Wenn das Museum zum Schulzimmer wird

15.08.2019 - Mitteilung

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Das Museum bietet viele Chancen für die Schule. Sprache, bildnerisches Gestalten, selbst MNG und Rechnen können unterrichtet werden. Dies nutzt die Schule Waidhalde in Zürich und hat mit dem Musée Visionnaire ein einmaliges Projekt gestartet.

Text: Walter Aeschimann   Fotos: Sabina Bobst
 

Clara liess sich «inspirieren», wie sie sagt. Mit Zahnstochern und Watte hat sie «so etwas wie eine Blume» fabriziert. «Und das ist eine Koralle.» Sie zeigt auf ein kleines, gefaltetes Papier. Marlo hat längliche Quader aus Styropor geschnitten und verschiedene Knöpfe darauf platziert. Er sagt stolz: «Das sind Sportpokale.» Lena dachte sich eine bunte Theaterbühne aus. Emilio segelt mit einem Piratenschiff ins Meer hinaus. Das Schiff ist eine Nussschale, das Meer ein blaues Blatt Papier. 22 Schüler und Schülerinnen haben eine kleine Kartonschachtel gefertigt und ihre Wunschwelt darin ent-worfen. Verkleinert auf den Massstab 1:20.

Wir sind zu Besuch bei der Klasse 4a des Schulhauses Waidhalde in Zürich. Aber der Unterricht findet nicht im Schulzimmer statt. Seit Januar 2019 ist die Klasse jeden Mittwoch- und Donnerstagmorgen im Musée Visionnaire beim Zürcher Predigerplatz. Heute lernen die Kinder Proportionen rechnen. «Wie gross ist deine Wunschwelt in Wirklichkeit?», steht auf dem Arbeitsblatt. Die Kinder nehmen einen Massstab in die Hand und messen die Figuren in der Kartonschachtel nach. Dann beginnt die Umrechnung. Bei Emilio wird der Pirat drei Meter gross. Auch bei anderen kann etwas nicht ganz stimmen. Die berechneten Figuren sind zu klein oder viel zu gross. Die Kinder müssen zuerst allein versuchen, den Fehler herauszufinden. Kommen sie nicht weiter, hilft die Klassenlehrerin. «Sie sollen eigene Gedankengänge entwickeln und eine kreative Lösung finden», sagt Klassenlehrerin Christina Studer, die zurzeit auch einen Masterstudiengang «Fachdidaktik Künste» absolviert.

Ganzheitliches Lernen

Die Idee für diese Kooperation von Schule und Museum ist im vergangenen Jahr aus «Museum Waidhalde» entstanden, einem Schulprojekt mit 25 Klassen und 25 Museen. Jede Klasse besuchte je ein Museum der Stadt Zürich. Zusammen mit den 500 Schülern und Schülerinnen lernten auch Eltern und Familien die Museen und ihre Objekte kennen. Im Museum wählten Kinder und Jugendliche ein Objekt aus. In der Schule wurde weiter zum Thema des Museums und der Ausstellung gearbeitet. Dann gab es eine öffentliche Präsentation. Für einen Tag verwandelte sich das Schulhaus in das «Museum Waidhalde».

Christina Studer besuchte mit ihrer Klasse das Musée Visionnaire, das Ausstellungen von Aussenseitern zeigt. Art Brut oder Outsider Art ist rohe, autodidaktische Kunst von Laien, Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder einer geistigen Behinderung. Eine Kunst jenseits etablierter Formen. Aus dem Kontakt ist ein eigenes Schulprojekt entstanden, das in diesem zeitlichen Umfang bisher einzigartig ist. Geplant sind drei Jahre. Studer bildet ein ergänzendes Tandem mit Manuela Hitz, Kuratorin und künstlerische Leiterin des Museums, die zugleich ausgebildete Primarlehrerin ist. «Es hat für beide sehr gut gepasst», sagt Hitz. Die pädagogische Absicht sei, ein «ganzheitliches Lernen» zu vermitteln und «die Kinder zu kritischem, kreativem Denken anzuregen», sagt Studer. «Wir sind nicht nur am Werken und Gestalten.» Das Museum eigne sich sehr gut zur Kulturvermittlung. Es zeige Kunstwerke, die von Kindern ohne grosse Erklärungen verstanden würden. Es biete auch zahlreiche Möglichkeiten, den Unterricht lebensnah zu gestalten. Auch Sprache und bildnerisches Gestalten seien integriert, zudem könnten die Fächer Mathematik oder Mensch, Natur und Gesellschaft (MNG) unterrichtet werden.

