eZürich ICT-Cluster Dialog – ICT im Zeichen des Kulturwandels

Diskussion in Workshop-Form am ICT-Cluster Dialog

Der zweite eZürich ICT-Cluster Dialog 2018 mit dem Schwerpunkt «Bildung» war geprägt von inspirierenden Präsentationen und angeregten Workshops.

Über qualifiziertes Personal zu verfügen, ist ganz im Interesse des Wirtschaftsstandorts Zürich, hält Regierungsrätin Carmen Walker Späh in ihren einleitenden Worten fest. Die Vorsteherin der Volkswirtschaftsdirektion weist auch noch darauf hin, dass gemäss einer jüngst veröffentlichten Umfrage nur jede siebte Person im Informatikbereich eine Frau ist. Noch ärger sehe es bei Kaderpositionen aus: Dort sind von 500 Stellen lediglich 20 von Frauen besetzt.

Ein möglicher Ansatz, um dieses Ungleichgewicht zu nivellieren, zeigt Stadtrat Daniel Leupi auf: Verbesserung der IT-Nutzung im Schulbereich. Ein erster Schritt ist bereits getan: Die 5. und 6. Klassen der Stadt Zürich werden mit Tablets ausgerüstet. Den bereits 3000 verteilten Kompaktcomputern werden 2019 weitere folgen. Dass die lokalen Lehrlinge schweizweit punkten können, darauf ist Gastgeberin Barbara Jasch, die seit 17 Jahren den ZLI Zürcher Lehrbetriebsverband ICT leitet, besonders stolz. Vier von zwölf der an der ICT-Berufsmeisterschaft SwissSkills 2018 vergebenen Medaillen holten sich «ihre» Auszubildenden.

Doch Barbara Jasch weist auf einen gravierenden Punkt hin: Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie von ICT-Berufsbildung Schweiz werden unserem Land bis 2026 rund 40 000 ICT-Fachleute fehlen, davon wurden die lokal Ausgebildeten bereits abgezogen. Dieser Fachkräftemangel stellt die Branche vor eine gigantische Herausforderung. Für Jasch gilt es, 3000 zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen, 1000 davon in Zürich. Dabei ist eine Tatsache interessant: Gemäss Jasch haben 87 Prozent der Personen mit höheren ICT-Abschlüssen ihre Basis in einer Berufslehre und finden den Weg in die ETH beispielsweise über die Passerelle, der Ergänzungsprüfung zur Berufsmatura. Um dem grossen Bedarf an Fachpersonen zu begegnen, soll es beim Zürcher Lehrbetriebsverband ICT auch künftig eine Berufslehre für Erwachsene geben.

3L – lebenslanges Lernen

Ähnlich sieht es Christian Hunziker, Geschäftsführer von swissICT, dem einzigen Verband, der alle ICTAnbieter, -Anwender und -Fachkräfte in der Schweiz miteinander verbindet und 3000 Mitglieder zählt. Mit der Ausbildung während der Berufslehre oder an den Schulen ist es längst nicht mehr getan. Die 3L – lebenslanges Lernen – sind gefragt. Damit sich ein Betrieb eine Vorstellung darüber machen kann, wo – potenzielle – Mitarbeitende mit ihrem IT-Know-how stehen, hat der Verband swissICT 2017 die 3L-Informatik-Zertifizierung lanciert. Sie soll klären helfen, was eigentlich unter der Bezeichnung «IT-Fachkraft» zu verstehen ist.

Laut Hunziker zeigt die neutrale Überprüfung für Unternehmen und Arbeitnehmer auf, wo möglicher Nachholbedarf besteht. Gemäss dem Geschäftsführer von swissICT könnte es bei der Abklärung von Talenten und Fähigkeiten auch interessant sein, welche Computerspielpräferenzen Jugendliche haben. Mitunter, weil diese Auskunft über mögliche Skills geben, die auch in der Arbeitswelt relevant sein können. Noch sei dieser Punkt aber Zukunftsmusik. Vorerst wird aus einem grosszügigen Fundus von über 2500 Fragen ein Test mit Intelligenz- und Wissensfragen zusammengestellt, um ein treffendes ICT-Profil der Kandidatinnen und Kandidaten zu erstellen. Durch das unabhängige Zertifikat sollen Informatiker auch motiviert werden, ihr Wissen à jour zu halten. Dies – so zeigte der Workshop – ist bei weitem nicht selbstverständlich. Gerade Informatiker im Alter von über 50 Jahren laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren und gelten als schwer vermittelbar. Das soll und muss sich in Zukunft ändern.

Um die IT-Nachwuchsförderung im Grossraum Zürich kümmert sich Lea Hasler von Senarclens, Leu + Partner. Wer sich in die Rolle der Schülerinnen und Schüler ver- Text: Marc Bodmer setzt und herausfinden will, welche Berufsgattungen unter dem Überbegriff «ICT» subsummiert werden, wird von einer Informationsflut erschlagen. Allein auf der Plattform educamint.ch fänden sich über 100 Angebote, die breit gefächert sind, so Hasler. Sie vergleicht den heutigen Markt an Ausbildungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten mit einem Dschungel. Auch Schulleitungen dürften sich fragen, was wirklich hilfreich ist. Gemäss Lea Hasler fehle ein durchgängiges Angebot, dessen Elemente aufeinander aufbauen. Auch mangle es an fachkundigen Lehrpersonen und an Geldmitteln. Fakt sei, dass die verschiedenen Anbieter mit ihrem Unterstützungsgesuch häufig bei denselben Fördereinrichtungen bzw. Organisationen anklopfen.

