«Ich will den Kindern einen normalen Kindsgi-Alltag bieten»

Kindergarten während der Pandemie ist anders – gerade in der Adventszeit. Kindergärtnerin Mareike Hug von der Schule Vogtsrain in Zürich erzählt, wie sie mit den Einschränkungen umgeht und wie das Programm «Denk-Wege» dabei hilft.

Inhaltsverzeichnis

Interview: Andrea Söldi, Fotos: Dieter Seeger

Advent zu Corona-Zeiten – wie fühlt sich dieser Dezember im Kindergarten an?

Es ist schwierig, unter diesen Bedingungen eine feierliche Stimmung aufkommen zu lassen. Aus hygienischen Gründen mussten wir aufs Grittibänzen- und Guetzlibacken verzichten. Letzte Woche ging ich mit den Kindern in den Wald. Ein Besuch vom Samichlaus war aber nicht möglich. Daher bekamen die Kinder nur einen Brief und ihr Säckli.

Wie gehen die Kinder mit der Situation um?

Es ist stets eine gewisse Grundspannung spürbar. Beim Znüni zum Beispiel vergisst manchmal ein Kind, dass es nichts mit den anderen teilen soll. Dann ruft ein anderes: «Das darf man nicht!» Oder aber: Einige Kinder wollen nicht nahe nebeneinander sitzen.

Wie funktioniert Unterrichten mit Maske?

Wenn die Kinder unsere Mimik nicht sehen, geht ein wichtiger Teil verloren. Viele haben Mühe, die Emotionen zu erkennen.

Mareike Hug
Der Umgang mit Emotionen ist für Kinder ein wichtiges Thema – gerade auch während der Pandemie. Kindergärtnerin Mareike Hug hilft das von der Universität Zürich entwickelte Programm «Denk-Wege» (früher «Pfade»). Quelle: Foto von Dieter Seeger

Das Erkennen von Emotionen ist an Ihrer Schule ein wichtiges Thema im Rahmen des Programms «Denk-Wege». Hilft der Ansatz auch in der aktuellen Situation?

Bei «Denk-Wege» handelt es sich um ein kontinuierliches Programm, das sich vom Kindergarten bis in die 6. Klasse erstreckt – eine Art Spiralkurrikulum. Dafür wende ich etwa eine Lektion pro Woche auf. Meist gehe ich nicht explizit auf die Corona-Situation ein. Es ist mir wichtig, dass das Thema nicht allgegenwärtig ist. Ich will den Kindern so weit wie möglich einen normalen Kindsgi-Alltag bieten. Dennoch bin ich überzeugt, dass unsere Kinder mit «Denk-Wege» viel mitbekommen, das ihnen auch in dieser speziellen Zeit hilft. Zum Beispiel im Umgang mit Gefühlen wie Angst und Verunsicherung.

Was ist der Ansatz von «Denk-Wege»?

Das Ziel ist ein konstruktiver Umgang miteinander sowie ein gesundes Selbstbewusstsein. Im Kindergarten legen wir sozusagen die Basis. Die Kinder lernen, was es für verschiedene Gefühle gibt, wie sich diese in der Mimik und der Körperhaltung zeigen, im Körper anfühlen und wie man mit Gefühlen umgehen kann. Grundsätzlich gilt: Jede Emotion ist ok. Entscheidend ist, wie man sie zum Ausdruck bringt. Wenn man zum Beispiel wütend ist, darf man eine Zeitung zerreissen, aber kein anderes Kind schlagen.

Erhalten Sie spezielle Materialien für den Unterricht?

Es gibt unter anderem Smiley-Gesichter für verschiedene Gefühle und einen Kindergarten-Ordner mit verschiedenen Lektionen und Aktivitäten. Das Programm enthält aber nur wenige Elemente, die absolut fix sind. Wichtiger ist die Entwicklung einer Grundhaltung im gesamten Schulteam. Im Schulhaus wird das Modell unter anderem durch stufenspezifische Ampelplakate sichtbar, die zeigen, wie man bei einem Problem oder bei Stress reagieren, sich beruhigen und das Problem lösen kann.

Mareike Hug
Im Lockdown seien die Unterschiede zwischen den Jüngsten und den Reiferen noch grösser geworden, stellt Mareike Hug fest. Quelle: Foto von Dieter Seeger

Es gab also keine spezifischen Hilfestellungen in Bezug auf Corona?

Doch. Für die Zeit der Schulschliessungen erhielten wir fixfertige Arbeitsblätter zum Bearbeiten zu Hause und für die Zeit nach dem Lockdown konkrete Unterrichtsideen, um die Kinder bei der Rückkehr in die Schule zu unterstützen. Im Fokus stand bei mir damals die Veränderung von Freundschaften, wenn man sich lange nicht gesehen hat. Ich habe mit den Kindern viel gemalt zu diesem Thema.

Die Medien berichteten, dass viele Kinder während des Lockdowns kaum etwas gelernt haben. Wie haben Sie Ihre Klasse nach den sechs Wochen zu Hause erlebt?

Bei uns war interessanterweise das Gegenteil der Fall: In unserem Akademikerviertel haben einige Kinder im schulischen Bereich grosse Fortschritte gemacht. Sie wurden von ihren Eltern stark gefördert. Einige können nun bereits gut lesen, schreiben und rechnen. Dies macht das Führen der Klasse aber keineswegs einfacher.

Inwiefern?

Einerseits, weil die Unterschiede zwischen den Jüngsten und den Reiferen noch grösser geworden sind. Und andererseits, weil die soziale Entwicklung nicht bei allen mitgehalten hat. Nach sechs Wochen intensiver individueller Betreuung mussten sich viele wieder an einen vorgegebenen Ablauf mit Regeln gewöhnen. Ich empfinde meine Klasse gerade als überdurchschnittlich anstrengend. Wie viel davon mit Corona zu tun hat, ist aber schwierig zu sagen.

Wie geht es Ihnen selbst mit den pandemiebedingten Einschränkungen?

Im Frühling waren wir in unserem Team noch voll motiviert und sehr kreativ. Wir sahen die Situation als spannendes Experiment. Überhaupt sind wir als Team noch stärker zusammengewachsen. Nun aber ermüdet die anhaltende Situation allmählich. Nicht zu wissen, wie lange das alles noch dauert, ist belastend. Wer weiss, ob wir in einem Jahr wieder Guetzli backen?

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