Für einen reibungslosen Übergang

15.08.2019 - Mitteilung

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Der Austausch zwischen den Akteuren der Berufsmaturität und den Fachhochschulen soll verstärkt und institutionalisiert werden. Darum wurde die Plattform BMFH gegründet. In Fach und Themengruppen wird nun intensiv diskutiert und gearbeitet.

Text: Jacqueline Olivier  Foto: Gian Vaitl

Offene Türen eingerannt haben die Initianten der neuen Plattform BMFH, oder wie Hans Stadelmann, Beauftragter Berufsmaturität im Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA), es ausdrückt: «Das Interesse an dem Projekt ist riesig, wir sind fast überrollt worden.

Die Plattform, die ins Leben gerufen wurde, um den Übergang von der Berufsmaturitäts- an die Fachhochschule zu optimieren, erlebte ihren offiziellen Startschuss mit dem Kick-off von Ende Oktober vergangenen Jahres an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Von dieser war auch der Anstoss zu diesem Schnittstellenprojekt gekommen. Informelle Austauschmöglichkeiten zwischen den beiden Stufen habe es natürlich vorher schon gegeben, erklärt Hans Stadelmann. So arbeiten beispielsweise Vertreter von Berufsmaturitäts- und Fachhochschulen in der kantonalen Berufsmaturitätskommission mit und in vielen Schulkommissionen der Berufsmaturitätsschulen sitzen Dozierende der Fachhochschulen. Etliche Dozierende engagieren sich auch als Prüfungsexperten, ausserdem finden regelmässige Treffen von Vertretern der Fachhochschulen und des MBA statt. Nun soll dieser Dialog aber breiter vernetzt und vor allem institutionalisiert werden mit dem Ziel, das Wissen über- und das Verständnis füreinander zu fördern, aber auch konkrete Massnahmen zu entwickeln, um allfällige Stolpersteine für die angehenden Studierenden aus dem Weg zu räumen.

Nicht, dass die Situation dramatisch wäre. «BMFH ist kein Krisensymptom», betont Hans Stadelmann, «im Gegenteil: Grundsätzlich ist die Berufsmaturität ein Erfolgsmodell.» Eine detaillierte Evaluation, die im Auftrag der Schweizerischen Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK) zwischen 2012 und 2014 durchgeführt wurde, bestätigt es: Rund 55 Prozent der Absolventinnen und Absolventen einer Berufsmaturitätsschule wechseln später an eine Fachhochschule. Ihre Erfolgsquote nach dem ersten Studienjahr liegt bei 87 Prozent. Gleichzeitig wirft die Evaluation aber auch Fragen auf, zum Beispiel, warum knapp 30 Prozent der BM-Absolventen dreieinhalb Jahre nach dem Abschluss noch kein Studium in Angriff genommen haben und ob dieses Potenzial besser ausgeschöpft werden könnte respektive sollte. Oder wieso teilweise über die Hälfte der Berufsmaturandinnen und -maturanden – die Zahlen variieren je nach Fachbereich – Vorbereitungskurse respektive Ergänzungskurse der Fachhochschulen besuchen. Und: Warum bieten Letztere solche Kurse überhaupt an? »

IMS und HMS sind mit dabei

In den vier Fachgruppen Deutsch, Englisch, Mathematik sowie Wirtschaft und Recht und in der Themengruppe Studierfähigkeit haben sich Vertreter von Berufsmaturitäts- und Fachhochschulen an die Arbeit gemacht, um gemeinsam zu eruieren, wo es Lücken zu schliessen oder allenfalls zu hohe Anforderungen zu korrigieren gilt. Mit an Bord sind ausserdem jene Kantonsschulen, die eine Handels oder Informatikmittelschule (HMS resp. IMS) führen, da diese Schülerinnen und Schüler ebenfalls mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) und einer Berufsmaturität abschliessen. Wie die Gruppen vorgehen, ist ihnen überlassen.

