«Natürlich ist es schade, dass fast alles geschlossen ist»

Von Corona lässt sich Ronja Inauen nicht einschüchtern: Die 16-jährige Schülerin der Kantonsschule Zürcher Oberland verbringt seit dem 8. Januar im französischen Sénas, in der Nähe von Salon-de-Provence, einen dreimonatigen Sprachaufenthalt.

Interview: Jacqueline Olivier, Foto: Dieter Seeger

Sie sind seit drei Wochen in Frankreich – wie geht es Ihnen?

Gut. Ich bin in einer sehr freundlichen und grosszügigen Gastfamilie und in einer total coolen Klasse. Die Lehrerinnen und Lehrer und meine Mitschüler sind ausgesprochen hilfsbereit. Es ist wirklich megalässig. Ich habe drei Gastgeschwister, die eine Gastschwester ist gleich alt wie ich, besucht die gleiche Schule im selben Jahrgang, aber eine andere Klasse.

Warum haben Sie sich für Ihren Sprachaufenthalt für Frankreich entschieden?

Ich habe mir kurz überlegt, ob ich nach England oder nach Frankreich gehen soll. Da ich aber in Französisch klar weniger gut bin als in Englisch, kann ich in Frankreich viel mehr profitieren. Jetzt bin ich froh, mich so entschieden zu haben, denn angesichts des mutierten Virus, das die Fallzahlen in England explodieren liess, wäre ein Aufenthalt in England vermutlich gar nicht realisierbar gewesen. Zudem merke ich, dass ich hier wirklich sehr schnell Fortschritte mache und mir die paar Wochen für mein Französisch bereits viel gebracht haben.

Hatten Sie vor Ihrer Abreise gar keine Zweifel, ob ein Auslandaufenthalt zum jetzigen Zeitpunkt grundsätzlich eine gute Idee ist?

Nein. Corona betrifft sowieso die ganze Welt, da spielt es keine Rolle, ob ich in Frankreich oder in der Schweiz bin. Kurz verunsichert hat mich vor meiner Abreise lediglich die Nachricht, dass Frankreich wieder einen scharfen Lockdown und eine Quarantänepflicht für Einreisende einführen könnte. Tatsächlich hat Frankreich inzwischen die Grenze für Personen aus Nicht-EU-Staaten geschlossen, Personen aus der EU und der Schweiz müssen einen negativen Test vorweisen. Ich hatte Glück, für mich galt das noch nicht.

Auch in Frankreich sind Schulschliessungen ein Thema. Würden Sie in diesem Fall in die Schweiz zurückkehren?

Schulschliessungen werden diskutiert, man will aber auch hier die Schulen möglichst lange offenhalten. Würden sie geschlossen, hätten wir Fernunterricht. Und dies auf Französisch – da wäre ich wohl schon etwas überfordert. Meine Gastfamilie – eine Akademikerfamilie – würde mich aber sicher unterstützen. Mein älterer Gastbruder ist megastark in Mathe und Naturwissenschaften, meine gleichaltrige Gastschwester sehr gut in Sprachen und schulisch plus/minus auf dem gleichen Niveau wie ich. Möglicherweise werden wir nach den bevorstehenden Winterferien eine Woche Fernunterricht haben, ähnlich wie in unserer Vertiefungswoche nach den Weihnachtsferien. Vorzeitig in die Schweiz zurückkehren möchte ich jedoch auf keinen Fall, ausser meine Eltern würden dies wünschen. Mir gefällt es hier viel zu gut. Ich bekomme hier ja kein Zeugnis und geniesse es, ohne Notendruck in die Schule zu gehen, mir einen möglichst grossen Wortschatz aneignen zu können und neue Leute kennenzulernen – einfach eine coole Zeit zu haben.

Inauen quer
Corona betreffe die ganze Welt, meint Ronja Inauen, da spiele es keine Rolle, ob sie in der Schweiz oder in Frankreich die Schulbank drücke. Quelle: Foto von dieter Seeger

Haben Sie denn angesichts der vielen Einschränkungen die Möglichkeit, etwas vom Leben und der Gegend in und um Sénas kennenzulernen?

Ich besuche eine Privatschule, das Niveau ist hoch und wir haben viele Aufgaben. Unter der Woche bleibt also ohnehin kaum Zeit, um etwas zu unternehmen. Ausserdem gilt ab 18 Uhr eine Ausgangssperre. Natürlich ist es schade, dass fast alles geschlossen ist. Meine Gastfamilie wollte mit mir in die Skiferien fahren, für ein Wochenende nach Marseille und für eine Woche nach Paris zu den Grosseltern und ins Disneyland – das ist zurzeit alles nicht möglich. Ich bin aber noch zwei Monate da und hoffe auf Lockerungen. Ich versuche halt, das Beste aus der Situation zu machen. Im Moment verbringe ich viel Zeit mit meiner Gastfamilie, die ein grosses Haus mit Garten hat. Mit meiner achtjährigen Gastschwester zum Beispiel spiele ich oft Lego. In der Familie spielen wir auch Billard oder machen Gesellschaftsspiele. Die Familie kocht nicht gern, es gibt oft Tiefkühlkost, was ich nicht so mag. Da ich selbst sehr gern koche und backe, habe ich nun schon zweimal einen typischen Schweizer Zmittag zubereitet. Da helfen dann alle mit, das macht riesig Spass.

Und wie ist die Situation in der Schule und im Ort punkto Schutzmassnahmen?

In der Schule müssen wir die ganze Zeit Masken tragen, aber sonst ist von den Massnahmen, die es theoretisch gibt, nichts zu spüren. Bei uns in der Klasse hatte jemand Corona, aber es musste niemand in Quarantäne. In der Schweiz wäre das sicher anders gelaufen. Das finde ich schon etwas komisch. Was hier hingegen total gut funktioniert, ist das Abstandhalten beim Schlangestehen, etwa in den Läden. Das habe ich in der Schweiz so noch nie gesehen.

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