«Ich müsste doch etwas tun, kann aber nicht»

Janina Schreiner lernt Restaurantfachfrau EFZ im zweiten Lehrjahr. Ihr Lehrbetrieb, das Restaurant «La Salle» in Zürich, ist geschlossen. Wie geht die 17-Jährige damit um? Was macht ihr Sorgen? Und was vermisst sie am meisten?

Interview: Jacqueline Olivier, Fotos: Dieter Seeger

Seit Ende Dezember 2020 sind zum zweiten Mal alle Restaurants geschlossen – was bedeutet das für Sie?

Meine Vorgesetzten sind im Restaurant und arbeiten an betrieblichen Verbesserungen für die Zeit nach dem Lockdown, aber wir Angestellten sind alle zu Hause und können nicht arbeiten. Das fällt mir schwer, denn ich bin eine aktive Person und gerne in Bewegung. Darum versuche ich, mich immer irgendwie zu betätigen – für die Schule zu lernen, ein Buch zu lesen oder zu kochen zum Beispiel. Trotzdem fällt mir manchmal etwas die Decke auf den Kopf.

Machen Sie sich Sorgen, dass Sie momentan Wichtiges verpassen, das Sie irgendwann können und wissen müssen?

Nein, ich glaube nicht, dass ich später Schwierigkeiten haben werde. Ich bin jemand, der schnell lernt. Für andere, die auch nicht arbeiten können, wird das aber vielleicht irgendwann schon ein Problem.

Steht der Lehrbetrieb mit Ihnen in Kontakt?

Sie melden sich regelmässig und erzählen, woran sie gerade arbeiten und was sie besprechen. Meine Chefin schreibt mir manchmal auch, um mich zu fragen, wie es mir geht und ob in der Schule alles in Ordnung ist.

Die Krise trifft die Gastrobranche hart. Wie geht es Ihrem Lehrbetrieb? Müssen Sie um Ihre Lehrstelle bangen?

Es gibt schon Leute im Betrieb, die Angst haben, dass man nicht mehr lange durchhalten könne. Wir haben zwar viele treue Stammkunden, die zumindest im ersten Lockdown regelmässig das Take away genutzt und so das Restaurant unterstützt haben, trotzdem spüre ich inzwischen eine gewisse Unsicherheit. Ich selber versuche aber, optimistisch zu bleiben

Wie ist die Situation in der Berufsfachschule?

Die Schule besuche ich nach wie vor an einem Tag pro Woche, momentan läuft es im Unterricht normal – abgesehen von den Schutzmassnahmen. Das Maskentragen ist natürlich anstrengend, auch wenn man sich schnell daran gewöhnt. Abstandhalten geht bei uns gut, weil wir eine kleine Klasse sind. Ich hoffe, dass nicht wieder auf Fernunterricht umgestellt wird, so wie im Frühling. Das fände ich extrem schlecht. Ich bin zum Glück gut in der Schule, aber man hat schon gemerkt, dass Schülerinnen und Schüler, die schulisch eher Mühe haben, nach der langen Phase des Fernunterrichts noch mehr Mühe hatten und es mit ihren Noten noch mehr abwärts gegangen ist. Darum finde ich Präsenzunterricht viel besser als Online-Unterricht.

Wie lief denn dieser Fernunterricht ab?

Das war von Lehrer zu Lehrer unterschiedlich. Bei den einen musste man online sein und hatte Unterricht über einen Video-Chat, andere schickten Aufgaben per E-Mail. Die mussten wir teilweise dann auch selbst kontrollieren, was natürlich nicht alle gemacht haben.

Was ist für Sie das Schwierigste in dieser Krise?

Dass man so gar nicht weiss, was Sache ist, wie es weitergeht. In einem Jahr steht mein Lehrabschluss an und ich habe immer das Gefühl, ich müsste doch etwas tun, kann aber nicht. Und natürlich mache ich mir Gedanken, ob ich meine Lehre zu Ende bringen kann oder ob ich noch eine andere Lehrstelle suchen muss. Mir fehlt auch die Arbeit – ich bin total gern unter Menschen. Deshalb gehe ich auch gerne an Konzerte oder andere Anlässe, das ist jetzt überhaupt nicht mehr möglich. Ausser mit meinen Freunden und in der Familie habe ich keine sozialen Kontakte, das finde ich belastend.

Schreiner quer
Nur für das Foto ist Janina Schreiner heute in ihrem Lehrbetrieb, dem «La Salle» in Zürich. Nicht arbeiten zu können, fällt der Lernenden schwer. Quelle: Foto von Dieter Seeger

Gibt es trotzdem etwas, was Sie als positive Erfahrung aus dieser Zeit mitnehmen werden?

Ich habe in dieser Zeit noch deutlicher gemerkt, wie vielfältig mein Beruf ist und wie viel Flexibilität er erfordert. In dieser Beziehung ist diese Krise sicher eine Lehre für uns alle, nicht nur für mich. Meine Chefin sagt jeweils, nach dieser Ausbildung sei ich «putzt und gschtrählt», dann könne mich nichts mehr aufhalten im Arbeitsleben. Ich denke, ich werde wegen der Pandemie besser mit Krisen umgehen können und meinen Beruf noch mehr schätzen.

Was schätzen Sie denn vor allem an Ihrem Beruf – was hat sie dazu motiviert, Restaurantfachfrau zu lernen?

Ein Grund ist sicher, dass ich nicht stillsitzen kann. Ein Büroberuf wäre absolut nichts für mich. Ausserdem gefällt es mir, den Menschen mit meiner Arbeit eine Freude bereiten zu können. Wenn ich den Kunden ein gutes Essen serviere, ist dies für sie ein Glücksmoment. Mich interessiert auch die Psychologie der Leute, ich verstehe gerne, warum die Menschen reagieren, wie sie reagieren. Bei meiner Arbeit begegne ich vielen, ganz unterschiedlichen Menschen, das finde ich spannend und lehrreich. Und das fehlt mir jetzt.

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