Wahlentscheidung unter der Lupe

27.05.2016 - Medienmitteilung

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Rund 428‘000 Wählerinnen und Wähler haben sich an den Nationalratswahlen 2015 im Kanton Zürich beteiligt, um die Verteilung der Sitze auf die Parteien und Personen der Zürcher Delegation in Bern zu beeinflussen. Mehr als die Hälfte von ihnen hat den Wahlzettel durch Streichen, Kumulieren oder Panaschieren verändert. Wie die Wahlberechtigten dabei vorgehen, zeigt die aktuelle Publikation des Statistischen Amts zum ersten Mal im Detail.

Bei den Nationalratswahlen 2015 konnte das Zürcher Wahlvolk zwischen 873 Kandidaturen auf 35 Listen auswählen. Damit gab es eine astronomisch hohe Zahl unterschiedlicher Möglichkeiten, den Wahlzettel mit seinen 35 Linien auszufüllen – sie hätte, würde man sie aufschreiben, nicht weniger als 64 Stellen. Immerhin 170‘000 unterschiedliche Kombinationen wurden tatsächlich auch in die Urne gelegt, und davon kamen 155‘000 (91%) sogar nur ein einziges Mal vor.

Kumulieren am beliebtesten

Die drei verschiedenen Möglichkeiten, den Wahlzettel zu verändern, wurden in unterschiedlichem Ausmass genutzt: Nur 3% jener Wähler, die ihren Wahlzettel verändern, streichen ausschliesslich – diese einfachste Handlungsoption wird selten genutzt. Kumulieren, also das doppelte Aufschreiben einer Kandidatur, ist hingegen sehr beliebt: 78% der verändernden Wähler nutzen dieses Mittel, etwa die Hälfte kumuliert sogar prinzipiell, ein Drittel allerdings nur listeneigene Kandidaturen. Die Möglichkeit des Panaschierens, das heisst das Übernehmen von Kandidaturen anderer Listen, nutzen 63%. Dennoch sind im Schnitt von den 35 Stimmen eines veränderten Wahlzettels nur acht modifiziert.

Wer Parteien mischt, tut dies zurückhaltend

Mehr als 52% der Wähler veränderten zwar ihren Wahlzettel, von ihnen blieb aber mehr als ein Drittel (38%) ihrer Partei dennoch treu, indem sie beispielsweise nur listeneigene Kandidaturen kumulierte oder Kandidaturen von Nebenlisten panaschierte. Insgesamt sind so 67% aller Wahlteilnehmer eindeutige Parteiwähler. Der verbleibende Rest grast über den Parteienzaun, doch auch von diesen Mischwählern erhält die Hauptpartei im Schnitt 27 der 35 Stimmen, und es stehen durchschnittlich nur Kandidaturen dreier unterschiedlicher Parteien auf dem Wahlzettel. Politisch benachbarte Parteien werden dabei bevorzugt.

Bisherige bevorzugt

Beim Panaschieren entscheiden sich die Wähler vor allem für die Spitzenkandidaturen anderer Listen – die Bisherigen auf den vorderen Listenplätzen werden bevorzugt. Gute Chancen panaschiert zu werden hat auch, wer nicht nur für den Nationalrat, sondern gleichzeitig für den Ständerat kandidiert. Der Bisherigenbonus gilt auch, allerdings weniger stark ausgeprägt, für das Kumulieren listeneigener Kandidaturen. Das Geschlecht der Kandidierenden spielt beim Verändern des Wahlzettels hingegen kaum eine Rolle: Wähler, die Frauen oder Männer klar bevorzugen, sind eine kleine Minderheit. Das verwendete neue Datenmaterial (siehe letzter Abschnitt) erlaubt es nun auch erstmals, die wählerstärkste Nationalrätin zu ermitteln: Es handelt sich um Natalie Rickli von der SVP. Obschon ihr Parteikollege Roger Köppel als stimmenstärkster Nationalrat etwa 11‘000 Stimmen mehr als seine Konkurrentin erzielte, stand Rickli auf den Wahlzetteln von 137‘000 Zürchern – bei Köppel waren es nur 134‘000.

Neue Datenquelle

Die Analyse beruht auf dem Datenmaterial, das bei der detaillierten Erfassung der veränderten Wahlzettel in den Wahllokalen entsteht. Die Kandidaturenkonstellationen können damit erstmals wahlzettelweise rekonstruiert werden. Die Wahlentscheidung kann so wählerbezogen analysiert werden – und nicht mehr nur stimmenbezogen wie bei der herkömmlichen Panaschierstatistik. Das Wahlgeheimnis wird dadurch nicht verletzt, weil keine Verbindung zwischen der Person des Wählers und dem Wahlzettel hergestellt werden kann.  

(Medienmitteilung des Statistischen Amtes)

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