eZürich ICT-Cluster Dialog – Die Vertrauensfrage

Diskussion in Workshop-Form am ICT-Cluster Dialog

Die Digitalisierung bringt nebst Fortschritt auch Verunsicherung mit sich. Das eZürich ICT-Cluster-Meeting im März zeigte, wie wichtig der Aufbau von Vertrauen ist.

Die Digitalisierung macht vor keinem Sektor halt. Dies wurde erneut deutlich am ersten eZürich ICT-Cluster-Meeting des Jahres. Am Schweizer Hauptsitz von Microsoft in Wallisellen richtet zuerst Gastgeberin und Country-Managerin Marianne Janik ein paar Grussworte ans Publikum. Sie weist darauf hin, dass seit ein paar Wochen der erste Stock des Gebäudes Kunden und Partnern offensteht – ob sie nun mit Microsoft zusammenarbeiten oder nicht. «ICT ist eine Herausforderung», sagt Marianne Janik. «Das liefert viel Gesprächsstoff.»

Die Country-Managerin des US-Software- Herstellers, der seit 27 Jahren in der Schweiz präsent ist, erkennt hier ein starkes Innovations-Gen, das gefördert sein will. Im Dialog soll ein Wissensaustausch stattfinden, denn richtige Entscheidungen zu treffen ist «schwierig», wenn die Fähigkeit zur korrekten Beurteilung nicht gegeben ist. Durch die Öffnung des erstens Stocks und das Angebot eines Co-Working-Spaces hofft Marianne Janik entsprechende Gespräche und Aufklärung anstossen zu können.

Chat-Support von Cyberkriminellen

Die Grussworte der Gastgeberin erinnern Bruno Sauter, Amts-Chef des Amts für Wirtschaft und Arbeit Kanton Zürich, an den Auftritt der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel an der diesjährigen CeBIT-Messe. Sie hatte zwei Botschaften an die versammelten Gäste. Erstens: Schreiben, lesen, rechnen und programmieren sind die Kernkompetenzen der Zukunft. Und zweitens – an das Publikum gewandt: «Sie sind die Wirtschaft. Sie müssen die Menschen abholen.» Bruno Sauter sieht in der Idee von Microsoft, den ersten Stock zum Dialog zu öffnen, die Forderung Merkels widergespiegelt.

Nach den einladenden und unterhaltsamen Einleitungsworten liefert Antoine Neuenschwander, Security Engineer bei Switch-CERT (Cert steht für Computer Emergency Response Team), einen ernüchternden Kontrast. Unter dem Titel «Cybercrime and the Underground Economy » zeigt der IT-Sicherheitsfachmann auf, wie professionell das organisierte Verbrechen – das darf man wirklich wörtlich verstehen – aufgestellt ist. Wie in der legalen Geschäftswelt hat eine Spezialisierung stattgefunden. So können gewisse kriminelle Dienstleistungen wie ein Distributed Denial of Service Attack oder auch Kreditkartennummern und Personendaten im Darknet eingekauft werden. Wer Opfer einer Ransomware-Erpressung wird, stösst auf Websites auf «Support» und die Möglichkeit, mit den Hackern im Chat zu verhandeln. Geht es um den Einkauf unlauterer Dienstleistungen im Darknet, so gilt auch für die Cyberkriminellen, das Vertrauen von Kunden zu gewinnen.

Die Schweiz ist im Fokus

Derzeit befindet sich Cyberkriminalität in einer Expansionsphase, denn mit einfachen technischen Mitteln kann grosse Beute gemacht werden. Diese Meinung teilt auch Ronja Tschümperlin. Für die Analytikerin bei Melani, der Melde- und Analysestelle Informationssicherung des Bundes, liegt die Hemmschwelle, Online-Straftaten zu begehen, wesentlich tiefer als im realen Alltag. Vermeintliche Anonymität und die nicht erforderliche physische Präsenz am Tatort tragen zu diesem Gefühl bei. «Der Wirtschaftsstandort Schweiz ist im Fokus krimineller Online-Aktivitäten», sagt Ronja Tschümperlin. Mit ein Grund dafür: Die Cyberkriminellen sind zu erfolgreich. In der anschliessenden Gruppendiskussion zu IT-Security ist die Frustration der Anwesenden teils spürbar. Man hinke immer der kriminellen Entwicklung hinterher, wird moniert. Doch dies liegt in der Natur der Strafverfolgung. Als aussichtsreiches Mittel gegen Cybercrime setzen die beiden IT-Security-Experten – nebst der laufenden Installation von neuen System- Patches – auf Prävention, besonders in Zusammenhang mit Phishing, wo nicht die Technologie, sondern der Mensch die Schwachstelle ist. Gemäss Neuenschwander fallen bis zu 40 Prozent der angeschriebenen Personen auf Phishing-Mails herein. Es gilt, ein Bewusstsein und eine breiter abgestützte Verantwortung in der Öffentlichkeit zu schaffen. Aber auch die Geschäftsleitung muss sich verstärkt ihrer Rolle und eines verantwortungsvollen Umgangs mit Cyber-Risiken bewusst sein, denn sie entscheidet über sinnstiftende Prozessabläufe.