Mehr Frauen erwünscht

Mit grossem Enthusiasmus stellte Riccarda Mecklenburg, Gründerin von Crowdconsul.ch, ihr Projekt «What the Hack? Hackathon für Frauen» vor. «Stellen Sie sich vor, es gäbe so viele Informatikerinnen wie Coiffeusen in der Schweiz», sagt Frau Mecklenburg in die Runde. «Das Nachwuchsproblem wäre gelöst.» Bei dem von ihr initiierten Coding-Marathon geht es nicht zuletzt darum, auch neue Rollenmodelle zu zeigen, denn ICT werde längst nicht mehr nur von – männlichen wie weiblichen – Nerds dominiert.

Riccarda Mecklenburg arbeitet bei ihrem Hackathon-Projekt zusammen mit We Shape Tech, dem Schweizer Technologienetzwerk für Frauen. In der Diskussion, die im anschliessenden Workshop stattfand, wurde festgestellt, dass das ursprünglich angedachte Datum im Februar ferientechnisch ungünstig liegt. Die Initiantin des «What the Hack? Hackathon für Frauen» fasste am Ende zusammen, dass auch das Narrativ zu ICT angepasst werden muss, will man mehr Frauen begeistern. So soll künftig der Fokus mehr auf Problemlösung gelegt werden und weniger auf allgemeine Berufsbilder, die mit Informatik verbunden werden.

Dass sich junge Frauen tatsächlich für ICT begeistern können, weiss Dominik Strobel von ICT Scouts / Campus. In ersten Sekundarschulklassen der Region um Muttenz BL suchen sie Schülerinnen und Schüler, in denen «das Feuer für ICT brennt». Ähnlich wie bei der Sportförderung werden Talente eingeladen, jeden zweiten Samstag bis am Ende des 9. Schuljahrs an einem IT-Campus teilzunehmen. In dessen Rahmen können sie ihre eigenen Projekte entwickeln, was die Motivation deutlich steigert. Das Interessante an den Campus-Kursen ist, dass sich Jungs und Mädchen bei den Veranstaltungen die Waage halten. Strobel möchte mit ICT Scouts/Campus auch im Raum Zürich Fuss fassen und hebt scherzend hervor, dass «die Basler in Frieden kommen». Erklärtes Ziel sei, im August 2019 einen hiesigen Campus zu gründen.

Daten und Verwaltung

Ergänzend zum Schwerpunkt «Bildung» präsentierte Dr. Peppino Giarritta, Leiter der Abteilung Digitale Verwaltung E-Government Kanton Zürich, die Strategie zur digitalen Verwaltung 2018 – 2023. Er betonte, dass es für deren Umsetzung nicht nur eines neuen rechtlichen Rahmens Bedarf, sondern auch eines Kulturwandels und einer neuen Denkweise. Die Verwaltung will die digitale Entwicklung des Wirtschaftsraums Zürich mitgestalten und die Chancen der Digitalisierung nutzen.
Ein Umdenken fordert auch André Golliez ein, Vorstandsmitglied der Swiss Data Alliance, einem überparteilichen Zusammenschluss von Unternehmen, Wirtschaftsverbänden, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Forschungsinstitutionen und Einzelpersonen mit dem Ziel, eine zukunftsorientierte Datenpolitik in der Schweiz zu etablieren. Golliez stellte den Urban Data Space vor und wies darauf hin, dass eine Datenstruktur oder eben ein Datenraum schon bald so wichtig sein wird wie heute die Gestaltung des Strassenverkehrs oder des Bildungssystems.

Die Voraussetzung dafür ist eine digitale Identität. Um eine solche zu fassen, müssen wir uns aber zuerst im Klaren darüber werden, wie wir mit den Daten umgehen, die wir selber produzieren. Dass dies nicht ganz einfach ist, zeigte die lebhafte Diskussion in der Vertiefungsrunde. Dabei schälten sich gemäss André Golliez zwei zentrale Fragen heraus: 1. Wem gehören die Daten? Und 2. Was ist ein Urban Data Space und braucht es so etwas? Für Golliez stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die uns in den nächsten Dekaden beschäftigen wird.

Das Schlusswort hatte Andreas Németh, Direktor der Dienstabteilung Organisation und Informatik der Stadt Zürich. Auch er hatte an den «sehr intensiven Diskussionen » im Rahmen der Workshops teilgenommen und lobte die offene Diskussionskultur der ICT-Cluster Dialoge, die sehr bereichernd sei.

Mit offensichtlicher Vorfreude wies Andreas Németh dann auch auf das Datum des nächsten ICT-Cluster Dialogs hin. Dieser wird am 19. März 2019 stattfinden. Also wenige Tage nach dem «Informatiktage-Intermezzo», das aus den zwei Elementen Workshops für Schulklassen und Lehrpersonen vom 11. bis 15. März 2019 und dem IT-Poetry-Slam-Abend vom 15. März im Volkshaus Zürich als krönenden Abschluss bestehen wird, in dessen Rahmen die Wortkünstler sich mit Buzzwords aus der IT-Welt herumschlagen werden. Die vierte Ausgabe der Informatiktage wird 2020 im bewährten Format mit Firmen und Unternehmen aus dem Wirtschaftsraum Zürich an verschiedenen Standorten stattfinden.

Marc Bodmer

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