viele gute Impulse, aber Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen bereiten mir Bauchweh», lautet Nora Bussmanns Bilanz gut vier Wochen nach Ausrufung des Lockdowns. Die 44-Jährige leitet die Primarschule Im Birch in Zürich Oerlikon.

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Die Schule im Birch ist eine grosse Anlage. Ihr Angebot reicht vom Kindergarten bis zur Sekundarschule. Im Schulkomplex lernen unter normalen Umständen täglich rund 700 Schülerinnen und Schüler. Derzeit ist nur eine Handvoll Kinder in der Notfallbetreuung.

«Stellen Sie sich vor, die Schulglocke läutet, und fast kein Kind kommt. Es war richtig gespenstisch», erinnert sich Bussmann lebhaft an den 16. März, den ersten Lockdown-Schultag. «Wir haben gestaunt, wie schnell die Eltern eine Betreuung organisieren konnten.»

In der Schule musste eine Notfallbetreuung aufgebaut werden. Diese gibt es auch während der Frühlingsferien. Angemeldet sind bisher lediglich acht Kinder. Die Betreuung wird angeboten für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, aber auch für Kinder, bei denen es zu Hause sehr schwierig ist.

Kinder aus stark belasteten Familiensystemen bereiten der Schulleiterin in Zeiten des Fernunterrichts besonders Bauchweh. «Da fragt man sich schon, was jetzt da zu Hause passiert.» Natürlich versuche man, diese Kinder möglichst eng zu begleiten. «Aber wir bekommen nicht alles mit, was in konfliktbelasteten Familien läuft.» Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) habe man bisher jedoch nicht aufbieten müssen.

Nora Bussmann, Leiterin Primarschule Im Birch, auf dem Pausenhof. Schweiz.
Schulleiterin Nora Bussmann vor der Schule Im Birch in Zürich Oerlikon. Quelle: Foto von Marion Nitsch

Die Beziehungspflege braucht viel Zeit

Grundsätzlich messen Bussmann und ihr Team auch in diesen ausserordentlichen Zeiten der Beziehungspflege grosse Bedeutung zu. Auch beim Fernunterricht sei es wichtig, dass einerseits das Kind merkt, dass sich die Lehrperson um es kümmert, ihm Rückmeldungen zu seiner Leistung gibt. Andererseits informieren sowohl die Klassenlehrpersonen als auch Bussmann selbst die Eltern über die neusten Entwicklungen. Zudem versuche sie, diese zu beruhigen und ihnen klar zu machen, dass ihr Kind auf jeden Fall etwas lerne. «Und ich erkläre den Eltern, dass die Hauptverantwortung fürs Lernen auch in dieser Zeit bei den Lehrpersonen liegt, und nicht bei den Eltern.»

Die Beziehungspflege auf allen Ebenen fordert die Schulleiterin stark und braucht viel Zeit. Denn Bussmann will natürlich auch von den Lehrpersonen wissen, wie es mit dem Fernunterricht läuft.

Diesen Fernunterricht musste man am Morgen des 16. März richtiggehend aus dem Boden stampfen. Klar war, dass auch in dieser Unterrichtsform die Chancengerechtigkeit möglichst gewahrt bleiben muss. «Und da man davon ausgehen konnte, dass zu Hause nicht alle technisch bestens ausgerüstet sind, mussten wir schauen, dass Chancenungleichheit nicht schon von der technischen Seite her geschaffen wird.»

Deshalb wurde versucht, viele Aufgaben zu stellen, die man zwar digital übermittelt, aber analog löst. Auch sollten die Aufgaben möglichst selbsterklärend, offen und frei sein, sodass die Kinder sie selbständig lösen können und die Eltern nicht immer danebensitzen müssen.

Nora Bussmann, Leiterin Primarschule Im Birch, auf dem Pausenhof. Schweiz.
Beziehungspflege auf Distanz – für Nora Bussmann und ihr Team keine leichte Aufgabe. Quelle: Foto von Marion Nitsch

Kreative und motivierende Aufgaben

Gemäss Bussmann wurden grösstenteils «sehr kreative und motivierende Aufgaben» gestellt. Erstklässler haben beispielsweise mit Naturmaterialien Häuschen gebaut, andere Kinder wiederum entwickeln eigene Projekte.

Dieses sehr individualiserte Lernen sei durchaus auch positiv. Negative Auswirkungen des Fernunterrichts hingegen befürchtete Bussmann vor allem auf Schülerinnen und Schüler, die schon im Normalunterricht mehr Förderung brauchen. «Für sie geht in diesen aussergewöhnlichen Zeiten die Schere noch mehr auf, als sie eh schon offen ist.» Um diese Kinder wieder abzuholen, brauche es dann später zusätzliche Aufmerksamkeit und Ressourcen.

Insgesamt erlebt die Schulleiterin in dieser Zeit ein riesige Engagement auf allen Seiten und auch eine grosse Zufriedenheit. Viele Eltern bedankten sich. «Die Stellung der Schule in der Gesellschaft wird eindeutig gestärkt», stellt Bussmann erfreut fest.

Text: Marianne Koller, Fotos: Marion Nitsch

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