Nachholbedarf im Immobiliensektor

Während die Kriminellen stets an vorderster Front bei neuen Technologien mitmischen, ist die Immobilienbranche gemäss Martin Diem von der pom+Consulting AG bei der Digitalisierung in Verzug. Die 1996 als Spin-off der ETH gegründete Firma zählt 60 Beraterinnen und Berater und hat seit der Gründung 5000 Projekte bei über 500 Kunden der Immobilienbranche abgewickelt. Für Diem muss die Verbesserung des Kundennutzens und -erlebnisses Ausgangspunkt der Digitalisierung sein. Der Weg dorthin führt zum Beispiel übers Networking am jährlichen Digital Real Estate Summit von pom+. «Dieser gut besuchte Summit ist eine Plattform für all jene, die die virtuelle Welt als Chance begreifen und neue Geschäftsmöglichkeiten erschliessen bzw. bestehende weiterentwickeln wollen», sagt Martin Diem. Daraus entstanden ist auch ein aktiver Think-Tank zur Digitalisierung der Immobilienwelt mit namhaften Mitgliedern wie Credit Suisse, SBB und Google.

Doch ein Spaziergang wird die Digitalisierung der Bau- und Immobilienwirtschaft nicht, betrifft sie doch die gesamte Wertschöpfungskette: Planung, Zulieferung, Ausführung, Betrieb und natürlich auch die Ausbildung. Eine besondere Herausforderung stellt der Markt bestehender Liegenschaften dar. Gemäss Diem gehört über die Hälfte der Schweizer Wohnungen privaten oder wenig professionellen Eigentümern, die noch nicht an den nachhaltigen Nutzen der Digitalisierung glauben. Erschwerend kommt hinzu, dass es auf der technischen Ebene noch kein einheitliches «Betriebssystem» für Gebäude gibt. Die Swiss Buildtec Alliance will nun ein solches «Betriebssystem» entwickeln und damit Internet-of-Things-Anwendungen am Bau zum Durchbruch verhelfen.

Transparenz dank Open Source

Die Digitalisierung bringt Veränderungen an allen Fronten mit sich und damit auch Verunsicherung. Der Aufbau von Vertrauen zieht sich wie ein roter Faden durch alle Präsentationen am Nachmittag des 29. März. Vertrauen durch Transparenz ist der von der Open-Source- Gemeinde gewählte Ansatz. So macht denn André Kunz, Vorstand von CH Open, einen Trend aus, dass vermehrt im Bereich e-Government auf Open-Source- Software gesetzt wird. Der Sprecher des Open-Source-Spezialisten Puzzle ITC weist auf einen grossen Vorteil hin, den offene Systeme mit sich bringen: «Mit einer Open-Source-Lösung ist man weniger abhängig von einem Anbieter.» Kunz sieht im kollaborativen Ansatz auch eine aussichtsreiche Alternative zu dem vom Silicon Valley gewählten «the winner takes it all»-Modell, ist doch die Dezentralisierung Teil des Open-Source-Modells.

Ein weiterer Vorteil von Open-Source- Lösungen liegt darin, dass sie oft kostengünstiger sind als Individuallösungen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass gemäss Kunz rund 80 Prozent der Bedürfnisse meist ähnlich gelagert sind. So kommt es auch zu Kooperationen von eigentlichen Konkurrenten wie Mobiliar und Bâloise, die hinter der von Puzzle entwickelten Middleware Liima stehen.

Vorbildfunktion des Staates

Kostengünstig und in dieser Form bis anhin nur grösseren oder mittleren Unternehmen vorbehaltene IT-Management-Lösungen mit zentraler Verwaltung bietet das Startup Itigo. Auch Itigo setzt auf den Einsatz von Open-Source-Technologien und reduziert damit die Kosten und Herstellerabhängigkeit. Gründer und CEO Pascal Mages weist darauf hin, dass viele Firmen mit bis 50 Mitarbeitende sehr reaktiv im Bereich Administration und Support agieren. Ziel muss es aber sein, Probleme frühzeitig zu erkennen und diese anzugehen, bevor ein Schaden eintritt. Der Teilzeit- «Start-upper» sieht die Zukunft in Cloud-Managed Workplaces. Diese Lösung ist auch für kleinere Betriebe geeignet und die Datenschutz-Qualität entspricht den Finma-Bestimmungen.

Die innovativen Ansätze, die im Rahmen des eZürich ICT-Cluster-Treffens präsentiert wurden, dürften Regierungsrätin Carmen Walker Späh zusagen. Die Vorsteherin der Volkswirtschaftsdirektion, die direkt aus einer Regierungssitzung nach Wallisellen gekommen war, betonte in ihrem Schlusswort die volkswirtschaftliche Bedeutung der Digitalisierung. Sie wies auch auf die Vorbildrolle des Staates hin und erinnert dabei an die von Peppino Giarritta, Leiter e-Government Staatskanzlei Kanton Zürich, aufgeführten Aktivitäten wie die elektronische Steuererklärung und die Möglichkeit, über eUmzug ZH Weg- und Zuzugsmeldung in einem zu erledigen. Klar ist aber, so Carmen Walker Späh, dass es noch viele Hausaufgaben zu lösen gibt.  

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