Die Kerngruppe wiederum, in der Hans Stadelmann mitwirkt, ist zuständig für die Plattform, koordiniert allfällige Aktivitäten der Fachgruppen und organisiert selbst gewisse Anlässe wie den letztjährigen Kick-off oder die erste Herbstkonferenz, die am 17. September 2019 stattfindet. Eine solche Konferenz soll fortan jährlich und von den Fachgruppen selbst einberufen werden. Dem dreiköpfigen Steuerungsgremium schliesslich obliegen die Gesamtleitung und die Festlegung der Rahmenbedingungen. Ihm gehören Jean-Marc Piveteau, Rektor der ZHAW, als Leiter, Kurt Eisenbart, Rektor der Berufsschule Rüti und Präsident der Konferenz der Rektoren und Rektorinnen der Zürcher Berufsfachschulen, und Niklaus Schatzmann, Chef des MBA, an.

Die Schnittstelle ist komplex

«Zurzeit sind wir noch in der Aufbauphase », hält Hans Stadelmann fest. Wohin die Reise gehen wird, kann er deshalb nicht sagen. Etwa, ob irgendwann weitere Fach- und Themengruppen gebildet werden oder ob man den Radius erweitern und Privatschulen oder andere Kantone mit ins Boot nehmen wird. Anfragen lägen bereits vor, aber man wolle nichts überhasten. Ohnehin ist das Ganze bereits reichlich komplex. Denn anders als an der Schnittstelle von Gymnasien und Hochschulen, an der man vor mehr als zehn Jahren mit HSGYM in Sachen Dialog an der Schnittstelle vorausgegangen ist (siehe Kasten), sind Berufsmaturanden gleichzeitig Berufsleute aus den unterschiedlichsten Branchen. Dementsprechend kennt man bei der Berufsmatur fünf verschiedene Ausrichtungen. Ein Studium an der Fachhochschule ist zudem stark auf die Praxis ausgerichtet. Wer ein berufsfremdes Studium anstrebt, muss deshalb vorab ein entsprechendes Praktikum absolvieren. Am schulischen Wissen ändert dieses aber nichts. Allein die Frage, was der Begriff Studierfähigkeit angesichts dieser Ausgangslage bedeute, sei schwierig zu beantworten, meint Hans Stadelmann, der selber an der Berufsmaturitätsschule Zürich Deutsch unterrichtet. «Darum wird es sicher verschiedene Wege und Lösungen brauchen, um diese Studierfähigkeit sicherzustellen, und dies ist nur im Dialog zu schaffen.»

Anderswo sind Unstimmigkeiten bereits ausgemacht. So wird beispielsweise in den Fremdsprachen für die Berufsmaturität das Niveau B1 vorausgesetzt, an den Fachhochschulen hingegen das höhere Niveau C1. «Das ist ein klares Schnittstellenproblem, über das man reden und das man lösen muss.»

Mehr voneinander wissen

«Dank BMFH stellt man fest, dass man voneinander vieles nicht weiss», sagt Matthias Elmer, Generalsekretär der ZHAW und Leiter der Kerngruppe, «zum Beispiel kennt man die Lehrpläne und die Anforderungen der jeweils anderen Stufe teilweise nicht oder zu wenig.» Ein Problem ortet er auch darin, dass einige Fächer wie etwa Deutsch auf Fachhochschulstufe gar nicht mehr auf dem Stundenplan stehen, höchstens einzelne Sprachmodule, die auf den jeweiligen Fachbereich ausgerichtet sind. Gute Deutschkenntnisse werden als selbstverständlich vorausgesetzt. «Dass es keine unmittelbare Anknüpfung an den Sprachunterricht gibt, ist den Berufsmaturitätsschulen oft zu wenig bewusst.» Hier wie grundsätzlich bei jedem Thema gehe es deshalb darum, sich abzusprechen, was die Berufsmaturanden mitbringen müssten und wo die Fachhochschulen sie abholen sollten. Und dies gelte nicht nur für die fachlichen, sondern ebenso für die überfachlichen Kompetenzen, über die in der Themengruppe Studierfähigkeit debattiert wird.