Während im Untergeschoss die Klasse fleissig rechnet, baut im oberen Stock eine kleine Gruppe das Museum im Modell, verkleinert, aber originalgetreu. Die zwei Knaben und Mädchen schneiden verschiedene Stücke aus festem Karton aus und leimen diese behutsam zur Museumskonstruktion zusammen. Wenn diese steht, sollen kleine Fotos der Wunschwelten im Modellmuseum aufgehängt werden. «Ich finde den Unterricht im Museum cool, weil er so abwechslungsreich ist», sagt Noah. Er zeigt ein grosses Heft. Darin dokumentiert die Klasse ihre Arbeit am Modell. Auf Seite vier hat ein Schüler geschrieben: «Es war schwierig, dass man so genau messen muss.» Und eine Schülerin hat notiert: «Es war schwierig, die gemessenen cm zu dividieren.»

Lernstoff mit Alltag verbinden

Die Klasse 4a dokumentiert ihre Arbeit auch in anderen Heften und Journalen. Jedes Kind führt ein eigenes Journal. Als Hausaufgaben halten sie darin ihre Gedankengänge fest: Inspirationen, Ideen, Schwierigkeiten. Ins Buch «Visionnaire», ein weiteres Heft für die ganze Klasse, muss jede Schülerin und jeder Schüler mindestens einmal etwas schreiben. «Ich war heute wieder im Musée Visionnaire. Man machte viel Mathe, aber es ging auch um Genauigkeit», steht da beispielsweise oder: «Heute haben wir Figuren aus Zeitungen gemacht. Das war voll cool. Aber meine Figur war zu gross.» Dann zeigt mir Noah die selbst gezeichneten Karten und erklärt die Idee dahinter. Ein Künstler, der einst im Museum Bilder ausgestellt hat, sei einsam gewesen und habe sich von jeder Reise eine Postkarte nach Hause geschickt. Das machen nun auch die Kinder. Sie malen eine Karte, schreiben Gedanken zum Unterricht darauf und schicken sie nach Hause.

Der Stellenwert von Kunstvermittlung im Schulalltag hängt stark von der Haltung der einzelnen Lehrpersonen und der Schulleitung ab. Ernst Hüsler ist Schulleiter im Schulhaus Waidhalde. Er beruft sich in seinem Engagement für das Projekt nicht zuletzt auf den Lehrplan 21, in dem «überfachliche Kompetenzen» und «angewandtes Lernen» einen höheren Stellenwert erhalten haben. «Der Lernstoff soll mit dem Alltag verbunden werden. Wichtig sind nicht nur die reinen Wissensziele, sondern auch Eigenständigkeit, Selbstbewusstsein oder Kreativität», sagt er. Dass dieses Projekt einen Mehraufwand bedeutet, verschweigt er nicht. Es gebe keine Lehrmittel, jede Stunde werde einzeln geplant. Schliesslich sei auch die Kommunikation mit den Eltern intensiver. Einzelne Eltern seien «skeptisch» und hätten Bedenken, dass die Kinder zu wenig lernten und der Unterricht zu offen sei. «Die Vorbehalte der Eltern müssen wahrgenommen und integriert werden. Es ist uns aber gelungen, viele Eltern zu überzeugen », sagt Hüsler.

Beliebte Museumsworkshops

«Wir verfolgen diese Bildungspartnerschaft mit grossem Interesse», sagt Silvia Hildebrand, zuständig für den Bereich Kunst und Wissen bei schule&kultur, einem Sektor des Volksschulamtes der Bildungsdirektion des Kantons Zürich. Das vielfältige Kulturvermittlungsangebot des Volksschulamtes soll allen Kindern und Jugendlichen eine «aktive Teilhabe am kulturellen Leben ermöglichen. In partizipativen Projekten können sich die Schülerinnen und Schüler künstlerisch, medial oder spielerisch ausprobieren. Unser Ziel ist es auch, die Kulturangebote sinnvoll im Schulalltag zu verankern.» Das Angebot wird gut genutzt. Über schule&kultur besuchen pro Jahr rund 400 Schulklassen einen Museumsworkshop. Neben kurzen Angeboten bietet schule&kultur auch längere Projekte an, etwa «Kunst-Hoch-3» im Museum Haus Konstruktiv. Aus dem Projekt mit dem Musée Visionnaire ist in Zusammenarbeit mit Manuela Hitz ein zweitägiger Workshop «Mathe im Museum » entstanden. Der Workshop kann von Lehrpersonen und Schulen aus dem Kanton Zürich gebucht werden.

