«Es dreht sich nicht alles nur noch um Corona»

Ferdinanda Pini Züger, Leiterin des Schulärztlichen Dienstes des Kantons Zürich, steht täglich in Kontakt mit Schulen oder Eltern. Covid-19 gebe zwar den Takt an, sagt sie, aber andere Krankheiten seien deswegen nicht verschwunden.

Interview: Jacqueline Olivier, Fotos: Dieter Seeger

Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag in der Corona-Krise aus?

Meine Arbeitstage haben sich wieder etwas normalisiert. Seit Mitte Oktober stehen mir Mitarbeitende von «Lunge Zürich» zur Seite, die sich ausschliesslich um das Contact Tracing an den Volksschulen kümmern. Trotzdem ist mein Alltag noch immer stark von Corona bestimmt. Nach wie vor wenden sich Schulen, die noch nicht wissen, dass sie ihre Fälle direkt an «Lunge Zürich» melden können, an mich. Natürlich berate ich sie oder helfe ihnen, telefonisch oder per Mail den Weg zu «Lunge Zürich» zu finden. Im Einsatz bin ich ebenso, wenn gewisse übergeordnete Fragen zu beantworten sind.

Was für Fragen zum Beispiel?

Etwa, ob eine Schule, die viele Fälle verzeichnet, vorübergehend die Maskenpflicht ausweiten kann. Oder ob eine Schule, die sich in einer Notsituation befindet, ganze Klassen in Quarantäne schicken oder sogar die Schule vorübergehend schliessen darf. Einen solchen Fall hatten wir einmal an einer Heilpädagogischen Schule. An solchen Schulen werden teilweise schwer geistig und auch körperlich behinderte Kinder unterrichtet, die keine Masken tragen können. Auch das Abstandhalten ist schwierig. Unter Umständen ist es dann klüger, die Schule vorübergehend zu schliessen und nur noch eine Notfallbetreuung anzubieten. Natürlich braucht dies unter anderem die Zustimmung der Schulbehörde, der Eltern sowie der Verantwortlichen im Volksschulamt.

Womit beschäftigen Sie sich momentan sonst noch?

Mit Projekten, die bereits vor Corona bestanden haben, und mit allerlei administrativer Arbeit im Zusammenhang mit dem Jahresabschluss. Und natürlich beantworte ich täglich viele Telefonanrufe und Mails von Schulen oder Eltern. In diesen geht es zwar sehr oft um Corona, aber ebenso um andere Infektionskrankheiten. Die sind nämlich auch noch da.

Welche Infektionskrankheiten meinen Sie?

Keuchhusten, Wilde Blattern und andere – da kommt es immer wieder zu Ausbrüchen an den Schulen. Auch Unfälle und medizinische Notfälle ereignen sich nach wie vor. Es dreht sich also nicht alles nur noch um Corona, auch wenn Corona zurzeit den Takt angibt.

Haben die Corona-Massnahmen keine positiven Auswirkungen auf die Infektionszahlen anderer Krankheiten?

Doch. Vor allem virale Infektionen kann man mit Händehygiene, Abstand und jetzt noch durch das Tragen der Masken auf der Oberstufe zu mindestens 80 Prozent reduzieren. In diesem Schuljahr musste ich zum Beispiel noch keine Noroviren-Erkrankungen bearbeiten, obwohl jetzt eigentlich die Jahreszeit wäre dafür. Auch für die saisonale Grippe hatte ich bisher noch kaum Anfragen – wobei wir erst am Anfang der Grippesaison stehen. Für bakterielle Infektionen wie Keuchhusten hingegen läuft die Übertragung etwas anders. Und die Wilden Blattern betreffen vor allem jüngere Kinder, für die die Corona-Massnahmen schwieriger einzuhalten sind. Trotzdem verzeichnen wir dieses Jahr weniger Fälle als üblich.

Dafür steigen jetzt die Corona-Fallzahlen wieder, auch in den Schulen. Könnte das Contact Tracing bald an seine Grenzen stossen?

Nein, da mache ich mir keine Sorgen. Von Mitte Mai bis zu den Herbstferien habe ich das Contact Tracing allein gemacht, ausser für die Volksschulen der Städte Winterthur und Zürich, für die die jeweiligen Schulärztlichen Dienste zuständig sind. In dieser Zeit habe ich etwa 210 Fälle bearbeitet. Mitte Oktober hat «Lunge Zürich» mit zwei Mitarbeitenden übernommen und dann rasch auf sechs Personen aufgestockt. Mittlerweile haben sie rund 1150 Fallmeldungen bearbeitet. «Lunge Zürich» ist sehr gut aufgestellt und wirklich eine grosse Hilfe für die Schulen. Zudem arbeiten sie eng mit dem Contact Tracing der Gesundheitsdirektion zusammen, wenn es um die offiziellen Quarantäne-Anordnungen geht.

Ferdinanda Pini
Ihr Arbeitsalltag ist weiterhin stark von Corona bestimmt: Pini Züger in ihrem Büro. Quelle: Foto von Dieter Seeger

Bei Ihnen melden sich auch viele Eltern. Wie erleben Sie diese?

Die Eltern haben teilweise grosse Ängste, deshalb braucht es von unserer Seite eine sorgfältige Beratung. Es gibt immer wieder Eltern, die sähen lieber die ganze Klasse in der Quarantäne, wenn «Gspänli» ihrer Kinder positiv getestet worden sind. Wir erklären ihnen, dass die Regeln gleich sind wie an ihrem Arbeitsplatz, wo auch nur die engen Kontaktpersonen einer infizierten Person in Quarantäne gehen müssen und nicht die ganze Abteilung. Das hilft in der Regel, um die Eltern zu beruhigen.

Sind Sie auch über die Festtage im Einsatz?

Nein, meine Mitarbeiterin, die in den letzten Monaten ebenfalls sehr viel gearbeitet hat, und ich werden jetzt einmal eine Pause einschalten können, den Bereitschaftsdienst übernimmt «Lunge Zürich». Die Schulleitungen können sich also auch in den Weihnachtsferien dort melden, wenn sich Lehrpersonen oder Schüler an sie wenden, die positiv auf Corona getestet worden sind. 

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