Philipp Sieber von der ZHAW School of Management and Law leitet die Fachgruppe Wirtschaft und Recht, die bereits viermal zusammengekommen ist. Nachdem man sich beim ersten Treffen gegenseitig ins Bild gesetzt hat, wie man als Berufsmaturitätsschule respektive Fachhochschule funktioniert – Organisation, Lehrplanvorgaben, Unterricht und so weiter –, ging es im zweiten und dritten Meeting um das Wissen und Können der Berufsmaturanden und um die Erwartungen der Fachhochschulen. Am vierten hat man bereits begonnen, Handreichungen für zehn Themen für die Lehrpersonen beider Stufen zu entwickeln. Strukturelle Probleme, sagt Philipp Sieber, habe man keine festgestellt. Vielmehr gehe es immer wieder um die Frage, wie man an der Fachhochschule auf das mitgebrachte Wissen der Berufsmaturanden aufsetzen könne. Dies bedeute, nicht zu tief, aber auch nicht zu hoch einzusteigen. Weil Fachhochschulen keinen vom Bund vorgegebenen zentralen Lehrplan haben, bestehe da durchaus noch Spielraum.

Kurse sollten keine Norm sein

An der ZWAW School of Management and Law studieren vor allem Absolventen einer kaufmännischen Berufsmatur – die korrekte Bezeichnung für diese Ausrichtung lautet «Wirtschaft und Dienstleistungen ». Solche Studierende wiesen teilweise Lücken in der Mathematik auf, erklärt Philipp Sieber. Wer eine Berufsmatur mit anderer Ausrichtung abgeschlossen habe, dem fehle hingegen das Rechnungswesen. Ausserdem wechselt nicht jeder Berufsmaturand direkt an die Fachhochschule; wer erst ein paar Jahre arbeitet, vergisst schon mal das eine oder andere des Schulstoffs. Deshalb bietet man an der ZHAW seit einigen Jahren kostenpflichtige Auffrischungskurse an. Für diese werde wegen der Quer- und Späteinsteiger sicher auch weiterhin Potenzial bestehen, aber: «Wer direkt nach der Berufsmatur mit entsprechender Ausrichtung ein Studium beginnt, sollte solche Kurse nicht nötig haben.»

Weitere Inputs abholen

In einem nächsten Schritt wird man in dieser Fachgruppe deshalb Stärken und Schwächen der Berufsmaturanden genauer unter die Lupe nehmen, um sie gezielter fördern zu können. An der Herbstkonferenz wird jede Fach- und Themengruppe ihre bis dorthin erreichten Resultate an einem Marktstand präsentieren. Philipp Sieber ist gespannt. Zwar sind die Fachgruppenleiter alle auch Mitglieder der Kerngruppe und tauschen sich dort regelmässig aus. «Die Konferenz ist aber eine weitere Möglichkeit, um sich über die Arbeit der anderen Gruppen zu informieren und weitere Inputs abzuholen».

                          
                        

Schnittstellen im Fokus

2006 nahmen über 500 Zürcher Mittelschullehrpersonen sowie Dozierende
von Universität und ETH Zürich und von zwei Fachhochschulen im Projekt
HSGYM den Dialog an der Schnittstelle auf. Das Modell stiess über die Kantonsgrenzen
hinweg auf Beachtung. Und es machte Schule: Ende 2014 wurde die
Plattform VSGYM ins Leben gerufen unter Beteiligung des Volksschulamts und
des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Hier geht es um den Übergang von
der Sekundarschule ans Gymnasium. BMFH ist das dritte Projekt dieser Art,
und ein viertes soll demnächst lanciert werden: VSBB wird sich mit der Schnittstelle
Volksschule – Berufsbildung befassen. [jo]
 

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