Inga, Nina und Alina führen durch das Musée Visionnaire. Lebendig und unbefangen erzählen sie von der Künstlerin Madame Tricot, die Torten, Gemüse und alles Mögliche aus Wolle strickt. Sie zeigen mir die glamourösen Muschelwerke von Paul Amar – «die darfst du aber nicht berühren!» –, einem algerischen Künstler, der im Krieg war für sein Land, später Taxifahrer in Paris «und immer armen Menschen geholfen hat». Sie entführen einen in ein Mini-Theater mit acht Sitzplätzen. Schliesslich verraten sie, dass die Klasse Ben Wilson einladen wolle. Der Aktionskünstler male in London Kaugummis an, die auf dem Asphalt kleben. Das würden sie gern auch in Zürich mit ihm machen. Dann könnten sie Englisch sprechen, sagen sie. Die Sprache lernen sie seit zwei Jahren im Unterricht. «Es ist schön, dass die Kinder formulieren können, was sie lernen», sagt Studer. Auftritt und Präsentation seien wichtige Kompetenzen, die sie vermitteln wolle.

Die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen sei ein interessantes Format und gebe Impulse für beide Seiten, sind sich Studer und Hitz einig. In den Arbeiten könnten die Kinder kaum erkennen, welches Fach sie üben würden. «Es ist ein natürlicher Übergang von einem Fach zum anderen.» Zugleich sei das Projekt aber neu und ein permanenter Lernprozess. Deshalb denken Lehrperson, Schulleitung, Museum und die beteiligten Institutionen laufend über Optimierungen nach. «Wichtig ist, dass das Konzept sauber ausgewertet wird», sagt Hüsler. Es sei sinnvoll, ein derartiges Projekt über drei Jahre durchzuführen. So könnten ein Prozess und gegenseitiges Vertrauen entstehen. Möglicherweise werde aber im kommenden Semester nur noch einmal pro Woche im Museum unterrichtet. Als thematische Ergänzung kommt dann eine neue Dimension hinzu. Jedes Kind erhält ein Tablet. Die analoge Arbeit kann mit digitalen Kreationen verbunden werden. Ideen sind schon vorhanden, etwa Apps für das Museum programmieren. «Ich freue mich», sagt Studer, «wenn die Kinder in der 6. Klasse sind und ich ihre Entwicklung sehe.»

                             
                            

Neue Wege in der Kulturvermittlung

Die Kulturvermittlung in den Schulen hat sich gewandelt. Früher war einzig der Besuch von Schillers Drama «Wilhelm Tell» obligatorischer Bestandteil des Lehrprogramms. Ab den 1990er-Jahren kamen musikalische Aufführungen, literarische Darbietungen oder Besuche im Museum hinzu. 2004 verpflichtete ein neues Bildungsgesetz zu weiteren Bildungsleistungen im Bereich Kultur. Der Lehrplan 21 schliesslich formulierte auch «ästhetische Erfahrungen», die Schülerinnen und Schüler im Umgang mit Bildern und ähnlichen Kunstformen machen können. Dahinter steht die Idee, die Fähigkeit zu fördern, «eigene Fragestellungen und Lösungswege zu entwickeln und den Mut aufzubringen, sich auf Unbekanntes und Ungewohntes einzulassen».

Diese Absicht verfolgt auch «Kulturagent.innen für kreative Schulen», ein Projekt der Stiftung Mercator Schweiz. Es hat zum Ziel, «ein qualitativ hochwertiges, fächerübergreifendes Angebot der kulturellen Bildung zu realisieren und in den Schulalltag zu integrieren» (Homepage). Im Rahmen dieses Projektes realisiert schule&kultur derzeit gemeinsam mit der Stiftung Mercator an sechs Pilotschulen im Kanton Zürich weitere Kooperationen. Für die konkrete Umsetzung der Projekte ist der Verein Kulturvermittlung Schweiz (KVS) mandatiert. [wa]

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